02:15 27 November 2020
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    Stellungnahmen aus der Berliner Charité geben der gebeutelten Klassikszene Hoffnung: Trotz Corona wäre Vollbetrieb denkbar. Im Zuge einer von Orchestern in Auftrag gegebenen Studie hat der zuständige Institutsleiter die Qualität des Publikums von Klassikveranstaltungen betont: Aufgeklärt, diszipliniert, folgsam. Die Charité selbst widerspricht.

    Um in pandemischen Zeiten sicheren Spielbetrieb zu ermöglichen, haben die Berliner Institutionen der Philharmoniker, des Deutschen Symphonie-Orchesters, des Konzerthausorchesters, der Deutschen Oper, des Rundfunk-Sinfonieorchesters und der Staatskapelle Berlin im Frühjahr eine Studie bei der Charité in Auftrag gegeben.

    Alle Häuser sind momentan von gravierenden monetären Einschnitten betroffen. Nur ein Bruchteil der Zuschauerplätze kann wegen corona-bedingter Schutzmaßnahmen belegt werden, Konzerte und Opernaufführungen laufen – wenn überhaupt – in kleinerer Besetzung und mit Eingriffen in die Pausenregelung sowie unter hohem Hygieneaufwand. Obgleich staatlich subventioniert, wird doch ein großer Teil des Budgets durch Kartenverkäufe genährt – so ist nicht nur angestammtes Repertoireprogramm möglich, sondern werden auch kostspielige Neuproduktionen erst möglich.

    Defizite und die Auswirkungen 

    Obgleich es in den Bundesländern seit Juni unterschiedliche Regelungen gibt, hat sich der Konzert- und Opernbetrieb nicht nennenswert normalisiert. Die meisten Institutionen sehen ihren Betrieb unter diesen Bedingungen mit Defiziten konfrontiert. In diesem Jahr werde sich das Minus bei den Berliner Philharmonikern auf zehn Millionen Euro belaufen, heißt es. Laut Intendantin Andrea Zietzschmann stelle die Pandemie das gesamte „Musikbiotop“ in Frage. Zwar gebe es vom Bund die Zusage, dass entsprechend dem Subventionsanteil ein Drittel der Einnahmeverluste gedeckt würden und auch vom Berliner Senat gebe es positive Signale. Von immenser Bedeutung ist allerdings jede neue wissenschaftliche Erkenntnis für die anstehende Saison - etwa die Möglichkeit kleinerer Abstände bei Musikern und Publikum.

    Normalisierung in Sicht? Aktualisierte wissenschaftliche Erkenntnisse und vernunftbegabte Wesen

    In der vergangenen Woche gab es nun eine Aktualisierung der sogenannten „Orchesterstudie“ des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité, versehen mit einem Statement des Direktors des ebenfalls an der Ausarbeitung beteiligten, unter dem selben Dach tätigen Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, Stefan Willich. Willich ist selbst Musiker, er ist Gründer und Dirigent des „World Doctors Orchestra“, zudem war er etliche Jahre Rektor der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin. Fehlende Praxisnähe kann dem Epidemiologen keinesfalls unterstellt werden.

    „Auf Basis unserer ursprünglichen Stellungnahme (vom 7. Mai 2020 – Anm. d. Red.) haben viele Orchester im Mai 2020 den Spielbetrieb wieder aufgenommen, sehr erfolgreich und ohne Corona-Zwischenfälle. Mit den jetzt aktualisierten Empfehlungen erfolgt der nächste wichtige Schritt zur Normalisierung des Konzert- und Opernbetriebs in Deutschland.“

    Das Instituts-Papier empfiehlt nun einen Abstand zwischen den Streichern von einem Meter (bisher: anderthalb Meter) sowie von anderthalb Metern zwischen den Bläsern (bislang: zwei Meter). Eine Trennung durch Plexiglasscheiben könne bei Trompete, Posaune und Co. entfallen.

    Die Risiken für eine SARS-CoV-2-Infektion seien durch Kontakte mit kontaminierten Flächen (Schmierinfektion) nach neuesten Erkenntnissen als geringer einzustufen als ursprünglich angenommen. Die größere Gefahr gehe offenbar von Tröpfchen und Aerosolen aus, die beim Sprechen, Singen, Husten und Niesen ausgestoßen würden. Eine Infektionsgefahr bestehe vor allem in geschlossenen Räumen mit wenig Luftzirkulation.

    In den Foyers, an den Kassen, Garderoben und im Sanitärbereich sollten die Abstandsregeln eingehalten werden, heißt es in den Empfehlungen. Durch eine Wegeführung sollte die Laufrichtung des Publikums gewährleistet werden. In den Klassik-Veranstaltungen würden während der Veranstaltungen ohnehin keine Gespräche geführt und Bewegungsströme wie etwa Gedränge seien in der Regel gut zu steuern.

