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11:48 19 Oktober 2019
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    Eine gemeinsame Patrouille der türkischen und US-Militärs in Nordsyrien (Archivbild)

    „Türkei-Offensive wird Kräfteverhältnis nicht zugunsten des Westens verändern“

    © REUTERS / U.S. Army / Staff Sgt. Andrew Goedl / Handout
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    Nach dem Scheitern des türkisch-amerikanischen Plans zur Einrichtung einer „Pufferzone“ hat die Türkei eine Offensive gegen die sogenannten „Demokratischen Kräfte Syriens“ (DKS) begonnen, deren Kern die kurdischen Selbstverteidigungskräfte (YPG) bilden, die man in Ankara als syrischen Ableger der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) betrachtet.

    „Friedensquelle“ ist der dritte türkische Syrien-Einsatz nach „Euphrat-Schild“ 2016 an der Dscharabulus-Asas-Linie und „Olivenzweig“ 2018 in Afrin.

    Welche Auswirkungen wird dieser Einsatz haben?

    Der Chefredakteur der Zeitschrift „Yörünge“, Ceyhun Bozkurt, sagte dazu gegenüber Sputnik:

    „Was die Region östlich vom Euphrat angeht, so gibt es für die Türkei zwei wichtige Momente. Erstens könnte der Einsatz ‚Friedensquelle‘ das globale Kräftegleichgewicht zu Ungunsten der westlichen Welt verändern. Der Effekt von diesem Einsatz wird erst Jahre später klar. Denn das Gleichgewicht der Kräfte in Washington hat sich kardinal verändert. Wie auch in der Frage in Bezug auf die S-400-Raketen, hatte man erwartet, dass die Türkei zurückrudern und sich am Ende mit den USA einigen würde. Aber als man die Entschlossenheit der Türkei sah, beschloss man, sie abzulenken, wie das auch mit dem Manbidsch-Abkommen der Fall war.“

    „Ende der vorigen Woche, als offensichtlich wurde, dass der Einsatz bald beginnt, fiel es den Amerikanern schon schwer, ihre Panik zu verbergen. Die türkische Armee drang auf das Territorium vor, in das sie jahrelang Gelder investierten. Das zeigte, dass die Worte der USA in der Welt nicht mehr so gewichtig wie früher sind. Die kontroversen Erklärungen des US-Präsidenten Donald Trump und die Tatsache, dass viele US-Offizielle die Türkei, ihren Nato-Verbündeten, auf einmal zum ‚Feind‘ abstempelten – das alles deutet an, dass das Kräftegleichgewicht der USA und der Nato künftig anders sein wird“, ergänzte Bozkurt.

    Dem Journalisten zufolge haben die USA ihren Einfluss auf die Türkei verloren, und Ankara wird sich jetzt vor allem nach seinen eigenen nationalen Interessen richten. „Der Artikel ‚Who Lost Turkey‘ des früheren CIA-Agenten Graham Fuller wird in der nächsten Zeit im Vordergrund der Tagesordnung  der Amerikaner stehen. Ja, die USA haben die Türkei total verloren. Die Türkei bewegt sich zu einer neuen Welt. Diese Welt bedeutet eine unabhängige Außenpolitik, die das Kräftegleichgewicht respektiert und die nationalen Interessen verteidigt. Außerdem wird sie die Beziehungen mit der asiatischen Welt, mit Eurasien im Allgemeinen festigen.“

    „Die Säuberung der Region von terroristischen Organisationen wird den Weg für das chinesische Projekt ‚Ein Gürtel, ein Weg‘ frei machen, das die globale Bilanz, die Wirtschaft und Politik verändern wird. Die USA wollten in unserer Region Fuß fassen, hier ein noch größeres Chaos auslösen und dieses Projekt erwürgen. Dasselbe taten sie auch in vielen Gebieten, durch die dieser Weg führt. Im Rahmen dieser Strategie nutzten sie solche territorialen Organisationen wie PKK/PYD und Daesch aus. Der türkische Einsatz ‚Friedensquelle‘ wird zur Befreiung der Region von terroristischen Organisationen beitragen. Die illegitime Präsenz der USA in der Region wird für längere Zeit infrage gestellt. Die Türkei ist ein wichtiger Akteur im Rahmen des Projekts ‚Ein Gürtel, ein Weg‘, und der Einsatz ‚Friedensquelle‘ wird diesem Projekt in einem gewissen Sinne eine Zukunft schenken. Zudem wird das ein Beispiel für andere Regionen sein, wie man zerstörenden Aktivitäten dieser oder jener Kräfte widerstehen kann“, so Bozkurt.

