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    Internet völlig vernichten? Schwierig, aber machbar – Mentor des Worldwide-Web-Vaters

    © AFP 2019 / Kirill Kudrjawzew
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    Das World Wide Web begeht sein 30-jähriges Jubiläum. Das Projekt wurde am 13. März 1989 in der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) ins Leben gerufen, als der junge Programmierer Tim Berners-Lee die waghalsige Idee zum Ausdruck brachte, verschiedene Computer mithilfe des Hypertextes in ein einheitliches Netzwerk zu vereinigen.

    Ob die „Gründungsväter“ des Internets ihre Erfindung nicht bedauern, warum man in Europa Angst vor amerikanischen Technologien hatte, ob das Internet in der ganzen Welt abgeschaltet werden könnte, und warum heutzutage „schwarze Schwäne“ die Entwicklung der Informationstechnologien bestimmen – darüber sprach Ben Segal, der Entwickler des Computernetzes Internet im Rahmen des CERN und einer der Mentoren von Tim Berners-Lee, in einem Interview für RIA Novosti.

    Ben, erzählen Sie bitte, womit das Internet im CERN begann. Wie entstand überhaupt diese Idee?

    Erstens hat CERN nicht das Internet erfunden. Vor der WWW-Gründung hatte es die Internet-Technologie schon seit 20 Jahren gegeben. Es wurde in der APA (später ARPA — Advanced Research Projects Agency) entwickelt. Allerdings war das kein militärisches Projekt. In seinem Rahmen wurden die Perspektiven für die Bildung eines Netzwerkes analysiert, das einen Angriff bzw. eine Zerstörung ertragen könnte. Und das ist immer noch wahr.

    Diese Arbeit begann 1969. Aber Anfang der 1980er-Jahre wollte Europa kein Internet bei sich sehen. Die Europäer mochten diese Technologie nicht. Sie war amerikanisch, und sie könnten sie nicht kontrollieren.

    In Wahrheit wurde diese Technologie von Studenten und Absolventen von Universitäten erfunden. Das nennen wir eine Entwicklung „von unten nach oben“. Und bei dem europäischen und auch bei anderen internationalen Projekten zur Entwicklung von internationalen Protokollen der Datenübertragung ging es um eine sehr bürokratisierte Entwicklung „von oben nach unten“. Und das funktionierte nicht.

    Also wussten in den frühen 1980er-Jahren nur sehr wenige Menschen etwas über das Internet, sie arbeiteten alle in spezialisierten Forschungsinstituten. Und in Europa wollte man kein Internet. Man kann sogar sagen, dass es verboten war.

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    Ich habe zehn Jahre in den USA gelebt. Und ich war sehr offen für amerikanische Technologien – anders als CERN. Beispielsweise kauften sie IBM-Computer durch Irland. Denn alle Ankäufe sollten in Europa erfolgen. CERN ist eine europäische Organisation, und dort war ein wesentlicher Druck zu spüren, damit Computer und Zulieferteile nicht in den USA gekauft werden. Und sie wollten kein amerikanisches Netz. Aber für einige Menschen, unter anderem für mich, war offensichtlich, dass diese Technologie gewinnen würde. Weil sie funktionierte.

    Und haben Sie selbst diese Technologie getestet?

    Ich war ein Jahr lang in einem Studienurlaub, und als ich in die USA zurückkehrte, sah ich diese Technologie in Palo Alto und verwendete sie auch für Kontakte mit einem Freund im CERN, der den Fernzugriff dazu hatte. Also konnten wir einander Mitteilungen schicken. Ich kannte also die Protokoll-Technologie, allerdings nicht in einzelnen Details.

    Ich kehrte 1978 zum CERN zurück und arbeitete an einem Projekt zur Datenverbreitung in Europa mithilfe von Satellitentechnologien.1983 bekam ich einen neuen Leiter, der sich für so genannte „verteilte Systeme“ (Distributed computing) interessierte. Er hatte große Mainframes und leitete die Software-Entwicklung in der IT-Abteilung. Aber er wurde vom Thema „verteilte Systeme“ sehr beeindruckt. Also verließ der Mann seinen  Posten und hat mich und noch einen jungen Programmierer mitgenommen, der jetzt die IT-Abteilung im CERN leitet. Und wir starteten ein Projekt, das den Namen „Sektion für verteilte Systeme“ bekam.

