02:51 20 Februar 2020
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    Die „Mozartwoche“ startet am Donnerstag mit einer Weltpremiere. Starregisseur Robert Wilson inszeniert beim Festival den „Messias“. Mit der Sopranistin Elena Tsallagova in der Hauptrolle. Die Russin ist „ein Berliner“, gehört zum Ensemble der Deutschen Oper. Die Sängerin erzählt Sputnik von den Proben in Österreich und von schmelzenden Gletschern.

    Im malerischen Salzburg in Österreich steht seit nunmehr zwei Jahren ein Festival unter der Federführung eines ganz Großen der Klassik-Szene: Rolando Villazón, seines Zeichens Opernsänger und Regisseur, lenkt als Intendant die künstlerischen Geschicke der Mozartwoche. Er ist selbst ausgewiesener Mozartkenner, hat vor kurzem ein Album veröffentlicht, das „Wolferl“, wie der Komponist seinerzeit zärtlich genannt wurde, gewidmet ist.

    Ein besonderer Coup

    In diesem Jahr ist Villazón ein besonderer Coup gelungen: „Theater-Dino“ Robert Wilson bringt den „Messias“ auf die Bühne. Es ist eines der vier Oratorien von Georg Friedrich Händel, in einer Bearbeitung von Wolfgang Amadeus Mozart. Doch geht es nicht um Geburt, Auferstehung und die Kreuzigung von Jesus Christus, sondern das Stück ist eher als theologische Abhandlung der ganzen Bandbreite widersprüchlicher menschlicher Zustände, Gefühle und Gedanken zu sehen. Mozarts deutsch gesungene Version entstand 1789 und 2020 spielt sie das Orchester der „Les Musiciens du Louvre“ mit der Russin Elena Tsallagova in der Hauptrolle:

    „Ich bin immer wieder erstaunt, wie Mozart mit einer Melodie Traurigkeit und Freude, Glück und Nachdenklichkeit zum Ausdruck bringt. Das alles in einer einfachen kurzen Melodie. Die, einmal gehört, nie mit jemand anderes Werk auch nur verwechselt werden könnte“, so die Sopranistin.

    Die aus Wladikawkas im Nordkaukasus stammende Sängerin lebt und arbeitet in Berlin, wo sie seit 2013 Ensemblemitglied der Deutschen Oper ist. Allerdings gastiert sie regelmäßig an den renommiertesten Theatern und bei Festivals, wie dem im englischen Glyndebourne, der Lyric Opera Chicago in den USA oder der Opera National Paris „Bastille“. Nun steht sie auf Salzburger Bühnenparkett.

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    Inszenierungen mit Kult-Status

    Die Russin und der Regisseur haben schon in der Vergangenheit zusammengearbeitet: In Frankreich sorgte sie in der weiblichen Titelrolle seiner Version der Debussy-Oper „Pelléas und Mélisande“ für einiges Aufsehen. 

    Der US-Amerikaner Wilson gilt als Urgestein der internationalen Theaterlandschaft und hat eine ganz eigene Handschrift: Neonstrahler, weiß getünchte Gesichter, manierierte Bewegungen und auf den Punkt reduzierte Bühnenbilder. Sein hypnotisierendes Lichtkonzept tunkt die Bühne gern mal in Blau, wie bei der Pariser Produktion und beim „Messias“.  

    „Messiah” von Robert Wilson
    © Foto : Wolfgang Lienbacher
    „Messiah” von Robert Wilson

    Sein „Sandmann“ am Schauspielhaus Düsseldorf, die „Dreigroschenoper“ am Berliner Ensemble oder „Norma“ am Opernhaus in Zürich genießen Kultstatus und sorgen für ausverkaufte Häuser. Der 79-Jährige scheint vor kreativer Energie zu strotzen. Vielfach preisgekrönt, etwa mit dem „Goldenen Löwen“ der Biennale von Venedig, ist er auch Träger des Bundesverdienstkreuzes und Mitglied der Akademie der Künste Berlin.

