15:31 14 Dezember 2019
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    Von Leipzig nach Las Vegas – Die „Mama“ der sächsischen Burlesque im Interview

    © Foto : JanLeichsenring (c) Mama Ulita
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    Als „Mama Ulita“ steht sie in Glitter oder Smoking auf der Bühne – um sich dann kunstvoll zu entblättern. In der Burlesque-Szene ist sie eine feste Größe. Sputnik hat mit der Leipzigerin Ulrike Biller über ihr „Zweites Ich“ gesprochen und wie burlesk-sexy Striptease dem Selbstbewußtsein hilft.

    Die USA – „die haben`s erfunden“: Burlesque ist sexy Unterhaltungstheater mit humorvoll-grotesken Elementen. Die Szene wird sehr durch US-Amerikaner bestimmt, etwa durch die auch hier bekannte Dita von Teese. Und in Deutschland? In den 1990er Jahren zog Ulrike Biller, Buchhändlerin, aus Bayern nach Sachsen. Sie wurde „Mama Ulita“. Der Name kommt nicht von ungefähr – nicht nur weil sie tatsächlich Mutter ist, sondern weil sie die „Mama“ der sächsischen Burlesque ist. Sie hat die ersten Shows in Leipzig inszeniert. Nur in Berlin und in Hamburg gab es so etwas wie eine Szene, etwa mit Eve Champagne, der Co-Workerin von Olivia Jones, auf der Reeperbahn. „Wir haben hier angefangen in Deutschland seinerzeit. Ich gehöre der ersten Generation an. Deswegen bin ich ‚Mama‘ Ulita“, so Biller. Sie ist noch immer eine der prägenden Heroinen des Metiers, tritt weltweit auf. Sputnik sprach mit ihr über Kunst und Karriere.

    - Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen, Burlesque zu tanzen?

    - Mitte meiner 20er Jahre habe ich angefangen, mich für die Subkultur des Rockabilly und Swing zu interessieren. Ich bin da quasi in eine „interne Forschungsreise“ eingestiegen und habe mich mit der Kunstform beschäftigt. Und dies immer mit dem Blick über den Großen Teich nach Amerika: Die amerikanische Subkultur des Rockabilly, Swing und das Hollywood aus dieser großen, glamourösen Zeit der 1950er Jahre. Dadurch ist auch „Burlesque“, die ihre Hochzeit in den 30er bis 50er Jahren hatte, in meinen Fokus gerückt.

    Zudem hatte ich immer schon das Gefühl: Ich möchte auf die Bühne, ich möchte tanzen, ich möchte mich kreativ und künstlerisch ausdrücken, aber auch den weiblichen Sex-Appeal ins Zentrum rücken – für meine persönliche Entwicklung. Und so kam Burlesque in mein Leben, in einer Zeit, als ich selbst gerade im Wandel begriffen war, denn ich war schwanger und wurde Mutter. „Oh mein Gott, was für eine tolle Möglichkeit, sich auszudrücken und zu entfalten“, dachte ich damals. Und so bin ich dann auf meine eigene Suche und Reise gegangen. Burlesque ist so gesehen eine künstlerische Ausdrucksform, die mich gefunden hat.

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    - Burlesque ist Unterhaltungstheater mit Akrobatik, Moderation und sehr viel nackter weiblicher Haut: Es soll auf der Bühne leicht und elegant aussehen, wie bereiten Sie sich darauf vor?

    - In erster Linie geht es darum, genau zu wissen, was man präsentieren möchte, denn Burlesque ist eine Geschichte, die man erzählt. Das Konzept – Tanz, Kostüm, Musik: Das entsteht alles aus mir heraus, es gibt keinen Regisseur, der mir sagt, was ich zu tun habe. Es ist  künstlerischer Ausdruck meiner Selbst – zumindest einer Seite von mir. Da geht es dann ganz leicht von der Hand, oder vielmehr „von den Schuhen“. Ich beschäfte mich lange intensiv inhaltlich mit dem, was ich zeigen möchte. Dann kann es fließen.

    - Dazu gehört auch ein Auftritt im Männeroutfit, also Ihr Act als Garçonne – etwa jetzt aktuell im November im „Kabarett der Namenlosen“ in der Hauptstadt. Das Kabarett ist im Stil der verruchten 20er/30er Jahre, ist das auch Burlesque?

