21:15 23 November 2020
SNA Radio
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    121116
    Abonnieren

    Den Einfluss des im Oktober verstorbenen Berliner Friedensforschers und Militär-Experten Otfried Nassauer auf Friedensbewegung, Medien und Politik, versucht Sputnik zu ergründen. Siegfried Fischer schildert, wie sein Kollege und Freund militärisches Fachwissen erwarb und weitergab. Nicht nur das „BITS“ bleibt als Vermächtnis.

    Militär-Strategien, Rüstung, Waffen-Exporte, Landminen, Handfeuerwaffen und Munition, nukleares wie konventionelles Wettrüsten der globalen Militärmächte: All das begleitete Abrüstungs-Experte Otfried Nassauer (1956 – 2020) Zeit seines Lebens kritisch mit ungeheurem Detailwissen.

    Er gab der Friedensbewegung in Deutschland und der Bundeswehr wichtige Impulse, war international vernetzt und lieferte sowohl für Medien als auch für friedenspolitische Initiativen fachliches Hintergrundwissen. In vielen Fachzeitschriften und Zeitungen schrieb er regelmäßig Beiträge zu aktuellen, militärpolitischen Fragen. Journalisten und Politiker suchten häufig seinen Rat.

    Ein Lebenswerk

    Schon kurz nach dem Fall der Berliner Mauer organisierte Nassauer Treffen zwischen Offizieren der Nationalen Volksarmee (NVA) – also der früheren DDR-Streitkräfte, insbesondere von der Militärakademie „Friedrich Engels“ in Dresden – und der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Mit ostdeutschen Militärs und Friedensengagierten nahm er sowohl an Veranstaltungen im Hauptquartier der Nato wie auch des neuen russischen Generalstabs teil.

    Als logische Konsequenz daraus gründete und leitete Nassauer das „Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit“ (BITS) ab dem Jahr 1991 . Dieses wurde rasch zu einem schier unerschöpflichen Fundus an Quellen, Materialien und vor allem Analysen zu außen- und sicherheitspolitischen Fragen. Er schuf darüber hinaus transnationale, friedenspolitische Netzwerke, die bis heute beispielsweise nach Übersee reichen.

    Auch Sputniknews Deutschland durfte in den letzten Jahren häufig an der Expertise Nassauers teilhaben. So analysierte er für die Redaktion zuletzt im vergangenen Sommer den Ausstieg der US-Regierung aus dem „Open Skies“-Vertrag. Neuartige Hyperschall-Waffen betrachtete er Anfang des Jahres. Den mittlerweile gekündigten INF-Vertrag zwischen Moskau und Washington nahm er ebenfalls mehrfach unter die Lupe.

    Ausgangspunkt der Zusammenarbeit von Sputnik mit Nassauer war „meine Entwicklung im letzten Jahr der DDR“, erklärte Siegfried Fischer, Mitbegründer des BITS, im Sputnik-Gespräch. Er war langjähriger Freund und Kollege des verstorbenen Friedens- und Konfliktforschers.

    „Wo es darum ging, sicherheitspolitisch neue Wege zu gehen und ein konfliktfreies Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten zu gewährleisten, natürlich sicherheitsstabilisierend für Europa.“

    „Ungeahntes Netzwerk friedenspolitischer Spezialisten“

    Als früherer NVA-Offizier und Dozent einer Militärakademie „mit den ersten deutsch-deutschen Offiziersversammlungen“ erhielt Fischer diesbezüglich Einblicke und traf Vertreter einer friedenspolitischen Ausrichtung. Vor diesem Hintergrund lernte er Otfried Nassauer „auf einer Hamburger Konferenz kennen.“ Beide gaben 1992 den Sammelband „Satansfaust: Das nukleare Erbe der Sowjetunion“ heraus.

    So „führte mich Otfried in das unstete und harte Leben und Wirken eines bundesdeutschen freischaffenden Friedensforschers und Journalisten sowie in ein ungeahntes Netzwerk friedens- und sicherheitspolitischer Spezialisten und Interessenten ein“, schreibt der Kollege und Freund von Otfried Nassauer aktuell in memoriam im „Blättchen“ – einer Zweiwochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft (Ausgabe Nummer 21, Oktober 2020).

