17:03 18 September 2020
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    Eine neue Studie untersucht die Gäste der größten Talkshows im deutschen Fernsehen und kommt zu einem erschreckenden Ergebnis: Im Prinzip diskutieren hier immer wieder dieselben Hauptstadtjournalisten mit denselben Hauptstadtpolitikern.

    Die Autoren Paulina Fröhlich und Johannes Hillje von der Denkfabrik „Das Progressive Zentrum“ haben für ihre Studie „Die Talkshow-Gesellschaft“ 1208 Sendungen der sogenannten „Big 4“, der vier größten Polit-Talkshows von ARD und ZDF, der letzten drei Jahre untersucht. Anne Will, Hart aber fair, Maischberger und Maybrit Illner erreichen Woche für Woche ein Millionenpublikum. Während der „ersten Welle“ der Corona-Pandemie nahm die Reichweite mancher Gesprächsformate von ARD und ZDF um weitere 30 Prozent zu.

    Wer spricht für wen?

    Ob als „Ersatzparlament“ verklärt oder als „Quasselrunde“ polemisiert: Politische Talkshows sind nicht nur ein populäres Fernsehformat, sondern auch beliebter Gegenstand privater Gespräche. Klar ist: Die Talkshows tragen zur Meinungsbildung und Wahrnehmung politischer Themen bei.

    Möchte man sich anhand objektiver Kriterien der Relevanz von Polit-Talkshows nähern, hilft ein Blick auf die Zuschauerzahlen. Unter den vier großen, rein politischen Talkshows erreichte Anne Will 2019 mit durchschnittlich 3,3 Millionen Zuschauern das größte Publikum. Dahinter liegen hart aber fair mit durchschnittlich 2,5 und Maybrit Illner mit 2,4 Millionen Zuschauern. Maischberger erreichte, mutmaßlich dem späten Sendeplatz geschuldet, mit 1,2 Millionen die wenigsten Menschen.

    Pointiert lautete die Kernfrage der Forscher in ihrer Studie: Wer spricht für wen? Untersucht wurden die Gästelisten und Themen von 1.208 Sendungen über einen Zeitraum von drei Jahren (März 2017 – März 2020), plus der Sendungen aus der Hochphase der Corona-Pandemie (4. März – 24. April). Der Fokus der Analyse liegt auf den „Big 4“ der Talkshow-Landschaft, für punktuelle Vergleiche wurden außerdem Markus Lanz und die Phoenix-Runde ausgewertet.

    Zwei Drittel aller Gäste aus Politik und Medien

    Die Datenanalyse der Gästebesetzung der Talkshows offenbart Unterschiede in der Repräsentation verschiedener gesellschaftlicher Kräfte und politischer Ebenen. Die zentralen Ergebnisse für die „Big 4“ der Talkshows lauten:

    • Zwei Drittel aller Gäste kommen aus Politik und Medien, 8,8 Prozent aus der Wissenschaft, 6,4 Prozent aus der Wirtschaft, 2,7 Prozent aus der organisierten Zivilgesellschaft;
    • 70 Prozent der talkenden Politiker sind von der Bundesebene, 7,3 Prozent von der europäischen und 2,4 Prozent von der kommunalen Ebene;
    • 84,8 Prozent der Politiker haben eine westdeutsche, 15,2 Prozent eine ostdeutsche politische Biografie;
    • acht von zehn Gästen aus der Wirtschaft repräsentieren die Unternehmerseite, Gewerkschaften und Verbraucherschutz sind selten präsent;
    • zwei Drittel der Gäste aus der organisierten Zivilgesellschaft sind Aktivisten (Hauptthema: Klima), Nichtregierungsorganisationen kommen kaum zu Wort;
    • in Corona-Zeiten stieg der Anteil der Gäste aus der Wissenschaft auf 26,5 Prozent, aus dem Sozialbereich und der Bildung kamen zu Beginn der Krise nur jeweils 0,7 Prozent der Gäste.

    Vertreter des „Volkes“ werden kaum geladen

    Talkshows können freilich nicht die ganze Bandbreite relevanter Stimmen zu einem Thema zu Wort kommen lassen. Überraschend ist allerdings: Besonders niedrig ist die Talkshow-Präsenz von Organisationen, die besonders hohes Vertrauen in der Gesellschaft genießen (z.B. Verbraucherschutz, NGOs, Gewerkschaften). Gleichzeitig wird die Realität des politischen Mehrebenensystems nur unzureichend abgebildet, worunter insbesondere die Wertschätzung der kommunalen und europäischen Ebene leiden könnte.

    Königin Baerbock trifft auf König Feldenkirchen

    Ein bekanntes Ritual der jährlichen Talkshow-Analyse ist die Auszählung der Auftritte einzelner Politiker sowie ihrer Parteizugehörigkeit. Das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (RND) ernannte Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) zur „Talkshow-Königin 2019“. Die Auswertungen des Branchendienstes Meedia zeigen, dass in den Jahren 2018 und 2019 die CDU am meisten Auftritte hatte (116 [2018] + 91 [2019]), gefolgt von der SPD (73 + 65), den Grünen (49 + 39), der FDP (28 + 26), der Linken (23 + 21) und der AfD (13 + 13).9 Auch die Gäste aus dem Journalismus wurden in dieser Analyse ausgewertet. 2019 löste Markus Feldenkirchen vom „Spiegel“ den „Welt“-Journalisten Robin Alexander auf dem „Talkshow-Thron“ ab.

    Es scheint also so, dass die immer gleichen Journalisten mit den immer gleichen Politikern reden.

    „Krise der Repräsentation“

    Ein wesentlicher Teil der lauter werdenden Kritik an Medien ist auch eine Kritik an deren Repräsentation gesellschaftlicher Realität und demokratischer Aushandlungsprozesse. Empirisch lässt sich dieses Phänomen als „Medienentfremdung“ nachweisen: Knapp ein Viertel der Deutschen erkennt sich weder in den Themen noch den Repräsentanten des medialen Diskurses wieder. Die Autoren der Mainzer Langzeitstudie zum Medienvertrauen schreiben:

    „Der Eindruck fehlender Repräsentation in der Berichterstattung und mangelnder Responsivität des Journalismus mit Blick auf möglicherweise kulturell und sozial anders eingebettete Menschen, die nicht zu den Kommunikationseliten in diesem Land zählen, führt zu steigender Entfremdung.“

    Gleichzeitig stehen diese Talk-Sendungen für die Art von medialem Diskurs, durch die sich eine gesellschaftliche Minderheit nicht (mehr) repräsentiert fühlt und seinen Vertretern mitunter zunehmend aggressiv gegenübertritt, zuletzt zu beobachten auf den Demonstrationen gegen die Corona-Politik. In der Studie der Denkfabrik „Das Progressive Zentrum“ wird diese Entfremdung von Medien als „Krise der Repräsentation“ bezeichnet. Die Forscher gehen im Moment noch nicht soweit, von einer „Krise der Demokratie“ zu sprechen.

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    Tags:
    ZDF, ARD, Talkshow