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12:38 19 Oktober 2019
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    „Nachdenkseiten“-Herausgeber Albrecht Müller

    Wer Meinungen manipuliert und was dagegen hilft – Albrecht Müller mit neuem Buch

    © Foto : Liesa Johannsen
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    Die vielgepriesene Demokratie westlichen Musters wird täglich ausgehöhlt. Das stellt der ehemalige SPD-Politiker Albrecht Müller in seinem neuen Buch fest. Der Publizist stellt fest: „Wir alle werden ständig bedrängt zu denken, was andere uns vorsagen.“ Im Interview erklärt er, wie er zu der Diagnose kommt und welche Therapie er vorschlägt.

    - Herr Müller, Sie haben ein neues Buch veröffentlicht: „Glaube wenig – Hinterfrage alles – Denke selbst“. Es soll helfen, Manipulationen zu durchschauen. Was ist neu daran? Sie hatten sich ja bereits in dem Buch „Meinungsmache“ mit dem Thema auseinandergesetzt.

    - Es gibt verschiedene Gründe für dieses Buch. Es ist erstens eine Art Zusammenfassung dessen, was ich in den letzten 40 Jahren gedacht habe und, wenn man so will, was ich erforscht habe: Wie wir manipuliert werden, wie wir falsch informiert werden, wie wir auf Basis von ausgedachten Meinungsmachkampagnen in die Irre geleitet werden. Das ist etwas, was ich wirklich seit langer Zeit beobachte. Das aus meiner Sicht bedauerliche Fazit all dieser Beobachtungen ist, dass keine der großen politischen Entscheidungen der letzten Jahrzehnte ohne massiven Einfluss jener zustande gekommen ist, die über die Meinungsmacht verfügen. Da hat sich in unserer Gesellschaft etwas verschoben. Es war schon immer so, dass die Eigner von großen Medienkonzernen die Möglichkeit hatten, Menschen zu beeinflussen. Aber so massiv und deutlich wie das heute geschieht, war es bisher nicht.

    Es ist ein kleines, gut lesbares, leicht verständliches Buch. Damit möchte ich an Menschen herankommen, die nicht ständig im Internet unterwegs sind, aber dennoch bereit sind, ihre eigenen Gedanken wieder zu beherrschen. Hier geht es auch um Meinungsfreihit, um die Freiheit selbst zu denken – die Freiheit, seine eigenen Gedanken zu beherrschen und sie an jemanden anderen nicht abzugeben.

    - Gleichzeitig wird ja derzeit ein Hohelied auf die Demokratie gesungen. Wie passt das zusammen?

    - Das ist eher ein Propaganda-Trick. Wenn von Agitatoren der westlichen Sphäre immer behauptet wird, sie würden für Menschenrechte und Demokratie streiten, dann ist das zunächst einmal eine Behauptung. Wenn man die Dinge untersucht, ganz konkret, zum Beispiel wie die Entscheidung für die Riester-Rente und die Entgeltumwandlung, eine Förderung der privat organisierten betrieblichen Altersvorsorge, zustande gekommen ist, findet man ganz schnell, dass sich da die Interessenten aus der Finanzwirtschaft ausgedacht haben, sie könnten mit einem Horrorszenario zur demografischen Entwicklung die Menschen so weich klopfen, dass sie bereit sind, ihr Geld in Privatvorsorge zu investieren. Und auch hinzunehmen, dass parallel dazu die Leistungsfähigkeit der Gesetzlichen Rentenversicherung verringert wird, und dass sie als Steuerzahler auch noch dafür bezahlen sollen, dass die Privatvorsorge gefördert wird.

    Ich könnte Ihnen mindestens 50 Beispiele nennen, wo große politische Entscheidungen über diese Art von Meinungsmache, über Propaganda, über Täuschung der Menschen zustande gekommen sind. Das wird von denen bewirkt, die ein Interesse an diesen Täuschungen haben, im konkreten Fall eben von den Versicherungen und Banken.

    - Nun ist das auch ein Beispiel, wie in das Leben und die grundlegenden Interessen der Menschen eingegriffen wird, ohne dass demokratische Verfahren existieren, die die Menschen zu solchen Themen befragen und deren Interessen mit einbeziehen. Manipulation ist ein altes Thema, nicht erst seitdem Edward Bernays seinen Klassiker „Propaganda“ geschrieben hat. Warum funktionieren die bekannten Mechanismen noch immer?

    - Sie haben Recht mit dem Hinweis, dass das nichts Neues ist. Aber es gab ja mal eine Gegenbewegung. Es gab den Versuch, die Menschen sehr viel stärker in die Willensbildung einzubeziehen. Als ich 1963 der SPD beigetreten bin, gab es in deren Ortsvereinen eine intensive Debatte darüber, ob wir nun die Ostpolitik machen oder nicht, ob wir die Kinder und Jugendlichen aus Arbeiterhaushalten in weiterführenden Schulen fördern sollten, und auch darüber wie die Steuerreform aussehen sollte. Das wurde damals breit diskutiert, nicht nur in den SPD-Ortsvereinen und -Unterbezirken, sondern auch in den Zeitungen. Da war übrigens ein erster Beschluss für eine Steuer gegen Umweltbelastungen dabei. Da wurde kräftig diskutiert. Ich will das nicht beschönigen, aber es gab eine Phase in Deutschland und anderen Ländern, in der über die Inhalte der Politik mehr gesprochen und diskutiert sowie gestritten wurde als heute. In welchem Ortsverein egal welcher Partei wird heute noch inhaltlich ausführlich diskutiert? Vielleicht über Kommunalpolitik noch, aber nicht über Bundes- und Landespolitik.