    Publikum als vernunftbegabtes Wesen…im vollbesetzten Saal

    Deswegen sollte für das Publikum von Konzert- und Opernveranstaltungen ein Konzept entwickelt werden. Nun stehen Orchesterkonzerte mit Publikum ohne Sitz-Abstand, aber mit Maske in Rede. Wenn man einen solchen Schutz trage, würden etwa 95 Prozent der Viruslast absorbiert, so Willich. Und:

    „Das Publikum von Klassikveranstaltungen zeichnet sich durch ein aufgeklärtes Verständnis der gesundheitlichen Zusammenhänge, eine disziplinierte Verhaltensweise sowie die sorgfältige Einhaltung von Vorgaben aus“, sagte Willich gegenüber diversen Medien.  

    Mit einer strengen Maskenpflicht – und der Maßgabe, dass der Mund-Nasen-Schutz korrekt getragen würde - sowie den weiteren Schutzmaßnahmen sei ein sicherer Klassikkonzert- und Opernbetrieb auch in vollbesetzten Sälen möglich und verantwortbar.

    Im Konzert – wie in der Bahn

    Willich sei „überrascht gewesen, dass das Thema Mund-Nasen-Schutz im Konzertbetrieb noch gar nicht aufgekommen sei. Denn im Flug- und Bahnverkehr, auch in den Schulen, würde das seit Monaten überall dort, wo die Sicherheitsabstände nicht eingehalten werden können, als selbstverständlich hingenommen, sagte er der Frankurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Er habe jetzt diese Regelungen auf den Konzertbetrieb übertragen, mit der zusätzlichen Forderung nach einer guten Lüftung und weiteren konsequenten Hygienemaßnahmen. Sowie mit dem Hinweis auf die besondere Qualität des Publikums klassischer Musik.

    Charité-Führung kritisiert Corona-Empfehlungen

    Die Berliner Charité-Führung hat sich indes von der Empfehlung der Institute am Erscheinungstag prompt distanziert. Der Klinik-Vorstand schrieb auf Twitter, das Papier sei nicht abgestimmt und gäbe nicht die Position der Geschäftsführung wieder. Der Entwurf berücksichtige nicht die aktuelle Dynamik des Infektionsgeschehens und der damit verbundenen Risiken. Das Papier sei kein Handlungsvorschlag, sondern solle als Grundlage einer weiteren kritischen Diskussion im Rahmen der Berliner Teststrategie betrachtet werden.

    ​Seine Stellungnahme betrachtet Willich allerdings selbst auch als Diskussionsgrundlage, die natürlich mit den entsprechenden Handlungsempfehlungen und politischen Regularien abgeglichen werden müsse und sich nicht von Heute auf Morgen umsetzen lasse. Kulturstaatsministerin Monika Grütters lobte das Papier, laut FAZ, als „wichtigen Schritt für die Öffnung des Musikbetriebes“, in konkrete Neuregelungen mündete dies allerdings noch nicht. Das mag auch an der Zuständigkeit des Berliner Senats liegen, denn Kultur ist Ländersache. Kultursenator Klaus Lederer hat in dieser Woche seine Strategie bei der Wiederöffnung der hauptstädtischen Theater, Opern und Konzerthäuser im Kulturausschuss verteidigt: Die Einrichtungen hätten den Saisonstart nach den aktuell geltenden Regeln zu absolvieren. Trotz der neuen Charité-Empfehlung gelte weiterhin Abstandsregel von anderthalb Metern zwischen den Zuschauern. So kann gerade einmal ein Viertel der Plätze belegt werden.

    „Schritt für Schritt“ und „bestens verständlich“

    Bislang reagieren auch die Häuser noch zurückhaltend: Der Chef der Deutschen Oper Berlin, Dietmar Schwarz, richtet sich nicht auf Vollbetrieb ein:

    „Wir machen im September einen weiteren Schritt auf unser Publikum zu, indem wir für ca. 25 Prozent der normalen Zuschauerkapazität Vorstellungen im Saal anbieten. Das heißt, neben einem Platz oder einem Zweiersitz bleiben drei Plätze frei. Das bedeutet natürlich atmosphärisch eine klare Einbuße, ist aber ein weiterer Schritt dahin, Live-Musikerlebnisse anzubieten. Und wir hoffen, dass vielleicht bald das österreichische Beispiel auch hier für die Politik diskutabel ist und wir fünfzig Prozent der potentiellen Zuschauer in unsere Säle einladen dürfen. Aber eine schrittweise Öffnung scheint absolut sinnvoll zu sein“, so Schwarz gegenüber Sputnik Deutsch.

