12:39 03 Dezember 2020
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    Ursprünglich wollte Sputnik mit dem Globalisierungshistoriker Prof. Dirk van Laak das Schicksal der neoliberalen Globalisierung diskutieren, für die Corona schätzungsweise zu einem Umkehrgrenzpunkt hätte werden müssen. Doch was als Expertenurteil pur gedacht war, entwickelte sich zu einem sanften Appell für eine Politik der ruhigen Hand.

    Der Neoliberalismus habe ausgedient, warnte etwa der Chef des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, ein 82 Jahre alter Ravensburger, im September. Man müsste den globalen Kapitalismus neu definieren, sonst käme die Veränderung mit Gewalt. Zu Beginn der Corona-Pandemie hießen ebenfalls viele Urteile, es werde keine Rückkehr zur neoliberalen Globalisierung geben bzw. zu den Vorpandemiezuständen, wenigstens in der EU. Tatsächlich gewann aber die anfangs als zu national bemängelte Corona-Bekämpfung an globalen Zügen, vor allem in der Impfstoffentwicklung.

    Dazu vermehren die Milliardäre rund um den Globus noch nachweislich ihr Vermögen, während die Mehrheit mit den wirtschaftlichen Folgen der staatlichen Corona-Maßnahmen zurechtkommen muss. Dann kommt noch ein gewisser Norbert Röttgen und pocht darauf, ein Nationalstaat sei keine politische und geopolitische Realität für das 21. Jahrhundert mehr – sie sei „die Globalisierung, die Entgrenzung, die Grenzüberschreitung“. War das aber nicht eher die Realität des Anfangs des 21. Jahrhunderts, an die sich weite Teile der deutschen politischen Elite samt Röttgen klammern? Zu Recht?

    „Ich war lange absolut der Meinung von Röttgen und habe das genauso gesehen“, sagt Prof. Dr. Dirk van  Laak von der Universität Leipzig gegenüber Sputnik. „Jetzt bin ich skeptischer geworden.“ 

    Van Laak forscht unter anderem zur deutschen, europäischen und Globalisierungsgeschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts, ist Co-Sprecher des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Autor eines Buches über den deutschen Imperialismus. Sein Punkt: Selbst, wenn viele von den Vorteilen der Globalisierung in Technik und Mobilität profitieren, nehmen momentan immer mehr Menschen eher Gefahren als Chancen durch die Globalisierung wahr, vor allem was ihre Sicherheit und aktuell die Gefährdung durch Krankheiten angeht.

    „Das ist in allererster Linie der Nationalstaat“

    Trotz aller Ängste muss van Laak jedoch feststellen, dass die Globalisierung ein unumkehrbares Stadium erreicht habe. Der Frage, ob er hiermit auch den Neoliberalismus meint, weicht der Historiker diplomatisch aus, was eher dafür spricht. Stattdessen zeigt er sich sicher, dass es künftig weder einen Rückfall in kleinere Wirtschaftseinheiten geben wird noch eine Rücknahme der internationalen Arbeitsteilung. Was man aktuell beobachte, seien vorübergehende „pessimistische Perioden“, wie auch vor etwa hundert Jahren, auf die man mit mehr Kontrollmechanismen reagieren würde. Kleinere Einheiten kämen dann in Frage, weil sie als bewährt, beherrschbarer empfunden werden. „Das ist in allererster Linie der Nationalstaat, für uns Historiker eine relative, aber trotzdem eine sehr machtvolle und in vielem auch eine erfolgreiche Erscheinung.“ Jedoch warnt van Laak davor, aufgrund dieser zyklischen Entwicklung der Globalisierung Parallelen von heute zu 1929 zu ziehen. Einen beängstigenden Zusammenhang zwischen der Weltwirtschaftskrise und der Wiederaufrüstung von damals sieht er „im Augenblick noch nicht“. Auch habe die Bundesrepublik keinen einflussreichen Politiker, der in irgendeiner Weise imperialistische Tendenzen verfolgen würde. 

    Auch ist es laut van Laak nicht die Globalisierung selbst, die die Ängste hochtreibt. Was denn? „Wir Historiker neigen zu mehr Gelassenheit. Das bedeutet auch eine gewisse Zurücknahme des Tempos.“

    Angst vor der Globalisierung haben viele Menschen van Laak zufolge auch dadurch, dass sie „das Gefühl haben, es geht einfach viel zu schnell und über ihre Köpfe hinweg, und sie dann kein Einspruchsrecht haben“. Deswegen werde das dann von vielen Menschen auf irgendwelche Eliten projiziert, die gewissermaßen vollendete Tatsachen schaffen würden, man bleibe aber selbst zurück und fühle sich bisweilen als Bürger zweiter Klasse. 

    „Das hat alles mit dem Tempo zu tun, mit der Handlungsdynamik und der Schnelligkeit, besonders, wenn Sachen, die gestern propagiert wurden, heute nicht mehr stimmen und morgen schon anders gemacht werden.“ 

    Insofern würden sich die Fachleute wie van Laak „eine Politik der ruhigen Hand“ wünschen, eine gewisse Kontinuität und vor allem Transparenz beim Treffen der Entscheidungen. Eine Erklärung der einzelnen Schritte, etwa bei den Corona-Maßnahmen, wäre für seine Begriffe schon ein Schritt zum Erfolg, der auch den proklamierten gesellschaftlichen Zusammenhalt beeinflussen könne.

    Der Historiker geht noch weiter und gibt zu, dass eine gewisse Rücknahme des Tempos auch für die Migrationspolitik erwünscht wäre. Die Migrationsprozesse müssten entschleunigt werden. „Ich verstehe nicht, warum Deutschland bis heute kein klares Einwanderungsgesetz hat, das klipp und klar sagt, welche Leute erwünscht sind und unter welchen Bedingungen. Das muss man noch besser aushandeln“, plädiert der Gesprächspartner von Sputnik. Auch die Integrationsprozesse in der EU und die Krisen innerhalb der Gemeinschaft verbindet er mit allzu schnellem Tempo. So habe die massive Osterweiterung das Projekt Europa letztendlich in eine lang andauernde Krise geführt.

    Deshalb würde van Laak einen Verzicht auf die nationale Souveränität, so wie es etwa Norbert Röttgen vorantreibt, historisch gesehen nicht präferieren.

    „Europa muss doch kein großer Nationalstaat werden, sondern es könnte ein Staatenverbund werden, wo der Nationalstaat eine wichtige Rolle spielt, nach dem Prinzip der Subsidiarität, wo es für bestimmte Probleme bestimmte Ebenen gibt“, sagt er zum Abschluss.

    „Ich bedauere den Brexit sehr, aber ich sehe ein, dass jetzt gerade in der Situation der Pandemie die bewährten Strukturen der jeweiligen Nationalstaaten wieder aufgewertet werden. Aber es würde mir weh tun, wenn es wieder zu den dichten Grenzen innerhalb Europas kommen würde. Ich erinnere mich noch daran, welcher Aufwand es war, diese Grenzen in meiner Jugend zu passieren, und bin sehr glücklich, dass die Grenzen offen sind.“ 

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    Tags:
    Bill Gates, Impfstoff, Coronavirus, Globalisierung