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    Nationen messen ihren Wohlstand häufig am Bruttosozialprodukt. Nicht so das Königreich Bhutan, dort rechnet man seit 2008 in Bruttonationalglück. Eigens dafür wurde das Zentrum für Bruttonationalglück gegründet. Ha Vinh Tho, Gründer und ehemals Direktor dieses Ministeriums, glaubt, dass dieses Konzept auch auf andere Länder angewendet werden kann.

    Bhutan ist ein buddhistisches Königreich am östlichen Rand des Himalayas, von in etwa der Größe der Niederlande oder der Schweiz, mit 760.000 Einwohnern. Es ist für seine Klöster, Festungen (oder Dzongs) und die spektakulären Landschaften bekannt, die von subtropischen Ebenen bis zu steilen Bergen und Tälern reichen. Aber nicht nur dafür: Das „Land des Donnerdrachens“, wie Bhutan in seiner Sprache heißt, gilt als einziges Land mit einer negativen CO2-Bilanz und ist eines der wenigen Länder, das seine Waldfläche in den letzten 20 Jahren vermehrt hat: auf 72 Prozent der Landesfläche.

    © Sputnik .
    Video-Interview mit Ha Vinh Tho

    Warum Bhutan nicht der WTO angehört

    Ein wichtiger Grund dafür ist auch das Bruttonationalglück (BNG), international bekannt als Gross National Happiness. Alle Gesetze und wichtigen Entscheidungen, die von der Regierung erlassen werden, müssen sich an die Werte des BNGs halten. „Ich würde sagen, das BNG ist das übergeordnete Wertesystem“, sagt der ehemalige „Glücksminister“ Ha Vinh Tho im Sputnik-Interview. Wie prägend das BNG für die Politik von Bhutan ist, schildert er in seinem im November erschienen Buch „Der Glücksstandard – Wie wir Bhutans Bruttonationalglück praktisch umsetzen können“:

    „Das Wirtschaftsministerium der Königlichen Regierung von Bhutan schlug einmal vor, das Land solle der Welthandels Organisation WTO beitreten. Hintergrund der Überlegung war, dass Bhutan durch eine WTO-Mitgliedschaft von besseren Handelsabkommen profitieren, leichteren Zugang zum internationalen Kapitalmarkt erhalten und eine stärkere ökonomische Position am Weltmarkt behaupten könne. Als dieser Vorschlag erstmals im Kabinett diskutiert wurde, stimmten neunzehn seiner Mitglieder für den Antrag und nur sechs dagegen. Danach wurde der Vorschlag zur weiteren Analyse an die BNG-Kommission weitergeleitetet, um darüber zu befinden, welche Auswirkungen diese Entscheidung auf die allgemeine Entwicklung des Landes haben würde. Mithilfe des BNG-Analyse-Instruments untersuchte die Kommission, welche Folgen ein WTO-Beitritt im Hinblick auf die neun Domänen hätte. Die Überprüfung ergab, dass die Auswirkungen auf die Variablen ‚Ökonomische Sicherheit‘, ‚Materielles Wohlergehen‘ und ‚Teilhabe an produktivem Tun‘ als durchaus positiv zu bewerten sind; allerdings waren die Auswirkungen auf die meisten anderen Variablen wie ‚Gerechtigkeit‘, ‚Volksgesundheit‘, ‚Belastung von Wasser und Luft‘, ‚Bodendegradation‘, ‚Artenvielfalt‘, ‚Familie‘, ‚Freizeit‘ und ‚Stress‘ als negativ zu bewerten. Als das Ergebnis der Analyse feststand, wurde es dem Kabinett vorgelegt, das nach dem Verlesen des vollständigen Berichts erneut über den Antrag abstimmte. Dieses Mal fiel das Ergebnis genau umgekehrt aus: Neunzehn Kabinettsmitglieder stimmten gegen den Antrag und nur sechs dafür. Dies ist der Grund, warum Bhutan heute eines der wenigen Länder ist, die nicht der WTO angehören.“

