03:54 30 November 2020
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    Zu diesem Schluss kommt die traditionelle R+V-Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen“. Dass 53 Prozent der Deutschen die Politik von US-Präsident Donald Trump als größtes Problem einstufen, und das zum zweiten Mal nach 2018, wunderte die Forscher selbst. Die Menschen haben Angst, dass er die Welt gefährlicher macht, schlussfolgerten sie.

    Das sei berechtigt, meinte bei der Präsentation der Studie Professor Dr. Manfred G. Schmidt, Politikwissenschaftler an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, der das R+V-Infocenter seit vielen Jahren bei der Auswertung der Ängste-Studie berät. „Trump sorgt mit seiner Außenpolitik immer wieder für schwere internationale Verwicklungen. Besonders herausragende Fälle sind dabei die handelskriegsartigen Konflikte mit China und die sicherheitspolitischen Attacken gegen verbündete Staaten, auch gegen Deutschland. Die USA ziehen sich aus internationalen Kooperationen zurück und haben in der Konfrontation mit dem Iran einen weiteren schweren Konfliktherd angezettelt.“ Deswegen gilt die mit 54 Prozent größte Angst der Westdeutschen den Folgen der Trump-Politik. Im Osten rangiert sie mit 48 Prozent hingegen nur auf Platz acht.

    Die Ergebnisse der Studie belegen, dass in dieser Ausnahmesituation viele Sorgen in den Hintergrund treten, darunter auch die wirtschaftlichen. „Im vorigen Jahr war es noch anders“, stellte Brigitte Römstedt, Leiterin des R+V-Infocenters, fest. „Die innenpolitischen Sorgen – in den vergangenen Jahren stets auf den Spitzenplätzen – haben durchweg an Bedeutung verloren. Am stärksten gesunken sind die Sorgen rund um die Zuwanderung. Nach einem Rückgang von mehr als zehn Prozentpunkten sind sie auf dem niedrigsten Stand seit fünf Jahren. 2020 befürchten jeweils 43 Prozent der Befragten (Vorjahr: 55 Prozent), dass es durch den weiteren Zuzug von Ausländern zu Spannungen zwischen Deutschen und hier lebenden Ausländern kommt, und dass der Staat durch die große Zahl der Geflüchteten überfordert ist.“

    Es komme ein Gewöhnungseffekt hinzu, meinte Prof. Schmidt, „außerdem Überlagerung durch andere, gewichtigere Probleme. Und ganz entscheidend: Der Parteienstreit über die Migrationsfrage hat nachgelassen, und das sorgt auch für Entspannung auf Seiten der Befragten.“

    Mehr Deutsche als im vergangenen Jahr befürchten, dass die Lebenshaltungskosten steigen. Erstmals seit sechs Jahren ist diese Furcht wieder unter den sieben größten Ängsten. Fast bei jedem zweiten Befragten erregt auch die EU-Schuldenkrise, die für die deutschen Steuerzahler teuer wird, Besorgnis. In die Höhe geschossen ist vor allem die Angst vor einem Konjunktureinbruch: Sie springt jetzt nach einem Anstieg um 13 Prozentpunkte an die vierte Stelle der größten Sorgen.

    Sprunghaft gestiegen ist die Angst vor einer Verschlechterung der Wirtschaftslage in Deutschland. Sie klettert um 23 Prozentpunkte auf 58 Prozent – und damit auf den höchsten Wert seit zehn Jahren. 2010 hatte die Finanzmarktkrise die Angst vor einer Rezession in die Höhe getrieben. Dazu Professor Schmidt:

    „Die Sorgen sind begründet. Der Wirtschaftsabschwung, der in Deutschland 2020 zu erwarten ist, übertrifft höchstwahrscheinlich die Wirtschaftskrise von 2009. Damals schrumpfte die Wirtschaftsleistung in Deutschland um 5,6 Prozent. Diesmal könnte der Absturz tiefer gehen – wenn die Corona-Pandemie länger dauert.“

