13:00 03 Dezember 2020
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    Maskenpflicht, Stoßlüften, halbierte Klassen – lässt sich damit der Schulbetrieb bei steigenden Infektionszahlen wirklich aufrechterhalten? Und tut die Politik genug für die Schulen in Zeiten der Pandemie? Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Lehrerverbandes, zieht im Sputnik-Interview eine Zwischenbilanz.

    - Herr Meidinger, während viele Bereiche des öffentlichen Lebens angesichts der steigenden Infektionszahlen in den erneuten Lockdown geschickt wurden, möchte die Bundesregierung am Präsenzunterricht in den Schulen festhalten. Was halten Sie davon?

    Dass Präsenzunterricht ein großes Ziel ist, auch von uns Lehrkräften, ist unstrittig, weil wir gesehen haben, was im Fernunterricht verloren gehen kann. Wir haben während des Lockdowns viele Schüler „verloren“, weil wir sie nicht über Fernunterricht erreichen konnten. Umgekehrt muss man aber sagen, dass die Politik derzeit davor die Augen verschließt, dass Schulen vom Infektionsgeschehen doch stark betroffen sind.

    Man hat leider die Hygienestufenpläne einkassiert, die vorgesehen haben, dass ab gewissen Infektionszahlen an den Schulen der Gesundheitsschutz wieder hochgefahren werden muss. Beispielsweise durch Maskenpflicht, Abstandsregeln, halbierte Klassen. Derzeit reagiert man nur: Wenn es Infektionsfälle gibt, schickt man die Kinder nach Hause. Vorsorge wird aber nicht mehr betrieben und das halten wir für einen äußerst gefährlichen Kurs.

    - Wie könnte solch eine Vorsorge konkret aussehen?

    Wenn die Infektionszahlen in bestimmten Landkreisen und Kommunen durch die Decke gehen, sind wir dafür, dass auch an den Schulen die Sicherheitsmaßnahmen verschärft werden müssen. Dass die Maskenpflicht beispielsweise auch bei Grundschülern eingeführt wird. Wir sind auch der Meinung, dass Luftfilteranlagen angeschafft werden müssen, denn wir können viele Klassenzimmer gar nicht richtig lüften. Und dass man sich auch für die Wiedereinführung der Abstandsregel entscheidet. Allerdings eben passgenau vor Ort. Es gibt viele Schulen, die gute Lösungen haben – das hängt ja auch von der digitalen Ausstattung ab, von der Altersstruktur der Kinder. Auch davon, ob Kinder dabei sind, die einen besonderen Förderbedarf haben. Diese muss man eher im Präsenzunterricht halten. Andere kann man durchaus nach Hause schicken, weil sie da gut betreut werden.

    Es geht darum, zu handeln. Es gibt kein Patentrezept. Aber jetzt einfach zuzuschauen und darauf zu warten, wann die nächste Infektion auftritt, halten wir für den falschen Weg. Ist ja völlig klar: Wenn Sie beispielsweise zwei Klassen in Quarantäne schicken müssen, dann sind an einer weiterführenden Schule auch gleich sieben, acht, zehn Lehrer betroffen. Wir haben das Fachlehrerprinzip, das bedeutet, dass dann auch für andere Klassen massiv Unterricht ausfällt. Da einfach abzuwarten, ist wie das Starren des Kaninchens auf die Schlange, wann sie endlich zubeißt. Man merkt: Sie beißt zu! Da muss man vorsorglich handeln.

    - Vereinzelt hat es Vorschläge gegeben, man könnte den Unterricht auch in leerstehenden Kirchen oder Museen abhalten, um durch diese zusätzlichen Räumlichkeiten den Abstand zu gewährleisten. Eine praktikable Lösung?

    Das wird mit Sicherheit nicht die Patentlösung sein. Im Einzelfall kann so etwas natürlich helfen. Bei Grundschulen kann ich mir das gut vorstellen. Da haben wir das Klassenprinzip mit einer Lehrkraft in der Klasse, wo man nicht häufig die Räume wechseln muss. Da kann man auch mal auf andere Räume ausweichen, wo man den ganzen Tag bleiben kann. An einem Gymnasium, wo die Schüler jede Stunde ein anderes Fach haben, stelle ich es mir schwierig vor, wenn die Schüler ständig zwischen diesem zusätzlichen Raum und dem Schulgebäude wechseln müssen.

