22:26 27 November 2020
SNA Radio
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    81795
    Abonnieren

    Eine von der WHO publizierte Metastudie des renommierten Corona-Experten John P. A. Ioannidis kommt zu dem Ergebnis, dass das neuartige Coronavirus möglicherweise weniger tödlich ist, als bisher angenommen wurde.

    Während die Neuinfektionszahlen in ganz Europa ansteigen, ist die Zahl der an oder mit Covid-19 verstorbenen Patienten noch weit entfernt von Größenordnungen auf dem bisherigen Höhepunkt der Pandemie in Europa Ende März und Anfang April.

    Infektionssterblichkeit von 0,23 Prozent

    Eine Metastudie von John P. A. Ioannidis, Professor für Medizin und Epidemiologie an der Stanford-Universität, hat nun versucht, die sogenannte Infektionssterblichkeit von Sars-CoV-2 zu ermitteln.

    Ioannidis führte die Anzahl der Covid-19-Todesfälle in verschiedenen Regionen und Ländern zusammen und teilte diese durch die Anzahl der als Infizierte Erfassten in der Region. Insgesamt errechnete der Epidemiologe für 51 Standorte eine durchschnittliche Infektionssterblichkeit von 0,27 Prozent, korrigiert 0,23 Prozent. Zum Vergleich: Der Virologe  Christian Drosten von der Berliner Charite schätzt die Sterblichkeitsrate von Sars-CoV-2 für Deutschland auf 1,0 Prozent.
    Zum Vergleich: Die Wahrscheinlichkeit, an einer Grippe zu sterben, liegt bei 0,1 bis 0,2 Prozent.

    Je nach Altersstruktur in dem untersuchten Land und anderen sozialen Faktoren, kam auch Ioannidis auf eine recht breite Spanne. Die Infektionssterblichkeit lag in seiner Metastudie je nach Region zwischen 0,00 und 1,63 Prozent. Beispielsweise lag in Regionen mit weniger als 118 Todesfällen pro einer Million Menschen die Sterblichkeitsrate bei nur 0,09 Prozent. Rechnet man noch die Bevölkerungsgruppen von über 70 Jahren heraus, betrug die durchschnittliche Sterberate bei Covid-19 gar nur 0,05 Prozent.

    „Infektionssterblichkeitsraten geringer als zu Beginn der Pandemie angenommen“

    Ioannidis weist in seiner Metastudie darauf hin, dass die Ergebnisse für eine Region sich nicht auf das ganze Land übertragen lassen. So wurde in der Gangelt-Studie von Professor Streeck, die ebenfalls Eingang in die Untersuchung des Stanford-Wissenschaftlers fand, in der besonders stark betroffenen Region Heinsberg eine Sterblichkeit von 0,37 Prozent unter allen Infizierten ermittelt. Ioannidis geht jedoch davon aus, dass – trotz der großen Spanne von einer eher geringen Sterblichkeit in Ländern mit einer eher jungen Bevölkerung, beispielsweise in Afrika, bis hin zu einer eher hohen Sterblichkeit in manchen europäischen Regionen – im Schnitt von einer Infektionssterblichkeit durch Sars-CoV-2 von unter 0,20 Prozent ausgegangen werden kann. Mit entsprechenden Maßnahmen zum Schutz von Risikogruppen könnte sogar eine noch geringere Infektionssterblichkeit erreicht werden, so der Wissenschaftler.

    Ioannidis schreibt zusammenfassend in seiner Studie: „Die Infektionssterblichkeitsraten scheinen viel geringer zu sein, als in Schätzungen zu Beginn der Pandemie angenommen wurde.“

    Antikörper – ungenau, aber tendenziell aussagekräftig

    Ioannidis, der zu den renommiertesten Corona-Experten weltweit zählt, hat für seine Meta-Untersuchung insgesamt 61 Studien aus verschiedenen Ländern zu Antikörpern gegen Sars-CoV-2 im Blut ausgewertet. Über Antikörper wird die tatsächliche Infektionsrate innerhalb einer untersuchten Gruppe ermittelt. Ungenauigkeiten ergeben sich durch den erschwerenden Fakt, dass offenbar nicht alle mit Sars-CoV-2 Infizierten Antikörper entwickeln oder sie je nach Schwere der Infektion schneller abbauen.
    Durch die Kombination einer so großen Anzahl von Studien und damit einer hohen Zahl weltweit untersuchter Infizierter lassen sich aus Ioannidis‘ Metastudie jedoch recht zuverlässige Aussagen ableiten.

    „Statistiker“ und „Außenseiter“?

    Kritik an der Studie kam vom deutschen Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Auf Twitter schreibt er zu Ioannidis‘ Studie:

    ​Laut Berliner Einstein-Stiftung gehört John P. A. Ioannidis zu den zehn meistzitierten Wissenschaftlern der Welt. Die Metastudie wurde geprüft und editiert und ist offiziell über das Bulletin der Weltgesundheitsorganisation WHO veröffentlicht worden.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Streit um Bundeswehreinsatz gegen türkisches Schiff: EU-Geheimdokument bringt neue Details ans Licht
    Im Fall einer Wahl zum Bundeskanzler: Scholz will Kabinett weiblicher machen – Netz spottet
    Rohrlegeschiff „Akademik Cherskiy“ verlässt Mukran – nun auf dem Weg nach Kaliningrad
    Tags:
    Pandemie, WHO, Coronavirus, Karl Lauterbach, Christian Drosten