    Bruttonationalglück ist wichtiger als Bruttoinlandsprodukt

    Es war der junge König Jigme Khesar Namgyel Wangchuck, der die Devise ausgab: „Bruttonationalglück ist wichtiger als Bruttoinlandsprodukt“. Um diesen Plan umzusetzen, wurde das Zentrum für Bruttonationalglück gegründet. Ha Vinh Tho hat das Zentrum für Bruttonationalglück in Bhutan mit aufgebaut und war dann für sieben Jahre als Direktor des Ministeriums tätig. Das Zentrum hat vor allem Programme für Menschen, Schulen, Unternehmen, Städte und Länder entwickelt und diese bei der Umsetzung des BNGs unterstützt. 2018 ist Tho zurück in die Schweiz gegangen, um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Die Entstehung des BNG-Konzeptes schildert Tho im Interview:

    „Als der junge König von Bhutan Jigme Singye Wangchuck, der Vater des aktuellen Königs, in den siebziger Jahren an die Macht kam, fragte er sich, was das Ziel seiner Regierung sein sollte. Nachdem er durch Bhutan gelaufen war und vielen Menschen zugehört hatte, hat er gemerkt, dass die Antwort auf diese Frage nicht einfach ist: verschiedene Menschen wollen Verschiedenes. Aber der gemeinsame Nenner ist: Eigentlich wollen alle glücklich sein und wünschen sich, dass ihre nächsten Verwandten und Freunde auch glücklich sind. Die nächste Frage ist dann aber: Was versteht man unter Glück?“

    Das Konzept des Bruttonationalglücks

    Es gebe mindestens zwei verschiedene Glücks-Ebenen, erklärt Tho:

    „Eine persönliche Ebene, die mit Genuss und angenehmen Gefühlen zu tun hat. Diese Ebene gehört ins Gebiet der individuellen Freiheit und entspricht dem, was im alten Griechenland ‚Hedonia‘ genannt wird.“ Daher stamme auch der Begriff „Hedonismus“.

    Die zweite Ebene liege tiefer. Darin gehe es um ein erfülltes und sinnvolles Leben, und „im Einklang mit seinem höheren oder wahren Wesen, oder mit seinen tiefsten Bestrebungen zu leben“. Die alten Griechen nannten dies „Eudaimonia“. Um diese Ebene geht es beim BNG. In Bhutan hat man dafür drei Hauptkomponenten klassifiziert:

    • Leben im Einklang mit sich selber: Habe ich ein sinnvolles Leben? Eine Arbeit, die mit meinen Fähigkeiten, aber auch mit meinen Werten im Einklang ist? Kann ich einen sinnvollen Beitrag für die Gesellschaft leisten?  
    • Leben im Einklang mit seinen Mitmenschen: Menschliche Beziehungen sind ein wichtiger Bestandteil des individuellen Wohlbefindens, dass zeige auch die Forschung.
    • Leben im Einklang mit der Natur. Tho betont: „Das wird heutzutage wichtiger, wegen der ganzen Fragen um den Klimawandel und wegen den ökologischen Problemen. Man erlebt diese Entfremdung von der Natur emotional nicht immer als etwas Störendes. Wenn man aber das größere Bild sieht, dann merkt man ja, dass es kein Glück für uns als Menschen und auch für andere Lebensformen geben kann, wenn wir uns weiter als Menschheit von der Natur entfremden.“

    Das Bruttonationalglück in Bhutan

    Um festzustellen, wie glücklich die Bürger in Bhutan sind, führt das Land BNG-Umfragen durch. Die erste offiziell durchgeführte Bruttonationalglück-Befragung fand im Jahr 2008 statt. Der Fragebogen enthielt 750 Fragen. Der Fragebogen umfasst neun Domänen, die sechs wichtigsten Grundbedürfnisse davon schildert Tho:

    • Physische oder körperliche Integrität: Ernährung und Wohnsituation.
    • Emotionale Sicherheit: Als Mensch sollte man von Kind an das Gefühl haben, dass man emotional gesichert ist.
    • Existenzielle Sicherheit und Stabilität: Man sollte sich nicht bedroht fühlen und einen garantierten Lebensunterhalt haben.
    • Soziale Anerkennung und Integration: Fühlt man sich einer Gemeinschaft angehörig?
    • Lern- und Weiterbildungsmöglichkeit, Entwicklung
    • Die Möglichkeit gute Werte zu haben und sie verwirklichen zu können

    Für den deutschsprachigen Raum hat der Schweizer Kinderarzt diese Grundbedürfnisse in seinem Buch „Das passende Leben“ erklärt.  Zur Situation in Bhutan sagt Tho:

    „Der neue Ministerpräsident wurde letzten Sommer gewählt. Er ist Arzt von Beruf. Ich bin sehr glücklich zu sehen, dass er die Werte des Bruttonationalglücks wieder sehr stark in das Zentrum seiner Politik gestellt hat.“

    Das Bruttonationalglück international

    Aber das BNG als Entwicklungskonzept sei allgemeinmenschlich. Es ist nicht nur auf Bhutan beschränkt. Mehr und mehr Länder würden sich bewusst, dass sie das Wohlbefinden ihrer Einwohner in den Mittelpunkt stellen sollten, so Tho. Es gebe eine ganz Reihe Länder, die versuchen würden in diese Richtung zu gehen: Neuseeland, Finnland, Island und Wales beispielweise. Eines der größten Hindernisse dabei aber sei das gegenwärtige Wirtschaftssystem. Es habe ganz andere Ziele als das BNG, und zwar Maximierung des Profits, egal welche sozialen oder ökologischen Auswirkungen das habe. Tho sagt über das BNG:

    „Es ist also ein relativ revolutionäres Konzept. Das Problem besteht nicht darin, dass es nicht übertragbar auf Deutschland oder Europa ist, sondern die Frage ist, ob der politische Wille da ist so etwas zu tun.“

    Sei man bereit „den Kapitalismus mit seinen negativen Auswirkungen infrage zu stellen und das Wohlbefinden der Menschen und der Erde höher als reinen Profit anzusehen?“ Sei man bereit die Macht der großen Konzerne und Multinationalen etwas zu beschränken? Diese Fragen seien so kompliziert, weil dies auch starke Mächte seien, „in dem sogenannten demokratischen System“. Wichtig sei aber die Frage: „Ist grenzenloses Wachstum auf einer begrenzten Erde überhaupt etwas Realistisches?"

    Der Kritik, dass das Konzept des BNGs außerhalb Bhutans nicht umsetzbar sei, widerspricht Tho:

    „Das BNG ist nicht an sich etwas Buddhistisches, es ist etwas Menschliches.“

    Das Problem, welches er in Deutschland und Europa bei der Umsetzung des BNGs sehe, sei nicht die christliche Kultur, sondern die „Konsumgesellschaft und der grenzenlose Kapitalismus“.

    Das persönliche Bruttonationalglück

    Die neun Gebiete, die im Bruttonationalglück verwendet werden, können auch als ein Werkzeug angewendet werden, um das eigene persönliche Leben zu analysieren. So kann man sehen welche Elemente im eigenen Leben schon gut funktionieren und welche man ändern oder verstärken möchte.

    Man kann Glück also auch lernen, dafür bezieht sich Tho einerseits auf traditionelle Erfahrungen, wie Religion und Kultur, und andererseits auf neurowissenschaftliche und psychologische Forschung. Menschen, die mehr Mitgefühl haben und großzügiger seien, seien glücklicher, stellt er fest:

    „Dankbarkeit und Empathie haben eine Korrelation zu Wohlbefinden und Glück“. Diese inneren Haltungen seien zwar angeboren, könnten aber weiter geschult werden. Dazu gibt es viele Übungen und Beispiele im Buch.

    Ha Vinh Tho: „Der Glücksstandard – Wie wir Bhutans Bruttonationalglück praktisch umsetzen können“ ist im Verlag O.W. Barth erschienen.

    Das komplette Interview mit Dr. Ha Vinh Tho zum Nachhören:

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Bhutan, Bruttoinlandsprodukt (BIP), Kapitalismus