    - Sie sagten, Sie hätten Schüler „verloren“, weil diese aufgrund mangelnder Laptops den Fernunterricht nicht verfolgen konnten. Noch im Sommer wurde ja versprochen, es würden Dienstlaptops für Lehrkräfte und Internet-Flatrates für Schüler bereitgestellt werden, bis heute ist das nicht passiert.

    Mit Sicherheit ist da viel Zeit verschwendet worden. Wenn jetzt wieder Phasen des Fernunterrichts oder des Wechselmodells kommen würden, glaube ich, dass wir besser aufgestellt wären, als wir es damals waren. Damals sind wir alle überrascht worden, die Lernplattformen sind zusammengebrochen. Man hat gesehen, dass viele Kinder zu Hause überhaupt keinen Laptop nutzen können, weil ihn die Eltern brauchen oder keiner da ist.

    Bei den Lehrkräften haben wir im Umgang mit digitalen Tools auch ein Defizit gehabt – sie haben sich da erst einarbeiten müssen. Aber ich glaube, da hat sich einiges getan. Die Kompetenz der Lehrer im Umgang mit diesen Tools ist deutlich besser geworden. Die Verteilung der Leihgeräte an Schüler, die bisher zu Hause keinen Laptop nutzen konnten, läuft mittlerweile auf vollen Touren. Aber damit sind die positiven Meldungen schon am Ende. Die Verteilung von Dienstlaptops an Lehrer wird wahrscheinlich noch das ganze Schuljahr dauern.

    Auch bei den Lernplattformen haben wir leider keine großen Fortschritte gemacht: Sie sind immer noch zu langsam beziehungsweise vom Ausstattungsumfang her nicht ausreichend. Auch die digitale Infrastruktur – also schnelles Internet an Schulen – sollte der Digitalpakt eigentlich bringen. Da hat sich ganz wenig getan. Ich habe den Eindruck, als Corona plötzlich vor der Tür stand, hat die Politik die Schulen vergessen. Sie hat sich auf Wirtschaft, Kurzarbeitergeld, Reiseunternehmen, Gaststätten konzentriert. Das war ja auch gut und richtig. Aber man hätte gleichzeitig auch erkennen müssen, wie wichtig es ist, beispielsweise Schulen digital nachzurüsten. Das hat man im Grunde genommen erst vor ein paar Wochen realisiert, und da ist es vielfach schon zu spät.

    - Nun handhaben die Länder es ja ganz unterschiedlich. Auch innerhalb eines Bundeslandes gibt es durchaus widersprüchliche Ansichten zur Notwendigkeit bestimmter Maßnahmen. Das Fehlen einer einheitlichen Linie verunsichert viele Menschen. Wie beurteilen Sie die Situation?

    Aktienindex von IT-Giganten Amazon und Apple in der New Yorker NASDAQ-Börse (Archivbild)
    © AP Photo / Mark Lennihan (ARCHIVFOTO)
    Ich bin schon ein großer Anhänger dessen, dass man vor Ort Eigenständigkeit hat. Dass eine Schule, die ja ziemlich genau weiß, wie die Umstände sind und welche Möglichkeiten man hat, freien Spielraum hat. Die Aufgabe der Politik ist es, einen Rahmen zu setzen, wie klare Hygienestufenpläne oder wie die Mittel des Digitalpakts möglichst schnell verteilt werden. Da sind natürlich auch die Schulträger, also die Kommunen und Städte, stark gefordert. An dieser klaren Linie und an der Weitsicht fehlt es eben. In solchen Krisenzeiten rächt sich, dass oft keine vorausschauende Politik betrieben worden ist.

    - Die Schule ist ein Spiegel der Gesellschaft, und auch dort gibt es unter Lehrern und Schülern solche, die die Maßnahmen für übertrieben halten oder sogar gegen die Maskenpflicht auf die Straße gehen. Wie gehen Sie damit um?

