22:41 20 November 2019
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    Peter Schreier während der Generalprobe vor der Eröffnung des Palastes der Republik (Archivbild)

    Exklusiv: Peter Schreier – Weltstar aus der DDR

    CC BY-SA 3.0 / Bundesarchiv, Bild 183-R0423-0017 / Spremberg, Joachim
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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (95)
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    Peter Schreier war neben Theo Adam der größte Klassik-Star der DDR – ein Jahrhunderttalent. Der Sachse sang schon seit den 1960er Jahren auf den großen Bühnen von Salzburg bis Mailand. Wie war das Leben zwischen großer Welt und kleiner DDR? Wie hat der Sänger die Wende erlebt und wie geht es ihm heute? Peter Schreier im exklusiven Sputnik-Interview.

    Herr Schreier, Sie waren einer der wenigen Weltstars der DDR. Abgesehen von Ihrem Talent, wie war das Niveau der Ausbildung in der DDR?

    Also, da kann ich nur beste Zeugnisse ausstellen. Die musikalische Ausbildung war vorbildlich. Und das ist auch ein Grund, wieso ich hiergeblieben bin, weshalb ich hier meine Zelte aufgeschlagen habe – abgesehen davon, dass ich ein sehr heimatverbundener Mensch bin und war.

    Wie war es, in der DDR als Künstler zu arbeiten?

    Ich hatte vielleicht den Vorteil, in der vordersten Reihe zu stehen. Dann wurde das auch aus gewissen Propagandagründen sehr gefördert. Ich hatte künstlerisch alle Möglichkeiten, mich zu profilieren. Es wurde mir auch jenseits der ideologischen Grenzen die Möglichkeit eingeräumt, eine internationale Karriere aufzubauen.

    Sie haben international mit allen großen Künstlern zusammengearbeitet. Gab es aber auch daheim in der DDR gute Leute, mit denen man zusammenarbeiten konnte?

    Ja, das muss man auch sagen. Das war vielleicht auch der Fehler der DDR-Oberen, dass man gewisse Kreise nicht gefördert oder ihnen Steine in den Weg gelegt hat. Wir hatten genügend künstlerisches Potential, aber es wurde nicht ausgenutzt, weil man immer bloß Angst hatte, dass die Leute die Republik verlassen.

    Wie war es für Sie, einerseits durch die große Welt zu tingeln und dann wieder in die kleine DDR zurückzukehren, in der Ihre Mitbürger nicht in den Westen reisen durften?

    Ja, das war das große Problem. Wenn ich von einer großen Reise, ob nun aus New York oder aus Sydney, zurückkam, dann musste ich mich immer anhalten, nicht zu viel zu erzählen, um meine Freunde und Bekannten nicht zu enttäuschen, und damit kein Neid aufkommt.

    Sind Sie überhaupt noch ins sozialistische Ausland gefahren? Wie war das mit den Bruderländern? Wie war das Verhältnis zur Sowjetunion?

    © Foto : Berlin Classics

    Das war eigentlich ganz gut geregelt. Ich bin verpflichtet worden, so alle zwei Jahre irgendeine Reise auch in die sozialistischen Länder zu machen. Vor allem eben in die Sowjetunion, aber auch nach Ungarn, nach Polen. Auf jeden Fall habe ich das als eine selbstverständliche Pflicht angesehen. Da habe ich auch mit großer Freude Liederabende in der Sowjetunion gegeben, die für mich eine große Entdeckung waren. Ich weiß zum Beispiel noch genau: In Ufa am Ural habe ich einen Liederabend in einer Schule gegeben, und da hatten fast alle Zuhörer die Noten in der Hand. Also, solche Dinge habe ich hier nie erlebt. Das war schon eine sehr lohnende Aufgabe, denn dort war wirklich das Interesse da. Und wenn ich heute lese, dass die Frau Netrebko aus Krasnodar kommt und dort in einem Mädchen-Chor angefangen hat, dann ist das das beste Beispiel dafür, wie Kultur dort gefördert wurde, auch ohne Riesen-Gage. Da spielte das Materielle keine so große Rolle, wie es heute ist.