    Den pessimistischen Blick auf die deutsche Wirtschaft kann er gut nachvollziehen: „Die Befragten registrieren aufmerksam, dass Deutschland die stärkste Krise seit seinem Bestehen erfährt. Die Ursachen der Krise sind vielfältig, darunter schwacher Exportwachstum und Nachfrage seitens der Konsumenten. Und dann kommen die hohen Kosten für die Betriebe hinzu, die durch die Bekämpfung der Pandemie entstehen, wie Ausgangssperren und Kontakteinschränkung.“

    Ein erstaunlicher Befund der Umfrage: 40 Prozent der Deutschen befürchten, dass die Politiker von ihren Aufgaben überfordert sind – so wenig wie nie zuvor in diesem Jahrtausend. Die Arbeit der Politiker, die sonst kein gutes Image in der Bevölkerung haben, habe sich in diesem Jahr jedoch deutlich verbessert, stellte Römstedt fest: „Wir haben eine Durchschnittsnote 3,2, und fast jeder fünfte bewertet sie sogar mit gut oder sehr gut.“

    Ein Kommentar von Prof. Schmidt lautet: „Hier spiegelt sich die weit verbreitete Wertschätzung für das Corona-Krisenmanagement der Regierung. Die Bewertung der Politiker ist milder geworden, vor allem im Westen Deutschlands, während die Ostdeutschen nach wie vor sehr kritisch über unsere Politiker beurteilen. Offensichtlich ist die große Mehrheit der Bevölkerung einigermaßen mit der Bekämpfung der Coronakrise durch die Regierung in Bund und in den Ländern zufrieden. Und das spiegelt sich unter anderem in einer milderen Beurteilung der Politiker wider.“

    Nur jeder dritte Deutsche hat Angst vor einer Corona-Infektion

    „Die Deutschen reagieren auf die Pandemie keineswegs panisch. Das verdeutlicht der Angstindex – der Durchschnitt aller abgefragten Ängste“, meinte Römstedt. „Gering ist in diesem von Corona dominierten Jahr die Angst vor einer schweren Erkrankung. Sie liegt bei 32 Prozent (Vorjahr: 35 Prozent).“

    Aber gilt das auch für Covid-19? Das R+V-Infocenter hat nachgefragt. „Ebenfalls nur etwa jeder dritte Befragte fürchtet sich davor, dass er selbst oder die Menschen in seinem Umfeld sich mit dem Coronavirus infizieren könnten“, erklärte Römstedt. „Angesichts der rasanten weltweiten Ausbreitung des Virus‘ hätten wir hier höhere Werte erwartet. Nach unseren Erkenntnissen haben die Menschen aber deutliche Angst davor, dass das Virus ihren Wohlstand mehr bedroht als ihre Gesundheit.“

    Die Angst, schwer zu erkranken, ist in der Corona-Krise leicht gestiegen – um sechs Prozentpunkte auf 41 Prozent. „Bemerkenswert ist allerdings, dass die Sorge in allen Altersgruppen in etwa gleich hoch ist“, so Römstedt. „Im Verlauf unserer Studie waren die jüngeren Befragten bis zum Alter von 30 Jahren bei dieser Frage bisher deutlich sorgloser als die Generation ihrer Eltern und Großeltern. Offensichtlich haben viele jüngere Menschen erkannt, dass Covid-19 nicht nur Ältere treffen kann.“ Traditionell sorgen sich Frauen mehr vor Krankheiten als Männer. So auch bei dieser Sonderumfrage: 46 Prozent der Frauen haben Angst vor einer schweren Krankheit – aber nur 36 Prozent der Männer.“

    Corona-Krise forciert die wirtschaftlichen Sorgen

    Verstärkend wirkt nach Ansicht von Prof. Schmidt die Gefahr erneuter Ausgangsbeschränkungen. „Die Befürchtung, dass eine zweite Corona-Infektionswelle einen weiteren, noch tieferen Wirtschaftseinbruch bringen könnte, trägt zur weit verbreiteten Unsicherheit über die Zukunft der Wirtschaft bei.“

    Die Angst, arbeitslos zu werden, bleibt im April 2020 auf dem relativ niedrigen Niveau des Vorjahres. Etwa jeder vierte Bundesbürger (24 Prozent) bangt um den eigenen Job. Allerdings gilt hier: je jünger, desto besorgter. Bei den unter 30-Jährigen ist diese Angst mit 36 Prozent am höchsten. Auch Frauen (28 Prozent) fürchten sich mehr vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes als Männer (21 Prozent).

