10:25 02 Dezember 2020
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    Politik und Wohlfahrtsverbände bestimmen häufig über das Leben von Menschen ohne Obdach. Im Sputnik-Interview berichtet Hilde Rektorschek aus Marburg, Gründerin des „Bundesverband Kulturloge“, über ihre eigenen Erfahrungen damit. Ihr sozialer Verband organisiert Wohnungen und kostenfreien Zutritt zu Kino und Theater für bedürftige Menschen.

    Menschen ohne eigene Wohnung und Obdach haben es schwer in der Gesellschaft. Eine Binsenweisheit. Doch Betroffene sind ebenso in sozialen Organisationen und Wohlfahrtsverbänden unterrepräsentiert. Sprich: Sie erhalten kaum die Möglichkeit, über Entscheidungen mitzubestimmen, die ihr eigenes Leben betreffen. Auch von kulturellen Veranstaltungen sind sie häufig – meist aufgrund fehlender finanzieller Mittel – ausgeschlossen. Ganz zu schweigen von einem Mitspracherecht in politischen Institutionen.

    Wann werden beispielsweise obdachlose Menschen zu Debatten in den Bundestag oder in Landtage eingeladen, wenn Gesetzesvorhaben und Regelungen dort diskutiert sowie verabschiedet werden, die sie betreffen? Kritische Sozial-Experten sagen: viel zu selten – und erkennen darin ein großes Problem.

    Hilde Rektorschek, die Vorsitzende und Gründerin des „Bundesverbands Deutsche Kulturloge“, der aus der „Kulturloge Marburg“ hervorgeht, arbeitet seit über zehn Jahren mit und für Bedürftige, Obdachlose und wohnungslose Menschen und versucht, diese Situation zu überwinden. Im Interview mit Sputniknews schildert sie ihre Arbeit.

    Partizipation und Teilhabe: „Betroffene stärker mit einbinden“

    Ihre Hilfsorganisation stellt Möglichkeiten zur Verfügung, an Kultur, Gesellschaft und Sport-Veranstaltungen teilzunehmen, eine eigene Wohnung zu finden und vieles darüber hinaus. Alles unter dem Motto „Kultur darf kein Luxusartikel sein“.

    „Die Obdachlosen sind Politikern gegenüber nicht so zugeneigt“, berichtete Rektorschek über ihre Arbeit. „Es ist sehr schwierig, Betroffene aus ‚dieser Ecke‘ herauszuholen. Viele können sich allerdings nicht ständig einbringen und müssen aufhören, wenn dann beispielsweise die eigene Wohnung wieder weg ist. In der Nationalen Armutskonferenz (NAK) bin ich im Frauen-Arbeitskreis aktiv, dort ist nur eine betroffene Frau mit dabei. Und diese sagt: ‚Ich habe selbst genug zu tun, kann mich nicht um Andere kümmern.‘“ Ein oft gehörter Ausspruch, allzu verständlich.

    Die Leiterin der „Kulturloge“ weiß selbst sehr genau, dass dies schwierig umzusetzen sei, auch durch ihre Tätigkeit im Armutsnetzwerk: „Aber für mich gehört das dazu. Im Armutsnetzwerk sind natürlich Menschen, die partizipieren.“

    Anfrage bei Links-Fraktion im Bundestag

    Ihr Vorschlag: Mehr Einbindung Betroffener in Entscheidungsprozesse in der Kommune organisieren. „Man könnte sich in Vereine engagieren. Das wäre auch mal eine Anerkennung für die Betroffenen“, schlägst sich vor. Häufig scheitere es einfach an der Kommunikation miteinander.

    Betroffene fühlen sich laut Rektorschek häufig gegängelt. Meist durch Entscheidungen, die über ihren Kopf hinweg getroffen werden. „Doch darunter sind sehr fähige, intelligente Menschen, die sich nicht gängeln lassen wollen“, stellte sie klar. Diese in politische Entscheidungen mit einzubeziehen, sei nur folgerichtig.

    Ihr Bundesverband habe schon am Armuts-und-Reichtums-Bericht mitgeschrieben, so im Jahr 2016.

    „Ich werde häufig von obdachlosen Menschen gebeten, dort teilzunehmen und uns einzubringen.“

    Gegen Kritik – soziale Organisationen wie die ihre, seien nur „aus Alibi“ mit dabei – wehrt sie sich.

    Eine Anfrage ihrerseits bei der Fraktion der Linken im Bundestag zum Thema „wohnungslose Frauen“ wurde einst mit einer mehrseitigen Antwort bedacht. „Bei der Suche nach Wohnungen wurde auf die Länder und Kommunen verwiesen“, schilderte sie. Daraufhin kontaktierte die Kulturlogen-Leiterin die Frauenbeauftragte der Stadt Marburg, diese verwies sie wiederum an die Diakonie. Auch da wurde abermals auf politische und kommunale Entscheidungsträger verwiesen.

    „Der Fehler liegt darin, dass Diakonie und die Städte nicht zusammenarbeiten, wenn es um Hilfe für Obdachlose und bedürftige Menschen geht“, sagt Rektorschek.

    Nicht nur zu Corona-Zeiten: „Menschen in Armut werden von Kultur ausgegrenzt“

    Oft habe sie schon Positives in diesem Bereich erlebt. Als Beispiel führte sie erfolgreiche Frauengruppen an, die Veranstaltungen organisieren und Unterschriften sammeln, da „keine Frau auf der Straße leben darf.“

    Frauen und Männer in Armut „erleben ihre gesellschaftliche Ausgrenzung während der Corona-Pandemie besonders deutlich und werden mit ihren Anliegen nicht gehört“.

