06:42 06 Dezember 2019
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    Protestler in La Pas am 9. November 2019

    Machtwechsel in Bolivien: „Dahinter können äußere Kräfte stehen“ – Expertin in Sputnik-Interview

    © REUTERS / KAI PFAFFENBACH
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    Der bolivianische Präsident Evo Morales ist nach heftigen Protesten, die von ihm und seinem Kabinett als Staatsstreich bezeichnet wurden, in der Nacht zum Montag zurückgetreten.

    Laut der Soziologin und Politologin Verónica Navia können externe Kräfte für seinen Rücktritt verantwortlich sein.

    - Welche Kräfte können hinter dem Staatsstreich in Bolivien stehen?

    - In Bolivien kam es zum Staatsstreich, was soll man dazu noch sagen. Dahinter können äußere Kräfte stehen, die eigene Vollstrecker in Bolivien hatten wie der Oppositionsführer Luis Fernando Camacho. Er war eben das Verbindungsglied, während Carlos Diego de Mesa Gisbert, andere Kandidaten, die an den Wahlen teilnahmen, Marionetten waren.

    - Welche Gründe führten zur politischen Krise?

    - Das einzige Motiv, das zur Rebellion dieser Menschen führte, war ihr Wunsch, die Macht zurückzugewinnen, und die Tatsache, dass Morales ihnen nicht passte. Es gibt keine anderen Gründe. Viele Jahre lang war der Präsident mit Druck in der Regierung konfrontiert.

    - Welche Zukunft erwartet Morales in der Politik?

    - Morales kämpfte viel, gleichzeitig hatte er viele Anhänger. Er war der beste Präsident und seine Regierung war die beste für Bolivien. Bolivien löste das Problem mit der Armut, in der wir uns befanden. Ich denke nicht, dass Morales mit dem Rücktritt auf sein Lebensmotto – Kampf für das Volk – verzichten wird.

    - Können wir in diesem Zusammenhang sagen, dass Morales einen großen Zuspruch im Volk genießt?

    - Morales hat nicht nur nationale, sondern auch internationale Unterstützung seitens der progressiven Regierungen der Nachbarländer, die uns Hoffnung gibt.

    - Welche Politiker werden bei den bevorstehenden Wahlen die meiste Unterstützung vom Volk haben?

    - Jetzt sind die Kandidaten nicht bekannt. Es wird einen neuen Wahlprozess geben. Laut bolivianischen Regeln finden zunächst Vorwahlen in jeder politischen Organisation statt.

    - Was denken Sie über die Überprüfung der Ergebnisse der stattgefundenen Wahlen durch die Organisation Amerikanischer Staaten? Welcher Beschluss wird getroffen?

    - Der vorläufige Bericht, der schon erläutert wurde, ist ziemlich knapp. Zudem beweist er auf keinen Fall einen Wahlbetrug, sondern weist darauf hin, dass es die so genannte Informationsmanipulation gab. Sie entfachte die Gewalt im Lande. Unabhängig davon, ob der Abschlussbericht publik gemacht wird oder nicht, rufen wir dazu auf, dass die Organisation Amerikanischer Staaten die Erfüllung der Demokratie in unserem Lande verfolgt. Wir glauben, dass gerade die Erfüllung der gesetzgebenden Normen in jedem Land die Priorität ihrer Arbeit ist.

    - Wird es eine internationale Überprüfung der Wahlen geben? Wie wird sie durchgeführt? Soweit wir verstehen, herrscht derzeit Chaos in Bolivien.

    - Das ist nicht nur Chaos. Das ist eine Diskreditierung der gesamten bolivianischen Staatlichkeit. Deswegen meine ich nicht, dass es um eine Bereitschaft, sondern um eine Notwendigkeit der Präsenz der internationalen Vertreter, die das Vertrauen genießen, geht. Das ist notwendig, damit sie den Wahlprozess kontrollieren und das Vertrauen zum staatlichen Konstrukt Boliviens wiederherstellen.

    - War die internationale Prüfung das Ziel der Organisatoren des Staatsstreichs, oder wollten sie einfach eine Prüfung mit eigenen Kräften organisieren, ohne zu internationaler Hilfe zu greifen?

    - Das Ziel der Organisatoren war es, Morales von der Macht zu isolieren.

    - Welche Maßnahmen muss der künftige Präsident treffen, unabhängig von seiner Person, damit sich eine solche Situation in der Zukunft nicht wiederholt?

    - Jetzt muss man neue Wahlen durchführen. Das ist die einzige Aufgabe, die der Interimspräsident erledigen muss. Hoffentlich wird der neue Präsident die Sozialpolitik der Regierung von Morales nicht revidieren bzw. aufheben. Doch derzeit ist Bolivien de facto ohne Regierung.

    - In den Medien gab es viele Spekulationen darüber, dass Morales aus dem Land fliehen und im Ausland um Asyl bitten wollte. Denken Sie, dass er ausreisen oder doch bleiben wird? Welche Wahl wäre für ihn am besten?

    - Das Einzige, was ich dazu sagen kann, ist meine persönliche Meinung. Morales ist der Anführer der Hälfte des bolivianischen Volkes, diese Hälfte stimmte für ihn. Er versprach immer, dass er nicht dem Beispiel von Gonzalo Sanchez de Lozada folgen wird, der aus dem Land floh. Deswegen vertrauten ihm die Menschen. Das sind 50 Prozent der Bevölkerung des Landes. Er hielt sich an sein Versprechen, als er sagte, dass er keine Armee zur Lösung der politischen Krise einsetzen wird. Er versprach, nie vor Situationen wie der jetzigen zu fliehen, er hielt sich an sein Versprechen. Zudem ist sein Rücktritt der Versuch, das Land zu beruhigen. Hätte er diesen Schritt nicht unternommen, hätte die Regierung, die an die Macht gekommen wäre, keine Legitimität gehabt. Im Namen des Friedens und der Liebe zu Bolivien musste er zurücktreten.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Machtumsturz, Machtwechsel, Südamerika, Bolivien, Evo Morales