18:24 05 Dezember 2019
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    Exklusiv: Gregor Gysi: „Würde nicht noch mal Vorsitzender der SED werden“

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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (100)
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    Der wohl prominenteste Linke, Gregor Gysi, schaffte zu DDR-Zeiten den Spagat zwischen System und Opposition. 1989 hätte er nicht gedacht, dass die Sowjetunion die DDR aufgibt. Als sich die Wiedervereinigung abzeichnete, übernahm Gysi die verhasste SED und damit den wohl undankbarsten Job der Welt, wie er im exklusiven Sputnik-Interview erzählt.

    Herr Gysi, wie haben Sie von der Maueröffnung am 9. November 1989 erfahren?

    Meine Lebenspartnerin, wir wohnten nicht zusammen, rief mich an und sagte: „Gregor, die Mauer ist auf.“ Darauf sagte ich: „Mensch, nachts um zwei ist doch nicht die richtige Uhrzeit für Scherze.“ Da meinte sie: „Das ist kein Scherz.“ Dann habe ich den Fernseher eingeschaltet. Überall war zu sehen, wie die Leute über die Grenze gingen und zufrieden waren – was ich gut verstanden habe. Dieser Druck, nicht reisen zu dürfen, war ja wirklich enorm. Und daraufhin bin ich aber nicht mitgegangen, aus mehreren Gründen. Erstens, weil ich schon mal im Westen war. Erst war ich genauso eingesperrt wie alle anderen auch, aber im Januar 1988 durfte ich dann mit 40 Jahren nach Paris fahren. Deshalb war der Druck in mir nicht so groß wie bei den Anderen. Aber zweitens, weil ich am nächsten Tag eine Verhandlung beim Staatsgericht Berlin hatte. Mein Mandant war des Mordes beschuldigt, und ich kenne die deutsche Justiz: Die fällt wegen historischer Weltereignisse nicht aus. Und so war es auch. Die Schöffen hingen zwar in den Seilen, aber pünktlich um acht begann die Verhandlung. Denn mein Mandant konnte ja nicht über die Grenze gehen, weil er in U-Haft saß.

    Und dann, ein, zwei Tage später, haben Sie realisiert, was gerade passiert ist? 

    Ja, natürlich. Das habe ich schon realisiert. Ich wusste auch, dass das der Anfang vom Ende der DDR ist. Für mich war nur die Frage: „Was macht die Sowjetunion?“ Dass die SED-Führung dabei nicht mehr die Rolle spielte, das war mir völlig klar. Und das hat sich dann im Laufe der Zeit herausgestellt. Ich glaube allerdings, das Ganze war ein Versehen. Das heißt, ich glaube es nicht, ich weiß es inzwischen. 

    Die Schabowski-Pressekonferenz meinen Sie? 

    Ja, und ich kann Ihnen auch sagen, warum. Das Politbüro hatte das Innenministerium gebeten, einen Gesetzentwurf zu machen, dass die Leute, die für immer die DDR verlassen wollen, nicht mehr über Ungarn und Warschau und Prag gehen müssen, sondern direkt über die Grenzübergangsstellen der DDR in den Westen ständig ausreisen können. Und das war die sogenannte „ständige Ausreise“. Die andere Ausreise war die mit Hin- und Rückreise. Und der einzige, der an dieser Politbürositzung nicht teilgenommen hatte, war Schabowski. Und der bekam diesen Zettel. Und da stand wahrscheinlich „ständige Ausreise“, nur konnte er nichts mit dem Begriff „ständig“ anfangen. Du kannst darunter auch „ständig ausreisen“ verstehen. Und dann stand da keine Frist, also dachte er sich: ab sofort. Und so war das Ganze aus einem Missverständnis heraus geboren. Das kann ich dadurch belegen, dass sie Gorbatschow nicht vorher gefragt haben, das hätten sie sich nie getraut. Sie hätten immer Gorbatschow befragt, ob sie die Mauer öffnen dürfen. Ich meine, unter uns, zwei Wochen später wäre sie sowieso geöffnet worden, aber an dem Tag war das meines Erachtens ein Missverständnis.  

    Sie sagen, die SED-Führung spielte keine Rolle mehr, trotzdem waren sie der Meinung, die SED sei zu retten, und Sie wurden selbst zu ihrem Retter. Waren sie Masochist oder Maoist? 

