07:24 30 September 2020
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    Wo ist die Grenze zwischen Persönlichkeitsrechten und öffentlichem Interesse? In der Berichterstattung zum fünffachen Kindermord von Solingen bestimmt diese Frage die aktuelle Debatte. Bild-Zeitung und RTL haben nach Meinung vieler mit ihrer Berichterstattung die Grenze überschritten. Konsequenzen? Fehlanzeige.

    Seit die Bild-Zeitung Passagen aus dem Chat des Elfjährigen, der als einziger das Familiendrama von Solingen überlebte, mit seinem zwölfjährigen Freund abdruckte, reißt der Sturm der Entrüstung nicht ab. Beim Presserat sind inzwischen mehr als 160 Beschwerden eingegangen, zahlreiche Medienvertreter haben das Boulevardblatt dafür öffentlich verurteilt. Während Bild-Chef Julian Reichelt in der Berichterstattung seines Mediums nichts Falsches erkennen will und mit dem erheblichen öffentlichen Interesse an der Tragödie von Solingen, wo eine Mutter fünf ihrer sechs Kinder tötete, argumentiert, gibt es inzwischen sogar Forderungen nach der Zerschlagung des Blattes. So hatte zuletzt der „Volksverpetzer“-Autor Stephan Anpalagan auf Facebook geschrieben:

    “Diese ‘Zeitung’ ist kaputt. Es gibt kaum eine Möglichkeit, sie zur Rechenschaft zu zwingen und sie abzustrafen. Die BILD suhlt sich seit ihrer Gründung in ihrem Allmachtswahn und sieht sich keinerlei Kontrolle und Korrektur gegenüber. Wir können uns all diese konsequenzlosen Grenzüberschreitungen nicht länger bieten lassen. Die BILD ist gefährlich. Die BILD bricht. Mit dieser Gesellschaft. Mit den Menschen, die in diesem Land leben. Deshalb muss sie enteignet und zerschlagen werden.”

    Reichelt hingegen verweist darauf, dass seine Zeitung nicht das erste Medium war, das über die grauenhaften Details der Tat berichtete und den Zwölfjährigen zitierte. In der Tat war es der Fernsehsender RTL, der sich als erster auf die Geschichte stürzte. In seinem Kommentar auf „Radioeins“ fragt sich der Medienjournalist Daniel Bouhs daher, weswegen der Sturm der Entrüstung zwar zu Recht die Bild-Zeitung trifft, RTL aber weitgehend ungeschoren davonkommt.

    Über RTL geschimpft werde schon, aber es sei nicht leicht, sich über den Privatsender offiziell und öffentlichkeitswirksam zu beschweren, denn die zuständige Stelle sei in dem Fall nicht der Deutsche Presserat, sondern die wenig bekannten Landesmedienanstalten. Und selbst wenn man diese kenne, so müsse man wissen, dass RTL trotz Hauptsitz in Köln (NRW) seine Lizenz in Hannover erworben habe und folglich in Niedersachsen beaufsichtigt werde, so Bouhs.

    „Dabei wäre es total wichtig, auch RTL auf die Finger zu klopfen, weil der Sender ja das neue BILD werden will, vor allem im Netz: Da ist jetzt unter anderem zuständig Tanit Koch, die erklärtermaßen RTL.de kräftig ausbauen will zu einem großen Nachrichtenportal. Und die Kollegin war davor was? Chefredakteurin der BILD-Zeitung.“

    Nach Ansicht von Bouhs muss das Beschwerdeverfahren professionalisiert und bekannter gemacht werden, für die Annahme aller Beschwerden schlägt er eine zentrale Stelle vor. Ein erster Schritt in die richtige Richtung sei vor ein paar Jahren erfolgt, als die Landesmedienanstalten die Seite programmbeschwerde.de geschaltet hätten.

    „Was dort eingegeben wird, leitet die Zentrale dann an die zuständige Stelle weiter – ob privat oder öffentlich-rechtlich, wenn nicht wiederum von Verlagen. Aber auch da: Wer weiß, dass es das gibt?“

    Deshalb Bouhs Forderung: eine gut sichtbare zentrale Beschwerdestelle für die deutsche Medienlandschaft.

    Im Fall des fünffachen Kindermordes von Solingen gibt es weiterhin kein Geständnis der tatverdächtigen 27-jährigen Mutter der Kinder. Diese befindet sich in Untersuchungshaft. Da laut Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt eine vollständige Vernehmung der Tatverdächtigen wegen ihres schlechten Gesundheitszustands nicht möglich gewesen sei, solle nun ein psychiatrisches Gutachten erstellt werden.

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    Tags:
    Deutscher Presserat, Mord, Solingen, RTL, Bild