01:37 28 Februar 2020
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    Wladimir Putin hat vor zehn Jahren einen „gemeinsamen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok“ vorgeschlagen. Passiert ist nicht viel. Inzwischen droht die satte EU abgehängt zu werden von China und den USA. Das macht die Idee der größten Freihandelszone der Welt wieder interessant. Ein hochkarätiger Arbeitskreis will sich dafür einsetzen.

    Diverse deutsche und russische Unternehmer und Verbände haben vor knapp fünf Jahren den Arbeitskreis „Lissabon-Wladiwostok" gegründet, der sich für eine gemeinsame Wirtschaftszone vom Westrand der EU bis nach Russland einsetzt. Inzwischen gehören dem Lobbyverband knapp achtzig Firmen und Verbände an. Einer der Gründer ist Ulf Schneider von der „Schneider Group“, die in Russland sehr erfolgreich ist. 2018 wurde Schneider als einer von nur zwei Deutschen in die Liste der 1000 einflussreichsten Manager Russlands gewählt. Im Interview erklärt er, wie sich Russland in den letzten Jahren entwickelt hat und warum ein gemeinsamer Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok für alle eine Win-Win wäre.

    - Herr Schneider, Ihre Firma ist seit vielen Jahren in Russland aktiv. Wie hat sich das Geschäftsumfeld in Russland in den letzten, sagen wir, zehn Jahren verändert?

    - Gerade in den letzten zehn Jahren hat sich da unwahrscheinlich viel getan. Am deutlichsten wird das, glaube ich, am „Doing Business"-Ranking der Weltbank. Da ist Russland von etwa Platz 120 auf jetzt Platz 28 – nicht vorgerutscht, sondern hat sich vorgearbeitet. Und ich führe dies tatsächlich auf die Initiative und Arbeit der russischen Regierung zurück. Vor eben etwa zehn Jahren haben sie eine sogenannte „Road Map" oder auf Russisch „Doroschnaja Karta" beschlossen. Da wurden, wenn ich mich recht erinnere, über tausend konkrete Vorhaben beschrieben, was verbessert werden muss. Ich war selbst an einigen Punkten beteiligt, die Steuerfragen betreffen, weil ich damals Leiter des Steuerkomitees im Vorstand der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) war.

    Und diese Roadmap war unwahrscheinlich detailversessen. Das war nichts Spektakuläres, aber sehr effektiv. Zum Beispiel, dass Dokumente digitalisiert wurden. Das hat die Buchhaltung stark vereinfacht und beschleunigt. Heute ist in Russland das meiste elektronisch von Unterschriften bis hin zu Dokumentenaustausch. Daran hatte übrigens auch der neue Ministerpräsident Michail Mischustin, der ja zuvor jahrelang Chef der russischen Steuerbehörde war, einen großen Anteil.

    - Also sind das gute Neuigkeiten für ausländische Investoren, dass gerade Mischustin zum neuen russischen Regierungschef ernannt wurde?

    - Im Sinne von Entbürokratisierung, Automatisierung und Digitalisierung können wir bestimmt viele positive Schritte durch ihn erwarten. Mischustin wird gelingen, das auch auf andere Bereiche zu übertragen. Da bin ich mir sicher. Und das ist natürlich immer positiv für das Investitionsklima.

    - Deutschland ist schon lange einer der wichtigsten Wirtschaftspartner Russlands. Warum gerade Deutschland?

    - Ich glaube, in vielen Bereichen ticken Deutsche und Russen ähnlich. Ich denke zum Beispiel, dass einer der Gründe für den Erfolg gerade deutscher Firmen in Russland ist, dass wir in Deutschland bürokratie-erprobt sind. Wir können damit umgehen. Das war zumindest früher ein Vorteil. Inzwischen hat Russland ja, wie gesagt, eine sehr dynamische Entwicklung genommen, was Digitalisierung und Entbürokratisierung betrifft. Da kann sich Deutschland inzwischen eine Scheibe abschneiden.Ein weiterer entscheidender Punkt ist der Ruf der Deutschen in Russland. Mental gesehen, ist es, meiner Meinung nach, schwieriger, „Made in Germany" einem Franzosen als einem Russen zu verkaufen. In Russland zählt „Made in Germany" vielleicht sogar mehr als in Deutschland selbst.

