12:12 03 Dezember 2020
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    Während die Aktien von BioNTech, dessen Corona-Impfstoff 90-prozentige Sicherheit verspricht, durch die Decke gehen, scheint keiner mehr von Curevac zu reden, dem deutschen Impfstoffentwickler, den im März sogar Trump kaufen wollte. Nach dem Motto „Überholen, ohne Einzuholen“ bringt sich die Tübinger Firma nun mit einem Ass wieder ins Spiel.

    Als die Beraterkommission der Bundesregierung am Montag ihre Impfstrategie vorstellte, war die Rede von riesigen Impfzentren, die eingerichtet werden müssen, da die neuen Corona-Impfstoffe bei bis zu minus 80 Grad Celsius gelagert werden müssen, was normale Arztpraxen nicht gewährleisten können.

    Offensichtlich bezogen sich die Kommission und später auch Bundesgesundheitsminister Spahn auf den Impfstoff des deutschen Pharma-Start-Up BioNTech.

    Dieses hatte ebenfalls am Montag eine beeindruckende Wirkquote von mindestens 90 Prozent für ihren Corona-Impfstoff verkündet, der angeblich kurz vor der Zulassung stehe, was nicht nur an der Börse für Euphorie sorgte.

    Auf die Temperatur kommt es an

    Der andere deutsche Innovationsträger bei der Entwicklung eines Covid-Impfstoffs, die Tübinger Firma Curevac zieht nun nach. Der andere deutsche Innovationsträger bei der Entwicklung eines Covid-Impfstoffs, die Tübinger Firma Curevac, zieht nun nach. Auch wenn es noch keine Prozente für die Sicherheit ihres Medikaments angibt, verkündet das Unternehmen nun sensationelle Werte für die Kühllagerung ihres Impfstoffs. Wie Curevac am Donnerstag mitteilte, soll ihr Corona-Impfstoff schon bei Kühlschranktemperatur mindestens drei Monate stabil bleiben, für 24 Stunden sogar bei Zimmertemperatur. Dies könnte sich nun tatsächlich als ein entscheidender Marktvorteil für Curevac erweisen, da nach jetzigem Stand bei den anderen Anbietern der Einsatz kostspieliger Kühltechnik nötig wäre.

    Trump buhlt um Curevac

    BioNTech kennen seit Montag alle – Curevac muss nun wieder aufholen an der Image- und Innovationsfront. Vor einem halben Jahr war das noch umgekehrt. BioNTech war nur Insidern bekannt, Curevac spielte bereits in der Weltgeschichte mit. Um die Tübinger Firma wurde gebuhlt wie um den Heiligen Gral.

    Angeblich soll US-Präsident Donald Trump der mittelständigen Firma viel Geld geboten haben, um sich exklusive Produktionskapazitäten des zu entwickelnden Impfstoffes für den US-Markt zu sichern. Daraufhin soll Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Veto eingelegt haben. Der deutsche Staat stieg mit gut einer Viertelmilliarde Euro als Hauptsponsor in die Impfstoffentwicklung des Forschungsunternehmens ein. Auch die EU-Kommission steuerte schnell 80 Millionen Euro bei, um sich ein Stück vom Impfkuchen für die Zukunft zu sichern. 

    Ohne Moos nichts los

    Nach dem Abwerbeversuch von Trump im März ging alles sehr schnell, Staatsgelder flossen, weiteres Kapital wurde durch den Börsengang der Firma im August generiert. „Innovationen fallen nicht vom Himmel“, sagt Dr. Franz-Werner Haas, der Vorstandsvorsitzende der CureVac AG am Donnerstag in einer Videokonferenz mit ausländischen Journalisten. Das hat man in den USA schon länger erkannt, wo der Staat allein der Firma Moderna eine Milliarde Dollar zur Corona-Vakzin-Entwicklung bereitgestellt hat. Die US-Firma Pfizer hat BioNTech zu diesem Zweck gleich zwei Milliarden Dollar überwiesen. Da wirken die Entwicklungskosten von einem „hohen dreistelligen Millionenbetrag“, der Curevac für die Impfstoffentwicklung zur Verfügung steht, schon fast bescheiden.

