23:09 14 Juli 2020
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    Nachdem mit MQ9-Drohnen der iranische General Qassem Soleimani getötet worden war, herrscht nun Klarheit darüber, wo diese Drohnen stationiert sind: auf Sizilien.

    Im Falle einer Eskalation des Konflikts mit dem Iran bzw. in Libyen wird Sizilien als Militärstabsquartier und Ausgangspunkt für eine Luftattacke genutzt. Wegen der US-Stützpunkte und Anlagen ist die Insel militärischen Gefahren ausgesetzt. Das betrifft unter anderem die Munizipalität Niscemi, wo sich das US-Satellitensystem MUOS befindet, das ausschließlich für Vertreter der US-Luftstreitkräfte zugänglich ist. Zudem nehmen die Besorgnisse wegen der möglichen Folgen zu.

    Der Bürgermeister von Niscemi, Massimiliano Conti, drückte im Namen der Einwohner die Besorgnisse wegen der Situation aus, und Pazifisten sowie Ökologen organisierten in der vergangenen Woche Proteste vor dem Militärstützpunkt Sigonella und dem US-Konsulat in Palermo.

    Allerdings hörte ihnen niemand zu. Am 17. Januar besuchten Jens Stoltenberg und hochrangige US-Militärs den Nato-Stützpunkt auf Sizilien - bei der Zeremonie zur Übergabe der ersten zwei von fünf neuen Aufklärungsdrohnen der neuesten Generation RQ-4D Phoenix, die ein Teil des Alliance Ground Surveillance (AGS) System sein sollten. Damit könnte das ganze Nato-Gebiet und außerhalb - von der Arktis bis zur Sahel-Zone, vom Atlantik bis nach Osteuropa - beobachtet werden.

    US-Satellitensystem MUOS auf Sizilien (Archivbild)
    US-Satellitensystem MUOS auf Sizilien (Archivbild)

    Allerdings zeigen nicht nur Militärs Interesse am Muos-System, sondern auch der Mafia-Clan Nebrodi. Die jüngste Untersuchung der Staatsanwaltschaft von Messina offenbarte, dass ein mit der Mafia-Familie Nebrodi verbundenes Unternehmen von der EU Gelder für die  Konzession zahlreicher Grundstücke bekam, darunter das Grundstück Sughereta di Niscemi, wo sich das Muos-System befindet.

    Sputnik sprach in einem Interview mit dem Aktivisten der No-MUOS-Bewegung, Pippo Gurrieri.

    - Zum Zeitpunkt massiver Spannungen im Mittelmeergebiet wegen der Eskalation im Iran und des andauernden Konflikts in Libyen wurde Sigonella zu einem internationalen Hauptquartier der Ags-Drohnen. Wie könnte die Rolle Siziliens in einem möglichen Konflikt im Mittelmeergebiet aussehen?

    - Sizilien ist seit langem eine Art gut bewaffneter Flugzeugträger, der zur Teilnahme an Konflikten in der ganzen Mittelmeer-Region genutzt wird. Der Krieg auf Sizilien läuft ununterbrochen, ob indirekt oder nicht, da von Sigonella regelmäßig Flugzeuge und Drohnen starten. In Niscemi funktioniert das Muos-System, das sind äußert wichtige Kommunikationssysteme, die für Konfliktsteuerung notwendig sind, das sind wahre Militärinstrumente der USA und Nato.

    Die ständige Verstärkung Sigonellas, das vor kurzem mit Ags-Technologie ausgestattet wurde, bewegt den Stützpunkt sowie uns alle mitten in Militärkonflikte in einer Zone, deren Grenze ständig erweitert wird.

    Wir alle spüren mehr, dass wir an einer Frontlinie der US-Kriege sind, an denen wir nicht teilnehmen wollen.

    - Kurz nach dem Mord an  Soleimani widerlegte der Außenminister Italiens, Luigi Di Maio, Informationen, dass die Drohnen vom sizilianischen Stützpunkt aus abgefeuert wurden, obwohl dort dieselben Drohnen wie bei der Attacke stationiert sind. Wurde vielleicht das Muos-System eingesetzt, wenn ja – wie?

    - Ich denke, dass ist beinahe offensichtlich, warum im Oktober erklärt wurde, dass das Muos-System in vollem Betrieb für militärische Zwecke funktioniere. Falls es gebaut und gestartet wurde, heißt es, dass diese Waffe derzeit genutzt wird. Die Amerikaner sagten selbst, dass sie einen militärischen Vorteil in jedem Militärszenario haben würden, weil sie die Möglichkeit hätten, die bewaffneten und unbewaffneten Drohnen zu lenken. Also falls das System dazu nicht benutzt wird, wozu wurde es dann installiert?