    Soldat der kurdischen Volksmilizen in der nordsyrischen Stadt Manbidsch (Archivbild)
    © AP Photo / Hussein Malla
    Soldat der kurdischen Volksmilizen in der nordsyrischen Stadt Manbidsch (Archivbild)

    Wegen dieses Einsatzes führen westliche Länder eine antitürkische Propaganda, so der Reporter weiter. „Ein anderer Aspekt sind die Lügen, die Türkei würde die Kurden angreifen – das sind Lügen, die von der PKK und den dahinter stehenden westlichen Kräften verbreiten werden. Alle müssen wissen, dass die Türkei diesen Einsatz nicht gegen die Kurden begonnen hat, sondern gemeinsam mit ihnen. Vor allem muss man darauf verweisen, dass die PKK den Kurden sehr geschadet hat. Tausende türkische Bürger, ethnische Kurden, sind wegen der Terrorangriffe der PKK ums Leben gekommen.

    Die PKK behielt unsere kurdischen Bürger im Visier, nahm sie quasi als Geiseln. Davon wurden sie dank den jahrelangen Einsätzen der türkischen Armee befreit. Wenn die terroristische Organisation wieder stärker wird, werden darunter vor allem türkische Staatsbürger, ethnische Kurden leiden.

    Die Partei Demokratische Union (PYD), der syrische Ableger solcher terroristischen Organisationen wie Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK) und PKK, setzte ähnlich die im Norden Syriens lebenden Kurden unter Druck - unter anderem wurden sie gefoltert und getötet. Gerade deshalb haben sich etwa 400.000 Kurden in der Türkei versteckt. Die syrischen Kurden, die keine Fluchtmöglichkeiten haben, werden nach wie vor von dieser Organisation unterdrückt.

    Diese Situation wurde in Berichten vieler internationaler Organisationen widerspiegelt, vor allem der Uno. Also kämpft die Türkei nicht gegen die Kurden, sondern im Gegenteil – für ihre Befreiung.

    Darüber hinaus muss man die KCK scharf ins Auge fassen, der auch die PKK angehört. Diese Organisation wurde 2005 gebildet, um parallel mit den US-Angriffen im Nahen Osten zu handeln. Es gibt einen Brief, den Mustafa Karasu, einer der PKK-Anführer, 2002 an das US-Außenministerium geschrieben hat.

    In diesem Brief betonte er: ‚Wir unterstützen die USA und sind bereit, an ihren Einsätzen teilzunehmen.‘ So wurde die Union der Gemeinschaften Kurdistans gebildet. Diese Organisation erkannte die 2003 gegründete Demokratische Union (PYD) als ihren syrischen Zweig an. In der Türkei setzte die KCK die PKK ein, im Irak die Partei der demokratischen Lösung Kurdistans und im Iran die Partei des freien Lebens in Kurdistan.

    Wir haben es mit einer Art Staatsgebilde‘ zu tun, das aus vier Strukturen besteht. Die USA nutzen sie für ihre eigenen militärischen Zwecke aus. Alle ihre Angriffe gegen die Türkei, den Irak, den Iran und Syrien erfolgten im Rahmen der US-Strategie. Jeder Schlag gegen diese Organisation ist ein Schlag gegen die regionale und internationale Politik der USA“, erläuterte Bozkurt.

    Die Sekretärin des Büros für internationale Beziehungen der Partei Vatan, Özge Ergen Yahsi, zeigte sich ihrerseits überzeugt, dass die Türkei mit den Ländern der Region zusammenwirken sollte, ohne sich auf die Einrichtung der „Sicherheitszone“ zu beschränken. „Die türkische Armee hat allen Grund für diesen Einsatz. Das Herz des türkischen Volkes schlägt mit dem Herz unserer tapferen Armee. Das Ziel sollte nicht nur die Einrichtung der Sicherheitszone sein, sondern die Vernichtung der Arbeiterpartei Kurdistans, der PYD und der Selbstverteidigungskräfte (YPG).

    Die entschlossene Position der türkischen Nation und der Wille der türkischen Armee tragen zur allmählichen Spaltung innerhalb der USA bei. Das ist eine gute Möglichkeit, dem Imperialismus einen heftigen Schlag zu versetzen. Die Türkei sollte sich unverzüglich nicht nur mit der syrischen Regierung, sondern sich auch mit Russland und dem Iran zusammentun und gemeinsam gegen den gemeinsamen Feind kämpfen.“

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    Themen:
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    Tags:
    USA, Nordsyrien, Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Arbeiterpartei PKK, PKK, kurdische Selbstverteidigungskräfte YPG, YPG, Türkei, Kurden, Syrien