22:16 24 November 2020
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    Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité hat in einem Gastbeitrag für die „Zeit“ beschrieben, wie eine zweite Corona-Welle und eine weitere Abriegelung in Deutschland verhindert werden könnte. Dabei warnt er vor sogenannten Corona-Clustern. Jeder sei gut beraten, im Winter ein Kontakte-Tagebuch zu führen, so seine Empfehlung.

    Drosten lobt zunächst, dass Deutschland die erste Welle gut gemeistert habe, „weil wir früh testen konnten und zwischen Gesellschaft, Politik und den Infektionswissenschaften größeres Vertrauen herrschte als anderswo“.  Nun laufe Deutschland jedoch Gefahr, diesen Erfolg wieder zu verspielen.

    „Die Herausforderung besteht darin, unseren Handlungsspielraum zu kennen für die Ausnahmezeit, die bis zur Verfügbarkeit der Impfung vergeht“, schreibt Drosten. Dabei warnt er davor, dass ein „unsauber abgesteckter Durchseuchungskurs“ die bisherigen Erfolge zunichtemachen könne.

    Zweite Corona-Welle unterscheidet sich von der ersten

    Eine mögliche zweite Welle unterscheide sich aber deutlich von der ersten, hieß es. Das Virus sei im März durch Skifahrer und andere Reisende eingeschleppt worden, sie hätten es in ihrer Altersgruppe verbreitet, daraufhin sei es vor allem auf Alte übergesprungen, habe sich in Pflegeeinrichtungen weiter ausgebreitet. „Dann gelang es schon, die exponentielle Verbreitung des Virus zu kontrollieren.“

    Die erste Welle sei „in die Bevölkerung eingedrungen“, die zweite werde sich „aus der Bevölkerung heraus verbreiten“, so die Meinung. Das Virus habe sich schon jetzt gleichmäßiger verteilt – über alle soziale Schichten und Altersklassen hinweg. Nach der Urlaubssaison werde man sehen: Auch geografisch verteilen sich die Ansteckungen gleichmäßiger als bisher.

    „Waren bisher die meisten Infektionsketten nachvollziehbar, können neue Fälle bald überall gleichzeitig auftreten, in allen Landkreisen, in allen Altersgruppen. Dann sind die personell schlecht ausgestatteten Gesundheitsämter endgültig damit überfordert, die Quarantäne jeder einzelnen Kontaktperson zu regeln.“ Die zweite Welle habe damit „eine ganz andere Dynamik“.

    Deshalb und weil man mehr Wissen über das Virus habe, müssten die Konzepte neu überarbeitet werden.

    „Cluster treiben die Epidemie“

    Drostens Empfehlung ist eine Konzentration auf die Cluster (gehäufte Infektionen – Anm. d. Red.), denn sie trieben die Epidemie voran. Er verweist dabei auf Japan. „Statt viel und ungezielt zu testen, hat Japan früh darauf gesetzt, Übertragungscluster zu unterbinden.“

    Dazu habe das Land offizielle Listen von „typischen sozialen Situationen“ erstellt, in denen solche Übertragungscluster entstünden. Diese Listen waren dann öffentlich einsehbar. Offenbar ein Erfolg: „Japan gelang es, die erste Welle trotz einer erheblichen Zahl importierter Infektionen ohne einen Lockdown zu beherrschen“, so der Charité-Virologe.

    Deshalb regt er an, dass die Gesundheitsämter auch in Deutschland nur noch dann mit „behördlichen Maßnahmen“ auf einen positiven Corona-Test reagieren, wenn er von einem „möglichen Clustermitglied“ stammt. „Jeder Bürger sollte in diesem Winter ein Kontakt-Tagebuch führen“, schreibt Drosten.

    „Zusätzlicher Krisenmodus der Ämter“ gefordert

    „Die bestehenden Empfehlungen des RKI sind präzise und richtig, aber die Ämter bräuchten einen zusätzlichen Krisenmodus“, hieß es. Dazu würden eine vereinfachte Überwachung der Einzelkontakte, eine Festlegung von Clustersituationen, die sofort und pauschal quarantänepflichtig sind, sowie eine kurze Cluster-Abklingzeit mit Zulassen einer Restviruslast gehören.

    „Die Erfahrung aus anderen Ländern lehrt uns schon jetzt, dass eine vollkommene Unterbrechung der Einzelübertragungen unmöglich ist“, hieß es im Beitrag. „Wir müssen also den Gesundheitsämtern in schweren Zeiten erlauben, über das Restrisiko hinwegzusehen. Sie müssen das wenige Personal dort einsetzen, wo es drauf ankommt: bei den Clustern.“

    „Alle müssten nun mitdenken – Bevölkerung, Politik und Arbeitgeber“, betonte der Virologe.

    pd/mt

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