    Und gleich als Erstes wollte ich dort das Internet-Protokoll TCP/IP testen. Ich testete amerikanische Protokolle mit einer Reihe von Protokollen, die von der Firma Xerox (XNS-Protokolle) entwickelt worden waren. Letztere waren sehr gut und zudem eleganter als TCP/IP – aber sie waren nicht für alle zugänglich.

    Wir versuchten, verschiedene Computertypen im CERN zu vereinigen, haben eine Serie von Tests durchgeführt und beschlossen, TCP/IP zu nutzen. Aber wir gerieten sofort mit den Leuten aneinander, die im CERN für Netzwerke zuständig waren. Sie hatten Geld, waren aber gegen unsere Idee. Denn sie hatten Angst, von Europa und von der Industrie unter Druck gesetzt zu werden. Diese Leute wollten dieses Protokoll nicht nutzen, weil sie ihre eigenen Technologien hatten, die noch teurer waren und in Europa verkauft wurden. Und die Frage,  dass es kein Internet geben sollte, war ein großes politisches Problem.

    Denn CERN sollte ursprünglich Forschungen auf dem Gebiet Physik führen und nicht etwas in unserem Technologienbereich erfinden. Dennoch erlaubte man mir im CERN, dieses Netz einzurichten. Und wir haben alle Computer – große und personelle – miteinander verbunden. Aber wir machten das im Alleingang, innerhalb unserer Gruppe für Software-Entwicklung. Denn unsere Vorgesetzten hatten Angst, und die CERN-Führung verstand gar nicht, was wir machten.

    Haben Sie ihnen aber erklärt, dass ein solches Netzwerk vor allem für sie selbst nützlich wäre?

    Ja, man hat uns erlaubt, unsere Computer im Labor zu vereinigen. Aber ich musste mich schriftlich verpflichten, dass ich diese Protokolle außerhalb des Labors nicht nutzen würde.

    Hatte man Angst, dass diese Informationen verlorengehen würden?

    In Europa gab es das Monopol European Postal Telegraph and Telecommunications. Und wenn Sie beispielsweise ein Telefongerät kauften, konnten Sie nichts daran anschließen. Und theoretisch konnte man über ihre Linien das TCP/IP-Protokoll nicht anwenden. Das waren politische Fragen.

    Aber gegen Ende 1988 wurden  neue Protokolle entwickelt, und den Leuten, die im CERN über die Finanzen entschieden, wurde klar, dass ihre Politik nicht funktionieren wird – im Unterschied dazu, was wir, die Entwickler des Netzwerkes, machten. Das war ein großer Erfolg. Und 1989, als CERN dieses „Ventil“ endlich öffnete und wir uns an das globale Netzwerk anschließen konnten, wurde klar, dass es sich sehr schnell entwickeln würde.

    Aber die erste Kommunikationslinie wurde doch mit den USA eingerichtet, nicht wahr?

    Ja. In Wahrheit wurde die erste Kommunikationslinie von IBM bezahlt, und auch deshalb änderte die CERN-Führung ihre Meinung. Diese Linie hatte eine Geschwindigkeit von 1,5 Megabit pro Sekunde – das war damals revolutionär schnell! Sie kostete etwa zwei Millionen Schweizer Franken pro Jahr. Und IBM bezahlte sie für drei Jahre. Aber das war noch nicht für das große Publikum offen – wir führten erst Tests durch.