    „Ich staunte immer wieder darüber, wie tief Otfried in friedenspolitisch relevante militärische und militärtechnische Details eingedrungen war und sie abrufbereit im Kopf und in seinem Privatarchiv abgespeichert hatte. Noch mehr aber bewunderte ich seine Fähigkeit, fair und offen zu debattieren, indem er immer wieder die Fakten in den Mittelpunkt stellte und nicht politische Standpunkte oder ideologische Prämissen.“

    Der Jugoslawien-Krieg als „Tabu-Bruch“

    Nassauer und Fischer haben sich gut ergänzt, erklärte letzterer im Gespräch:

    „Die eigentlich erstaunliche Ausgangsposition war: Otfried Nassauer war weder gelebter noch gelernter Militär. Er hat Theologie studiert und war friedenspolitisch engagiert, ohne Mitglied bei den Grünen zu sein. Er gehörte zum Beraterstab des Realo-Flügels der Grünen. Hat außerdem viel für die friedenspolitischen Strukturen der Partei und für andere zugearbeitet. Er hatte ein unheimliches, autodidaktisches Wissen über Militär, Militär-Technik, Strategien und Militär-Politik gesammelt.“

    Außergewöhnlich sei es, dass jemand wie Nassauer „außerhalb von militärischen Strukturen in dieses Thema so tief eindringen konnte. Insofern war Otfried immer wieder in der Position, seine Meinung ganz profund zu untermauern, ohne aber den Anderen zu diskreditieren oder ähnliches.“ Er habe eine unnachahmliche Fähigkeit gehabt, einen demokratischen Gesprächsstil zu führen. Selbst alteingesessene Militärs konnte der Friedensforscher so immer wieder in Gesprächen mit Argumenten entgegnen.

    Als der grüne Außenminister Joschka Fischer Deutschland Ende der 1990er Jahre am Jugoslawien-Krieg beteiligte „war Otfried sehr getroffen. Das war ein Tabubruch. Andererseits hatte er, da er selber offen und gesprächsbereit war, immer versucht, den Dialog aufrechtzuerhalten“, sagte der BITS-Mitbegründer.

    „Ratgeber der Friedensbewegung“

    Mitte Oktober erschien in in der „Taz“ eine Traueranzeige, die „von hunderten Menschen und Organisationen unterzeichnet“ wurde. Darunter die Bundestags-Verteidigungspolitiker Alexander Neu und Tobias Pflüger (Die Linke), Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth und Jürgen Trittin (Grüne), die frühere Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) oder auch Friedens-Initiativen wie „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“, „Darmstädter Signal“ sowie die „Internationale Liga für Menschenrechte“ – um nur wenige zu nennen.

    „Als Experte für strategische Fragen, Waffensysteme und Rüstungskontrolle war er mit seinem fundierten Wissen ein äußerst gefragter Ratgeber der Friedensbewegung, der Medien, der Kirchen und der Politik, aber auch ein sehr respektierter Gesprächspartner von Vertretern der Bundeswehr“, heißt es darin.

    „Großzügig stellte er sein umfassendes Wissen, seine Recherche-Ergebnisse und seine Artikel zur Verfügung, wenn es darum ging, in der Öffentlichkeit den Argumenten für Abrüstung und gegen weitere Aufrüstung und Krieg breiteres Gehör zu verschaffen. Sein profundes Detailwissen war immer hilfreich, aber auch herausfordernd und zum Weiterdenken anregend.“

    Dies sei „ein Dokument über Otfrieds Netzwerk und Zusammenarbeit, das ist unnachahmlich“, ordnete Fischer im Sputnik-Interview ein. „Otfried hat nie Ruhe gegeben, bis er bei waffenrelevanten Details wusste, wo Schwachstellen und Stärken sind.“

    Kontakte in die USA und zur Bundeswehr

    Bei Neuerungen innerhalb der Bundeswehr habe Abrüstungsexperte Nassauer „genügend Möglichkeiten gefunden, sich aus offiziellen oder halb-offiziellen Quellen darüber zu informieren. Das heißt: Wenn er ein Projekt organisiert hatte, dann waren er und seine Mitarbeiter – ob nun auf halber Stelle oder Studenten – angehalten, diesen gesamten Wust an Dokumenten durchzugehen. Ich muss dazu sagen, Otfried war international vernetzt und ganz eng verbunden in den USA mit einem ähnlichen Netzwerk. Jene Kollegen dort legten Wert darauf, alle Dokumente der US-amerikanischen Rüstungsindustrie, der Verteidigungspolitik etc. abzufragen und anschließend Otfried und uns zur Verfügung zu stellen.“

    Nassauer „wurde immer wieder auch zum politischen Bildungswerk eingeladen, mit Angehörigen der Bundeswehr. In der damaligen Phase, nach der Wende, war es möglich, sich kritisch, aber fundiert, einzubringen. Doch all das ist seitdem ein wenig zurückgegangen.“

    Er hatte aufgrund dieser intensiven Recherchen „eine Kenntnis, die normale Journalisten niemals haben können. Insofern war er immer derjenige, der Enthüllungsjournalisten [wie auch Reportern] die notwendigen Details geben konnte.“

