06:36 21 September 2020
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    Der Schauspieler Birol Ünel, der sich mit seiner Hauptrolle in dem Film „Gegen die Wand“ national und international Lob und Anerkennung erspielte, ist im Alter von 59 Jahren verstorben. Ünel hatte zuletzt die Kontrolle über sein Leben verloren und litt unter Alkoholismus und Obdachlosigkeit. Ein Nachruf.

    Dass Birol Ünel einst auf den roten Teppichen der Filmwelt stehen würde, war ihm nicht in die Wiege gelegt. 1961 in Silifke, einer in Deutschland praktisch unbekannten Großstadt an der südtürkischen Mittelmeerküste, geboren, wuchs er die ersten sieben Lebensjahre ohne seine Eltern auf, die in der alten Bundesrepublik als Gastarbeiter für den Unterhalt der Familie schufteten. Erst 1968 konnte er zu seinen Eltern ziehen, die inzwischen in Brinkum bei Bremen lebten, wo Ünel den Rest seiner Kindheit und Jugend verbrachte.

    Eine Lehre als Parkettleger hielt ihn nicht davon ab, sich an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover zu bewerben, wo er zum Schauspieler ausgebildet wurde. Nach einer kleinen Rolle in der ZDF „Ein Fall für Zwei“ verpflichtete ihn der legendäre Thomas Brasch 1988 für seinen Film „Der Passagier – Welcome to Germany“, ein bis heute unerklärliches Phänomen des deutschen Films, mit Tony Curtis in der Hauptrolle. Der Streifen ist bis heute einer der wenigen deutschen Filme, die es in den Wettbewerb um die Goldene Palme von Cannes geschafft haben, aber in den Kinos ein totaler Flop war.

    Auch Birol Ünel brachte er zunächst kein Glück. Mit kleinen Rollen, vor allem in mehreren Folgen der ARD-Tatortreihe und gelegentlichen Theaterengagements hielt sich der auf die Rollen als etwas zwielichtiger Raubein festgelegte Ünel über Wasser, bis sein Freund Fatih Akin ihn 2004 für den Film besetzte, der sein Leben verändern, aber nicht verbessern sollte.

    Die kurze Illusion vom Glück – Auf der Leinwand und davor

    Ünel spielt in „Gegen die Wand“ den mehrfachdrogenabhängigen Cahit, der die ebenfalls schwerstsüchtige Sibel, gespielt von Sibel Kekilli, zum Schein heiratet, um den engstirnigen Moralvorstellungen ihrer Familien zu entfliehen, was natürlich gründlich misslingt. Die beinahe schmerzhaft realistisch wirkende Darstellung von Birol Ünel begeisterte Kritiker wie Publikum gleichermaßen.

    Ob diese Faszination ihre Ursache in einer tiefen Ahnung der Zuschauer hatte, dass Ünel sich möglicherweise in weiten Teilen selbst spielte, wissen wir nicht. Was wir wissen: „Gegen die Wand“ gewann den Goldenen Bär auf der Berlinale 2004 und den Europäischen Filmpreis im gleichen Jahr, Ünel wurde für seine überragende schauspielerische Leistung mit dem Deutschen Filmpreis geehrt, die Reihe von internationalen Preisen wurden 2006 schließlich mit dem Preis der US-amerikanischen National Society of Film Critics für den besten fremdsprachigen Film komplettiert.

    Die darauf eintrudelnden internationalen Filmangebote schmeichelten zwar dem Ego von Birol Ünel, konnten aber nicht die Leere in seinem Leben füllen, für die er zu diesem Zeitpunkt immer noch eine sehr wirkungsvolle Fassade für die Öffentlichkeit aufrechterhalten konnte. 2009 schaffte er noch einmal eine Rückkehr ins Rampenlicht, wieder durch das Engagement seines Freundes Fatih Akin, der ihn in einer der Hauptrollen seiner Komödie „Soulkitchen“ besetzte.

    Doch danach kamen nur noch sporadische Angebote für Nebenrollen, die nicht nur das Publikum nicht mehr goutierte, sondern auch Ünel nicht nur nicht glücklich machten, sondern irgendwann auch seine laufenden Rechnungen nicht mehr bezahlen konnten. Dann kam der Moment an dem er die massiven Probleme seines schon seit Jahren andauernden exzessiven Alkoholkonsums nicht mehr vor der breiten Öffentlichkeit verheimlichen konnte – oder es nicht mehr wollte, das wissen wir nicht.

    Als Fotos des obdachlosen Birol Ünel in den Medien veröffentlicht wurden, der im Alkoholrausch mitten auf dem Kottbusser Platz in Berlin Kreuzberg liegt, war auch engen Freunden, wie Fatih Akin klar, dass nur noch Birol Ünel sich selbst retten konnte.

    Ob der exzessive Drogenkonsum den Krebs auslöste, an dem Birol Ünel jetzt im Vivantes Klinikum in Berlin-Friedrichshain verstarb, wissen wir ebenfalls nicht, aber ein tieftrauriger letzter Gruß seines Freundes Fatih Akin lässt erahnen, dass mehr als nur ein grandioser Schauspieler verstorben ist.

    "Ruhe in Frieden, mein Freund. Du hattest ein Licht in Dir, das mich immer überwältigt hat."

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    Tags:
    Filmpreis, Berlinale, Soulkitchen (Film), Gegen die Wand (Film), Sibel Kekilli, Fatih Akin, Birol Ünel, Kino, Film, Türke, Deutschland