    Und dann erschien bei uns ein junger Mann, den ich schon früher gekannt hatte – ich hatte ihn im Programmieren unterrichtet. Er arbeitete bei uns an einem inoffiziellen Projekt und griff auf die Prinzipien und die Software zurück, die wir analysierten. Ich habe ihn bemerkt, weil er ein Enthusiast seiner Sache war – er kam und stellte interessante Fragen. Und erzählte über seine Hypertext-Idee. Aber für mich bedeutete das damals nichts. Denn Hypertext hatte es schon bei Macintosh- und auch bei anderen Maschinen gegeben. Wenn Sie eine Seite lasen, konnten Sie mit einem Klick auf eine andere Seite geraten. Aber das war nur an einem einzigen Computer möglich. Und dieser junge Mann kam auf die brillante Idee: Wir könnten auch auf andere Computer innerhalb eines Netzes umgeschaltet werden, das wir entwickelten. Theoretisch war das eine hervorragende Idee, aber mir schien ihre Verwirklichung unmöglich. Ich erklärte, dass Informationen in verschiedenen Computern unterschiedlich verschlüsselt waren – selbst die Schriften waren unterschiedlich.

    Aber er hat das geschafft. Und das war Tim Berners-Lee.

    Hat er alles im Alleingang gemacht?

    Ja, ganz allein. Das war sein Hobby. Es gab keinen Befehl, und das war kein Hauptjob für ihn. Im Gegenteil: Als er seine Idee allmählich ins Leben umsetzte, hatte man in der Chefetage auf einmal wieder Angst, dass man beim Investieren in Computertechnologien ertappt werden könnte, weil das verboten war und zur Beschränkung des Etats führen könnte. Und man hatte nicht einmal zu dem Vertrauen, was aus den Computern herauskam.

    Aber Sie glaubten an ihn und begannen, mit ihm zu arbeiten.

    Direkt arbeitete ich mit ihm nicht. Ich war mit einem anderen Projekt beschäftigt, das alle Mainframes durch Cluster von Kleincomputern ersetzen sollte, die jetzt alle nutzen. Und ich befasste mich mit dem „Netz-Teil“ dieses Projekts, das die Berechnungswege total veränderte. In einem gewissen Sinne war das sogar noch wichtiger als die WWW-Entwicklung. Aber ich kannte Tim. Ich kann sogar sagen, dass wir befreundet waren. Tim besuchte mich ab und zu und stellte verschiedene Fragen.

    Das war eine ganze Verkettung von unglaublichen Umständen: dass dieser Junge zum CERN gekommen war, dass er diesen Traum hatte und stark genug war, um ihn zu erfüllen. Und er hat immer noch diesen Schwung. Natürlich ist er teilweise enttäuscht darüber, was mit dem Internet passiert ist – wie auch viele von uns. Wir hatten ja die Welt vereinigt und so …

    Ja, die Idee war, Menschen den Zugang zu allen Bibliotheken der Welt zu ermöglichen …

    Ja, aber nicht nur das. Über Informationen zu verfügen, bedeutet, Macht zu haben. Wir dachten, dass dies aus politischer Sicht dem Geist der Demokratie entsprechen würde. In einem gewissen Sinne ist das tatsächlich so. Aber inzwischen sehen wir, dass es auch schädlich sein kann. Ich spreche nur ungern darüber, kann aber sagen: Wir haben alles vereinigt, auch viel Dreck. Und das lässt sich schwer kontrollieren.

    Auch wer das Pulver entwickelte, dachte, es würde für Feuerwerke und nicht für Kanonen verwendet.

    Ja, das stimmt. Am Anfang, als ich viel herumreiste und über diese Technologie erzählte, auch in Ländern, die davon überhaupt keine Ahnung hatten, war das wirklich toll. Auch heutzutage gibt es daran gute und schlechte Momente.

    Aber Tim hat immer noch eine Vision. Er arbeitet am System Solid (einem Projekt zur Dezentralisierung des Netzes, das vor allem auf eine Veränderung von Internet-Apps ausgerichtet ist, damit sie von Nutzern vollständig kontrolliert werden). Sie können Ihre Informationen selbst besitzen, werden sie besser kontrollieren usw. Aber es ist schon etwas zu spät.

