13:42 16 Dezember 2019
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    Emir Kusturica im Sputnik-Interview

    „Peter Handke ist wie ein Apostel der Wahrheit“ – Starregisseur Kusturica exklusiv

    © Sputnik / Emir Kusturica
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    Emir Kusturica ist am 24. November 65 Jahre alt geworden. In einem Interview für Sputnik Serbia erzählt der weltberühmte serbische Filmregisseur („Schwarze Katze, weißer Kater“, „Das Leben ist ein Wunder“), wie sich seine politischen Ansichten verändert haben, wie er die heutige Welt wahrnimmt und über seinen Freund Peter Handke.

    - Ihre Filme sind voll von Symbolen und Metaphern – das ist ja eine Art Chiffre. Gibt es einen universalen Schlüssel zum Nachvollziehen der symbolischen Welt von Emir Kusturica?

    - Genauso wie es den universalen Schlüssel zum Nachvollziehen des Evangeliums gibt, gibt es auch die Begeisterung, dank der der Film normalerweise nicht extra erläutert werden muss. In meinem Fall ist die symbolische Welt nur die Basis für andere Welten, deren wichtigste Aufgabe ist, die Zuschauer emotional mitzureißen. Ich denke, dass die Kunst – jedenfalls die Kunst, die es bis Ende des 20. Jahrhunderts gab – ihre Hauptstütze ist. Es geht darum, einen Kompromiss zwischen der Vernunft und den Emotionen zu finden – dann funktioniert auf einmal eine gewisse „Fliehkraft“, die den Zuschauer in seinen Raum einbezieht und diese Erfahrungen auch praktisch umsetzt. Und diese Erfahrungen werden von unserer Wahrnehmung vermittelt. Alles verändert sich – auch die Idee der Filmkunst, auch die Idee meiner Filmkunst. Ich nehme mich selbst wie einen gewissen Atavismus wahr, der in der Welt der Kunst heutzutage eine große „Neugeburt“ erlebt.

    - Zuschauer sehen heutzutage überwiegend nur das Bild, aber nicht das, was dahintersteht. Gibt es noch jemanden, der solche Filme wie Ihre versteht?

    - Leider versuchen solche Menschen überhaupt nicht, etwas zu verstehen. Sie verbringen einfach ein paar Stunden mit Popcorn und Cola. Vor vielen Jahren, noch Ende des 20. Jahrhunderts, gab es eine Studie von Columbia Pictures, in deren Rahmen junge Menschen gefragt wurden, wie sie sich am liebsten Kinofilme ansehen. Und es stellte sich heraus, dass sie Filme vor allem im TV anschauen, weil sie dann gleichzeitig telefonieren können. Und heutzutage gibt es noch Netflix und ähnliche Plattformen. Die Filmkunst hat die Sprache der Werbung inzwischen erlernt, und da heutzutage alles sehr schnell verläuft, ist auch die Sprache des Selbstausdrucks schnell geworden. Moderne Filme bieten sehr qualitätsvolle Bilder, und deshalb ist es so: Je tiefer du „bohrst“, desto schlechter wird zugeschaut. Aber einige von meinen Streifen, die vor 30 Jahren bei den Zuschauern beliebt waren, werden auch jetzt auf YouTube oft gesehen. Obwohl die Menschen heutzutage wie Hühner wahrgenommen werden, gibt es die freie Wahl, die zu Jean Renoirs „Die Spielregel“ oder zu Bergman führen könnte… Wer unsere Gehirne manipuliert, wird nie diesen ganzen Raum lückenlos füllen können. Also ist dieser Raum für den Regisseur heutzutage ungefähr genauso groß wie früher. Ich war in diesem Jahr Jurymitglied bei den Filmfestspielen in Venedig. Ich kann mich noch erinnern, dass vor 35 Jahren in Cannes unter 700 Streifen fünf gut waren. Und jetzt werden sich unter 5000 Filmen auch fünf gute finden.

    - Einst sagten Sie, Sie wären Anarchist. Hat sich jetzt etwas geändert, wo Sie 65 sind? Was sind Sie jetzt?

    - Im Grunde bin ich ein sehr konservativer Typ. Anarchismus war eine der Phasen meines Lebens – er entstand wegen der Enttäuschung von all den Regimes, die es damals in der Welt gab. Je mehr sich die Situation in Russland veränderte, je mehr Jahre vergingen, desto konservativer wurde ich. Aber ich kann nicht den Grad des Konservatismus erreichen, der die linke Idee total tötet, die im Grunde eine fest verwurzelte christliche Idee ist. Deshalb kann ich mich durchaus als christlich-orthodoxen Sozialisten bezeichnen.

    - Der Nobelpreisträger Peter Handke ist ein Freund von Ihnen. Vor kurzem hat er sich zu seiner proserbischen Haltung während des Konfliktes im ehemaligen Jugoslawien geäußert. Es sei um „Gerechtigkeit für Serbien“ gegangen, sagte er gegenüber der Wochenzeitung „Die Zeit“. Wie können Sie sich die andauernde Empörung über seine Auszeichnung erklären?

