06:51 22 Oktober 2020
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    Wie schützt der Kurznachrichtendienst Twitter Frauen davor, aufgrund ihres Geschlechts online angefeindet und bedroht zu werden? Wie effektiv werden Beschwerden bearbeitet und Verhalten von Nutzern geahndet, das gegen die Richtlinien verstößt? Amnesty International (AI) hat das untersucht und kam zu einem durchwachsenen Ergebnis.

    Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat ihre sogenannte „Scorecard“ für Twitter veröffentlicht. In dieser Erhebung geht es darum, inwieweit die Plattform die Vorgaben der Organisation umgesetzt hat, um Frauen besser vor Belästigung, Bedrohung und anderen Formen von sexualisierter Gewalt online zu schützen. 2018 hatte Amnesty International erstmalig entsprechende Empfehlungen an Twitter ausgesprochen und hat seither geprüft, inwieweit diese umgesetzt werden. Um Online-Gewalt gegen Frauen effizienter entgegenzuwirken, hat Amnesty International zehn Punkte aufgestellt, die den vier Kategorien Transparenz, Meldemechanismen, Prüfungsprozess von Beschwerden über Gewalt und Werkzeuge für Privatsphäre und Sicherheit untergeordnet sind. Alle diese Kategorien und Subkategorien sind nun ausgewertet und mit den Siegeln „Nicht umgesetzt“, „Teilweise umgesetzt“ und „Umgesetzt“ versehen worden.

    Schon die Kurzzusammenfassung der Ergebnisse in Tabellenform lässt erkennen: Während Twitter auf den meisten Gebieten zumindest Bemühungen unternommen und die Vorgaben teilweise umgesetzt hat, bleiben mehrere Felder rot eingefärbt für „Nicht implementiert“. Beruhigendes grün für „Voll umgesetzt“ zeigt hingegen nur eine einzige Subkategorie.

    Im Bereich „Transparenz“ kommt die Auswertung zu dem Schluss, dass Twitter in drei der vier Subkategorien Teilerfolge vorzuweisen hat, während eine Subkategorie gar nicht umgesetzt wurde. So habe Twitter laut dem letzten Transparenz-Bericht mehr Daten darüber veröffentlicht, gegen wie viele Nutzerprofile wegen Belästigung und Hassrede vorgegangen wurde, wie viele Beschwerden abgelehnt worden sind und wie viele Inhalte entfernt. Dagegen sei nicht aufgeschlüsselt worden nach verschiedenen Arten der Online-Gewalt, es seien auch keine Angaben darüber gemacht worden, auf wie viele Beschwerden die Plattform nicht reagiert habe, sowie über das proportionale Verhältnis zu den Nutzern, die sich beschwert haben. Zudem habe eine Aufschlüsselung nach Ländern und nach verifizierten und nicht verifizierten Nutzerprofilen gefehlt. In seiner schriftlichen Antwort an Amnesty International gab Twitter an, dass es bei der Länderaufschlüsselung zu falschen Interpretationen kommen könne, weil manche Nutzer diesbezüglich Falschangaben machten. Dies könne wiederum zu falschen Schlüssen führen, wenn man versuchte, zu erfassen, ob es in einem bestimmten Land vermehrt zu Online-Gewalt gegen Frauen gekommen sei.

    In den Bereichen der Transparenz von Moderationsprozessen sowie von erhaltenen und bearbeiteten Beschwerden schneidet Twitter in der „Scorecard“ durchweg schlecht ab – kein einziger Punkt ist auch nur ansatzweise implementiert worden. So veröffentlicht die Plattform keine der geforderten Daten zur Anzahl der Moderatoren oder deren Ausbildung, zu Anzahl und Art von Beschwerden, aufgeschlüsselt nach Art der Regelverstöße, sowie zu den Kriterien, nach denen die gemeldeten Verstöße geprüft werden.

    Eine „Ampel“ bescheinigt Amnesty International dem Kurznachrichtendienst in Sachen Beschwerdemechanismen. Rot für „Nicht umgesetzt“ bekommt er bei der Vorgabe, Nutzern eine optionale Feedback-Funktion anzubieten, bei der sie Twitters Reaktion auf ihre Beschwerde bewerten können. Solche Daten sollte Twitter laut AI erheben und jährlich veröffentlichen. Gelb für „Teilweise umgesetzt“ kassiert Twitter bei der Implementierung der Vorgabe, den Usern, die Gewalt gemeldet haben, Tipps und Links an die Hand zu geben, die sie dabei unterstützen sollen, mit den negativen Auswirkungen von Online-Gewalt umzugehen. Grün für „Umgesetzt“ gibt es dafür, dass den Nutzern auf Vorschlag von AI die Möglichkeit gegeben wurde, beim Einreichen der Beschwerde nicht nur mit ein paar Klicks aus verschiedenen Optionen auszuwählen, sondern in einem kurzen Text zu beschreiben, welche Art von Problem vorliegt. Gut sieht es ebenfalls dabei aus, wie Twitter seine Nutzer dabei berät, wie sie Entscheidungen bezüglich ihrer Beschwerden anfechten können und wie der weitere Prozess abläuft.