    Wissen Sie, viele Pioniere – im Grunde wir alle – fragten sich, ob alles hätte wirklich so passieren müssen, wie es passiert ist. Aber ich glaube trotzdem, dass es gut war, und ich würde alles wieder genauso machen.

    Also war das kein Fehler, die „Büchse der Pandora“ zu öffnen – den Menschen das Internet zu schenken?

    Was wir getan haben, war absolut natürlich – wir vereinigten die Menschen. Aber das Kommunikationswesen war schon immer politisiert. Von Anfang an, als ich erst zum CERN kam, hatte ich ein kleines Projekt, das den Menschen helfen sollte, ihre Projekte an den Hauptcomputer zu schicken. Damals gab es noch Lochkarten, die man in den Kartenleser stecken sollte. Und Sie mussten mit einem ganzen Haufen solcher Karten in ein spezielles Computerzentrum gehen, sie jemandem überreichen und dann erst morgen wieder zurückkommen, um die Ausdrücke abzuholen. Und wenn irgendwo ein Fehler auftauchte, musste man erneut die Lochkarte in den Leser stecken – und jeder Prozess nahm mehrere Tage in Anspruch. Und als ich zum CERN kam, arbeitete ich am Projekt zur Entwicklung eines Systems von auseinanderliegenden Stationen weiter, wo man seine Karten abgeben könnte, die dann an den Hauptcomputer gerichtet wurden.

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    Aber ich stieß sofort auf politische Probleme. Wenn der Hauptcomputer nicht funktionierte oder irgendwas schief lief, schimpften Physiker über das entwickelte System. Noch wurde der Hauptcomputer oft ausgeschaltet (unter anderem zwecks technischer Wartung), aber es gab keine Möglichkeit, die Menschen darüber zu informieren. Und ich schlug vor, eine Videokamera dort aufzustellen, wo der Hauptcomputer stand, die seinen Zustand beobachten würde. Aber der Leiter des Operationszentrums dachte, ich würde sie überwachen.

    Und was fühlten Sie, als Sie zum ersten Mal durch einen Browser ins Internet gerieten?

    Ich half Tim, eine Maschine zu erlangen, mit der er diesen Prototyp entwickelte. Ich konnte seinen Vorgesetzten überreden, ihm diesen Computer zu kaufen, denn er war auch illegal im CERN – das war ein US-amerikanischer Computer NeXTcub von Steve Jobs. Das war eine sehr schöne Maschine mit hervorragender Software. Und das war eine ideale Plattform für seine Forschungen. Ich habe einen Italiener überredet, sie zu kaufen und ihm zu überlassen.

    Mit dieser Maschine konnte Tim seinen Prototyp innerhalb von nur drei Monaten entwickeln. Das war im Jahr 1991. Dabei hat er das ganze System selbst entwickelt – nicht nur die Software, sondern auch den Namen, das http-Format, die Hypertext-Sprache html. Und gerade das war faszinierend! Er hat ganz allein das Problem der Inkompatibilität verschiedener Computer gelöst.

    Er war der Leonardo da Vinci unserer Zeit. Im Grunde ist alles, was wir heute haben, mit dem WWW verbunden.

    Ja, in einem gewissen Sinne. Aber zurück zu Ihrer Frage – was ich fühlte, als ich zum ersten Mal ins Netz geriet.

    Zunächst zeigte mir Tim, wie verschiedene Maschinen miteinander kommunizieren können. Er entwickelte auch die erste Website, die immer noch so bleibt wie damals: http://info.cern.ch. Aber niemand – auch er selbst – konnte damals ahnen, wie weit es gehen würde.

    Damals funktionierte alles an der NeXT-Maschine. Aber die Daten mussten an andere Computer übertragen werden. Das war nur schwer machbar, und CERN stellte Tim keine Ressourcen zur Verfügung. Zudem wollte CERN sich nicht das aneignen, was entstanden war – aus Angst vor möglicher Kritik, es würde sich mit falschen Sachen beschäftigen. Und Tim veröffentlichte den Ausgangscode des Programms für den allgemeinen Zugang im Usenet.

