15:26 19 September 2020
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    Menschen ohne Obdach und feste Wohnung zu helfen, versuchen hierzulande viele Hilfsorganisationen. Darunter auch die „Selbstvertretung wohnungsloser Menschen“. Ende vergangener Woche luden Vertreter dieser Organisation sowie weitere Hilfsorganisationen ein zum „Online-Wohnungslosentreffen“. Sputnik war dabei.

    Für die „Diakonie Deutschland“ sprach Maria Loheide auf dem diesjährigen „Online-Wohnungslosentreffen“ im Rahmen einer digitalen Pressekonferenz am vergangenen Freitag. Laut eigener Aussage ist sie diplomierte Sozialarbeiterin und seit über 30 Jahren in sozialer Arbeit tätig.

    Sputnik konnte ihr auf der Online-Pressekonferenz einige Fragen stellen, wie denn die „Diakonie“ aus Sicht der Betroffenen helfen kann. Besitzt die Einrichtung selbst die Perspektive von wohnungslosen Menschen? Und wie können sich die Wohnungslosen tatsächlich „selbst vertreten“? Wie kann Hilfe zur Selbsthilfe gelingen? Schließlich würden Fachleute und Experten in den Bereichen Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit, Armut und soziale Härtefälle schon seit Jahren auf solche kritischen Punkte hinweisen.

    „Wir müssen die Menschen stützen, ihnen helfen und uns zuletzt überflüssig machen“, erklärte Loheide gegenüber Sputnik. „Alle Sozialarbeiter wissen jedoch auch, dass das ein frommer Wunsch ist. Das ist täglich eine riesige Herausforderung. Unsere Aufgabe muss es sein, Türen zu öffnen und Wege für wohnungslose Menschen zu bereiten.“ Darunter auch „Türen“, die in zuständige Ministerien führen. „Außerdem wird zu oft über Behinderte gesprochen – statt mit ihnen“, kritisierte sie.

    Laut offiziellen Statistiken werden bis zu 10.000 obdachlose Menschen in Berlin geschätzt. Über 50.000 Menschen sollen wohnungslos sein. Diese Wohnungslosen leben allerdings nicht auf der Straße. 2018 sollen bundesweit über 1,2 Millionen Menschen ohne feste Wohnung in Deutschland gelebt haben.

    Ehrgeiziges Ziel: „Betroffene sollten Bundestag beraten“

    Die im Internet stattfindende Pressekonferenz war eingebettet in das diesjährige „Online-Wohnungslosentreffen“, das aufgrund der Pandemie anders wie üblich nicht an einem Ort, sondern digital stattfand. Einer der Haupt-Organisatoren der alljährlichen Veranstaltung ist die „Selbstvertretung wohnungsloser Menschen“ – ein eingetragener Verein mit Sitz in Niedersachsen, der Hilfe für wohnungslose Menschen anbietet. Auch die Stiftung „Bethel“, das Berliner Bündnis „#LeaveNoOneBehindNowhere“, das sich für Flüchtlinge einsetzt, sowie viele weitere unterstützen das Wohnungslosentreffen.

    Diakonie-Sprecherin Loheide sagte auf der Online-Pressekonferenz, es gebe aktuelle Überlegungen, wohnungslose Menschen verstärkt „in die Gremien-Arbeit“ mit einzubeziehen. Sie nannte den Aufsichtsrat im „Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung“ als Beispiel und wichtiges Gremium, das laut ihr eventuell bald mit einem Vertreter der Wohnungslosen besetzt werden könnte.

    „Türen für wohnungslose Menschen öffnen“

    „Auch auf diesen Ebenen muss sich etwas ändern“, betonte Loheide.

    Dazu konnte Sputnik eine Nachfrage stellen und sprach Möglichkeiten und Ideen an, wohnungslosen Menschen in Berater-Gremien im Bundestag ein Gehör zu verschaffen. Oder sie an jährlichen Reports wie dem „Armuts- und Reichtums-Bericht“ der Bundesregierung mit einzubinden. Schließlich würden Wohnungslose all die sie betreffenden Probleme aus erster Hand und der eigenen Erfahrung kennen.

    „Es ist ein Projekt geplant“, antwortete die Sprecherin, „um zu thematisieren, Betroffene und Beteiligte in Gremien wie den angesprochenen Aufsichtsrat zu bringen. Was den Bundestag angeht: Da arbeiten wir dran, Betroffene in dortige Gremien mit einzubringen. Auch die Einbindung Betroffener im Rahmen des ‚Reichtums-Berichts‘ fordern wir seit Jahren.“

    „Wohnungslose brauchen auch ein Handy“ – Betroffener

    Loheide zufolge wurde jüngst erst eine Tür für die Betroffene Hannelore geöffnet. Sie konnte demnach mit einem Diakonie-Abteilungsleiter über ihre aktuelle Situation sprechen. „Ich habe dabei ein echtes Interesse gespürt“, lobte Hannelore auf der Online-Konferenz.

    Ein Betroffener, der zum Zeitpunkt des Online-Treffens wohl in einem Park saß, schaltete sich zu: „Ich besitze ein Smartphone und ein Tablet. Daher kann ich jetzt teilnehmen.“ Es sei so, dass viele Wohnungslose laut ihm „mindestens ein Handy“ besitzen. Dies sei heutzutage notwendig, auch für das Leben auf der Straße. Allerdings müsse er auch schauen, wie er das Geld für die Telefon-Karten zusammenbekomme.

    Lockdown und Coronavirus mit Folgen auch für Wohnungslose

    „Wir können nur Anwälte sein für wohnungslose Menschen“, betonte Loheide auf der Online-Veranstaltung. „Unsere Arbeit bedeutet meist: dicke Bretter bohren. Man braucht eben immer einen langen Atem. Wir versuchen, in unseren Strukturen Betroffenen und Beteiligten Hilfe zu ermöglichen.“ Selbstkritisch stellte sie die Frage: „Wie gelingt es, betroffene Menschen bei allen wichtigen Institutionen mit einzubeziehen?“

    Eine weitere Frage, „die uns auch beschäftigt: Wie kann man zu Hause bleiben, wenn man kein Zuhause hat?“

    Einer der Organisatoren, Dr. Stefan Schneider, lobte: „Auch unser Treffen im ‚Frauen-Netzwerk‘ beim diesjährigen Wohnungslosentreffen war ein voller Erfolg. Durch Lockdown und Corona gab es massive Einschnitte, viele Hilfsangebote fielen weg oder litten darunter. Das Netzwerk der Selbstvertretung (für Wohnungslose, Anm. d. Red.) ist dadurch zusammengebrochen – und nur langsam war es möglich, es wiederaufzubauen und erneut Kontakte aufzunehmen.“

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    Tags:
    Kritik, Bundestag, Obdachlose