06:38 03 Dezember 2020
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    Stalin, Churchill, Truman in Sesseln auf Schloss Cecilienhof: Das Bild symbolisiert die vor 75 Jahren beschlossene politische Neuordnung nach dem Zweiten Weltkrieg wie kein anderes. Die Schau vor Ort wurde generalüberholt, um den US-Atomangriff auf Japan ergänzt. „Der Rote Stern bleibt“, so der Kurator. Ein Zerwürfnis mit den Russen gab es dennoch.

    Die „Großen Drei“ – der US-amerikanische Präsident Harry S. Truman, der britische Premier Winston Churchill und der sowjetische Staatschef Josef Stalin - sitzen in Korbsesseln auf Schloss Cecilienhof: Das Bild ging um die Welt. Es symbolisiert wie kein zweites die 1945 bei der Potsdamer Konferenz beschlossene politische und territoriale Neuordnung Europas und der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg durch die drei Hauptsiegermächte der Anti-Hitler-Koalition.

    In Stalins Korbsessel

    Die Terrasse an der Westseite des Schlosses im Gartenbereich, wo die Pressetermine der drei stattfanden, wurde nun auch in die neu gestaltete Ausstellung aufgenommen – samt der Sessel. Diese wurden anhand von Film – und Fotoaufnahmen rekonstruiert und sind sicher bald ein beliebtes Fotomotiv. Mit Hilfe von Augmented Reality und dem Multimedia-Guide sind die historischen Persönlichkeiten dort in den Sesseln sitzend zu sehen.

    • Einführungsraum in die Ausstellung
      Einführungsraum in die Ausstellung
      © Foto : SPSG
    • Sowjetisches Arbeitszimmer im Schloss Cecilienhof
      Sowjetisches Arbeitszimmer im Schloss Cecilienhof
      © Foto : SPSG
    • Schloss Cecilienhof
      Schloss Cecilienhof
      © Foto : Peter-Michael Bauers
    • Plakat zur Ausstellung Potsdamer Konferenz 1945 - Die Neuordnung der Welt
      Plakat zur Ausstellung "Potsdamer Konferenz 1945 - Die Neuordnung der Welt
      © Foto : SPSG
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    © Foto : SPSG
    Einführungsraum in die Ausstellung

    Im Rückblick markierten die zwischen dem 17. Juli und 2. August 1945 geführten Verhandlungen auf Cecilienhof auch den Bruch zwischen den gerade noch Verbündeten. Aus Partnern im Kampf gegen Hitler und das nationalsozialistische Deutschland wurden Gegner mit unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen. Potsdam gilt auch als Wiege des Kalten Krieges: Die Teilung der Welt in zwei feindliche Blöcke zeichneten sich bereits im Sommer 1945 ab.

    In Potsdam angeordnet: US-Atombomben auf Japan

    Während in Europa der Krieg vorüber war, gingen die Kämpfe in Asien und dem Pazifikraum weiter. Sie gipfelten im Abwurf der US-amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945: In Potsdam-Babelsberg, wo seinerzeit die US-amerikanische Delegation in Villen logierte, ordnete Truman den US-Atomangriff auf Japan an, erzählt der Kurator der Schau, Matthias Simmich.

    Die USA brauchten das Opfer der japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki wohl, um der UdSSR ihre militärtechnische Übermacht zu demonstrieren. Die nach Kriegsende noch hunderttausendfachen Tod bringenden nuklearen Waffen einzusetzen war der ‚Verdienst` der Vereinigten Staaten – im Schatten der Potsdamer Konferenz.

    Die US-Atombombenangriffe vor 75 Jahren sind ein neuer Schwerpunkt der jüngst generalüberholten Ausstellung. Neu ist auch, dass Betroffene und Opfer des Atombombenabwurfes zu Wort kommen. 

    Potsdamer Deklaration im Schatten des Potsdamer Abkommens

    Mit der sogenannten Potsdamer Deklaration – nicht zu verwechseln mit dem Potsdamer Abkommen der drei Siegermächte selbst – wurde Japan per Telegramm zur bedingungslosen Kapitulation aufgerufen. Der Aufruf wurde im Rundfunk ausgestrahlt – auch auf Japanisch – und Flugblätter wurden abgeworfen über den Japanischen Hauptinseln, so Historiker Simmich. 
    Diese Deklaration vom 26. Juli 1945 wurde von Truman und Churchill unterschrieben sowie von Chiang Kai-shek für die chinesische Regierung per Ferntelegramm.

    Zeitgleich erfolgte von Babelsberg aus vom US-Staatsoberhaupt und Befehlshaber der US-Streitkräfte der Befehl, die zwei verfügbaren US-Atombomben Ende Juli 1945 in die Pazifikregion zu verschiffen und einsatzklar zu machen. Verschiedene Städte seien zunächst als Ziel genannt worden, so Simmich: „Wir alle kennen die fatalen Folgen.“ Nur sechs Tage nach Ende der Potsdamer Konferenz fiel die erste Atombombe auf Japan. Truman und Churchill hätten über den Einsatz gesprochen, aber der US-Präsident habe nach einer Konferenz lediglich beiläufig gegenüber Stalin erwähnt, dass die USA jetzt über eine besonders wirksame zerstörerische Waffe verfügen würden. Es war mitnichten so, dass alle Siegermächte mit diesem Mittel d´accord waren.