    Und in den USA (in Illinois) wurde auf seiner Basis ein Browser für PC entwickelt, der den Namen Mosaic bekam. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern: Ich hatte damals eine sehr schöne Maschine, die ich von Silicon Graphics geschenkt bekam – und da gab es diesen Browser. Das war im Jahr 1994. Und ich zeigte meinen Leuten das Louvre-Museum – in Mosaic. Es hatte eine faszinierende Website mit Bildern.

    Als Sie Mosaic sahen, verstanden Sie sofort, dass es die Arbeit von Tim war?

    Ja, sicher. Sie machten es für alle Computer, darunter auch meinen, der mit dem Linux arbeitete.

    Was haben Sie gefühlt? Haben Sie verstanden, wie es weitergehen wird?

    Ja, natürlich. Meine Ehefrau, die gegen Computer war, war begeistert. Es war klar, dass das nicht mehr zu stoppen ist.

    Das förderte auch die Entwicklung von Internet. Es war 20 Jahre im Dauerschlaf. Doch zum Jahr 1991 wurde die Internet-Gemeinschaft gegründet. Zum Jahr 1995 schufen meine Freunde in Genf eine Abteilung dieser Gemeinschaft, die die größte in der Welt war – rund 300 Mitglieder. Jetzt gibt es sie nicht mehr, doch in Genf, das kein Silicon Valley ist, wo es aber internationale Organisationen gibt, war das ein Anzeichen von großem Interesse. Das alles tauchte dank des WWW auf, das ein Turbo-Triebwerk für das Internet war. Das wurde von einem Menschen mit unglaublichen Fähigkeiten geschaffen.

    Sie haben ihm aber geholfen.

    Ein bisschen. Ich war sehr stolz darauf, dass ich zu seinen Mentoren gehörte. Einige Sachen, die zum damaligen Zeitpunkt in CERN geschahen, halfen ihm auch. Wir schufen ein Netz, und ich erklärte ihm, wie das funktioniert. Doch die Hauptarbeit wurde von Tim selbst gemacht, das waren nur seine Ideen und nur seine Zuversicht.

    Wie sehen Sie die Zukunft des Internets?

    Ich weigere mich immer, auf solche Fragen zu antworten, wie auch auf technische Fragen. Denn die Geschwindigkeit der Entwicklung der Welt läuft jetzt exponentiell. Als ich bei CERN begann, waren für die Entwicklung einer Technologie fünf Jahren erforderlich.  Jetzt ist es ein halbes Jahr. Was Prognosen für die weiteren fünf Jahre betrifft, konnte das in den 1970er-Jahren gemacht werden, jetzt nicht mehr. Haben Sie das Buch „The Black Swan“ von Nassim Taleb gelesen (über eine Theorie von schwer vorhersagbaren und seltenen Ereignissen, die bedeutende Folgen nach sich ziehen – Anm. d. Red.)? Das WWW war solch ein schwarzer Schwan – wie Google und Facebook. Niemand konnte sie vorhersagen. Als ich erstmals Google sah, dachte ich, dass es so etwas nicht geben kann. Das machte ein Russe.

    Jetzt kann niemand vorhersagen, was weiter sein wird. Als ich Menschen in der ganzen Welt lehrte, was das Internet ist, konnte niemand ahnen, dass 99 Prozent der Emails Spam sein wird, die gefiltert werden müssen.

    Deswegen kann ich nicht vorhersagen, wie der nächste schwarze Schwan aussehen wird. Was den allgemeinen Trend betrifft, bin ich sehr pessimistisch bezüglich der Zukunft der Menschheit im Ganzen. Für mich ist bereits ein Wunder, wenn ich morgens nicht darüber lese, dass sich auf einem Schiff in der New York Bay eine nukleare Explosion ereignet hat, bzw. dass Terroristen einen weiteren Angriff organisiert haben. Das kann zu jedem Zeitpunkt passieren.

