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    Corona-Portraits: „Und wie kommen Sie durch die Pandemie?“ (1)
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    Durch die Pandemie hat Saskia Hahn ihre Arbeit als freie Tontechnikerin für Live-Events verloren. Ein Job, die ihre eigene Karriere mitfinanzierte: Die Berlinerin ist Musikerin und Künstlerin und will niemandem auf der Tasche liegen. Trotz misslicher Lage hat ihr die coronabedingte Zwangspause einen kreativen Kick verpasst – mit Erfolgsaussichten.

    Mit Corona kam die Stille. Großevents, Kongresse, Musikaufführungen – all das gab es als Live-Erlebnis nicht mehr. Saskia Hahns Job als Live-Tontechnikerin war plötzlich nicht mehr gefragt: keine Veranstaltungen, also keine Aufträge. Der Job diente der gebürtigen Ostberlinerin dazu, ihre künstlerische Karriere aufzubauen. Als Musikerin und visuelle Künstlerin. Aber auch im Musentempel muss Miete gezahlt und der Magen gefüllt werden. Viele gleichermaßen Betroffene griffen frustriert Ersparnisse an oder wählten den Weg zum Amt. Allen gemein: Viel freie Zeit.

    Statt Blues schieben – Rock machen

    Saskia Hahn bescherten diese Umstände aber nicht nur mehr Zeit, sondern auch eine Menge kreativer Kraft. Wo die einen Yogis wurden, die freie Zeit für Brotbackexperimente, Balkonbegrünung oder der Pflege des eigenen „Corona-Blues“ widmeten, zog sich Künstlerin Hahn in ihr Studio zurück, um an neuen Werken zu arbeiten. Zwei Bilder wurden zwischenzeitlich bei ihr in Auftrag gegeben. Dank der Entschleunigung habe sie sich wieder mehr auf ihre eigenen Projekte fokussieren können:

    „Ich konnte die Zwangspause sehr gut dazu nutzen und ohne Zeitdruck an aktuellen Songs weiterarbeiten, mit verschiedenen Hooklines experimentieren sowie Songtexte schreiben“, erzählt die Künstlerin.

    Das ist durchaus bemerkenswert, denn heute gibt es immer weniger Musiker, die ihre Songs noch selbst schreiben oder gar ein Instrument beherrschen. Eigentlich Ehrensache – besonders für Rockmusiker. Ihr Handwerk hat sie sich selbst beigebracht und vor nicht allzu langer Zeit noch bespielte sie mit ihrer ehemaligen Band „Sweet Machine“ die Bühnen mit der kanadischen Künstlerin und Aktivistin Peaches auf einer zweieinhalbjährigen Welttournee.

    Alle in einem Boot und „By your side“

    Den Großteil ihrer „Corona-Energie“ steckte die Berlinerin in die Komposition von neuem Songmaterial und die Veröffentlichung ihrer neuen Single „By your side“ (engl.: An deiner Seite) mit ihrer aktuellen Band „The Heartways“. Der Song ist ihre Liebeserklärung an Joshua Tree: einen magischen Ort in der Kalifornischen Wüste, den sie während und nach der Welttournee mit Peaches für sich entdeckt hat.

    • Saskia Hahn (2.v.r.) mit ihrer Band Sweet Machine und Peaches
      Saskia Hahn (2.v.r.) mit ihrer Band Sweet Machine und Peaches
      © Foto : Holger Talinski
    • Künstlerin Saskia Hahn beim Erstellen eines Siebdrucks
      Künstlerin Saskia Hahn beim Erstellen eines Siebdrucks
    • WHOA by Saskia Hahn, Acrylic plus Spraypaint on Canvas 180x90cm
      WHOA by Saskia Hahn, Acrylic plus Spraypaint on Canvas 180x90cm
      © Foto : Chris Losert Photography
    • Die Berlinerin Saskia Hahn (1.v.r.) beim Gitarrengig auf der Bühne
      Die Berlinerin Saskia Hahn (1.v.r.) beim Gitarrengig auf der Bühne
      © Foto : Holger Talinski
    • Saskia Hahn (1.v.l.) in Bühnenaction
      Saskia Hahn (1.v.l.) in Bühnenaction
      © Foto : Holger Talinski
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    © Foto : Holger Talinski
    Saskia Hahn (2.v.r.) mit ihrer Band Sweet Machine und Peaches

    Neben der Vorproduktion des kommenden Albums und der Arbeit an ihrer Kunst ist Hahn außerdem mit der Produktion für das Musikvideo von „By Your Side“ beschäftigt. „Auch hier muss ich aufgrund der Corona-Einschränkungen kreativ sein und improvisieren. Da ich momentan nicht in die USA einreisen kann, erarbeite ich mit einem kalifornischen Videokünstler ein Konzept per Videochat.“ Musikvideo via Homeoffice sozusagen. Jeder der Beteiligten dreht bei sich vor Ort und zum Schluss werden die verschiedenen Szenen beim Schnitt zusammengefügt. Noch bis Jahresende will die Musikerin ihr Album fertigstellen. Den Grundstein dazu hat sie bereits mit zwei veröffentlichten Singles gelegt.