    Natürlich hat in unserer Gesellschaft jeder das Recht, seine eigene Meinung zu vertreten. Ich will keinem Lehrer das Recht abstreiten, auf eine Querdenker-Demo zu gehen und zu sagen: Ich finde das alles übertrieben und Maskenpflicht an Schulen muss nicht sein. Ich muss sagen, an den Schulen selbst haben wir eigentlich wenig Probleme. Natürlich gibt es immer wieder Eltern, die fragen, ob das denn sein muss. Grundsätzlich im Schulbetrieb ist es die absolute Ausnahme, dass Lehrer oder Schüler sagen, sie machen das auf gar keinen Fall. Die sagen zwar, sie hielten es für übertrieben, aber die Mehrheit in der Klasse sei anderer Meinung beziehungsweise das sei eben die Regel und da würden sie sich dran halten.

    Man darf die Gesundheitsgefahren an Schulen nicht unterschätzen – auch wenn Kinder unter zehn vielleicht weniger infektiös sind. Wir wissen, dass es bei den Infektionen bei Kindern eine hohe Dunkelziffer gibt, weil sie oft einen asymptomatischen Verlauf haben. Wir wissen, sie können Infektionen weitergeben. Wir haben mittlerweile Fälle, wo wirklich massive Ausbrüche an Schulen dokumentiert worden sind, etwa in Hamburg. Ich plädiere dafür, Rücksichtnahme zu üben, gemeinsam durch die Pandemie zu kommen und solche Konflikte nicht auf dem Rücken der Kinder auszutragen. Ich hoffe, dass wir in einem oder zwei Monaten besser dastehen und es einen Impfstoff geben wird.

    - Wie gehen Sie auf der anderen Seite mit denjenigen um, die sehr ängstlich sind und ihre Kinder nicht der Gefahr aussetzen wollen, in Pandemie-Zeiten in die Schule zu gehen?

    Diese Eltern gibt es natürlich. Es gibt auch Kinder, die Angst haben, teilweise auch berechtigt. Weil das Kind selbst zwar geringe Gefahr läuft, dass es schwer erkrankt, aber zu Hause die Eltern oder die Großeltern Hochrisikopersonen sind. Ich war ja selbst bis vor kurzem Schulleiter und ich hatte mehrere Fälle, wo zu Hause Personen waren, die in einer Krebstherapie waren und wo das Immunsystem ja massiv runtergefahren wird. Sie sagten: Wenn das Kind eine Infektion heimbringt, wäre das mein Todesurteil.

    Als Schulleitung muss man sich das natürlich genau anschauen und Lösungen finden. Wir haben Möglichkeiten der Fernbeschulung oder dass wir solche Kinder dann in einen eigenen Raum setzen, wo der Abstand gehalten werden kann. Ich bin absoluter Anhänger davon, immer eine Lösung zu finden. Eine, die auch Ängste abbaut. Wenn eine Angst da ist, dann kann ich nicht sagen: Du brauchst keine Angst zu haben. Sondern ich muss einen Beitrag dazu leisten, dass die Angst abgebaut wird.

    - Ist 2020 für die Schüler ein verlorenes Jahr?

    Ich habe nach wie vor die große Hoffnung, dass wir am Ende der Pandemie nicht sagen müssen, wir hätten ein Schuljahr verloren. Aber natürlich darf man das Problem auch nicht kleinreden. Wir haben ja schon im letzten Schuljahr ein halbes Jahr gehabt, in dem die Schulen monatelang zu waren. Wir merken jetzt, dass die Erwartungen – wir könnten die Lücken, die dabei entstanden sind, durch Zusatzförderung schließen – sich nicht umsetzen lassen und wir an unsere Grenzen stoßen. Einerseits, weil wir zu wenige Lehrkräfte haben, andererseits, weil wir schon wieder Schulschließungen vor uns haben.

    Da addieren sich die Defizite. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit dem Beheben dieser Defizite noch bis ins übernächste Schuljahr beschäftigt sein werden. Besonders die Abschlussjahrgänge muss man in den Blick nehmen, die ja nicht einfach mit Defiziten auf den Arbeitsmarkt oder an die Universität rausgeschickt werden können. Das ist noch eine riesige Aufgabe. Ich habe nach wie vor die Hoffnung, dass wir kein Zusatzjahr brauchen werden. Aber es könnte durchaus sein, dass es für eine Reihe von Schülern vorteilhaft wäre, wenn sie ein Jahr freiwillig wiederholen, um die nötigen Kompetenzen zu haben, wenn sie aus der Schule rausgehen.

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