    Ihre Schallplatte „Peter Schreier singt Weihnachtslieder“ war mit 1,4 Millionen verkauften Exemplaren die mit Abstand erfolgreichste Platte der DDR-Geschichte. Im Westen wäre man damit Millionär geworden. Wie war das in der DDR mit der Vergütung?

    Ich habe zwar auch Tantiemen bekommen, aber natürlich nicht so viele. Es hat für mich gelangt. Trotzdem stand das Finanzielle nie so groß im Mittelpunkt wie heute. Ich meine, ich hatte ja auch große Auflagen bei Phillips in Holland oder bei EMI in London, und diese Verträge waren unvergleichlich materiell lohnender als in der DDR. Aber das spielte für mich keine große Rolle, weil ich mich in der DDR versorgt fühlte und nicht irgendwelchen Geldern hinterherrannte.

    Mussten Sie auch einen Teil Ihrer West-Gagen an den Staat abführen? War das eine Devisen-Einnahmequelle?

    Ich sage immer, das war wie eine Art Steuer. Ich meine, ich hätte ja auch im westlichen Staat wesentlich mehr Steuern zahlen müssen als in der DDR. Und als solches habe ich diese Abgabe empfunden. Allerdings hat die Künstleragentur längst nicht so viel für meine Karriere getan, sondern ich selbst habe mir die Karriere aufgebaut. Einfach auch, weil ich besser beurteilen konnte, was man machen muss und was notwendig ist. Die Künstleragentur bestand ja aus Parteifunktionären. Die hatten keine Ahnung von Künstler-Management.

    Szenenbild aus der Oper mit „Abu Hassan“ mit Peter Schreier (Staatsoper Dresden) als Abu Hassan und Gläubigern (Chor des Sachsenwerkes Niedersedlitz) im Arbeitertheater Dresden-Niedersedlitz
    Szenenbild aus der Oper mit „Abu Hassan“ mit Peter Schreier (Staatsoper Dresden) als Abu Hassan und Gläubigern (Chor des Sachsenwerkes Niedersedlitz) im Arbeitertheater Dresden-Niedersedlitz

    Es war zum Beispiel einmal so, dass die Künstleragentur oder das Ministerium für Kultur von der New Yorker Met (Metropolitan Opera – Anm. d. Red.) verlangte, das auf dem Plakat mein Name angekündigt wird als „Künstler der DDR“. Da hat der Intendant Bing (Rudolf Bing – Anm. d. Red.) in New York bloß gelacht und gesagt: „Das machen wir mit keinem Künstler. Bei uns stehen nur die Namen da, und die Leute wissen, wo die Leute herkommen.“ Das war ein Schuss in den Ofen. Das waren so Dinge, die wussten die Leute einfach nicht.

    Sie sprechen immer von der Künstleragentur, aber sie hatten doch schon den ganz direkten Draht nach ganz oben, oder?

    Nein, nein. Honecker hat natürlich meistens verlangt, dass bei irgendwelchen Staatsempfängen oder Gästen aus dem Ausland die ersten Künstler des Landes in einem Gala-Konzert auftreten. Aber das war übrigens für Hermann Prey (bekannter westdeutscher Sänger der 1960er und 1970er Jahre – Anm. d. Red.) in Westdeutschland genauso. Er wurde auch gebeten, in Bonn aufzutreten, wenn es um ausländische Gäste ging. Da gibt es im Grunde keinen Unterschied. Aber eine hübsche Geschichte muss ich Ihnen trotzdem erzählen: Eines Tages kam Herr Kirchschläger, der Präsident Österreichs, in die DDR zu Besuch. Und da war ein Empfang in Niederschönhausen. Da wurde ich vom Honecker-Büro angesprochen, ob ich nicht ein paar Lieder singen könnte. Möglicherweise noch ein paar österreichische. Jedenfalls habe ich das gemacht, und wie ich fertig bin mit Singen, kommt der Herr Kirchschläger auf die Bühne und begrüßt mich und sagt: „Ja mei, Herr Kammersänger, ich hab gedacht, sie seien ein Österreicher.“

    Weil sie so oft in Salzburg waren?