    Existenzängste und Zukunftsmusik

    Dass sie so beschäftigt war, habe sie erst gar nicht in das „tiefe Loch“ fallen lassen, das viele Betroffene erlebten. „Natürlich gab es auch Zweifel und Zukunftsangst, schließlich wusste ja lange niemand, wie es weitergeht, aber meine Musikprojekte und die Kunst haben mein Leben in der Phase schon gewissermaßen gerettet. Die Laune allemal.“

    Ob und wie es im kommenden Jahr auf Tour geht ist wegen der Pandemie ungewiss. Auftritte vor Publikum fehlen ihr, sie hofft, dass Shows bald wieder möglich sind: „In welcher Form es mit Live-Shows weitergehen kann, muss allerdings noch erprobt werden. Einige Veranstalter haben ja bereits verschiedene Ideen umgesetzt. Ob sich Veranstaltungen nach der Reduzierung der Besucherzahlen auf die Hälfte oder sogar auf nur ein Drittel noch rentieren, ist für alle Beteiligten sehr fraglich. Aber solange es keinen Impfstoff gibt, wird die Branche gar keine andere Wahl haben.“

    In Brasilien wäre die Berlinerin jedenfalls bei einer internationalen Tour mehr als willkommen – auch dort hat sie eine Fangemeinde. Dank des Brasilianischen Radiosenders „Electric Radio“ tummelten sich bei der Sendereihe „German Rock“ Granden wie die Einstürzenden Neubauten, DAF, Can und Kraftwerk, aber auch Joachim Witt und eben Saskia Hahn mit „The Heartways“ auf der Playlist. Ihre erste Single „Maybe“ feierten sie noch Anfang Februar mit einer Release-Party.

    Rockmusik mit Köpfchen: Corona, Umwelt und die Politik

    Der Song „Maybe“ stehe wie kein anderer für ihr Engagement in Sachen Klimaschutz und Klimagerechtigkeit. „Corona hat uns allen gezeigt, wie wichtig es ist, unsere Umwelt korrekt zu behandeln. Wir sind schließlich ein Teil von ihr und sollten uns nicht selbst schaden, da wir sie zum Überleben brauchen.“

    Politischer Aktivismus sei für sie keine Modeerscheinung. Es gehe darum, eine bessere Welt zu schaffen sowie ein intaktes Ökosystem für zukünftige Generationen zu hinterlassen. Dazu gehört für sie auch mehr, als nur das bloße Nachdenken über ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE).

    „Das BGE ist ein wichtiger Schritt für unsere Gesellschaft und nicht nur für Kreative wie mich. Es ist ein Garant, dass die Miete jeden Monat gezahlt werden kann, auch wenn es finanziell gerade mal nicht so gut läuft oder man sich beruflich neu orientieren muss.“

    Schon jetzt könne man erkennen, dass die Corona-Pandemie die Digitalisierung um ein vielfaches vorantreibe und wie groß die Verunsicherung durch den pandemiebedingten Jobverlust in der Bevölkerung sei - egal in welcher Branche, bemerkt Hahn.

    Corona-Hilfen und das Dilemma der Solo-Selbstständigen

    Während der Corona-Krise konnten Selbstständige staatliche Unterstützung beantragen.  „Einerseits lief das mit den Corona-Hilfen sehr unkompliziert und es ist eine echte Unterstützung, aber eben nur für einen ganz kleinen Zeitraum.“

    Die Corona-Hilfen dienten dazu, die laufenden Betriebskosten abzufedern. Doch die meisten Solo-Selbstständigen haben keine Kosten für Mitarbeiter, Studios oder dergleichen – bei ihnen sind es schlicht die Lebenshaltungskosten selbst, die da als „Betriebskosten“ zu Buche schlagen. Der Umstand wurde beim Hilfspaket nicht berücksichtigt und vielen Betroffenen war eine Unterstützung so ganz verwehrt. Zudem sind viele Hilfen lediglich als Kredit angelegt. Um den abbezahlen zu können, muss auch erst einmal wieder Einkommen erzielt werden. Doch wovon, wenn das Geschäft brachliegt? Da gerät man schnell in die Bredouille. Insbesondere, als Solo-Selbstständigen in den Fällen nahegelegt wurde, Hartz-IV zu beantragen.

    Ein Schritt, der aktiven Freiberuflern oft schwer fällt. Sind sie doch ohnehin meist schon in einem Hamsterrad gefangen, in der Hetze von Job zu Job. Nur wenige konnten sich Urlaube leisten, etwas für die Rente zurücklegen oder für schlechte Zeiten sparen, viele lebten von der Hand in den Mund. Oft ging schon da die eigene Kunst „nach Brot“ mit schlichten Auftragsarbeiten und konnte nur bedingt an eigenen künstlerischen Ideen und Herzens-Projekten gearbeitet werden.

    Engagement für das bedingungslose Grundeinkommen

    „Momentan leben wir in einer Welt, in der viele Menschen ihren Selbstwert über ihre Arbeit und die Produktivität definieren und im schlimmsten Fall daran erkranken. Physisch sowie psychisch.“ Ein BGE würde hier ganz klar die Prioritäten verschieben, so Hahn. „In etwa so, wie auch die Pandemie – mit ihrer kurzzeitigen Entschleunigung uns dabei geholfen hat, den Fokus wieder auf die fundamental wichtigen Dinge in unserem Leben zu rücken“, erläutert die Künstlerin. Daher hoffe sie sehr, dass genau diese Erkenntnisse zu mutigen und innovativen Entscheidungen in Politik und Wirtschaft führen – besonders wenn es um Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit geht. Dafür engagiert sie sich für die Initiative „Mein Grundeinkommen“. Ein „Weiter so wie bisher!“ fände sie inakzeptabel und es führte sicherlich zu weiteren Spannungen in der Gesellschaft.

    Hier „Maybe“ bei Youtube zum Nachhören

    Hier „By your side“ bei Spotify zum Nachhören

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    Kunst, Kultur, Musiker, Coronavirus, Grundeinkommen