    Nein, Maoist war ich nie, im Gegensatz zu den West-Linken mochte ich den auch nie besonders. Aber ich muss Ihnen etwas erklären: Seit meinem 23. Lebensjahr bin ich Rechtsanwalt. Ich war der jüngste Rechtsanwalt der DDR, wenn nicht gar der Welt. Und ich habe festgestellt: Mich ziehen Probleme an. Ich will Ihnen beschreiben, warum ich das gemacht habe. Das Neue Forum kam im September 1989zu mir, als der Innenminister der DDR festgestellt hatte, man kann das Neue Forum nicht zulassen, weil es staats- und verfassungsfeindlich sei. Dagegen habe ich eine Beschwerde geschrieben. Da war der Generalsekretär noch Honecker und die Mauer stand auch noch und der 9. November hatte auch noch nicht stattgefunden. Da habe ich die Beschwerde geschrieben, die letztlich auch erfolgreich war, natürlich, weil der Druck so zunahm, dass sie keine andere Chance mehr hatten, als das Neue Forum zuzulassen. Dann kam die Leitung zu mir und fragte mich, ob ich Mitglied werden will, auch führendes Mitglied. Da sagte ich „Nö“. Und dann habe ich zu denen gesagt: „Ich kenne die DDR. Euch passiert gar nichts mehr. Ihr seid hier zugelassen, ihr braucht mich nicht mehr.“ Und dann wusste ich, dass die SED-Führung, oder überhaupt die SED, es jetzt ordentlich hinter die Ohren bekommt. Und das hat mich angezogen. Und später hat mich dann angezogen, die Interessen der Millionen Menschen zu vertreten, die kein anderer vertreten wollte, weil die Partei- und Staatsfunktionäre...

    ...auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen wurden.  

    Richtig. Die mussten doch auch einen Weg in die deutsche Einheit finden. Und das war meine Aufgabe. Wenn Personen in Schwierigkeiten sind, dann führe ich mit ihnen Gespräche, weil mich das interessiert. Wenn sie oben auf und glücklich und in den Schlagzeilen sind, nicht. 

    Ist Ihnen dabei Moskau beigestanden in irgendeiner Form, oder hatten die andere Sorgen? 

    Moskau hatte zum Teil ganz andere Sorgen. Ich war beim Botschafter, das war dort auch alles sehr schnelllebig. Ich war auch mal bei den Sowjetischen Streitkräften, die hatten auch wieder eine ganz andere Auffassung. Und dann war ich am 1. Februar 1990 bei Gorbatschow, und dann wusste ich: Jetzt kommt es zur deutschen Einheit. Ab dann stand nur noch die Frage, wie – durch Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetztes nach Artikel 23 oder eben durch eine neue Verfassung, wie es im Artikel 146 steht. Dann hätten wir einen neuen deutschen Staat bekommen, der die Rechtsnachfolge der DDR und der BRD angetreten hätte. Das wäre natürlich eine ganz andere Form der Vereinigung gewesen, aber Kohl wollte das nicht. Interessanterweise war es gar nicht Gorbatschow, sondern Bush, der zu ihm gesagt hat: „Die DDR darf noch beitreten gemäß Artikel 23 unter der Bedingung, dass der Artikel 23 danach abgeschafft wird. Wenn er nicht abgeschafft wird, gibt es nie die Zustimmung von Tschechien und Polen, und ohne die Zustimmung der beiden mache ich es nicht.“ So hat dann Kohl in den sauren Apfel gebissen und den Artikel 23 gestrichen.   

    Ein Knackpunkt war die Nato-Mitgliedschaft Deutschlands…

    Ja, da gab es ja das schöne Gespräch zwischen Gorbatschow und Bush. Da sagte Bush zu Gorbatschow: „Warum misstrauen Sie Deutschland so sehr, dass sie es unbedingt raushaben wollen aus der Nato?“ Und dann sagte Gorbatschow zu Bush: „Nein, Sie misstrauen Deutschland, deshalb wollen Sie es drin haben in der Nato.“ Was ich ganz witzig finde als Gespräch. Aber Gorbatschow hatte gar nicht die Kraft, so etwas durchzusetzen

    Sie haben dann Durchhaltevermögen bewiesen, und das war ja auch ein Fegefeuer, die SED zu retten, oder?  

    Ich wusste gar nicht, dass ich so preußisch bin, aber da wurde ich preußisch stur. Ich habe immer gesagt, ich habe bis jetzt sechs Leben geführt. Das siebente kommt noch, das ist das hohe Alter. Zwei davon habe ich in der Bundesrepublik geführt – das fünfte und das sechste. Beim fünften Leben hat mich die Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt. Ich habe aber natürlich um meine Akzeptanz und auch um die Akzeptanz der Partei gerungen. Und dann ist es mir gelungen, dass eine Mehrheit – nicht alle, aber eine Mehrheit – mich akzeptiert, auch in Bayern. Erst im Osten, aber dann zunehmend auch im Westen. Und das ist mein sechstes Leben. Und wenn ich jetzt nur die Wahl zwischen dem fünften und dem sechsten Leben hätte, dann nehme ich das sechste. Das ist wesentlich angenehmer als das fünfte.