    - Besteht ein Risiko für die Zivilbevölkerung im Falle eines offenen bzw. sogar informellen Kriegs?

    - Wenn von hier aus Militärhandlungen gelenkt werden, wird dieser Ort zu einem militärischen Ziel. Darüber hinaus sind wir einem Terror-Risiko besonders ausgesetzt. Wir sind eine Mittelmeer-Grenze des so genannten Westens, und unsere Region wird oft in Konflikte einbezogen. Nun, wenn der ISIL* nicht mehr ein eigenes Gebiet hat, wenn er einen Krieg dem Westen erklären will, wird er Terroranschläge organisieren. Aus dieser Sicht sind wir insbesondere für einen Vergeltungsakt anfällig.

    - Vor kurzem wurde gegen Sie ein Urteil wegen einer Kundgebung gegen Muos gefällt (auch wegen unwürdigen Verhaltens – er zeigte Polizisten den Po – Anm.d.Red.). Womit ist solcher Druck gegen italienische Staatsbürger verbunden, die gegen eine ausländische Militäranlage auf dem eigenen Territorium sind?

    - Seit Beginn dieses Kampfes, der für mich bereits seit mehr als zehn Jahre andauert, wurden Bewegungen der Aktivisten ständig unterdrückt. Wir sind wie Bremser für jene, die Sizilien unter dem Vorwand der Erhöhung der Sicherheit auf der Insel militarisieren wollen. In der Tat konfrontieren wir durch US-Stützpunkte mit einem Risiko, in Konflikte einbezogen zu werden. Das will kein Sizilianer.

    Gegen einen ausländischen Militärstützpunkt protestieren, bedeutet, jene Widersprüche ans Licht zu bringen, die man mit solchen Beschlüssen verheimlichen will. Das Gebiet wird weiterhin verstärkt und militarisiert, doch  es gibt keinen Zugang dazu auf Grundlage der internationalen Abkommen, von denen niemand etwas weiß. Der Bevölkerung werden keine Informationen bereitgestellt, insbesondere was die Risiken für die Gesundheit und Umwelt dieser Gegend betrifft.

    - Aus den jüngsten Nachrichten wurde über die so genannte Mafia des Nebrodi-Clans bekannt, die EU-Gelder für die Bereitstellung der Gebiete unter anderem für die US-Militärs bekamen. Wie konnte so etwas geschehen?

    - Das ist ein paradoxes Ereignis, das sehr symbolisch ist, weil das die dunklen und schwachen Seiten der Militarisierung offenbart, was mehrere verwundbare Stellen im System selbst hervorhebt.

    Zudem wird die Präsenz der Amerikaner auf diesem Gebiet auf der rechtlichen und gesetzgebenden Ebene sehr stark verheimlicht. Zudem wird verheimlicht, dass diese Gebiete den USA zur Nutzung übergeben wurden, und wegen eines nicht ganz klaren Status dieser Gebiete, da Mafia-Gruppen auftauchen. Sie schufen Firmen, die auf die Namen von seit langem toten Personen registriert waren, um die EU-Finanzierung zu bekommen. Das zeigt, wie wenig transparent die Präsenz der Amerikaner auf italienischem Staatsgebiet ist.

    - Was die Wiederaufnahme der Militärhandlungen betrifft, fand am vergangenen Sonntag in Sigonella eine Protestaktion der No-Muos-Bewegung gegen US-Militärstützpunkte statt. Was sind ihre Forderungen und plant sie auch andere Initiativen?

    - Das war ein Protest gegen den US-Angriff in Bagdad, ein Zeichen, dass die Bewegung gegen die US- und Nato-Stützpunkte auf Sizilien notwendig ist. Die Kundgebung war nicht schlecht, obwohl sie in kurzer Zeit vorbereitet wurde. Jedenfalls war sie notwendig, um die Gefahr der Präsenz der US- und Nato-Anlagen auf unserem Gebiet zu zeigen sowie zu ihrer Sperrung und zum Abzug der US-Militärs aufzurufen.
    Es wird auch andere Anlässe zur Koordinierung aller antimilitaristischen und pazifistischen Bewegungen Siziliens geben, z.B. am 8. Februar findet in Niscemi eine regionale Versammlung statt, und am 11. April auch dort eine große nationale Kundgebung.

    * Terrororganisation, in Deutschland und Russland verboten. 

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    US-Drohne, USA, Italien, Qassem Soleimani, Sizilien