    Ja, der kannte mich ja von Wien und von Salzburg. Das war eine lustige Begebenheit. Und Herr Honecker stand daneben!

    Sogar Ihre Familie durfte Sie auf Reisen in den Westen begleiten. Auf einer solchen Reise, nach Salzburg 1982, ist Ihr Sohn, der damals Anfang Zwanzig war, im Westen geblieben. Wie war das für Sie?

    Ich war damals sehr sauer auf ihn, weil er diese Gelegenheit genutzt hat, um drüben zu bleiben. Er hätte ja auch offiziell rübergehen können, wenn auch sicher mit Schwierigkeiten. Damals habe ich ihm das übelgenommen. Das war ja auch ein Vertrauensbruch. Heute sind wir aber einer Meinung, dass das richtig war. Ich konnte es ihm ja auch nicht verwehren. Er war mündig. Er hatte die Hochschule abgeschlossen und keine große Perspektive in der DDR. Er hätte bei unserer Schallplattenfirma als „Lampenträger“ anfangen können. In Salzburg bekam er dagegen durch einen Bekannten gleich eine Stelle als Tonmeister beim Bayrischen Rundfunk. Es war eine unangenehme Situation. Aber zum Glück hat das mir keine Nachteile gebracht. Wahrscheinlich wollte die DDR auch nicht, dass das große Wellen schlägt.

    Der andere große Klassik-Star der DDR war Theo Adam, der letztes Jahr verstorben ist. Wie war Ihr Verhältnis?

    Wir waren sehr sehr gut befreundet. Theo Adam war ja zehn Jahre älter und hat für uns Junge sehr viel getan. Er war ja schon im Geschäft und konnte seine Beziehungen ausnutzen. Er war für mich ein großer Halt und auch ein Orientierungspunkt.

    Meinen Sie, Ihre Karriere wäre anders verlaufen, wenn Sie in der BRD aufgewachsen wären?

    Das ist schwer zu sagen. Dem ging ja eine Entwicklung voraus. Vor allem meine Mitgliedschaft im Kreuzchor hat mein ganzes musikalisches Leben beeinflusst. Und das war nun einmal in Dresden. Und diese Entwicklung aus dem Kreuzchor hat ja auch direkt zu meinem Beruf geführt.

    Haben Sie ein Lieblingsmusikstück?

    Mehrere. Die Bachsche „Matthäus-Passion“, von den Opern „Der Freischütz“. Aber eigentlich bin ich ja noch mehr ein Liedersänger. Da mag ich vor allem Schubert, zum Beispiel „Das Ständchen“, den Zyklus „Die schöne Müllerin“ oder „Die Winterreise“. Es gibt also bei mir eine gewisse Orientierung an alten deutschen Musikstücken.

    Wie haben Sie den Fall der Mauer erlebt?

    Ich habe den Mauerfall gar nicht richtig miterlebt. Ich hatte nämlich Schallplattenaufnahmen in Berlin und dann immer bis abends um elf. So auch an jenem Abend. Dann bin ich in die Stadt gefahren und habe den Mauerfall am Fernseher erlebt. Ich war dann in den nächsten Tagen auch wahnsinnig enttäuscht über die Reaktionen von den Politbüro-Mitgliedern, von Herrn Stoph (Willi Stoph, seit 1953 Politbüromitglied der SED, zuletzt Ministerratsvorsitzender – Anm. d. Red.) und wie sie alle hießen. Die waren ja geradezu hilflos, wenn sie bei Interviews gestellt wurden. Sie wurden richtig bloßgestellt, weil sie gar nicht in der Lage waren, sich anständig zu verteidigen. Allerdings haben sie natürlich auch viel Unsinn gemacht. Die Wirtschaftspolitik der DDR war total daneben, mit vielen Schulden. Das hat den Staat unheimlich geschwächt. Und dann die Preispolitik im Inland. Ich meine, eine Straßenbahnfahrkarte für zehn Pfennige in Dresden – das kann ja nicht wirtschaftlich sein. Da gibt es so viele Beispiele. Man hat alles so billig gehalten – da war der Kontrast nach der Wende natürlich besonders groß.

    Haben Sie also schon damals damit gerechnet, dass die Mauer fällt?

    Das vielleicht nicht, aber mir war schon klar, dass die Mauer ein Hemmnis ist für die Entwicklung der DDR. Wir haben das ja dann erlebt, als die Menschen auf die Straße gegangen sind. Sie haben gesagt: Lasst uns mal rüber. wir kommen doch wieder! Sie wollten doch nichts weiter, als mal raus.

    Das Meiste aus der DDR landete nach der Wende auf dem „Müllhaufen der Geschichte“. Wie ist es Ihnen ergangen?

    Für mich persönlich gab es eigentlich einen nahtlosen Übergang. Aber insgesamt, muss ich sagen, hat man uns schon die westliche Ordnung übergestreift. Es wird ja immer noch an der Existenz der DDR rumgeknabbert. Aber sie war nun einmal vierzig Jahre da und hat in der Weltpolitik mitreden dürfen. Ich fand das ganz schön überheblich, die Art und Weise, wie man die DDR untergebuttert hat. Da hätte man einen anderen Weg finden müssen. Denn die Menschen hier sind bis heute eindeutig benachteiligt.

    Wenn man Sie bitten würde, eine Rede zu halten, um Ihren ostdeutschen oder sächsischen Landsleuten Mut zu machen, was würden Sie sagen?

    Wenn wir uns orientieren an unseren Leistungen und Erfolgen in der Vergangenheit, ob nun auf musikalischem, wissenschaftlichem oder technischem Gebiet, dann finden wir auch wieder raus aus diesem Tal und werden diese verlorenen Jahre auch wieder aufholen. Ich bin da sehr optimistisch. Wenn ich die Zeitung lese, stelle ich auch fest, dass immer wieder Glanzpunkte hervorgebracht werden. Das lässt mich hoffen, dass wir das westliche Niveau auch wieder erreichen.

    © Foto : Peter Schreier

    Peter Schreier (84) ist ein deutscher Opernsänger und Dirigent.

    Der Kantorensohn aus Meißen wurde 1945 als Zehnjähriger in den Dresdner Kreuzchor aufgenommen. Nach einem Gesangsstudium an der Dresdner Musikhochschule debütierte er 1959 an der Staatsoper Dresden. 1963 wechselte er an die Berliner Staatsoper. Bereits in den 1960er Jahren durfte Schreier im westlichen Ausland auftreten. 1966 debütierte er bei den Bayreuther Festspielen. 1967 sang er erstmals bei den Salzburger Festspielen, wo er von nun an 25 Jahre lang gastierte. Es folgten Engagements an der Mailänder Scala, der New Yorker Met und dem Teatro Colón in Buenos Aires. Als Sänger war Peter Schreier letztmals am 22. Dezember 2005 in Prag zu erleben. 

    Als Dirigent arbeitete er u. a. mit den Berliner Philharmonikern, den Hamburger Symphonikern, der Staatskapelle Dresden, den Wiener Symphonikern und dem Los Angeles Philharmonic Orchestra zusammen. Letztmalig stand Schreier Ende 2015 hinter dem Dirigentenpult.
    Peter Schreier wohnt bis heute in Dresden.

    Das Interview mit Peter Schreier zum Nachhören:

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Mauerfall-Jahrestag, Peter Schreier, Kunst, Sänger, Oper, DDR