    „Es ist uns wichtig, dass wir eine neutrale Vermittlungsposition in der Ausstellung einnehmen“, so Kurator Simmich. „Wir versuchen, uns sehr stark an Fakten und Entscheidungen entlang zu hangeln und die dazustellen, erweitern die reine Faktenlage aber durch persönliche Stimmen Betroffener.“ Es gebe daher keine vorbereitete Wertung für die Besucher.

    Der russische Rückzieher

    Die Ausstellungsfläche im Schloss Cecilienhof wurde auf über 1000 Quadratmeter verdoppelt. So konnten Themenschwerpunkte gesetzt werden, die bisher so nicht in der Schau angesprochen werden konnten. Dabei sei die Freude groß gewesen, mit russischen Kollegen zusammenarbeiten zu können, erinnerte sich Kurator Simmich im Gespräch.

    Doch dann machten die Russen einen Rückzieher. Bis zuletzt hatte die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) gehofft, Exponate für die Ausstellung aus Russland zu erhalten, so der Pressesprecher der Stiftung, Frank Kallensee auf Nachfrage. Ein Leihvertrag war unterzeichnet. Aufgrund einer Vereinbarung im Vertrag hatte die SPSG zugesagt, den russischen Leihgebern die Texte der Ausstellung zur Kenntnis zu geben. Gesagt – getan. Doch bevor eine Ausfuhrgenehmigung für die Leihgaben erteilt wurde, habe die russische Seite die Ausstellungstexte überarbeitet und mit dem Hinweis zurückgesandt, sollte die Überarbeitung nicht angenommen werden, würde keine Ausfuhrgenehmigung für die im Leihvertrag zugesicherten Objekte erteilt. Die SPSG habe den „konzeptionellen und inhaltlichen Eingriff“ in die Ausstellung und ihre Texte abgelehnt, so Kallensee. Daraufhin löste die russische Seite den Leihvertrag auf. Die SPSG bedauere sehr, dass die zweijährigen Verhandlungen und „ausgesprochen guten und freundschaftlichen Kontakte kein positives Ergebnis“ gebracht hätten.

    „Der Rote Stern bleibt“

    Und der große Rote Stern auf dem Hochbeet des Innenhofes des Schlosses? „Der bleibt, weil der Rote Stern in dem Ehrenhof als Symbol der Potsdamer Konferenz damals im Sommer 1945 von den Sowjets, die verantwortlich waren für die Vorbereitungen der Konferenz, angepflanzt wurde – mit jahreszeitlich wechselnden Pflanzen. Der Garten gehört genauso zum historisch korrekten Ort wie die Innenräume“, erläutert der Kurator.

    Die geschichtsträchtigen Schlossräume während der Konferenz – die Konferenzhalle mit dem berühmten runden Tisch und den Arbeitsräumen von Stalin, Truman, Churchill und seinem Nachfolger Atlee und ein Empfangsraum der sowjetischen Delegation – wurden auf den Zustand im Sommer 1945 zurückgeführt, damit die Besucher einen authentischen Eindruck bekommen. Bisher gab es eine Vermischung, auch mit Ausstattungsgegenständen aus der Zeit der Kronprinzen, der ehemaligen Bewohner.

    Ein kleines Rädchen: Das Tagebuch der britischen Sekretärin

    Und eine neue Akteurin wurde eingeführt: „Kein führender Politiker oder Militär, sondern eines von vielen kleinen Rädchen, die auch nötig sind, um so ein Unterfangen erfolgreich durchzuführen“, erläutert der Kurator. Dem Besucher wird mit der seinerzeit 19-jährigen Stenotypistin Margaret Joy Milward eine Zeitzeugin zur Seite gestellt. Die heute 95-Jährige war Sekretärin der britischen Delegation.

    Tagebuch der Margaret Joy Hunter
    © Foto : Matthias Simmich
    Tagebuch der Margaret Joy Hunter

    Die junge Frau reiste zum ersten Mal auf den Kontinent, hatte Großbritannien niemals zuvor verlassen. In Berlin-Gatow wurde sie das erste Mal mit den ungeheureren Zerstörungen konfrontiert. Sie habe sich als junge Frau immer wieder die Frage gestellt, wie es gewesen wäre, hätten die Nationalsozialisten gewonnen: „Würde es uns Briten ähnlich gehen, würde unser Land ebenfalls in Trümmern liegen, würden Armeen paradieren in NS-Uniform?“, erzählt Historiker Simmich. In einem leeren Wehrmachts-Fotoalbum, beige, mit Kordelband und Silberkreuz, das sie in ihrer Unterkunft in Potsdam-Babelsberg gefunden hatte, hielt sie ihre Eindrücke fest:

    „Wir waren alle sehr betroffen beim Anblick der Deutschen. Die Straßen waren gesäumt von alten Männern und Frauen, Kindern und jungen Frauen, die ihre Habseligkeiten auf dem Rücken trugen oder in Karren vor sich herschoben. Keiner wusste, woher sie kamen, wohin sie gingen. (...) Ihre Gesichter sahen nicht wirklich traurig aus, eher betäubt und ausdruckslos. Man musste sich zusammenreißen und anerkennen, dass uns Briten ohne Gottes Gnade Gleiches widerfahren hätte können."

