15:38 19 September 2020
SNA Radio
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    1460
    Abonnieren

    Um gegen die immer höher ansteigenden Gesundheitskosten vorzugehen, beschließt der Bundesrat Milliarden Franken einzusparen. Außerdem soll zudem die freie Arztwahl für Patienten eingeschränkt werden. Wird nun in der Schweiz ein deutsches System etabliert? Das Parlament und die Ärzteschaft zeigen sich vorläufig kritisch.

    Am Mittwoch gab der Bundesrat neue Maßnahmen bekannt, um die Kosten für das Gesundheitswesen zu dämpfen. Alain Berset, Bundesrat und Gesundheitsminister, berichtet über die neuen Möglichkeiten, um den Prämiendruck ein wenig zu entlasten:

    „Es gibt aber nicht die Maßnahme. Der Bundesrat setzt auf eine Vielzahl von kleineren und größeren Maßnahmen.“

    Dabei müssten alle Akteure einen Teil der Verantwortung zur Eindämmung des Kostenwachstums im Gesundheitswesen zu übernehmen. „Es ist immer schwierig, Prognosen zu machen. Aber wir schätzen, dass wir mit den Maßnahmen rund eine Milliarde einsparen können“, meinte Bundesrat Berset weiter. Eine Milliarde Franken entsprechen ungefähr 930 Millionen Euro.

    Eine dieser Maßnahmen sieht vor, dass sich die Schweizer in Zukunft bei gesundheitlichen Problem an eine Erstberatungsstelle wenden. Diese wären beispielsweise Hausarztpraxen, telemedizinische Zentren oder eine HMO-Praxis (Health Maintenance Organisation). Darin würden die Patienten behandelt oder an Fachspezialisten gewiesen werden. Solche Hausarztmodelle hätten sich bereits bewährt und würden auf weite Akzeptanz stoßen.

    Zudem sollen Bund und Kantone jährlich festlegen, wie hoch die Kosten im Gesundheitswesen steigen dürfen. Dabei beziehe man sich beispielsweise auf stationäre Spitalbehandlungen, ambulante Arztbehandlungen oder auf Arzneimittel. Solche Zielvorgaben sehe der Bund als zentrale Maßnahme an. Es liege jedoch an den Leistungserbringern festzulegen, welche Maßnahmen gelten, wenn die Vorgaben überschritten werden. Zu einer Einschränkung der Leistungen solle es jedoch nicht kommen.

    Parlament sieht Einschränkungen skeptisch an

    Die Vorlage des Bundesrats komme nun an das Parlament, wo entschieden wird, ob die die Gesetzesänderung als Initiative dem Volk vorgelegt wird. Dabei soll die christliche Mitte-Partei, die CVP, eine entscheidende Rolle spielen. Bisher sehen viele Gesundheitspolitiker der Partei die Vorlage mit Skepsis an, so die Schweizer Zeitschrift „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ).

    Dabei präge die Vergangenheit stark das Bild der Gegenwart: Schon vor acht Jahren sei eine Initiative mit ähnlichen Bedingungen gescheitert. 2012 war es die „Managed Care“-Vorlage, die mit 75-Prozent Nein-Stimmen abgelehnt worden war – auch diese sah eine Einschränkung der Arztwahl vor, genauso wie ein großes Mitspracherecht der Krankenkassen. Dies hat auch Berset in der Pressekonferenz erwähnt, entgegnete jedoch, dass die Verbreitung von Versicherungsmodellen mit eingeschränkter Arztwahl deutlich gestiegen sei. Bereits 70 Prozent der Bevölkerung habe ein genau solches Modell bereits freiwillig gewählt.

    Ärzteschaft übt Kritik aus

    Auch die Schweizer Ärzteverbindung FMH kritisiere das Konzept einer Erstberatungsstelle, so die NZZ. Der Präsident der FMH, Jürg Schlup, meinte, solche Maßnahmen seien unverhältnismäßig. Außerdem könne so eine Einschränkung zu Benachteiligung von chronisch-kranken Patienten führen.

    Auch lehne die FMH weitere Bestimmungen aus der Vorlage des Bundesrats ab: So beispielsweise die Zielvorgaben. Die Angst dabei sei vor allem der Verzicht auf gewisse medizinische Leistungen, da die Leistungserbringer verantwortlich für das Einhalten der Vorgaben sind. „Die Kernfrage lautet: Was passiert, wenn das Budget aufgebraucht ist?“, fragt sich Schlup und befürchtet, dass künftige Leistungen mit Zielvorgaben nicht mehr angeboten werden können.

    Die Zielvorgaben hingegen wären etwas, was die CVP deutlicher unterstützt – Vertreter der Partei zeigten sich durchaus offen für diese Gesetzesänderung. Die Inhalte der Zielvorgaben sehen die Parteimitglieder als Umsetzung der Kostenbremse-Initiative vor: dass Kosten in der Grundversicherung parallel zur Entwicklung der Nominallöhne steigen. Eine Kostendämpfung mit Zielvorgaben wäre somit die Erfüllung einer Forderung der CVP.

    Aufgrund der missgünstigen Haltung der Ärzteschaft gegenüber des Sparpakets, werde es diese Vorlage nicht einfach haben, so die NZZ. Denn auch in der Vergangenheit stelle sich raus, dass bisherige Reformversuche gegen den Willen der FMH nicht durchgekommen sind. 

    Vergleich zum deutschen System

    Auch in Deutschland sei es möglich, den Hausarzt frei zu wählen. Die Behandlung beim Facharzt müsse jedoch über eine Überweisung erfolgen. Dennoch darf auch die Wahl des Facharztes anschließend frei erfolgen. Dies gelte zumindest für diejenigen, die eine gesetzliche Krankenkassenleistung in Anspruch nehmen.

    Doch auch in Deutschland gebe es einige Ausnahmen, welche die freie Arztwahl einschränken. So müssen Patienten darauf achten, dass sie sich jeweils zu Hausärzten begeben, die von gesetzlichen Krankenkassen als Vertragsarzt zugelassen sind. Ein Wechsel des Hausarztes könne im laufenden Quartal nur dann erfolgen, wenn es einen schwerwiegenden Grund dafür gibt. Auch gesetzlich Versicherte mit einem sogenannten Hausarztmodell – eine freiwillige Form der medizinischen Versorgung mit finanziellen Vorteilen für den Patienten – seien die Leute sehr eingeschränkt.

    lm

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Ärzte-Streik in Südkorea – Über ein Viertel aller Kliniken geschlossen
    Eine Zwischenbilanz der Corona-Apps: Wenn der Code zu langsam kommt
    „Machen uns sehr angreifbar“: CSU-Urgestein und Rechtsanwalt Gauweiler zum Fall Nawalny – Exklusiv
    Tags:
    Deutschland, Schweiz, Arzt, Krankheit, Gesundheitswesen