    Seine Handschrift passt zu Mozart: „Ebenso wie die dem Wilsonschen Stil so eigenen und sich wieder und wieder wiederholenden Bewegungen immer von verschiedenen Emotionen und Farben erfüllt sind, scheint es auch dank der Musik des Komponisten, als würde sich alles unmerklich irgendwohin bewegen. Und tatsächlich ändert sich jede Sekunde das Denken, die Tonalität oder das Gefühl für Zeit und Raum“, findet die Tsallagova. Wilson selbst bezeichne das Stück „Messias“ als „full of time“ (reich an Zeit), allerdings nicht „timeless“, also zeitlos, erzählt sie. Es dazu zu machen ist wohl seine Aufgabe.

    Die magische Drei-Tage-Regel

    Die Sängerin berichtet von langen Probentagen – gut und gern zehn Stunden im Theater „Haus für Mozart“, allein für die Maske brauche es über zwei Stunden, hinzu kommt quasi im „Privatvergnügen“ das Eigenstudium von Partitur und Stimme. Und doch wirkt sie euphorisch: Es sei „eine Offenbarung“, mit „Bob“, wie ihn alle nennen, zu arbeiten, und schwärmt von seiner inspirierenden Persönlichkeit.

    „Sein Stil wird geradezu zum Grundstein meines Bühnen-Ichs! Ob ich nun den Messias in Salzburg, seine Melisande oder eine Traviata in verschiedenen Produktionen singe – das hat immer Gültigkeit. So gesehen ist er mein Fixstern als Künstlerin auf der Bühne. Es ist diese besondere Ästhetik der Darbietung, die schon die Vorbereitungen und dann den Auftritt auf der Bühne selbst bestimmt. Er sagt mir immer: Dein Erscheinen muss drei Tage vorher beginnen. Und noch drei Tage lang nachhallen.“

    Spirituelle Reise – Klimawandel inklusive

    Das Stück selbst ist laut Wilson eine Art spiritueller Reise. „Es geht immer um die Hoffnung, an der wir uns aufrichten“, was allen großen Werken eigen sei, erklärt er im Magazin der Mozartwoche. Religion selbst aber habe keinen Platz im Theater, sie gehöre in die Kirche, findet der Künstler.  

    „Bob“, erzählt die Sängerin, habe mit dem Konzept zum „Messias“ schon vor zwei Jahren begonnen und als in Salzburg die Proben mit den Solisten und dem Chor anfingen, stellte sie fest: 

    „Die ganze Welt samt Licht stand und die Produktion als Ganzes war fast fertig! Und das obgleich es so ein ungewöhnliches Werk ist, denn es handelt sich ja einerseits um ein Oratorium und andererseits gibt es nicht die in Opernproduktionen übliche Interaktion zwischen den einzelnen Charakteren. Jeder Akteur auf der Bühne wird gewissermaßen zum Drahtzieher, zum Dirigenten des Geistes und der Idee von der Hoffnung auf Erlösung. Das hat eine bestürzende Aktualität gerade für die heutige Zeit. Und wirklich: Im Bühnenbild kann man das Schmelzen von Gletschern erahnen. Kunstvoll-abstrakt auf die Wilson so eigene Art.“  

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    Eine Lösung für das Problem verschwindender Gletscherkuppen wird er wohl schuldig bleiben, vertritt er doch den Standpunkt, dass es nicht die Aufgabe des Künstlers sei, Antworten zu finden, die richtigen Fragen zu stellen hingegen schon. Gehör beim Publikum ist ihm gewiss. Ob dann etwas passiert, steht auf einem anderen Blatt. 

    Elena Tsallagova
    © Foto : Allan Richard Tobis
    Elena Tsallagova

    Zwischen ihren eigenen Auftritten wird Elena Tsallagova auch andere Produktionen der Mozartwoche besuchen, sagt sie, denn das Festival biete Gelegenheit, viele und nicht nur von ihr favorisierte Künstler zu erleben und den besten Orchestern der Welt zu lauschen. „Auch im Winter ist es im malerischen Salzburg schön, gibt es doch genauso viele Musikereignisse wie zur Sommersaison der berühmten Salzburger Festspiele!“, freut sie sich.  

    Die „Mozartwoche“ findet vom 23.Januar bis zum 2.Februar 2020 in Salzburg, der Geburtsstadt von Wolfgang Amadeus Mozart, statt.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Salzburg, Wolfgang Amadeus Mozart, Österreich