    „Der Wirtschaftsabschwung trifft einen größeren Teil des Arbeitsmarktes mit voller Wucht. Deutschland hat aber zwei starke ‚Medikamente‘ zur Linderung der Schäden verabreicht“, so Professor Schmidt. „Das Kurzarbeitergeld schützt mehrere Millionen Arbeitnehmer vor Entlassungen. Linderung verschafft zudem auch das Hilfspaket der Bundesregierung in Höhe von mehreren hundert Milliarden Euro für die Wirtschaft – ob für große, mittlere oder kleine Betriebe.“ Ergänzend dämpft ein dritter Mechanismus die Sorgen, erklärte der Politikwissenschaftler: „Ein Teil der Beschäftigten ist gegen den Wirtschaftseinbruch geschützt. Das sind insbesondere die Mitarbeiter in den sogenannten systemrelevanten Berufen, wie im Gesundheitswesen und im staatlichen Sektor bei Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialversicherungen.“

    Auffällig: Den eigenen Job zu verlieren, befürchtet wie im Vorjahr lediglich jeder vierte Berufstätige, stellt die Studie fest. „Diese Spreizung überrascht auf den ersten Blick. Aber das Rätsel lässt sich lösen“, erläuterte Schmidt. „Von einer gesamtwirtschaftlich zunehmenden Arbeitslosenquote sind nicht alle Befragten gleichermaßen betroffen. Entlassungen treffen derzeit überwiegend Arbeitnehmer, die in durch die Corona-Krise stark angeschlagenen Branchen arbeiten, wie beispielsweise bei Reiseveranstaltern, in Kulturbetrieben oder in der Gastronomie.“

    Unterschiedliches Angstgefüge in Ost und West

    Im Osten sind die Bürger wie im vergangenen Jahr sorgenvoller als im Westen. Mit 42 Prozent ist die durchschnittliche Angst im Osten um sieben Prozentpunkte höher als im Westen. Obwohl die innenpolitischen Sorgen auch im Osten gesunken sind, stehen Zuwanderungsthemen dort nach wie vor ganz oben. Während lediglich 39 Prozent der Westdeutschen befürchten, dass die große Zahl der Geflüchteten die Deutschen und ihre Behörden überfordert, ist im Osten die überwiegende Mehrheit dieser Ansicht (Ost: 59 Prozent, Rang eins; West: Rang elf). Anders als im vergangenen Jahr blicken die Westdeutschen in der Corona-Krise pessimistischer auf die Wirtschaft als die Bürger im Osten (West: 49 Prozent, Ost: 45 Prozent). Am ängstlichsten sind Thüringen und Brandenburg und am entspanntesten sind die Menschen im Nordrhein-Westfalen.

    Das Fazit von Prof. Schmidt lautet: „Die Ängste der befragten Deutschen sind eine Reaktion auf eine reale Bedrohung. Es ist nicht etwa ,German Angst‘, die pathologische Verwirrung. Es ist die vernünftige Reaktion auf reale Probleme in der Gesellschaft und in der Politik.“

    „Die Ängste der Deutschen“ ist die bundesweit einzige Umfrage, die sich über einen Zeitraum von fast 30 Jahren mit den Sorgen der Bevölkerung befasst. Bereits seit 1992 befragt das R+V-Infocenter jährlich rund 2400 Männer und Frauen im Alter ab 14 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland nach ihren größten politischen, wirtschaftlichen, persönlichen und ökologischen Ängsten.

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