    Die EU sichert sich den Löwenanteil

    Hinter den Kulissen wurden Verträge mit der EU gestrickt. Deutschland wolle zwar, so Gesundheitsminister Spahn, bevorzugt Impfstoffe aus deutscher Entwicklung nutzen, überlasse aber, als guter Europäer, den Aufkauf und die Verteilung Brüssel. So hat die EU bereits vor Wochen mit Curevac einen Vorvertrag über die Lieferung von 225 Millionen Impfdosen mit einer Option auf weitere 180 Millionen Impfdosen abgeschlossen. Die Verhandlungen darüber, auch über so strittige Themen wie Produkthaftung bei Klagen aufgrund von später auftretenden Nebenwirkungen und Spätfolgen, laufen noch, bestätigt Curevac-Chef Haas. Der Vertrag der EU mit BioNTech über 200 Millionen Dosen mit einer Option auf weitere 100 Millionen Dosen ist dagegen bereits in trockenen Tüchern.

    Die Letzten werden die Ersten sein

    Curevac ist spät dran. Gerade erst haben sie Phase I der Tests ihres Corona-Impfstoffs beendet. Trotz des enormen Zeitdrucks versuchte die Firma wie gewohnt gründlich zu arbeiten und möglichst viele Probanden zu impfen, mehr als die Konkurrenz, um eventuelle Nebenwirkungen auszuschließen.
    Es dürfte die Forscher von Curevac kalt erwischt haben, als der deutsche Konkurrent BioNTech und sein mächtiger US-amerikanischer Partner Pfizer am Montag verkündeten, dass sie bereits am Ende von Phase III seien und kurz vor der Zulassung stünden. 

    Curevacs Zeitplan sieht vor, jetzt erst mit Phase II und anschließend mit Phase III zu beginnen. In circa drei Monaten sollen dann die ersten Daten zur sogenannten „Rolling Submission“, also zur Überprüfung noch während der Testphase, an die Zulassungsstelle eingereicht werden. Eine bedingte Zulassung für Risikogruppen ist für das zweite Quartal 2021 angedacht, die finale Zulassung erst für das dritte. Sorgen, damit im Vergleich zu spät zu sein, beispielsweise im Vergleich zu BioNTech/Pfizer, versucht CEO Haas auszuräumen. Zu Beginn werde der weltweite Bedarf an Impfstoff so hoch sein, dass der einzige Konkurrent keine anderen Unternehmen, sondern nur die Zeit sei, so Haas. Curevac spekuliert darauf, dass auch im Herbst 2021 noch viele Millionen Menschen geimpft werden wollen. Zumal dann die Abnahmeverträge mit der EU über mindestens 225 Millionen Dosen gelten werden. Curevac rechnet für 2021 mit einer Produktion von maximal 400 Millionen Dosen ihres Corona-Impfstoffes.

    Chance in a lifetime

    Die Tübinger Firma war die erste, die sich bereits seit der Gründung vor zwanzig Jahren nahezu ausschließlich auf die Erforschung und Entwicklung von Impfstoffen, die auf Boten-Nukleinsäuren (mRNA) basieren, konzentrierten. Das überzeugt bereits 2006 den SAP-Gründer Dietmar Hopp, der Haupteigentümer von Curevac ist. 2015 stieg auch die Bill Gates Foundation ein.

    Geduld und Investition haben sich anscheinend gelohnt.  Diese Methode der Impfstoffentwicklung, bei der das Biomolekül mRNA genetische Informationen aus der DNA abbildet, diese in die Gene einschleust und dort zur Produktion von Antikörpern anregt, scheint sich bei dem Wettlauf um einen Covid-Wirkstoff durchzusetzen. Sowohl BioNTech als auch andere führende Impfstoff-Entwickler wie Moderna in den USA setzen auf diese Methode. Und hier hat Corevac mit Abstand die längste Erfahrung. Firmenchef Haas erzählt, dass sie zwar schon immer an diesem Thema forschen, aber seit Ausbruch der Pandemie herrsche bei ihm im Hause ein „All-in“, also alle Ressourcen würden nur zur Entwicklung des Covid-19-Impfstoffes eingesetzt. Haas, Chef des mittelständigen Unternehmens mit im Moment 560 Mitarbeitern – Tendenz steigend –, bezeichnet dies als eine „chance in a lifetime“.