    Wenn die Politik vorsichtig vorgehe, sei dies „bestens verständlich“. Zudem verstehe sich von selbst, so Schwarz, dass er sein Publikum für verständig und sorgsam im Umgang mit den vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen halte. Da seien keine Drängeleien an Eingängen zu befürchten – er sei in der Hinsicht „sehr optimistisch“. Und auch die Erfahrungen der Open-Air-Veranstaltungen im Juni und August, als „Das Rheingold“ auf dem Parkdeck des Opernhauses gezeigt wurde, hätten ihn in dieser Annahme nur bestärkt. Die reguläre Spielzeit an der Bismarckstraße startet mit einer Verdi-Gala, und „Best of: Aida“ mit Elena Stikhina und „Best of: La Gioconda“ mit Startenor Joseph Calleja, bevor eine Neuinszenierung von Richard Wagners „Walküre“ durch Stefan Herheim ansteht. Das Haus will die Premiere dieser Neuproduktion nach Maßgabe der aktuell geltenden Schutzmaßnahmen „mit allen Kräften“ ermöglichen.

    Der Intendant der Komischen Oper in Berlin, Barrie Kosky, plädiert ebenfalls dafür, bei der Wiederaufnahme des Betriebs „Schritt für Schritt“ vorzugehen.

    Kino und Konzerte gleich behandeln

    Allerdings rief Kosky den zuständigen Berliner Senat dazu auf, bis zum Oktober mehr Zuschauerraum möglich zu machen - wie bei den Kinos. Für die hauptstädtischen Kinobesucher waren die Abstandsregeln nämlich gelockert worden - jeder zweite Platz darf besetzt werden. Kosky meinte im RBB, „dann werden wir sehen, wie das ist, vielleicht mit einem Meter (Abstand) - und dann Vollgas“. Sein Ziel sei jedenfalls, sobald wie möglich und sobald es sicher ist, in den Vollbetrieb zu gehen.

    "Einen Inkubationszyklus lang" müsse die „Kino-Regelung“ jedoch laufen, so Senator Lederer in dieser Woche, bevor Rückschlüsse darauf möglich werden, ob sie sich auch auf die Bühnen übertragen lasse. Das bedeutet: Rund drei Wochen warten. Dann kann gegebenenfalls das Konzept überarbeitet werden, falls bei den Kinos positive Erfahrungen gesammelt werden. Im Idealfall könnte so Mitte September wieder eine 50-Prozent-Belegung der Säle erlaubt werden. Vor diesem Hintergrund erscheint der Willich-Vorschlag wie eine schöne Utopie.

    Mehr Augenmaß von Bund und Land

    Am Mittwoch haben sich nun weitere Kulturschaffende für eine höhere Auslastung der Theater ausgesprochen: Der Deutsche Bühnenverein, die Deutsche Orchestervereinigung, die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, die Deutsche Konzerthauskonferenz und die Vereinigung der Generalmusikdirektoren (GMD) - die sogenannte GMD-Konferenz fordern von Bund und Ländern mehr Augenmaß bei der Zulassung von Publikum in geschlossenen Räumen unter COVID-19-Bedingungen. Sorgfältig erarbeitete Hygienekonzepte in den Häusern lassen häufig mehr Publikum zu, als es die starren Sitzplatzbeschränkungen vielerorts vorschreiben.

    Es sei schwer zu vermitteln, dass in einem Konzerthaus in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel 1000 Plätze belegt werden können, während in Bayern die Theater und Konzertsäle - unabhängig von der Platzkapazität - nur maximal 200 Besucher einlassen dürften und in Baden-Württemberg bis maximal 500 Besuchern Einlass gewährt wird. Diese Ungleichbehandlung führe zu einer strukturellen Schieflage innerhalb der deutschen Konzertlandschaft und sei wirtschaftlich wie künstlerisch höchst problematisch.

    In den kommenden Tagen zum Saisonstart wird sich allerdings zeigen, ob das Publikum überhaupt mitzieht oder aus Angst vor Infektionen fortbleibt. Ein erstes Indiz für aufgeklärten Zuspruch: Die meisten der momentan ohnehin rar gesäten Kartenkontingente sind bereits ausverkauft – ganz so wie im Klassikuniversum vor der Pandemie.

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    Tags:
    Pandemie, Charité Berlin, Monika Grütters, Klaus Lederer, Theater, Kulturpolitik, Kultur, Coronavirus, Deutsche Oper Berlin