    Bewegend sei, so Simmich, dass sie Mitgefühl für die Menschen, die sie in den Straßen sieht, empfindet. Die junge Frau fragt sich, wer sie sind – sind da Nazis darunter (was anzunehmen ist)? Aber in Kindergesichter blickend drückt sie ein Gefühl der Empathie aus im Hinblick auf die Zukunft, hegt aber gleichzeitig Zweifel, wie es weitergehen soll. Hin- und her gerissen zwischen der Freude über die Zerschlagung des Nationalsozialismus und dem Zweifel, wie diese Gesellschaft, wie ein Kontinent, wieder auf die Beine kommen kann ob dieser großen Zerstörung, der Verwüstung und des großen Leids.

    Am Konferenztisch der Politiker in der großen Halle saß sie nie. Zudem ist anzunehmen, dass sie zur Verschwiegenheit verpflichtet war, Berufliches nicht in privaten Aufzeichnungen niederschreiben durfte. Im Alltag konnte sie allerdings einiges nachvollziehen. Sie beschrieb Formalitäten mit Passierscheinen an Schlagbäumen und Kontrollposten, nahm den Kontakt zu den anderen Delegationen als sehr eingeschränkt wahr: Es war eher selten, dass man sich traf. Hervorgehoben hatte sie ein Konzert im Theater des Neuen Palais in Potsdam mit Vertretern der Sowjets, der US-Amerikaner und der Briten – ein gemischtes Publikum. Doch es sei mitnichten so gewesen, dass man sich auf der Straße begegnete und ins Gespräch kam. Ihre Betrachtungen erfolgten aus einer Distanz. Fasziniert hielt sie in Illustrationen in ihrem Tagebuch etwa die sowjetischen Militärpolizistinnen fest, die mit roten und gelben Fähnchen in den Händen an Kreuzungen den Verkehr regelten.

    Joy Milward machte auch einen Ausflug nach Berlin: Sie sah die Zerstörungen, besichtigte Hitlers Reichskanzlei, sie war am Führerbunker – es war ein bisschen „Sightseeing“, was viele Delegationsteilnehmer der Konferenz machten, erläutert Historiker Simmich. Grundsätzlich vermittelt sie das Gefühl, dass eine entspannte freundschaftliche Atmosphäre herrschte. Von Spannungen schreibt sie nichts.

    Spannungen und Beschlüsse

    Während der Potsdamer Konferenz wurden von den Siegermächten weitreichende Beschlüsse getroffen – die berühmten „fünf D“: Denazifizierung, Demilitarisierung, Demokratisierung, Dezentralisierung, Demontage. Sie waren Ergebnis auf viele im Konferenz-Raum stehende Fragen: Wie sollte es mit Nazi-Deutschland weitergehen? In welchen Grenzen sollte es fortan existieren? Wie sollte Deutschland wiederaufgebaut werden? Wie mit der Bevölkerung verfahren werden? Wie mit NS-Kriegsverbrechern umgehen, und wie den Nazismus ausrotten? Reparationsfragen waren zu klären sowie über das Schicksal von Flüchtlingen und Vertriebenen zu befinden. 

    Die Konferenzteilnehmer geben in den Protokollen der ersten Woche auch die bilateralen Gespräche wieder und dass sie in einer freundschaftlich entspannten Atmosphäre stattfanden. Es gab drei Einladungen, drei Abendessen – bei Stalin, Truman, Churchill – in entspannter Atmosphäre, berichtet Historiker Simmich: Schließlich gab es etwas zu feiern, den Sieg über Hitlerdeutschland und das die Allianz gehalten hatte. Es gab gutes Essen und musikalische Untermalung.

    Nicht mehr so allerdings in der zweiten Hälfte der Konferenz. Da nahmen die Spannungen zu, weil es diverse Streitpunkte gab, die nicht so einfach zu lösen waren, so Simmich. Man rettete sich mit Formelkompromissen: Schwierige Fragen wurden häufig vertagt, etwa wenn es um Einflussgebiete ging. Über die Erklärung des befreiten Europa etwa, die auf der Konferenz von Jalta verabschiedet wurde. Im Grunde genommen ging es um Machtfragen in der Konferenzhalle – einem Raum, der so groß ist, dass man heute dort ein Einfamilienhaus einbauen könnte, bemerkt Ausstellungskurator Simmich. Der runde Tisch und die Stuhlreihen in erster wie zweiter Reihe: Alles historische Plätze. Das sei „der“ Raum für alle, die „Geschichte atmen“ wollten.

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    Tags:
    Josef Stalin, Harry Truman, Winston Churchill, Japan, Atomangriff, Zweiter Weltkrieg, Potsdam