    Bei den deutschen oder westeuropäischen Mittelständlern herrscht immer noch die Vorstellung, dass das alles kompliziert und teuer ist, wenn das nicht in der EU ist. Das war auch vor zehn Jahren noch so. Heute ist das, aus meiner Sicht, zumindest in Bezug auf Russland, nicht mehr der Fall. Vieles ist deutlich einfacher und unbürokratischer geworden.

    Und gleichzeitig öffnet sich für ein ausländisches Unternehmen über Russland in gewisser Weise auch der Zugang zur Eurasischen Wirtschaftsunion, also zu dem Zusammenschluss von Belarus, Russland, Kasachstan, Kirgistan und Armenien. Hier orientiert man sich stark an der EU und bemüht sich, einen gemeinsamen Wirtschaftsraum mit einheitlichen Zöllen, Normen, etc. zu schaffen. Das versuche ich mit meiner Firma auch den deutschen Unternehmen zu vermitteln: Ihr braucht keine Angst mehr zu haben vor der Bürokratie und anderen Normen im Osten. Das lässt sich inzwischen alles unkompliziert und legal lösen.

    - Vielleicht ist es bei den westlichen Unternehmen ja nicht nur eine Angst vor anderen Normen, sondern auch ein Misstrauen, dass von Medien und Politik gegenüber Russland geschürt werden?

    - Da möchte ich den kleinen Mann sehr in Schutz nehmen. Ich glaube, gerade die deutschen Klein- und Mittelständler mögen vielleicht oft in der Provinz als „hidden champion" tätig sein, haben aber oft ein sehr weltoffenes Denken. Ich habe beobachtet, gerade, wenn es in der Politik zwischen dem Westen und Russland ein gewisses Schweigen gibt – was gerade durchbrochen wird, scheint mir – hat die Wirtschaft oft eine besondere Verantwortung wahrgenommen. Hier ging der Austausch meist trotzdem weiter.

    Bei der Idee „Von Lissabon bis Wladiwostok" geht es ja auch um einen gemeinsamen Wirtschaftsraum und nicht um eine politische Union. Das ist Utopie. Ein solcher Wirtschaftsraum ist dagegen durchaus realistisch und würde eben, neben den wirtschaftlichen Vorteilen für beide Seiten, auch den gesellschaftlichen, menschlichen Austausch zwischen Ost und West unterstützen.

    Und es wäre natürlich geostrategisch sinnvoll, da bei dem Power-Play zwischen den USA und China die Gefahr droht, dass wir ein wenig unter die Räder kommen. Ich denke, die Europäische Union und der gesamte russischsprachige Raum, insbesondere die Eurasische Wirtschaftsunion haben das Potential, gemeinsam wirtschaftlich ein Player zu sein, der mithalten und beispielsweise eine Antwort auf die chinesische Seidenstraßeninitiative geben kann.

    - Wozu braucht die reiche EU Russland und die Eurasische Union?

    - Wie gesagt, auch wir können im Moment einiges lernen von Russland – sei es, bei der Digitalisierung oder der Entbürokratisierung, aber auch im Finanzwesen. Der Zahlungsverkehr unter den Banken ist in Russland inzwischen viel effizienter. Und wirtschaftlich betrachtet empfinde ich es nicht so, dass die EU sich damit begnügen sollte, nur die dritte Geige in der Welt zu spielen. Gemeinsam mit Russland und der Eurasischen Wirtschaftsunion wären wir hier in jedem Fall stärker.

    - China und vor allem die USA wären wahrscheinlich weniger begeistert von so einer gewaltigen Wirtschaftszone, die ihnen Platz Eins und Zwei streitig machen würde.

    - Das mag sein. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, unsere eigenen Ambitionen zu haben. Ein Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok ist ja nichts, was sich gegen jemand anderen wendet. Es würde uns ja auch nicht einfallen, den USA vorzuschreiben, wie sie ihr Freihandelsabkommen mit Kanada und Mexiko zu gestalten haben. Das steht mir nicht zu. Aber genauso nehme ich für uns als Europäer in Anspruch, mit der Eurasischen Union Vereinbarungen zu treffen, die für uns nützlich sind.

    - Die EU scheint mir da aber nicht so viel Selbstbewusstsein gegenüber den USA zu haben.