    Also persönlich: Wenn heute Mitte Dezember 1989 wäre und ich nochmal gefragt würde, ob ich Vorsitzender der SED werde möchte, dann würde ich sagen: „Nein.“ Es war zu viel, was danach auf mich zukam.

    Es ging ja alles rasend schnell zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Wenn etwas zu schnell geht, passieren oft Fehler…

    Politisch sind mindestens drei Fehler bei der Herstellung der Einheit begangen worden. Das eine ist, dass nichts an der Symbolik geändert wurde. Nichts an der Hymne, nichts an der Fahne, nichts am Emblem, nichts an der Bezeichnung – irgendeine Kleinigkeit hätte man wenigstens verändern müssen, um zu sagen: Wenn die Ostdeutschen hinzukommen, sind wir ein bisschen anders. Das lehnten sie ab.

    Das zweite ist, dass sie sich für den Osten nicht interessiert haben und sich deshalb den Osten nicht genau angesehen haben, sonst hätten sie festgestellt, dass vieles natürlich weg muss, aber dass die Polikliniken vielleicht eine gute Erfindung sind, dass die Gleichstellung der Geschlechter viel weiter war als bei ihnen, was natürlich nur ging mit einem flächendeckenden Netz an Kindertagesstätten, Nachmittagsbetreuung an Schulen, Ferienbetreuung an Schulen, Kinderferienlagern etc.

    Und drittens die Berufsausbildung mit Abitur. Das war auch etwas Vernünftiges – 10. Klasse, drei Jahre einen Beruf erlernt, ein gleichwertiges Abitur zeitgleich gemacht, und wenn du dann Chemiefacharbeiter warst und anschließend Chemie studiert hast, war das natürlich sinnvoll.

    Wenn man drei solche Sachen übernommen hätte für ganz Deutschland, hätte es das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen gestärkt. Weil sie sich gesagt hätten: „Wir hatten zwar eine Diktatur, aber ein paar Sachen sind so gut, dass sie jetzt in ganz Deutschland gelten.“ Das wäre wichtig gewesen.

    Und die Westdeutschen hätten erlebt, dass durch das Hinzukommen des Ostens sich in diesen Punkten ihre Lebensqualität erhöht hätte. Aber solch ein Erlebnis ist uns nicht gegönnt worden. Das hat auch Folgen bis heute.

    Und der letzte Fehler war die Wirtschaft. Die Willkür der Treuhandanstalt

    Abschließend: War dieser 9. November 1989 für Sie persönlich, aber auch für das Land und die Menschen im Osten ein eher positiver oder negativer Wendepunkt?

    Eindeutig mehr positiv. Wenn sie einer Bevölkerung seit dem 13. August 1961 sagen, es gibt einige wenige Länder, in die ihr reisen dürft, den größten Teil der Welt dürft ihr aber bis zum Erreichen des Rentenalters nicht sehen, dann ist das ein ungeheurer Akt der Befreiung, wenn sich plötzlich die Welt für dich öffnet. Das konnte ich sehr gut verstehen. Ich konnte auch sehr gut verstehen, dass die Leute zutiefst beeindruckt, glücklich und froh waren. Ich ahnte natürlich, dass die Stimmung sich auch wieder ändert. Aber ich konnte sehr gut verstehen, dass das erstmal die Reaktion war.

    Gregor Gysi (71) wurde in Berlin geboren und arbeitete in der DDR als Rechtsanwalt. Er ist eine der zentralen und prominentesten Persönlichkeiten der PDS bzw. der Partei Die Linke und wirkte prägend auf das politische Geschehen in der Bundespolitik seit der politischen Wende von 1989/1990 ein. Zu seinen politischen Erfolgen zählt die Transformation der vormaligen DDR-Staatspartei SED zur PDS und nach deren 2007 erfolgten Fusion mit der SPD-Abspaltung WASG schließlich zur Linken. Mit ihren Wahlerfolgen und Mandaten in überregionalen Parlamenten auch in den westdeutschen Ländern trug Gysi maßgeblich zur bundesweiten Etablierung seiner links von SPD und Bündnisgrünen positionierten Partei bei.

    Von Ende 1989 bis 1993 war Gysi letzter Vorsitzender der SED-PDS und ihrer Nachfolgepartei PDS. Von 1990 bis 1998 war er Vorsitzender der Bundestagsgruppe der PDS und von 1998 bis 2000 Vorsitzender der PDS-Bundestagsfraktion. Von 2005 bis 2015 war er Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion im Bundestag. Ende 2016 wählte ihn die übernationale Europäische Linke zu ihrem Präsidenten.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    30 Jahre Mauerfall, Michail Gorbatschow, Mauerfall, DDR, SED, Gregor Gysi
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