    Bei den Kampagnen, die ein Bewusstsein dafür schaffen sollen, welchen Schaden Belästigung, Beleidigung, Hassrede & Co. bei den Opfern anrichten, sowie bei konkreten Werkzeugen wie beispielsweise Benachrichtigungen von auffällig gewordenen Nutzern stellt Amnesty International der Plattform ein gemischtes Zeugnis aus. Während Twitter durchaus Anstrengungen in diesem Bereich unternommen habe, könne die Plattform noch mehr tun, gerade was genderbasierte Gewalt angehe, so Amnesty International. Unter anderem solle Twitter seine Nutzer mehr dazu anregen, Verstöße dieser Art zu melden – egal, ob man selbst betroffen sei oder andere.

    Welche Art von Verhalten der Nutzer von Twitter nicht toleriert werden kann, habe der Kurznachrichtendienst hingegen transparent und deutlich dargelegt. Verbesserungsbedarf gebe es bei der Kommunikation darüber, nach welchen Kriterien die Moderatoren Beschwerden prüfen und über etwaige Sanktionen entscheiden.

    Darüber, wie Twitter automatisierte Verfahren einsetzt, um Online-Gewalt gegen Frauen zu verfolgen, habe sich in Twitters Transparenz-Bericht leider keinerlei Information befunden – deswegen wird dieser Punkt mit einem roten „Nicht umgesetzt“ bewertet.

    Besser sieht es im Bereich „Privatsphäre und Sicherheit“ aus, wo Twitter in allen Subkategorien Teilerfolge bescheinigt werden. Zu den Vorgaben gehören beispielsweise Tools, die es Frauen online ermöglichen sollen, Gewalt aus dem Weg zu gehen. Dazu gehören Listen mit verletzenden Begriffen, die für die Einstellung der Filterfunktion verwendet werden können. Auch personalisierte Informationen zu Privatsphären- und Sicherheitseinstellungen sowie zu den Risiken, die damit einhergehen, wenn Nutzerinnen potentiell gefährliche Nutzer blockieren und somit nicht mehr sehen, wenn diese Drohungen und Beleidigungen in ihre Richtung aussprechen, sind Teil der Strategie. 

    „In den letzten Jahren haben wir Nutzern mehr Kontrolle über ihre Konversationen gegeben. Neben den Möglichkeiten des Stummschaltens und Blockierens haben wir im November 2019 die Funktion freigeschaltet, die es den Nutzern ermöglicht, Antworten zu verbergen. Im August 2020 haben wir es den Nutzern, insbesondere denjenigen, die Anfeindungen erlebt haben, ermöglicht, zu wählen, wer auf ihre Konversationen antworten darf“, hieß es in Twitters Antwort auf die vorliegende Analyse. Die Erfahrung habe gezeigt, dass Menschen, die online Anfeindungen und Gewalt erlebt haben, diese Funktionen nützlich fänden.

    Bei dem letzten Punkt auf der Vorgabenliste von Amnesty International geht es darum, in öffentlichen Kampagnen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welche Sicherheitseinstellungen es gibt und wie man diese benutzt. Hier werden Twitter im vorliegenden Bericht ebenfalls Teilerfolge bescheinigt.

    In der anschließenden Bemerkung betont Amnesty International, dass trotz der bereits unternommenen Bemühungen seitens Twitter, Frauen online vor Anfeindungen und Gewalt zu schützen, noch sehr viel mehr getan werden müsse.

    „Die ständigen Anfeindungen gegen Frauen auf dieser Plattform untergraben ihr Recht, sich gleichberechtigt, frei und ohne Angst zu äußern. Diese Anfeindungen betreffen viele verschiedene Gruppen, Frauen aus unterschiedlichen ethnischen und religiösen Minderheiten, marginalisierten Kasten, lesbische, bisexuelle und Trans-Frauen sowie non-binäre Individuen und Frauen mit Behinderung gehören zu den Opfern.“

    Amnesty International werde weiter verfolgen, wie Twitter die Vorgaben umsetze.

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    Tags:
    Diskriminierung, Frauen, Amnesty International, Twitter