04:57 10 Dezember 2018
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    Islamischer Staat in Rakka (Syrien)

    Experte zu Anti-IS-Kampf: Kooperation zwischen Russland, Frankreich und USA wichtig

    © REUTERS / Stringer
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    Nach der Terrorwelle von Paris herrscht in Frankreich der Ausnahmezustand. In Hannover wurde ein Länderspiel abgesagt. Der Politikwissenschaftler Hajo Funke erklärt in einem Gespräch mit Sputnik, was getan werden muss, um gegen den IS vorzugehen.

    Nach den Anschlägen von Paris fliegt Frankreich verstärkt Einsätze gegen den Islamischen Staat. Russland ist schon längst in Syrien aktiv. David Cameron hat eine Ausweitung der britischen Luftangriffe angekündigt und ein Kriegsschiff ins Mittelmeer beordert.

    Sputnik: Sind die aktuellen Luftschläge eventuell auch Vorboten  für ein noch größeres Engagement, etwa den Einsatz von Bodentruppen? 

    Funke: Ich bin sehr beeindruckt davon, dass es neben diesen Luftschlägen zu einer Kooperation zwischen Russland, Frankreich und den Vereinigten Staaten zur politischen Lösung des Syrien-Konflikts kommt. Das ist mindestens so wichtig wie die Luftschläge und es ist ebenso wichtig, dass es eine Versöhnung zwischen Sunniten und Schiiten im Irak gibt, so dass man tatsächlich den sogenannten Islamischen Staat stärker als bisher auch politisch strategisch isolieren kann — natürlich einschließlich Saudi-Arabiens. Das ist mindestens die Hälfte der Miete. Es ist dann sicher denkbar, dass nach diesem Prozess die Vereinten Nationen anders als bisher ins Spiel kommen können und etwa über den Sicherheitsrat, durch einen gemeinsamen Beschluss — und glücklicherweise nun auch mit Russland und einer größeren Kooperationsbereitschaft der Vereinigten Staaten — man womöglich zur gemeinsamen Entscheidung zu Bodentruppen in der Region kommt.

    Sputnik: IS steht für „Islamischen Staat“. Was braucht es für einen vollwertigen Staat?

    Funke: Der sogenannte IS ist kein Staat und er ist nicht islamisch. Es ist ein Unstaat, der durch Terror ein Staatsvolk zusammentrommelt und zusammenzwingt und ausbluten lässt, und er ist nicht islamisch, weil es Terror ist und kein Islam. Der Islam wird missbraucht, um eine Ideologie vorzuschützen, die eher destruktiv ist und im Grunde nur den Terror abbildet, die aber nichts mit dem Islam zu tun hat."

    Sputnik: Wie sollte Ihrer Meinung nach eine Reaktion auf den Terror aussehen?

    Funke: Die Reaktion auf den Terror muss mehrfach ein. Wenn man nur auf Militär, setzt hat man schon verloren. Das zeigen die letzten Jahre, obwohl sich die Situation nun auch militärisch bessert. Genauso entscheidend ist, dass wir eine Perspektive für diese Region haben. Wir alle — also die Region selbst, in Syrien, im Irak, in Nordafrika, in Libyen und die Mächte, die sich um eine Entspannung, um eine friedliche Politik kümmern.

    Es braucht eine Entwicklungsperspektive, die die Jugendlichen erreicht — und nicht nur sie, sondern ganze Landstriche — und eine Mentalität der Anerkennung der sozialen und kulturellen Probleme und Differenzen, diesseits von jeder Gewalt, diesseits von Terror. Die große Gefahr ist, dass wir wieder in den Schlamassel des Krieges gegen den Terror durch Bush Jr. hineingeraten, wenn wir nicht ein breiteres Konzept haben. Wenn wir die Flüchtlinge nicht da, wo sie verzweifelt leben, ganz anders, mit eben Zehn Milliarden plus, in den Flüchtlingslagern in und um Syrien unterstützen. Das bedeutet eine Umkehr gegen den entfesselten eigennützigen Kapitalismus der Nachbarschaftspolitik der EU. Man darf nicht überfischen bis die Länder in Westafrika keine Fischchancen mehr haben. Man darf ihnen nicht die Hähnchen, die man hier nicht mehr verkaufen kann, liefern. Das ist keine Politik, das ist Ausbeutung.“

    Das Gespräch führte Bolle Selke.

     

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    Tags:
    Terrormiliz Daesh, Irak, Syrien