07:02 08 Juli 2020
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    Die Beziehungen zwischen Warschau und Moskau sind in der letzten Zeit angespannt – wegen der unterschiedlichen Einschätzung der Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs. Die polnischen Behörden werfen Russland vor, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs umzuschreiben. Sputnik unterhielt sich mit dem russischen Senator Alexej Puschkow.

    In Moskau ist man der Auffassung, dass Polen die historischen Ereignisse der aktuellen politischen Konjunktur anpassen will, während die Länder der westlichen Allianz versuchen, den Status Russlands als Siegermacht im Zweiten Weltkrieg infrage zu stellen.

    Der Vorsitzende der Kommission für Informationspolitik im Föderationsrat Russlands, Alexej Puschkow, hat Fragen der Nachrichtenagentur Sputnik zu diesem Thema beantwortet.

    Der russische Senator Alexej Puschkow (Archivbild)
    © Sputnik / Wladimir Astapkowitsch
    Der russische Senator Alexej Puschkow (Archivbild)

    - Herr Puschkow, wer befasst sich gerade mit der Umschreibung der Geschichte? Im Westen, in Europa, behauptet man, Russland hätte begonnen, die Geschichte umzuschreiben. In Moskau sagt man, wir reagieren nur darauf, was im Westen getan wird.

    - Natürlich ist die Aufmerksamkeit, die in Russland aktuell der Geschichte, vor allem dem Zweiten Weltkrieg samt der Vorkriegszeit, gewidmet wird, damit verbunden, dass man in den Ländern der westlichen Allianz versucht, den Status Russlands als Siegermacht im Zweiten Weltkrieg infrage zu stellen.

    Das geht in erster Linie von Polen und den baltischen Ländern aus. Ihnen geht es darum: Wenn anerkannt wird, dass Russland die gleiche Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg trägt wie Nazi-Deutschland, dann hätte es kein moralisches Recht mehr, als Siegermacht zu gelten. Also ist das ein Angriff nicht nur gegen das Image Russlands und nicht nur gegen seine Geschichte – und auch nicht nur gegen die historischen Einschätzungen, die bis dato angebracht sind. Das ist ein Angriff gegen die ganze Weltordnung der Nachkriegszeit, denn Russland ist eine Siegermacht im Zweiten Weltkrieg, ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats und genießt dort das Vetorecht – neben Großbritannien, den USA, Frankreich und China. Das sind die fünf Siegermächte im Zweiten Weltkrieg.

    Ein Denkmal an die polnischen und sowjetischen Soldaten in Warschau (Archivbild)
    © Sputnik / Alexey Witwizki / Archiv
    Da sich diese Tatsache direkt unmöglich bestreiten lässt (denn gerade unsere Fahne wurde im Mai 1945 über dem Reichstag gehisst), werden die Ereignisse in der Vorkriegszeit an die große Glocke gehängt. Und man versucht, die Situation so darzustellen, als hätte der Zweite Weltkrieg ohne das allgemein bekannte Abkommen zwischen der Sowjetunion und Deutschland gar nicht begonnen.

    - Also ist das kein Geschichts-Streit?

    - Meines Erachtens ist das ein politischer Streit. Er ist unmittelbar mit der Weltordnung verbunden, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Und gerade deshalb wird auf diesen Streit so viel Wert gelegt. Daran beteiligen sich nicht nur Historiker. Zwar hatten Historiker im Westen (in Polen, in Europa, in den USA) auch früher die Meinung geäußert, der Hitler-Stalin-Pakt hätte den Zweiten Weltkrieg eingeleitet. Aber bisher hielten sich Politiker, Staatsoberhäupter von dieser Debatte raus. Aber jetzt betreibt beispielsweise der polnische Präsident Andrzej Duda (und nicht nur er) eine solche Propaganda. Ihm hat sich auch der ukrainische Präsident Wladimir Selenski angeschlossen. Also ist das ein Angriff gegen die heutige Position Russlands via Geschichte. Da muss man nach den Wurzeln dieser ganzen Kampagne suchen. Und wir antworten darauf – und werden das auch weiter tun.

    Die Vorkriegszeit war viel komplizierter und gar nicht so eindeutig, wie die Gegner unseres Landes das darstellen. Und die Verantwortung Polens und auch anderer Länder Europas für die Entfesselung dieses Kriegs ist sehr groß.

    - Haben Sie bemerkt, dass davon nicht die Länder sprechen, die sich an der Konferenz in Jalta beteiligten, also nicht die Siegermächte, sondern andere Länder?