    - Burlesque ist amerikanisches Theater, bei dem es darum geht, den Frauen-Power-Aspekt in den Vordergrund zu setzen. Und die Garçonne beim „Kabarett der Namenlosen“ ist keine Burlesque-Identität, sondern die Performance-Künstlerin in mir. Ich stelle einen männlichen Charakter dar, was sich in den 20er Jahren auch sehr großer Popularität erfreute: Diese „Mann oder Frau“-androgynen Charaktere, das war ein ziemlich angesagtes Rollenbild seinerzeit. Und das Kabarett bringt die Weimarer Republik und dieses morbide Gefühl der 20er Jahre Berlins auf die Bühne. Eine männliche Figur auf der Bühne zu repräsentieren hat einen besonders „empowernden“, also bestärkenden Aspekt. Ich gehe weg von dem leichten weiblichen „Hahahahaha“ und umarme diese männliche Energie: Ich will nicht verführen, sondern ich führe in die Verführung. Und damit gehe ich auch in Interaktion mit dem Zuschauer, jeder vor Ort ist Teil der Bühnenperformance – auch das Publikum.

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    - Üblicherwiese geht es aber bunter zu bei den Kostümen, was sind Ihre Auftritte als Burlesque-Tänzerin?

    - Mein erster Act war „Watch the Birdie“, die Verwandlung von einer Frau zu einem Paradiesvogel, der sich entfaltet, flügge wird und die Bühnen der Welt erobert. Mit der Darbietung bin ich 2014 eingeladen worden, in Las Vegas in der „Burlesque Hall of Fame“ aufzutreten: Als erste deutsche Burlesquetänzerin zum „Tournament of Tease“ – das ist das weltweit größte und wichtigste Festival. Dann gibt es noch den mir besonders am Herzen liegenden Act der „Colombina“, mit Hula-Hoop-Reifen. „Colombina“ ist eine sehr bunte und zirkusinspirierte Darbietung. Ich erzähle, dass es mit der Selbstliebe nicht immer einfach ist. Aber dass man es durchaus immer wieder versuchen darf, weil, wenn man es einmal geschafft hat, das Leben ganz leicht und „fluffig“ ist und man sich nicht immer hinter der selbstgegebenen Maske verstecken muss, sondern einfach sein kann, wie man sein möchte. Ich gebe auch „Body-Empowerment-Kurse“ für Frauen – dazu gehört auch der Hula-Hoop.

    - „Sein zu können wie man sein möchte“ – und dazu gehört, dass man sich entblättert. Ist das nicht eine schwierige Kombination, gerade wenn es um „Frauen-Empowerment“ geht? (Anm. d. Red.: Empowerment, aus dem Englischen, heißt so viel wie Ermächtigung, Machtgewinn, Handlungsfähigkeit – im weiteren Sinn ist damit die Stärkung von Selbstbestimmung und Selbstbewußtsein gemeint.)

    - Ich entscheide, was ich anziehe, und es basiert auf meiner Entscheidung, mich der Kleidung zu entledigen. Und was dann als Körper-Bedeckung übrig bleibt, entscheide ich ebenfalls: Burlesque ist die „Großmutter des Striptease“ – da geht es nicht um explizite Nacktheit, sondern um den Weg des Entblätterns bis zu einem gewissen Punkt. Man hat die Brüste bedeckt, etwa durch sogenannte Pasties. Das sind die „Hütchen“, die man sich auf die Brustwarzen kleben darf. Und natürlich sind der Po- wie Schambereich auch bedeckt. Pasties wie Unterwäsche sind Teil der Kommunikation der Botschaft. Zudem hat es sehr viel damit zu tun, sich mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen und ihn einfach so anzunehmen, wie er ist. Ich bin Mutter geworden, bevor ich angefangen habe, Burlesque zu tanzen, und der Körper, das „Mutterwerden“, fordert seinen Tribut. Das geht auch anderen Kolleginnen so, die Theater-Disziplinen wie Clownerie oder Ballett studiert haben und dann feststellten, dass sie gar nicht in diese Form, wie die großen Ballerinas unbedingt aussehen müssten, passen. Doch wir lieben die Performance-Kunst. Und Burlesque gibt mir eine Heimat, weil ich da meinen Körper so umarmen darf, wie ich es möchte und mich trotzdem künstlerisch ausdrücken kann – ohne diese Bewertung von Außen, wie etwas zu sein hat. Das ist gerade das Schöne: Es gibt bis auf Nippel-Pasties und die nicht vollständige Nacktheit keine Regeln. Wobei mittlerweile damit auch gespielt wird. Künstlerisch ist alles möglich.

    - Im Vergleich zur Szene in anderen europäischen Ländern und den USA – wie gut ist die deutsche Burlesque-Landschaft?

