06:15 21 September 2020
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    „Fall Carlos“ – ein Skandal, der seit Jahren in den Schweizer Medien verfolgt wird. Der damals 15-jährige „Carlos“ hat 2011 einen jungen Mann mit dem Messer schwer verletzt. Was er nicht wusste: Jahre später würde er als Systemsprenger im Land berühmt werden. Nun klagt die Staatsanwaltschaft die Ärzte an, die ihn 13 Tage lang zwangsfixiert hatten.

    Systemsprenger gibt es überall – sogar in der Schweiz. Das Sinnbild dafür ist seit Jahren ein junger Mann mit dem Pseudonym „Carlos“. Im September 2011 war noch nicht klar, welches Ausmaß seine Taten über das gesamte Land haben werden und welche mediale Aufmerksamkeit seinen Fall verfolgen würde. „Carlos“, dessen Name in Wirklichkeit Brian ist, wird heutzutage immer noch groß in den Schlagzeilen erwähnt. Die Geschichte von Brian ist die eines Vorzeige-Systemsprengers, die leider für mehr, als nur einen Einzelfall steht.

    Die Anfänge

    Im Jahr 2011 in Schwamendingen (einer Ortschaft im Kanton Zürich) rammte Brian einem 18-jährigen jungen Mann ein Messer in den Rücken. Er wird darauf wegen schwerer Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung verurteilt. Schon davor hatte Brian immer wieder mal Konflikte mit der Justiz. Bereits als 10-Jähriger wird er zum ersten Mal inhaftiert – als fälschlicherweise verdächtigter Brandstifter. Mit neun beging er seine erste Straftat und viele weitere folgten: Von Sachbeschädigung über Drogenmissbrauch, Gewalttaten, Raub und schließlich Körperverletzung schien alles dabei zu sein.

    Als er nach der Messerstecherei in die Untersuchungshaft kam, versuchte Brian Suizid zu begehen. In der psychiatrischen Universitätsklinik wird er anschließend von den Ärzten an Beinen und Händen fixiert. In dieser Zwangsfixierung verblieb er 13 Tage – so verbrachte Brian auch seinen 16. Geburtstag. Auf diese Umstände wird fast zehn Jahre später eine Anklage gegen die drei Ärzte von der Zürcher Staatsanwaltschaft eingereicht.  

     

    Aus „Carlos“ wird ein Skandal

    Die mediale Aufmerksamkeit erhielt Brian jedoch erst zwei Jahre später. Im Jahr 2013 wurde in einer Dokumentation vom „Schweizer Radio und Fernsehen“ der Fall Carlos erstmalig aufgegriffen. Dabei wurde dieser anonymisiert gezeigt – falscher Name, weißes T-Shirt, verschwommenes Gesicht. Schon dort wird gezeigt, dass sich der dort genannte „Carlos“ nicht im Gefängnis aufhält, sondern in einem sogenannten Sondersetting – das schon seit 13 Monaten.

    Kurz nach der Ausstrahlung dieser Dokumentation, greift erstmals ein Schweizer Medium den Vorfall auf. Dieses Medium war die Boulevardzeitung „Blick“. Bei „Blick“ steht der Fall Carlos nun groß in den Schlagzeilen, betitelt mit „Sozial-Wahn! – Zürcher Jugendanwalt zahlt Messerstecher (17) Privatlehrer, 4.5-Zimmer-Wohnung und Thaibox-Lehrer“. Dies greifen auch andere Zeitungen wie beispielsweise „20 Minuten“ oder „Schweiz am Sonntag“ auf. Bald schon ist der Begriff „Sozial-Wahn“ fest in der Schweizer Medienlandschaft etabliert. Das Sondersetting, in welchem sich der Junge befand, kostete monatlich 29.000 Franken (27.035 Euro) – laut dem Nachrichtenportal „watson“ ist dies immer noch weniger, als das, was Brian in einem Gefängnis oder einer Anstalt gekostet hätte.

    Es folgt ein gewisser „Medienhype“, wie es das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich (Fög) nennt. Denn auch seriösere Blätter seien auf einen gewissen „Skandalisierungszug“ aufgesprungen und hinterlassen den Fall Carlos als eine riesige Geschichte. Alleine 2000 Einträge fände man am Ende des Jahres 2019 in der Schweizer Mediendatenbank (smd) zum Suchbegriff „Fall Carlos“.

    Die Wirkung des „Hypes“

    Der Medienskandal bleibt jedoch nicht lange nur eine Geschichte – schon bald zeichnet sich die Wirkung davon auf das Leben von Brian ab. Er wird plötzlich aus seinem Sondersetting entlassen und in das sogenannte Maßnahmezentrum in Uitikon (Kanton Zürich) eingeliefert. Dieses ist als Institution für junge, männliche Straftäter im Alter zwischen 16 und 25 verantwortlich, diesen zu einem selbstständigen Leben zu verhelfen. Doch auch aus diesem wird er nach einem halben Jahr wieder herausgenommen. Ein Gericht in Lausanne ordnet seine sofortige Freilassung an, da die Aufhebung der Maßnahmen unter Druck der Öffentlichkeit erfolgt sei.

    Es beginnt ein immer wiederkehrendes Muster für den Jugendlichen. Immer wieder musste Brian in Untersuchungshaft oder ins Gefängnis. Laut „watson“ war es für Brian „ein mit wenigen Unterbrüchen bis heute andauernder Irrweg durch Gefängnisse dieses Landes“. Dabei wurde der junge Erwachsene teilweise vor unmenschliche Bedingungen gestellt – so beispielsweise im Gefängnis Pfäffikon.

    „Carlos“ als Opfer: Klage gegen behandelnde Ärzte

    In den neusten Entwicklungen fungiere Brian jedoch als Opfer und nicht als Täter: Die Zürcher Staatsanwaltschaft habe die Ärzte laut des „Schweizer Radio und Fernsehens“ (SRF) wegen Freiheitsberaubung angeklagt. Dabei nahm sie Bezug auf den Fakt, dass der Jugendliche 13 Tage an ein Bett zwangsfixiert wurde.

    Bereits Brians Schwester hätte in Vergangenheit gegen die Ärzte aus genau denselben Gründen wegen Freiheitsberaubung geklagt. Die Staatsanwaltschaft solle das Verfahren jedoch vier Jahre später eingestellt haben. Eine Beschwerde des Rechtsanwalts auf Anweisung des Obergerichts hätte darauf verwiesen, dass eine Untersuchung gefehlt hätte. Ein Gutachter stellte schließlich fest, so das SRF: „Einen Jugendlichen 13 Tage ans Bett zu fesseln, ist nicht angemessen.“

    Am Mittwoch sprach das Zürcher Gericht ein Urteil: Der Richter sprach die drei Ärzte vom Vorwurf der Freiheitsberaubung frei. Es habe in dem Moment kein milderes Mittel gegeben. Aufgrund seiner Suizidalität sei ein Isolationszimmer nicht in Frage gekommen, genauso konnten auch stärkere Medikamente keine Lösung bieten. Der Freispruch sei ein schwacher Entscheid für die Staatsanwaltschaft, die mit einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten gerechnet habe. Das Urteil ist jedoch noch nicht komplett rechtskräftig, da dieses noch beim Obergericht angefochten werden kann.

     

    lm/gs

     

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