    Schauen Sie: In ganz Europa ist das, was 1990 verabredet worden ist, dass es zwischen West und Ost keine Spannungen und keine Konfrontation mehr geben soll, einfach umgedreht worden – ohne dass das Volk befragt worden ist. Jetzt haben wir wieder die totale Konfrontation zwischen dem Westen und Russland und neuerdings auch China. Ist dazu eine Meinungsbildung des Volkes herbeigeführt worden? Nein! Das haben die Meinungsführer unter sich ausgemacht. Damit sie die Zustimmung des Volkes für die neue Konfrontation kriegen, wird ständig agitiert. Da wird Russlands Präsident Wladimir Putin zu einem bösen Mann gemacht und in eine Reihe mit Trump und Erdogan gestellt. In einem Kapitel meines Buches beschreibe ich, wie durch die Verknüpfung von Personen Images von einer zu anderen übertragen werden. Ganz konkret heißt es zum Beispiel in einem Buch über Putin, er sei ein „Polterer“, ein „polternder Populist“. Ich habe Putin noch nie poltern gesehen oder gehört. Ich beschreibe die Methoden der Manipulation, wie in diesem konkreten Fall das Image eines Menschen, eines wichtigen Politikers verändert wird, gezielt und zum Zweck einen neuen Konfrontation.

    - Der Psychologe Rainer Mausfeld hat sich ebenfalls damit beschäftigt, auch in Gesprächen mit den „Nachdenkseiten“. Im Interview mit Sputnik hat er sich auf die Frage nach Alternativen und Gegenstrategien zu diesen Manipulationsmechanismen skeptisch geäußert. Wie sehen Sie das?

    - Ich bin nach dieser langen Erfahrung auch skeptisch, aber ich gebe nie auf. Das ist vielleicht mein persönliches Problem. Deshalb arbeite ich im hohen Alter noch an so einem Buch. Aber ich habe ja die eigene Erfahrung gemacht, dass es anders geht. Ich war verantwortlich für den Wahlkampf der SPD 1972. Das ist lange her, gebe ich zu, fast 50 Jahre. Damals ist das große Kunststück gelungen, so viele Menschen zu mobilisieren, dass diejenigen, die das große Geld haben und die massiv Propaganda gegen Willy Brandt, den damaligen Bundeskanzler, gemacht haben, in Hunderten Anzeigen und Fernsehspots, dass wir denen die Macht über die Entscheidung der Menschen für die weitere Politik aus den Händen genommen haben. Das ist nur gelungen, weil wir eine Gegenöffentlichkeit aufgebaut haben. So nannten wir das damals schon. Hunderttausende haben damals das Gespräch mit ihren Arbeitskollegen, ihre Nachbarn und in der Familie gesucht. Sie haben politische Aufkleber auf ihre Autos geklebt und Sticker getragen.

    Willy Brandt hat damals erkannt, wie wichtig es ist, darauf hinzuweisen, dass das Große Geld versucht, die Macht in Deutschland zurückzuerobern. Sie hatten sie am 21. Oktober 1969 mit dem Kanzlerwechsel verloren und versuchten sie drei Jahre später mithilfe einer massiven Kampagne der Meinungsbeeinflussung zurückzuerobern. Das Ergebnis war, dass das SPD-Ergebnis mit 45,8 Prozent noch besser wurde, als es 1969 schon war – weil sich so viele Menschen engagiert haben.

    Auch heute gibt es eigentlich gar keine andere Möglichkeit, als erst einmal möglichst viele Menschen darüber zu informieren, dass sie manipuliert werden. Man kann ihnen helfen, die Tricks zu durchschauen, mit denen sie ihre geleitet werden und dann kann man sie auch dazu animieren, aktiv zu werden und dagegen aufzustehen.

    - Sie haben vor kurzen bei der „Süddeutsche Zeitung“ erlebt, wie die etablierten Medien auf Zweifel und Fragen zu den herrschen Narrativen reagieren. Was ist da passiert? Sie haben da ja im Prinzip den Mechanismus des Diffamierens und des Verschweigens, des Lächerlichmachens erlebt. Wie ist ihre Reaktion darauf?

    - Das war ein ernster Vorgang. Die „Süddeutsche Zeitung“ ritt am 14. September mit einem „Streiflicht“ – das ist eine tägliche Kolumne auf der ersten Seite – eine bösartige Attacke auf die „Nachdenkseiten“ und meine Person. Mit diesem „Streiflicht“ sollte bewirkt werden, dass Redaktionen, die gerade zwei Tage vorher informiert worden sind, dass es mein neues Buch gibt, davon abgehalten werden, Bücherbesprechungen oder Interviews mit mir zu machen. Ich fürchte, dass dieses Kalkül der „Süddeutschen Zeitung“ aufgeht.