    - Leider mischen sie sich auch in diese Polemiken ein. Der französische Präsident Emmanuel Macron erklärte erst neulich, er sehe, wie Russland versuche, das polnische Volk für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich zu machen …

    - Ja, Macron sagte das in Krakau, als er in der Jagiellonen-Universität auftrat …

    - Aber es ist falsch, zu behaupten, Russland würde versuchen, das polnische Volk mitverantwortlich zu machen. Wir machen das polnische Volk ganz und gar nicht dafür verantwortlich.

    Wir machen die politische Elite Polens verantwortlich – die politische Elite, die in diesem Land in den 1930er Jahren an der Macht stand und als erste im Jahr 1934 einen Nichtangriffsvertrag mit Deutschland abgeschlossen hat, die sich Deutschland als Verbündeter anbot, die sich gemeinsam mit Hitler an der Aufteilung der Tschechoslowakei beteiligte und vom Münchner Komplott profitierte, als die Tschechoslowakei Hitler überlassen wurde. Diese polnische Elite kritisieren wir tatsächlich.

    Andrzej Duda mit seiner Ehefrau Agata beim Gedenktag an Holocaust-Opfer im früheren Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau (Archivbild)
    © REUTERS / Agencja Gazeta / Adrianna Bochenek
    Andrzej Duda mit seiner Ehefrau Agata beim Gedenktag an Holocaust-Opfer im früheren Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau (Archivbild)

    Präsident Putin sprach darüber, als er an das moralische und politische Image einiger polnischer Politiker der damaligen Zeit erinnerte, die in Warschau ein Denkmal für Hitler aufstellen wollten – für die „endgültige Lösung der Juden-Frage in Polen“. Das sind alles historische Fakten, zu denen die Polen nichts zu sagen haben. Und deshalb reden sie immer wieder vom Hitler-Stalin-Pakt. Übrigens hat Macron nicht gesagt, dass Russland die Verantwortung für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs tragen würde. Er gab zu verstehen, dass er mit den Vorwürfen gegen Polen nicht einverstanden sei, es wäre mitverantwortlich. Aber ich denke, es ist doch mitverantwortlich.

    Polen versuchte, sich mit Deutschland abzusprechen, lehnte jegliche Bemühungen um die Einrichtung eines kollektiven Sicherheitssystems ab und bewahrte einen Teil des Territoriums der Tschechoslowakei, als sie aufgeteilt wurde. Es gab in Polen auch Politiker, die an gemeinsame Kriegsaktionen mit Deutschland gegen die Sowjetunion dachten. Also sollten sich die Spitzenpolitiker von verantwortungsvollen Staaten bei der Teilnahme an dieser Polemik zurückhalten. Vor allem die Spitzenpolitiker der Staaten, die sich an der Anti-Hitler-Koalition beteiligten. Denn indem sie die Normen zerstören, die sich in der Weltpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert haben und sich auf den gemeinsamen Sieg gegen Hitler-Deutschland stützen, machen sie auch ihre eigenen Positionen wackelig. Denn das könnte am Ende zu einer Neubewertung des gesamten Nachkriegssystems führen.

    - Dann würde die Umschreibung der Geschichte zur Veränderung absolut aller Vorgehensweisen der Nachkriegszeit führen, aller Bestimmungen und aller Status …

    - Genau. Und gerade deshalb bin ich der Meinung, dass die Spitzenpolitiker dieser Staaten lieber der Version treu bleiben sollten, die in den Dokumenten der Potsdamer Konferenz und in der UN-Charta verankert sind. Sowohl die Potsdamer Konferenz als auch die UNO gingen von der Bestimmung aus, dass es fünf Siegermächte gibt, die in der Nachkriegswelt eine besondere Position genießen. Und darauf stützt sich das ganze moderne völkerrechtliche System.

    Meines Erachtens wäre es für die Spitzenpolitiker der verantwortungsvollen Staaten besser, dieses System nicht zu zerstören und Warschau, Tallinn und Riga nicht nachzuahmen und dieses System zu unterstützen. Ein anderes System gibt es nicht. Gerade auf diese Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs stützt sich die UNO – die einzige Organisation, die alle Staaten der Welt vereinigt, und die einzige Organisation, die zwar eher formell, aber immerhin die Stabilität und Aufrechterhaltung des Friedens fördert.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Zweiter Weltkrieg, Alexej Puschkow, Russland, Polen