    - Vielleicht trauen sich die EU und auch die Bundesregierung in einigen Bereichen nicht, gegenüber Amerika das auszudrücken, was eigentlich alle denken in Europa. Aber wir haben nun mal auch wirtschaftliche Interessen in den USA. Der Handel mit Amerika ist deutlich größer als der Handel mit Russland. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, den Handel Richtung Osten auch auszubauen. Wenn Amerika uns das verbieten sollte, dann müssten wir in der Tat ein deutliches Wort sprechen. Soweit ich weiß, sind die Amerikaner aber auch selbst bereits in Gesprächen mit der Eurasischen Union.

    - Zwischen Russland und Deutschland liegen aber noch einige Länder, die zum Teil nicht so gut zu sprechen sind auf Russland. Zumal die EU hier meist nach dem Entweder-Oder-Prinzip agiert: „Entweder wir ODER Russland“. So war das mit der Ukraine oder aktuell mit Serbien oder Moldawien.

    - Als ersten Schritt macht es wohl Sinn, mit den beiden Unionen zu beginnen. Aber ich sehe auch in den Ländern dazwischen größtenteils Interesse an so einer Handelsregion. Selbst in der Ukraine sehe ich großes Interesse für so eine Idee. Gerade auf Unternehmerseite erlebe ich dort eine große Offenheit und Pragmatismus in beide Richtungen, Richtung Russland und Richtung EU. Da geht es im Moment erst einmal darum, sich stärker von den Oligarchen zu lösen.

    - Und am Ende streben Sie eine Art überregionale Freihandelszone an?

    - Das wäre nicht der Start, aber das wäre, was mir letztendlich vorschwebt. Die meisten denken bei „Freihandel" zuerst an den Wegfall der Zölle. Das ist aber gar nicht der entscheidende Punkt. Es geht erst einmal darum, Handelshemmnisse zu beseitigen, wie etwa unterschiedliche Zollverfahren oder technische Zulassungsverfahren.

    - Und was machen Sie konkret in Ihrem Arbeitskreis „Lissabon-Wladiwostok?

    - Der Arbeitskreis „Wirtschaftsraum Lissabon-Wladiwostok" wurde vor etwa fünf Jahren gegründet vom Deutsch-Russischen Forum, dem Ostausschuss und dem Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft und der Deutsch-Russischen AHK. Inzwischen haben sich unserer Initiative mehr als 15 Verbände und mehr als 60 gestandene Unternehmen aus acht Ländern angeschlossen. Dabei sind unter anderem Siemens, Claas oder Knauf, um nur einige Namen zu nennen. Auf Verbandsseite haben wir zum Beispiel den russischen Unternehmerverband RSBP dabei. Demnächst, am 4. März, werden wir feierlich die russische Handelskammer TPP aufnehmen. Dabei ist auch die belarussische Handelskammer. Aber wir haben auch Mitglieder aus Armenien, Belgien, Frankreich, Österreich und Italien. Wir sind dabei, eine paneuropäische Initiative zu werden. Perspektivisch wollen wir Mitglieder aus allen Ländern sowohl der Europäischen als auch der Eurasischen Union gewinnen und gern auch darüber hinaus.

    - Und diese Unternehmen sollen sich dann ihren Regierungen gegenüber stark machen für die Idee eines gemeinsamen Wirtschaftsraums, einer Freihandelszone?

    - Ja, alle Mitglieder sind aufgefordert, in der Politik dafür zu werben, dass die Mitgliedsländer ihren jeweiligen Kommissionen das Mandat geben, offizielle Gespräche zwischen den Unionen zu führen. Inoffizielle Gespräche gibt es übrigens bereits seit sechs Monaten zwischen der EU-Kommission und der Kommission der Eurasischen Wirtschaftsunion.

    Ulf Schneider ist seit fast zwanzig Jahren erfolgreich als deutscher Unternehmer in Russland tätig. 2003 gründete er in Moskau die „Schneider Group", um ausländischen, vor allem deutschen Firmen, die in Russland tätig werden wollen, in Steuerfragen, bei der Rechtsberatung oder in Bürokratiedingen unter die Arme zu greifen. Heute bietet das Unternehmen mit über 500 Mitarbeitern Unternehmensberatung mit Schwerpunkt Russland an, aber inzwischen auch mit Niederlassungen in Armenien, Belarus, Kasachstan, Polen, der Ukraine und Usbekistan.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Schneider, Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU)