13:16 04 Dezember 2020
SNA Radio
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    53210
    Abonnieren

    Gewalt gegen Frauen ist Alltagssache – leider. Täglich kommt in den Nachrichten, dass wieder eine Frau vergewaltigt, vom Ehemann krankenhausreif geschlagen oder sogar getötet wurde. Doch: Physische, psychische und sexualisierte Gewalt gibt es auch gegen Männer und Jungen – und, wie Studien zeigen, sind das keine bedauerlichen Einzelfälle.

    Eine Auswertung des Bundeskriminalamtes von 2018 hat ergeben, dass knapp 20 Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt Männer sind. Die Zahl sei in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen und laut dem Opferhilfeverein Weißer Ring dürfte aufgrund der Tabuisierung des Themas die Dunkelziffer besonders hoch sein.

    Bereits zu Beginn der Corona-Pandemie sind verschiedentlich Befürchtungen laut geworden, Fälle der häuslichen Gewalt könnten signifikant steigen, wenn die Menschen gezwungen sind, mehr Zeit zu Hause zu verbringen und anderweitige Kontakte einzuschränken. Mit einer Plakatkampagne machen seit Monaten auch deutsche Prominente auf diese Gefahr aufmerksam. Männer können sich seit Ende April mit ihren Sorgen und Ängsten an Deutschlands erstes Hilfetelefon für von Gewalt betroffene Männer wenden. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Gleichstellung ist die Resonanz hoch – täglich würden vier bis neun Männer die kostenlose Hotline anrufen und von häuslicher Gewalt, sexuellen Übergriffen oder Konflikten in der Nachbarschaft berichten. Ähnliche Erfahrungen hatte man beim Opfertelefon des Weißen Rings schon in den letzten Jahren gemacht. So sei der Anteil der Männer, die das Hilfsangebot nutzten, von neun Prozent im Jahr 2017 auf 16 Prozent im Jahr 2019 gestiegen.

    Auf der Seite maennerhilfetelefon.de finden Betroffene nicht nur die Telefonnummer der Hotline, sondern auch eine ausführliche Erklärung dazu, an wen sich das Angebot richtet und warum es gut ist, über seine Probleme zu sprechen. In einfühlsamer Sprache soll den Männern vermittelt werden, dass ihre Ängste und Nöte eine Berechtigung haben und dass ein Mann mitnichten immer stark sein muss, um dem althergebrachten Rollenbild zu entsprechen. Gewalt gegen Männer sei real und habe viele Facetten.

    Übergriffe sind keine Ausrutscher

    Gleich als erster Punkt wird die häusliche Gewalt angesprochen. Betroffene – ob Männer oder Frauen – neigten dazu, gewalttätige Übergriffe seitens des Partners als „Ausrutscher“ zu werten und diesen Glauben oft sehr lange aufrechtzuerhalten, weil es eben so unfassbar sei, vom geliebten Menschen diese Gewalt zu erfahren. Und wenn Männer schließlich doch ihr Schweigen  brächen, würde ihnen häufig nicht geglaubt, auch von der Polizei nicht. Stigmatisierung, Tabuisierung und ein überkommenes Männlichkeitsbild würden so in eine Sackgasse führen, in der die Männer glaubten, alles alleine schaffen zu müssen. Ähnlich verhalte es sich mit sexualisierter Gewalt gegen Männer und Jungen. In den Medien würden nur ganz besonders „spektakuläre“ Fälle wie die in Lügde thematisiert, die alltäglichen sexuellen Grenzverletzungen, die Jungen und Männer erlitten, seien sehr selten Thema. So blieben sie allein mit der erlittenen Gewalt, würden diese nicht aufarbeiten und litten oft ein Leben lang an den Folgen.

    In weiteren Abschnitten werden physische Gewalt und Misshandlungen in der Kindheit, Gewalt im Öffentlichen Raum, Mobbing, Stalking, psychische Gewalt und Gewalt mit Diskriminierungsbezug angesprochen. Alles Formen der Verletzung, die auch Männern passierten und die sie nicht aus falscher Scham verschweigen sollten, statt sich Hilfe zu holen. Sogar Zwangsheirat könne einem Mann widerfahren und einen tiefen Eingriff in seine Persönlichkeitsrechte darstellen.

    Für Männer, die aus einer gewaltvollen häuslichen Umgebung raus müssen und keine Möglichkeit haben, eine eigene Unterkunft zu finden, oder bei Freunden oder Verwandten Zuflucht zu suchen, gibt es inzwischen Schutzwohnungen, wo sie und gegebenenfalls ihre Kinder unterkommen können. Bisher gibt es bundesweit nur neun solche Wohnprojekte. Die frühesten entstanden 2017 in Leipzig, Dresden und Stuttgart, die jüngsten Schutzwohnungen wurden im Juli dieses Jahres in Köln und Düsseldorf eingerichtet. Derzeit können die Schutzangebote insgesamt 26 Plätze für betroffene Männer anbieten, und die Nachfrage ist hoch. Er habe die Bereitstellung entsprechender Angebote seit Langem gefordert, so Matthias Becker, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Jungen- und Männerarbeit in Bayern, gegenüber der DPA. Das habe lange Kopfschütteln ausgelöst, denn häusliche Gewalt gegen Männer sei ein Tabuthema – auch unter Männern.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Grenzdurchbruch aus Ukraine: Bewaffnete Gruppe will nach Russland eindringen
    Österreichs Kanzler Kurz: Migranten „importierten“ Corona-Fälle durch Heimatbesuche
    Journalisten von Sputnik und Baltnews in Lettland festgenommen – Moskau kritisiert scharf
    Tags:
    Opfer, Hilfe, Häusliche Gewalt