    - Die deutsche Burlesque-Landschaft ist etwas im Wandel, der setzte etwa vor vier Jahren ein. Als ich 2007 angefangen habe, da waren wir noch sehr beeinflusst von dem, was aus Amerika kam. Aber jetzt ist es so, dass die „Saat“ bereits gesät ist – viele Leute unterrichten Burlesque, es gibt viele Shows – vom Underground bis zur großen Bühnenshow, die auch herumreisen und immer mehr Menschen begeistern. Im Vergleich zu den USA sind wir hier in Deutschland allerdings noch ganz brav. Es gibt wenig krasse Performancekunst – mit Nacktheit oder politischer Burlesque.

    - Wer sind Ihre Vorbilder, auch in puncto „Empowerment“?

    - Inspiriert hat mich Josephine Baker, denn ich komme aus der Lindy-Hop-Swing-Bewegung. Und die Baker war eine Charleston-Göttin. Über diese Kultur kam dann mein Interesse für die zeitgenössische Szene. Aber mich inspirieren alle Frauen, die ihren persönlichen Werdegang auf die Bühne bringen, und wo es darum geht, nicht nur ein Showgirl-Bild zu zeigen. Es gibt da etwa eine tolle Künstlerin aus Australien: Imogen Kelly. Sie hatte Brustkrebs und hat sich mit diesem Thema künstlerisch auseinandergesetzt. Oder Michelle L´Amour aus Chicago – jemand, die stressbedingt Probleme mit den Haaren hat. Burlesque ist die Betonung des Weiblichen, und Haare gelten üblicherweise auch als Inbegriff des Weiblichen, aber wenn das Haar nicht mehr so ist, wie man es sich vorstellt, und sich dann doch zu inszenieren – so etwas inspiriert mich. Das sind Künstlerinnen, die das „Empowerment“ leben und zeigen. Das nennt man auch „Bodypositivity“ – zu seinem eigenen Körper zu stehen, ihn zu feiern und sich nicht unbedingt Klischees zu unterwerfen auf der Bühne – sich so zu geben, wie man sich fühlt.

    - Die „Mama Ulita Burlesque Empowerment“- Kurse in Leipzig: Was kann man da lernen?

    - Die Kurse sind auch ein Teil meiner persönlichen Entwicklung. Die Frauen, die zu mir kommen, haben verschiedene Aspekte des burlesken künstlerischen Ausdrucks, die sie durchwandern können. Man beginnt zum Beispiel damit, dass man sich passend zu seiner Rolle einen Namen sucht: Aktuell habe ich da im Kurs „Molly Malone“ oder „Sissi van Schmooze“. Die Damen werden kreativ und überlegen sich: Was will ich denn eigentlich? Ganz inspirierend war eine Frau, die sagte, sie sei immer die Liebe zu Hause und möchte eigentlich ganz gerne mal das Gegenteil sein. Und sich genau dem zu öffnen: „Was will ich eigentlich sein, was die anderen gar nicht von mir erwarten, aber was in mir drin steckt?“ und zwar immer unter dem Aspekt des Sex-Appeals.

    Mama Ulita Bubbles
    © Foto : Verena Gremmer (c) Mama Ulita
    Mama Ulita Bubbles

    Natürlich könnte man auch Bauchtanz machen oder sich anderweitig sportlich betätigen, wo diese Seiten ausgelebt werden könnten, aber bei Burlesque geht es auch immer um die eigene erotische Selbstwahrnehmung – wie ich mich als Frau sexy fühle und mich auch so bewegen möchte. Im Kurs entwickeln wir das in einem intensiven Prozess, wobei die Frauen auch die Möglichkeiten bekommen, eine eigene Burlesque-Nummer zu kreieren und sich selbst auf der Bühne zu erfahren. Das ist wichtig. In unserer Phantasie stellen wir uns ja oft vor, wie etwas sein könnte: Und es dann wirklich durchzuziehen und umzusetzen – das ist etwas, was mir in meinen Kursen am Herzen liegt. Auch, dass am Ende etwas dabei herauskommt, was die Frauen sehen können: ein Fotoshooting, wo eine Figur inszeniert wurde, eine Bühnenperformance, ein Video von einem Auftritt. Es gibt viel Freiraum für die Frauen, sich zu erfahren. Und dies auch in der Gruppe: Ich nenne das „Burly Sisterhood“ (zu Deutsch: burleske Schwesternschaft). Ohne Konkurrenz-Denken die Einzigartigkeit nach vorn zu bringen. Sich richtig hinzustellen und den Platz einzunehmen: „So! Ich bin jetzt hier, du bist da, schau mich an, ich lass mich lieben von denen, die mich anschauen, und bin auch selbstverliebt.“

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Burlesque, Tanz, Dita von Teese, Kabarett, Leipzig