    Fischer gab einen Tipp: „Viele der Publikationen Nassauers sind immer noch nachzulesen auf der Website von BITS.“

    Nassauers Wirken für „WeltTrends“, das „Blättchen“ und andere Medien

    Der Friedensforscher war ständiger Autor für „WeltTrends“, dem außenpolitischen Journal in Potsdam. Darin veröffentlichte er auch seine letzte Publikation überhaupt. „Die Hoffnung, über die Beteiligung an der technisch-nuklearen Teilhabe auch künftig Einfluss auf einen erstmaligen oder Ersteinsatz von Atomwaffen in Europa nehmen zu können, könnte aber aufgrund der Modernisierungen im US-Nukleardispositiv weitgehend gegenstandslos werden“, analysiert der Friedensforscher darin potenzielle Möglichkeiten des europäischen Kontinents, eigene Nuklear-Waffensysteme auf die Beine zu stellen.

    „Unser langjähriger Autor Otfried Nassauer verstarb am ersten Oktober“, schreibt das Magazin in seiner aktuellen Ausgabe. „In der Zeit des Umbruchs kam er nach Berlin, wollte seinen kritischen Beitrag einbringen bei der Gestaltung eines neuen Deutschlands, das seine Lehren aus der Geschichte gezogen hat.“

    Wachsfigur des US-Präsidenten Donald Trump im Madame Tussauds Museum Berlin
    © REUTERS / MICHELE TANTUSSI
    So äußern sich darin Mitglieder der ehemaligen Studiengruppe „Entmilitarisierung der Sicherheit“, darunter Sputnik-Gesprächspartner Fischer, Lutz Kleinwächter, Wilfried Schreiber, Hubert Thielicke, Wolfgang Schwarz und andere Mitstreiter.

    „Otfried war für bestimmte Themen einfach der Spezialist“, sagte Fischer im Gespräch. „Insofern, wenn ich jetzt von WeltTrends-Sicht ausgehe, wird er sicher bei diesen Themen fehlen. Zweitens: Otfried hat auch für das 'Blättchen' publiziert, eine Online-Zeitschrift herausgegeben von Wolfgang Schwarz (in der Tradition von Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky et al, Anm. d. Red.). Hier konnte Otfried in einer wesentlich lockeren Form Sachen darstellen für dieses Spektrum von Lesern“.

    Stets deutsch-russische Freundschaft im Blick

    In den „dreißig Jahren unserer Bekanntschaft hat sich in Deutschland und Europa sowie in Russland und der Welt viel verändert“, blickt Nassauer-Weggefährte Dmitri Trenin, Direktor des „Carnegie Center“ in Moskau, auf dessen Leben in einem Beitrag für das „Blättchen“ zurück.

    „Viele Erwartungen erfüllten sich nicht und Hoffnungen verflogen. Der Umgangston zwischen den Staaten wurde härter und verwandelte sich manchmal in echte Feindschaft. (...) Die Berliner Mauer gibt es schon lange nicht mehr, aber die Polarisierung der Gesellschaft hat neue Mauern in einzelnen Staaten errichtet. Es gibt immer weniger Menschen, die bereit und fähig sind, sich dieser Polarisierung, Ignoranz und Dummheit entgegen zu stellen. In dieser Welt wird Otfried Nassauer uns allen fehlen.“

    Was bleibt: Vermächtnis und Erbe

    Nassauer „wusste in der Vielzahl der Fälle mehr und detaillierter, worum es geht, als sein Gegenüber.“ Das war für seinen Freund Fischer „ein absolutes, ihm ganz eigenes Phänomen.“ Ihm zufolge konnte der Theologe und Militär-Fachmann aus dem Stand heraus selbst die kompliziertesten Fragestellungen zu Rüstung und Militär beantworten. „Das war außerordentlich.“

    Der Berliner Friedensforscher hat der Nachwelt eine gigantische Bibliothek mit gesammelten Dokumenten und Materialien hinterlassen. Ein riesiger Fundus, nicht nur für Studenten und Militärhistoriker, sondern für alle Interessierten.

    Der 1956 in Siegen geborene Otfried Nassauer verstarb am ersten Oktober in Berlin. Ihm zu Ehren findet am Samstag eine Trauerfeier im engen Freundeskreis in Berlin statt.

    Das Radio-Interview mit Dr. Siegfried Fischer (BITS) zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Atomare Abrüstung: Kreml kommentiert Verzicht der USA auf New-Start-Verlängerung
    Verfügungsmasse im Wahlkampf: „Abrüstung verkommt in den USA zum Kuhhandel“ – Experte
    Am Weltfriedenstag in Berlin: „Sag mir, wo die Blumen sind“ auf polnisch und deutsch
    Tags:
    DDR, Friedensbewegung, USA, Russland, BITS