14:47 29 September 2020
SNA Radio
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    6721163
    Abonnieren

    Auf der Stuttgarter „Querdenken“-Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen kamen am Samstag der frühere Fußball-Weltmeister Thomas Berthold und der ARD-Kabarettist Florian Schroeder mit entgegengesetzten Absichten auf die Bühne - und verließen sie mit unterschiedlichem Erfolg. Wer von den beiden hat jedoch gewonnen?

    „Mein Name ist Schroeder, ich komme aus dem Mainstream“, begrüßte der Kabarettist Florian Schroeder das Publikum. Schicker Anzug mit Krawatte, lächelndes Gesicht - es folgte ein freundlicher Applaus, auf Youtube dokumentiert. Er habe auf Einladung der Veranstalter die Gelegenheit genutzt, die Wahrheit zu sagen. Wieder Applaus. „Was ist Wahrheit und was ist Satire? Es ist die Frage der Gegenwart, und deswegen möchte ich heute mit euch reden. Man hat mit gesagt, hier in Stuttgart ist die Freiheit.“

    So versuchte Schroeder zunächst, dem Publikum die hegelschen Thesen zur Dialektik nahezubringen - der bekannte Philosoph wurde schließlich in Stuttgart geboren. „Sind unsere Medien gesteuert?“, folgte die Frage, mit „Ja“-Rufen beantwortet. „Leben wir in einer Corona-Diktatur?“ - ebenfalls vielstimmiges „Ja“ aus der Menge. Und dann nahm die Begeisterung des Publikums schnell ab, denn der 40-Jährige legte nun seine Karten auf den Tisch. „Wenn wir irgendeine Form von Diktatur hätten, dann dürftet ihr euch hier gar nicht versammeln, dann dürftet ihr hier gar nicht stehen.“ Er selbst sei der Auffassung, dass Corona eine hochgefährliche, ansteckende Krankheit sei und das Maskentragen und Abstandhalten das Wichtigste und Beste sei, was man in diesen Tagen tun könnte. Auf die Buhrufe legte er nach: „Wenn Ihr für Meinungsfreiheit seid, müsst Ihr meine Meinung aushalten.“ Denn das Motto der Demonstration Querdenken bedeute, „selbst zu denken, vernünftig zu sein“, statt einfach “Glaubenssätzen“ zu folgen.  

    Anders war es beim Auftritt des Ex-Fußballers Thomas Berthold, der zwar weniger Zeit in Anspruch nahm, aber beim Publikum viel mehr Zustimmung gewann. In einem T-Shirt des Bündnisses „Querdenken 711“ lächelte der 55-Jährige das Publikum an und meinte dagegen: „Mein Vertrauen in diese politische Führung unseres Landes ist bei mir unter Null angekommen mittlerweile. Weil wir hier mit Spekulationen von ein, zwei Wissenschaftlern oder Vertretern des RKI (das Robert Koch-Institut - Anm. d. Red.) besudelt werden und unser Leben eingeschränkt wird. Ich möchte, dass wir unser altes Leben wieder zurückbekommen.“

    Das hieße, „angstfrei“ und „selbstbestimmt“ zu leben, indem jeder selbst entscheide, ob er eine Maske aufziehe oder nicht. Anstatt der Politiker, die „mit halbgebildetem medizinischen Wissen in Talkshows sitzen und uns Binsenweisheiten mitteilen“, brauche man Informationen von Wissenschaftlern, die eine Expertise hätten. Anschließend befürwortete Berthold eine neue Partei „mit Menschen, die für Menschen da sind“. Denn er habe so den Eindruck, dass bei vielen Politikern die oberste Prämisse, dem Volk zu dienen, völlig verloren gegangen ist.“

    Später verteidigte der Sportler seinen Auftritt gegenüber der „Bild am Sonntag“. Er mache sich weder mit Verschwörungstheoretikern noch mit Rechtspopulisten gemein, habe nur seine Meinung über die Maßnahmen der Regierung gesagt. Dem Sport-Informations-Dienst (SID) teilte er mit, nichts zu bereuen und weiter machen zu wollen wie etwa bei der geplanten Demonstration am 29. August in Berlin. Dafür sei die Resonanz viel zu positiv und das Thema viel zu wichtig gewesen.

    Wohl kein allgemeines Verständnis für Proteste

    Lediglich rund 1500 Menschen nahmen nach Polizeiangaben an der Kundgebung teil, die Veranstalter sprachen dagegen von 5000 Teilnehmern. Im Netz werden die beiden Prominenten gefeiert und angegriffen, die Zuspruchszahlen sprechen aber trotzdem für Schroeder, nicht zuletzt dank der medialen Unterstützung durch die klassischen Medien. Auf Twitter suggerierten seine zahlreichen Unterstützer etwa, selbst die sachliche Gegenargumentation würden die „Querdenker“ nicht aushalten.

    Allerdings schlossen sich auch Politiker den Botschaften Schroeders an. „<...> Respekt! Florian Schroeders Auftritt ist ihm gelungen. Sein Punkt, die Coronaleugner sind die nützlichen „Helfer“ der Nazis, trifft zu“, schrieb der Bundestagsabgeordnete der SPD Karl Lauterbach in einem Tweet, der weitgehend unterstützt wurde. Der Schauspieler und Satiriker Oliver Kalkofe lobte seinerseits die „geile Aktion“: So könne man selbst mit Menschen ins Gespräch kommen, die gar nicht mit einem reden wollten.

    Auch ergab eine Umfrage des Trendbarometers der privaten Mediengruppe RTL mit 1.005 Befragten, unterstützt durch das firmeneigene Nachrichtenfernsehen ntv, dass 91 Prozent der deutschen BürgerInnen „kein Verständnis für die Proteste haben“. Nur neun Prozent sollen damit zufrieden sein. Ähnlich glauben 87 Prozent der Befragten, dass die „Anti-Corona-Demonstranten“ eine Minderheit seien. Eine weitere Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts forsa im RTL-Auftrag vom 3. bis 7. August zeigte außerdem, dass 61 Prozent der Deutschen eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage im Land befürchten. In diesem Fall wurden 2.502 Menschen befragt.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Kreml: Erklärung über militärische Unterstützung für Armenien oder Aserbaidschan befeuert Konflikt
    Orban fordert Rücktritt von EU-Kommissarin Jourova
    Türkei bereit, Aserbaidschan auf Kampffeld zu unterstützen – Außenminister
    Tags:
    Proteste, Demonstration, Coronavirus