    - Ich würde sagen, dass der „Fall Handke“ die beste Bestätigung dafür ist, dass man Kosovo nicht anerkennen darf. Niemand in der Welt glaubte, dass Handke den Nobelpreis bekommen könnte – aber das ist passiert. Er hatte ihn auch seit langem verdient. Er glaubte nicht dem, was „Der Spiegel“, „Die Zeit“, die FAZ und viele andere europäische Zeitungen schrieben. Er ist nach Kosovo gegangen, hat all diese Artikel mitgenommen und vor Ort tatsächlich festgestellt, dass sie nicht akkurat sind. Er ist wie ein Apostel der Wahrheit in einer quasi ideologisierten Gesellschaft, die versucht, frei von der Ideologie zu sein, aber trotzdem äußerst ideologisiert bleibt. Es entstand eine Situation, wie sie zu den kommunistischen Zeiten war: Wenn einer lügt, lügen alle. Wenn CNN lügt, dann machen alle nach. Und dann kommt Handke und sagt: Was „Die Zeit“ geschrieben hat, stimmt so nicht, denn ich habe dies und das gesehen. Gott sei Dank ist dieser Mann teilweise einer von uns – er ist Slawe (Handkes Mutter ist Slowenin – Anm. d. Red.), und teilweise ist er Deutscher. Aus meiner Sicht ist das eine gar nicht schlechte Kombination: ein deutscher Tropfen im slawischen Blut. Mit seinem Phänomen hat er im Grunde diesen Preis wieder ins Leben gerufen. Die Idee ist zu einem richtigen Helden zurückgekehrt.

    - Da Handke schon erwähnt worden ist, stellt sich unvermeidlich die Frage: Wie kann das Kosovo-Problem gelöst werden?

    - Pepe Mujica (der ehemalige Partisan und Präsident Uruguays, Jose Mujica, dem Kusturica seinen Dokumentarstreifen „Der letzte Held“ gewidmet hat – Anm. d. Red.) antwortete auf Fragen, wie das lateinamerikanische Problem gelöst werden könnte, dass man sich nun mal mit der eigentlichen Problemlösung beschäftigen sollte. Dasselbe denke ich über Kosovo. Man kann nicht ein Problem, das 600 Jahre alt ist, über Nacht lösen, denn seine Wurzeln stecken sehr tief.

    - Sind Sie religiös?

    - Ja, sehr religiös. Deshalb glaube ich, dass Kultur und Kunst generell religiöser Herkunft sind. Wenn es keine Religion und keine religiösen Menschen geben würde, hätten wir keine so großen Kunstwerke; wir könnten heute kaum etwas tun außer den Aktivitäten, deren Ergebnisse vorhersagbar sind. Ich verbeuge mich gerne vor dem Höheren Wesen, dem es gelungen ist, mit seinem Werk und mit seiner kurzen Biografie den Gedanken in die Glaubenssprache zu übersetzen, dass ein Leben die Idee des Jenseitigen aktivieren kann, das über die Grenzen des Sichtbaren hinausgehen kann. Der Unterschied zwischen uns und westlichen Menschen besteht gerade darin, dass bei uns der Glauben vom Herzen ausgeht, während sie die Religion und die Existenz des Gottes generell als Bewusstseinszustand bestimmen. Gott nennen sie einen Bewusstseinszustand. Ich denke (und das bestätigt auch die Wissenschaft), dass der größte Teil des menschlichen Gehirns in Wahrheit nicht erforscht bleibt – wie auch der größte Teil des Universums. Und Forscher waren überwiegend religiöse Menschen.

    - Woran arbeitet zurzeit Emir Kusturica?

    - Kusturica arbeitet an einem Buch, das er vor 20 Jahren versprochen hat. Das ist ein Buch nach Dostojewski. Die Geschichte ist sehr aktuell: Es geht um ein Dilemma, mit dem eine junge Frau konfrontiert wurde. Raskolnikow löst es auf eine sehr moderne Art: Er tötet, begegnet aber Porfiri Petrowitsch, einem Weißrussen aus Paris, dessen Urgroßvater in seinem Soldatenmantel eine Nuss eingebettet hatte. Der Urgroßvater ist gefallen, indem er Serben verteidigte, und aus der Nuss ist ein Baum gewachsen. Porfiri Petrowitsch betrachtet den Mord als eine Sünde, die man büßen kann, die man bereuen kann, aber nicht im Sinne der protestantischen Regel, der zufolge alles, was verboten ist, nicht erlaubt ist. Porfiri Petrowitsch beschließt, dem jungen Mann die Schuld abzunehmen, denn er weiß, dass er seine Sünde noch vollständig tilgen wird; er glaubt, dass er nicht ins Gefängnis muss, weil er glaubt, dass für ihn die ganze Welt zum Gefängnis wurde.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Peter Handke, Nobelpreis, Jugoslawienkrieg, Serbien, Kosovo, Emir Kusturica