    Ich denke, dass die Cyberwaffe äußerst gefährlich ist. Zum Beispiel Stuxnet. Sie wurde auf Grundlage eines Wurms in einer funktionierenden Station von Siemens geschaffen. Wir haben ihn in CERN entdeckt und Siemens kontaktiert. Doch das Unternehmen dementierte zunächst das Vorhandensein dieses Problems. Es begannen mehrere Monate der Abstimmungen, um es zu lösen.

    Es gibt also sehr viele Gefahren. Leider kann das Gehirn, das bei einigen Dingen exzellent agiert, damit nichts anfangen. Auch wenn Sie eine Lösung finden, werden Sie mit dem Problem ihrer Implementierung konfrontieren.

    Kann man das zähmen?

    Ja, ich denke, eine Lösung ist möglich. Das sollte offen gemacht werden, es muss eine große Zahl von klugen Köpfen für die Lösung dieser Frage gesammelt werden. Das Problem besteht darin, dass es neben klugen auch böse Menschen gibt, die dahinter stehen. Das ist ein Problem, das ebenfalls gelöst werden muss. Doch wegen der Exponenten-Geschwindigkeit der Entwicklung haben wir sehr wenig Zeit.

    Es wäre gut, wenn solch eine internationale Struktur unter Teilnahme kluger Menschen entsteht, die politische Unterstützung bekommt und an diesem Problem arbeiten würde.

    Ist es technisch möglich, das Internet in der ganzen Welt abzuschalten?

    Russland bereitet sich auf ein Experiment zur Abschaltung der wichtigsten Router vor, von denen sich die meisten in den USA befinden. Laut dem Experiment soll das eigene Router-System genutzt werden. Wenn die USA dann ihre eigenen Router abschalten sollten, wird das Internet in Russland weiterhin funktionieren.

    Das Internet wurde so geschaffen, um Reserve-Verbindungen zu nutzen. Es ist schwer, es zu töten, aber es ist möglich. Ein reales Problem wäre eine Atomexplosion im Weltraum, auf einer großen Höhe, wobei keine Menschen ums Leben kommen, jedoch die Elektronik und Kommunikationsmittel außer Betrieb gesetzt werden. Das ist seit langem bekannt, und ich bin mir sicher, dass alle das beim Vorhandensein einer Bedrohung machen können. Und die extreme Variante der Abschaltung des Internets – die Ausschaltung der ganzen Menschheit, also der Austausch von Atombombenschlägen.

    Doch ohne die Vernichtung der Welt ist es schwer, das Internet völlig abzuschalten. Denn wie ich bereits sagte, wurde das Internet geschaffen, um mithilfe verschiedener Quellen zu arbeiten. Solange es ein Radiosignal, Kabel, Laser gibt, kann man über diese Mittel kommunizieren. Dennoch kann ein bedeutender Schaden zugefügt werden. Vor einigen Jahren dachte ich nicht, dass ein Land das Internet erfolgreich filtern kann. Doch das ist möglich. So ist in China Google verboten.

    Wie schätzen Sie den Fortschritt der russischen Mathematiker und Programmierer im Internet-Bereich ein?

    Google wurde von dem Russen Sergej Brin entwickelt. Die russische Tradition der Mathematik, Bildung und Wissenschaft begeistert mich. Was das Internet betrifft, lernten sie es sehr langsam kennen, auch aus politischen Gründen. Doch die russischen Mathematiker wie auch Musiker sind die besten.

    Man kann also schwarze Schwäne aus Russland erwarten, ja?

    Eine gute Idee, warum nicht. Ich denke, dass die Chinesen auch dazu fähig sind. Wir leben im Jahrhundert Chinas. Vor kurzem sagte man noch, dass die Chinesen alles klauen, doch jetzt ist es nicht mehr so.

    In Russland wird gesagt, dass die Russen sich lange vorbereiten, aber dann schnell fahren. Das kann vielleicht unser Herangehen an das Internet beschreiben.

    Ja, die russische Wissenschaft wurde seit vielen Jahren aus politischen Gründen ignoriert.

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    IT, Computer, Interview, Gründer, Gründungstag, Internet, CERN, Russland, Europa, USA