    Der Preis macht die Musik

    Auch wenn Firmenchef Haas bisher weder genaue Angaben zum Preis noch zum prozentualen Schutz des Curevac-Impfstoffs macht, scheint die Firma hier ein weiteres Pfund zu haben. Es ist Curevac wohl gelungen, unter Einsatz eines Minimums an mRNA einen Höchstgrad an Wirkung zu erzielen. Modernas Impfstoff enthält 100 Mikrogramm mRNA, BioNTech verwendet 30 Mikrogramm und Curevac zwölf Mikrogramm. Das hat natürlich entsprechend Einfluss auf Produktionskapazitäten, Kosten und Preise.

    Der dritte und vielleicht entscheidende Marktvorteil von Curevac könnte zudem in der Lagerung des Impfstoffs liegen. Da die Impfstoffe von BioNTech und anderen Anbietern wohl bei bis zu minus 80 Grad Celsius gelagert werden müssen, erfordert dies die Einrichtung von speziellen Impfzentren, weil normale Arztpraxen nicht über solche Lagermöglichkeiten verfügen. Die Bundeswehr hat sogar schon angeboten, mit schwerem Gerät logistisch bei der Kühllagerung zu unterstützen.

    Curevac-Chef Haas erklärt dazu: „Deshalb haben wir am Anfang der Entwicklung lieber etwas mehr Zeit investiert, um dann bei der Logistik Vorteile zu haben.“

    Joint Venture mit Tesla

    Einen Produktions- und Vertriebspartner, wie es bei BioNTech der US-Konzern Pfizer ist, hat Curevac noch nicht verkündet. Bekannt ist allerdings schon, dass die Firma für die Produktion kleinerer Mengen mit einer anderen Innovationsschmiede, nämlich mit Tesla, zusammenarbeiten wird. Der US-Konzern, der vor allem für die Herstellung von Elektroautos bekannt ist, baut sogenannte RNA-Fabriken, in denen spontan kleinere Mengen des Impfstoffes für Kliniken und dergleichen hergestellt werden können. 

    ​Diese sogenannten „mRNA Printer“ hat Curevac gemeinsam mit Tesla entwickelt, um unabhängig von den großen Produktionsstätten in wenigen Tagen genügend mRNA zum Beispiel für eine Stadt oder eine Region zu produzieren. 

    Sicher und risikofrei?

    „Die Impfstoffe, die jetzt in der Entwicklung sind, sind schon sehr gut“, meint der Curevac-Chef. Haas zeigt aber auch Verständnis für anfängliche Bedenken in der Bevölkerung und meint:

    „Innovation muss erklärt werden, sonst macht sie Angst.“

    Um Bedenken auszuräumen, betont der Wissenschaftler, dass seine Firma nicht mit dem tatsächlichen Virus arbeite, sondern nur mit dessen Geninformation, die bereits im Januar entschlüsselt wurde. Diese würde abgelesen von den körpereigenen Proteinen und zerfalle dann im Körper. „Eine risikofreiere und sicherere Impfung kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Haas.

    Zu Risiken und Nebenwirkungen…

    Angesprochen auf mögliche Nebenwirkungen des neuen Impfstoffs, verweist Firmenchef Haas auf die langjährige Erfahrung von Curevac. Bereits seit 2014 erforschen sie die Wirkung von mRNA-Wirkstoffen auch am Menschen. Es gibt also im Allgemeinen mit dieser Methode auch schon eine gewisse Langzeiterfahrung, so Haas. Die mRNA-Impfstoffe hätten sich als „definitiv sicher und verträglich“ erwiesen. Bisher gebe es keine Komplikationen und keine Nebenwirkungen bis auf die üblichen Begleiterscheinungen einer Impfung, wie einer leicht erhöhten Körpertemperatur oder Müdigkeitsgefühl, was aber nach ein bis zwei Tagen wieder weggehe und „die möglichen Symptome einer Covid-19-Erkrankung mehr als aufwiegt“, so Haas.

    Klar sei allerdings noch nicht, wie lange der Schutz vor Covid -19 mit dieser Impfung anhalte, räumt Haas ein. Er vermutet jedoch, dass eine einmalige Impfung (mit zwei Dosen) genüge, um die T-Zellen ausreichend zu stimulieren, sodass sie später auch ohne Impfung auf Angriffe durch den Sars-Cov-2-Virus reagieren. Die Impfung müsse also wahrscheinlich nicht, wie bei der Grippe, wo es immer wieder saisonale Mutationen gibt, jedes Jahr wiederholt werden, hofft Haas.

    „Aber genau weiß das bisher noch keiner“, räumt der Forscher ein.

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    Deutschland, Corona-Impfstoff, Pfizer, CureVac, Coronavirus