04:20 25 November 2020
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    Das Internationale Forum „Lehren von Nürnberg“ in Moskau war nicht nur den Nürnberger Prozessen gewidmet, sondern auch den viel weniger bekannten sowjetischen Nazi-Prozessen. Zur maximalen Demonstration gerechter Vergeltung waren diese Gerichtsprozesse öffentlich. Das erste Land, das die Nazis und ihre Komplizen verurteilte, war die Sowjetunion.

    Das Forum lieferte beispiellose Fakten und Beweise für den Genozid gegen das sowjetische Volk während des Zweiten Weltkrieges. Bei den Nürnberger Prozessen seien „am laufenden Band“ schreckliche Bilder der Massenmorde enthüllt worden, sagte Wladimir Medinski, Vorsitzender der Russischen Militärhistorischen Gesellschaft.

    „Während des Prozesses wurden zum ersten Mal die Begriffe ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘ und ‚Völkermord‘ laut. Heute sprechen wir über die Anerkennung des Völkermordes an den Juden – des Holocaust, des Völkermordes an den Sinti und Roma, des Völkermordes an den Serben und des Völkermordes an den Armeniern. Aber wir haben nicht über den Völkermord am sowjetischen Volk gesprochen. Es war nicht üblich, darüber zu sprechen, die Sowjetunion war zuerst Gewinner und dann Opfer. Allen war klar, wer der Angreifer und wer der Gewinner war, und niemand stellte das in Frage“, erläuterte Medinski.

    Er forderte den Westen auch auf, die Sowjetunion nicht mehr dafür zu beschuldigen, den Zweiten Weltkrieg entfesselt zu haben. „Es ist an der Zeit, die Frage der Anerkennung der Nazi-Politik im besetzten Gebiet der Sowjetunion als bewussten Völkermord an den Völkern der UdSSR anzusprechen. Vielleicht wird dies all die endlosen Versuche stoppen, unser Land zu beschuldigen, den Zweiten Weltkrieg ausgelöst zu haben.“

    Nach Angaben des Historikers haben die Einsatzkommandos im besetzten Gebiet der Sowjetunion allein bis Ende 1941 etwa eine Million Zivilisten getötet. Nach verschiedenen Schätzungen seien bis zu 3,5 Millionen Kriegsgefangene und Offiziere in Konzentrationslagern gestorben. Insgesamt seien nach verschiedenen Schätzungen während des Krieges in den besetzten Gebieten 13,5 bis 18 Millionen Zivilisten ums Leben gekommen, so der Chef der Militärhistorischen Gesellschaft.

    Während der Kriegshandlungen haben Wissenschaftler und Anwälte die Gräueltaten und Verbrechen der Nazis im besetzten Gebiet der Sowjetunion dokumentiert, teilte der Leiter des Russischen Bundesarchivamtes, Andrej Artisow, mit. „Diese Zeugnisse werden heute in den Archiven gespeichert, und unsere Aufgabe ist es, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, betonte er und wies darauf hin, dass „die Arbeit mit Originaldokumenten die Geschichtsfälschung verhindert und Spekulationen unmöglich macht.“

    Bei der Befreiung ihres Heimatlandes stieß die Rote Armee auf dem Weg nach Westen auf Ruinen und Massengräber. Am 19. April 1943 veröffentlichte das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR das Dekret Nr. 39 „Über Bestrafungsmaßnahmen für deutsch-faschistische Bösewichte, die des Mordes und der Folter gegen die sowjetische Zivilbevölkerung und gefangengenommene Soldaten der Roten Armee schuldig sind, für Spione, Verräter des Heimatlandes unter den Sowjetbürgern und für ihre Komplizen“. Tausende Verbrecher wurden hinter verschlossenen Türen direkt in den Lagern verurteilt. Über die grausamsten und umfangreichsten Verbrechen der Nazis wurden in den am stärksten betroffenen Städten offene Prozesse abgehalten, darunter in Krasnodar, Charkow, Smolensk, Brjansk, Leningrad, Minsk, Kiew, Riga, Sewastopol, Poltawa, Witebsk, Chisinau, Nowgorod und anderen.

    Diese Gerichtsverfahren sind für eine lange Zeit der Gedenkkultur entfallen, auch weil die Dokumente unter Geheimvermerk waren. Daher besteht nach Ansicht von Historikern und Archivaren kein Zweifel daran, wie wichtig heute der Zugang zu Gerichtsverfahren ist. Das Forum „Lehren von Nürnberg“ löst dieses Problem teilweise. Das Föderale Archiv Russlands hat eine Reihe von Großprojekten zu den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges und seiner Vorgeschichte durchgeführt. Das jüngste Projekt „Ohne Verjährung“ enthält 23 Bände einer Sammlung freigegebener Beweise für die Ausrottung von Zivilisten sowie Daten zu Verbrechern, die der Bestrafung entkommen sind, wie auch Quellen zu sowjetischen Nazi-Prozessen. Diese Sammlungen sollen ausländischen und russischen Experten bei ihren Forschungsarbeiten zum Holocaust helfen.

    Das Erbe des Nürnberger Tribunals hat nicht nur eine rechtliche, sondern auch moralische Bedeutung, denn „es wurde eine wirksame Impfung gegen die Wiederbelebung des Nationalsozialismus in all seinen Erscheinungsformen durchgeführt“, stellte der russische Außenminister Sergej Lawrow in seiner Ansprache an die Teilnehmer des Forums fest. Ihm zufolge habe sich die entwickelte Immunität in einigen europäischen Ländern jedoch erheblich verringert. Russland werde daher weiterhin gegen Versuche zur Geschichtsfälschung und zur „Verherrlichung der NS-Verbrecher und ihrer Komplizen“ sowie gegen eine Überarbeitung der anerkannten Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges, einschließlich der Entscheidungen des Nürnberger Tribunals, auftreten.

    „Wir werden uns weiterhin für den Schutz der dauerhaften Werte einsetzen, die dem Statut des Nürnberger Tribunals und der UN-Charta, der gesamten heutigen Weltordnung zugrunde liegen“, versicherte der Leiter des russischen Außenministeriums.

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    Tags:
    Sergej Lawrow, Zweiter Weltkrieg, Massenmorde, UdSSR, Nürnberger Prozesse