    Sie müssen sich das konkret vorstellen: In einer Redaktion, zum Beispiel des „Deutschlandfunks“, beraten mehrere Personen darüber, was sie in ihre Rubrik der Buchbesprechungen aufnehmen. Dann muss ja nur einer die Stimme erheben und sagen: „Habt ihr nicht das ‚Streiflicht‘ gelesen? Da hat die ‚Süddeutsche Zeitung‘ den Autor dieses Buches attackiert. Das war nicht ohne.“ Der bräuchte das noch nicht einmal zu erläutern; der Hinweis reicht, weil dann die Kolleginnen und Kollegen sagen, ja wenn sich schon die „Süddeutsche Zeitung“ über den Autor hermacht, dann brauchen wir keine Buchbesprechung im „Deutschlandfunk“ darüber zu machen.

    So funktioniert das in der Praxis. Weil ich möchte, dass möglichst viele dieses Buch lesen, kann ich eigentlich nur darauf hoffen, dass ganz viele Menschen das Buch lesen und dann weitersagen, dass es geholfen hat kritisch zu hinterfragen und selbst zu denken. Und dass sie bei der Verbreitung helfen, das Buch weitergeben oder weiterschenken. So dass auch damit ein weiteres Stück Gegenöffentlichkeit gegen die herrschende Meinung in Gang kommt.

    - Nun gehört die „Süddeutsche Zeitung“ zu den sogenannten Leitmedien, an denen sich andere Journalisten wieder orientieren, wie Sie es eben gerade dargestellt haben.  Warum funktioniert das, dass etablierte, führende Medien und Journalisten – die auch als linksliberal gelten – diese Machtspiele mitmachen? Noch immer gelten Medien als „Vierte Macht“, als Korrektiv der Gesellschaft. Warum wird diese Aufgabe nicht mehr erfüllt?

    - Das hat verschiedene Gründe. So hat die Konzentration im Medienbereich zugenommen. Es gibt also weniger Eigentümer. Im konkreten Fall der „Süddeutschen“, das wissen die meisten Leute nicht, ist das Eigentum von mehreren Eigentümern vorher im Wesentlichen an den Eigentümer „Medien-Union“ unter Dieter Schaub in Rheinland-Pfalz übergegangen, in der Region, wo ich lebe. Bei den Medien hat insgesamt ein bemerkenswerter Konzentrationsprozess stattgefunden. In Deutschland gibt es in den meisten Städten nur noch eine einzige Tageszeitung. Das bedeutet, dass die Verleger dort ökonomisch die Macht haben, weil sie alle Anzeigen kriegen und niemand die Möglichkeit hat, auf ein anderes Blatt zurückzugreifen.

    Dann gibt es einen sehr eigenartigen Prozess: Wenn eine Werbeagentur oder eine Public Relations-Agentur einen Artikel unterbringen will,  z.B. über den demografischen Wandel und die angeblich deshalb notwendige private Vorsorge, dann gelingt es ihnen bei den Medien, weil Verleger Geld sparen wollen und auf diese Weise die Zeitungsseiten auf billige Weise gefüllt werden können. Dann kommt hinzu, dass der Arbeitsmarkt für Journalisten sehr eng geworden ist. Viele Leute studieren Geschichte und Politik oder Journalistik und wollen dann Journalisten werden. Da ist aber der Markt voll und sie haben keine Chancen zu wählen. Somit stehen sie unter Druck der Verleger und der Sender. Man kann diesen Journalistinnen und Journalisten gar nicht vorwerfen, dass sie sich unter dem Druck der Arbeitsmarktverhältnisse den Wünschen ihrer „Arbeitgeber“ beugen.

    Ich habe großes Verständnis dafür, dass junge Menschen, die keine Alternative haben, sich dann auch Pressionen beugen. Das ist ein wichtiges Element. Das behindert auch mich und alle anderen, die die Zeitläufte kritisch betrachten. Es behindert uns darin, das anzugreifen, weil man Verständnis für junge Menschen haben muss, dass sie ihr Einkommen irgendwie beschaffen müssen. Wenn sie eine Familie haben, dann sowieso. Da kommt ganz vieles zusammen, warum sich die Lage in der Welt der Meinungsfreiheit nicht verbessert, sondern eher verschlechtert hat.

    Albrecht Müller (Jahrgang 1938) war enger und verantwortlicher Mitarbeiter der SPD-Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt. Von 1987 bis 1994 war er Mitglied des deutschen Bundestages. Er ist  heute als Publizist Herausgeber des Online-Magazins „Nachdenkseiten“.

    Albrecht Müller: „Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst – Wie man Manipulationen durchschaut“
    Westend Verlag, 2019. 144 Seiten. ISBN 978-3-86489-218-9. 14 Euro

    Das Interview mit Albrecht Müller zum Nachhören:

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    Tags:
    SPD, Willy Brandt, Albrecht Müller