    Das kritisiert der „Katholische Verband für soziale Dienste in Deutschland“ (SKM Bundesverband) mit Sitz in Köln und Düsseldorf, laut einer der Redaktion vorliegenden Pressemitteilung aus Oktober. „Sozialbehörden und Arbeitsämter waren vielfach nur noch online zu erreichen.“ Der Verband fordere deshalb, „Partizipation zu ermöglichen und die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen.“

    Betroffenen eine „starke Stimme“ zu geben, sei Anliegen des Verbands, der laut Eigenaussauge Menschen in materieller wie psychosozialer Not hilft und unterstützt.

    SKM-Vorstandsvorsitzender Heinz-Georg Coenen fordert demnach, „von Armut betroffene Menschen müssen an allen politischen Entscheidungen, die sie betreffen, unbedingt beteiligt werden.“

    „Über 500.000 Karten“ kostenfrei für Theater, Kino und mehr verteilt

    „Ich habe 2012 den Bundesverband gegründet, weil sich ab 2010 in Marburg abgezeichnet hat, dass sich bundesweit die Idee der Kulturloge durchsetzen wird“, sagte Rektorschek über ihr Engagement. „Die Nachfrage ist seitdem groß. Ich habe dazu das Konzept geschrieben und trage es mit seinen Grundsätzen weiter.“

    Menschen mit keinem oder geringem Einkommen – darunter obdach- und wohnungslose Menschen – zu helfen und sie am kulturellen wie gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen, sei ihr ein großes Anliegen. Eben all jenen, die sich ein Kulturleben finanziell nicht leisten könnten.

    Ihr Ziel sei, darauf aufmerksam zu machen. Und dagegen etwas zu tun. Das sei ihr ganz wichtig. Außerdem betonte sie, dass Staat und Politik durch ihre Arbeit nicht von ihrer Vorsorgepflicht entbunden würden.

    „Das ist ihre Aufgabe: Die gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe aller Menschen zu gewährleisten, besonders auch für zurückgelassene Kinder. Das finde ich das Schlimmste überhaupt.“

    Ihre Kulturloge verfolge dabei „kein Almosenkonzept“, betonte sie. Sondern es gehe vielmehr um ein Einladen in die Gesellschaft. Menschen, die gerne Kultur erleben möchten, dazu aber wenig Geld haben, können sich demnach an Sozialpartner wenden und sich dort anmelden. „Das sind die Diakonie, die Aidshilfe, die Obdachlosenhilfe. Dort füllen sie einen Flyer aus und schreiben, was sie gerne möchten: Kino, Theater, Konzerte, Sport oder ähnliches. Dann leitet die ausgewählte Institution diese Anmeldung an uns weiter. Wenn wir Karten von den Veranstaltern akquirieren, rufen wir die Gäste, die wir Kultur-Gäste nennen, an und reservieren auf den Namen des Gastes die jeweiligen Karten.“

    Die Arbeit der Kulturloge beweise, „dass das gelingt. Da wir bereits über 500.000 Karten vermittelt haben, an Menschen mit wenig Geld und Einkommen. Wir sind bundesweit erfolgreich und widerlegen somit vorhandene Vorurteile.“

    „Probewohnen“ und kreative Lösungen in der Pandemie

    „Hier in Marburg bieten wir das Probewohnen für ein Jahr an“, berichtete sie. „Dafür stehen Wohnungen bereit. Wenn der Betroffene dann Hilfe braucht, kann er sich an uns wenden. Am Ende gibt es häufig einen Mietvertrag.“

    In der aktuellen Corona-Pandemie habe die Kulturlogen-Leiterin einmal mehr bemerkt, „wie gut unser Konzept funktioniert. Wir haben in der Zwischenzeit betroffene Menschen angerufen, beispielsweise frohe Ostern gewünscht. Gefragt, wie es ihnen geht. Gesagt, wenn es wieder Karten gibt, dann melden wir uns. So haben wir die Zeit etwas überbrückt. In den Fällen, wo es den Menschen nicht so gut ging, haben wir nachgehakt und Hilfe angeboten. So konnten wir die Zeit nutzen. Über den Sommer über haben wir die Kinder in den Zoo geschickt oder Mini-Golf gespielt. Das ist uns ganz gut gelungen.“

    Preisgekrönte Hilfe für Betroffene: „Gesine Schwan hielt Festrede“

    „Ich erhielt 2011 den Freiherr-von-Stein-Preis“, berichtete sie. Diese Auszeichnung wird für Bürgerengagement in der Bundesrepublik vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert.

    Dazu hatte SPD-Politikerin Gesine Schwan die Laudatio gehalten und gesagt: „Die Frau in Marburg hatte eine gute Idee.“ Gewürdigt hat der Preis die konkrete Arbeit von Rektorschek. „Es geht darum, dass die Menschen nicht stigmatisiert werden und wieder in die Kulturloge eingeladen werden, wieder Gespräche führen können. Dass wir die Leute wieder in die Mitte der Gesellschaft holen“, sagte sie.

    Frau Schwan meinte laut ihr: „Wenn wir die Menschen schon ausgrenzen, dann müssen wir sie auch wieder einladen.“

    „Mir liegt die Würde der Menschen am Herzen“, sagte die Marburgerin abschließend. Mit all diesem Engagement treibe sie Kontakte zu Politik und zuständigen Ministerien voran. Der Bundesverband zählt laut der „Oberhessischen Presse“ inzwischen 40 Kulturlogen. „Zwischen Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein, zwischen Rheinland-Pfalz und Sachsen.“

    Das Radio-Interview mit Hilde Rektorschek (Bundesverband Kulturloge) zum Nachhören:

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    Kultur, Bundestag, Obdachlose