22:04 19 September 2020
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    Am Donnerstag jähren sich die anglo-amerikanischen Bombenangriffe auf Dresden zum 75. Mal. Den Bombardements vom 13. bis 15. Februar 1945 fielen offiziell 25.000 Menschen zum Opfer. Christoph Adam hat die Angriffe überlebt: Es waren Kriegsverbrechen, doch aufrechnen dürfe man nicht, so der 90-Jährige. Vom heutigen Deutschland fordert er Abrüstung.

    Der 14-jährige Christoph Adam lebte 1945 mit seinen Eltern und seinem dreijährigen Bruder in der Dresdener Johannstadt am Dürerplatz 25, als in der Nacht vom 13. Februar auf den 14. Februar die ersten Bombardements der anglo-amerikanischen Alliierten auf Dresden erfolgten. Am 15. Februar sah er die letzte Angriffswelle. Im Gespräch mit Sputnik blickt der heute 90-Jährige auf das Erlebte zurück und gibt eine Einschätzung der Geschehnisse.

    Flüchtlinge in Dresden

    "Ich bin früh noch normal in die Schule gegangen, ins Kreuzgymnasium, anschließend habe ich Flüchtlinge vom Hauptbahnhof abgeholt, denn ich war für die Betreuung von Flüchtlingen eingeteilt. Am Bahnhof kamen Zug für Zug Flüchtlinge aus dem Osten, meist aus Ostpreußen an oder aus Schlesien. Von der Bahnhofsmission bekamen wir die Adressen, wohin wir die Flüchtlinge bringen und verteilen sollten - ganz verschieden, meist kamen die zu Bekannten und Verwandten, und meist fuhren wir mit der Straßenbahn. Als Schüler hatte ich einen entsprechenden Ausweis. Die letzten Flüchtlinge, die ich noch „verteilt“ habe, kamen ans Elbufer nach Klein-Schachwitz."

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    © Foto : Dr. Christoph Adam (privat)
    Straßenbahn-Monatskarte mit Bild (1944/45). Privatdokument

    Fasching und Sirenengeheul

    "Später haben wir dann daheim wie jedes Jahr unser Faschingsfest gefeiert. In Trapper- und Indianer-Kostümen. Unser Haus am Dürerplatz war mit Lampions und Luftschlangen geschmückt. Als der Tag zu Ende ging, gingen wir ins Bett und irgendwann nachts heulten die Sirenen los und alle liefen in den Keller. Wir hatten keine Luftschutzräume oder dergleichen in Dresden. Wir gingen einfach in die ausgeräumten Keller der Häuser. Wir - ein großes Haus mit 60 Personen.

    In Faschingskostümen mit Linde und Siegfried 1942 auf dem Dürerplatz
    © Foto : Dr. Christoph Adam (privat)
    In Faschingskostümen mit Linde und Siegfried 1942 auf dem Dürerplatz

    Es herrschte ein ungeheurer Krach. Im Keller fing es an, brenzlig zu riechen, vom Nachbarhaus wurde der Mauerdurchbruch geöffnet. Schon Jahre zuvor waren die nebeneinanderliegenden Häuser mit durch einfache Ziegel aufgefüllten Durchbrüchen verbunden worden. Da kamen nochmal 40 Leute zu uns gekrochen."

    Häuser in Flammen

    "Wir haben dann umgehend den Keller verlassen müssen und sind auf den Dürerplatz gelaufen, der ist doppelt so groß wie der Dresdener Altmarkt. Und da sahen wir schon ringsherum die Häuser brennen. Was mir besonders auffiel – ein Haus stand lichterloh von oben bis unten in Flammen. Die Feuerwehr war da, doch sie konnten nichts ausrichten, obgleich es dank des von russischen Kriegsgefangenen errichteten Feuerlöschbeckens genug Wasser gab. Die Feuerwehrleute hatten schlicht keine Chance, das Feuer zu löschen. Wir versuchten, vom Platz wegzukommen, aber die Straßen waren zum Teil schon nicht mehr passierbar, weil deren Häuser durch Sprengbomben in Schutt auf der Straße lagen."

    Ins Feuer gesogen

    "Wir wollten zum „Großen Garten“ und sind dann die damalige Fürstenstraße runtergelaufen. Am ehemaligen Fürstenplatz, das ist der heutige Fetscherplatz, sind wir in den Feuersturm gekommen. Der war so stark, dass unsere ganze Familie regelrecht umgefallen ist. Wir lagen alle auf der Straße. Ich schätze, da herrschte eine Windstärke von etwa 150 Stundenkilometern. Eine der anliegenden Querstraßen wirkte wie ein Schornstein und entwickelte einen großen Sog Richtung Innenstadt, so dass wir umgefallen sind. Im Zentrum, das hat mir ein Freund später erzählt, müssen es über 200 Kilometer pro Stunde gewesen sein, da sind Menschen horizontal liegend durch die Luft geflogen: Eine Frau mit Kinderwagen, ein Verwundeter mit Krückstock – er sah, wie die ins Feuer gesogen wurden."

    Nasse Steppdecken

    "Die Flammen sollen etwa 500 Meter hoch gewesen sein, es hat ja tagelang gebrannt in Dresden.

    Wir haben dann einander aufgeholfen und haben einander „eingehenkelt“ und sind so weitergelaufen und nach etwa 300 Metern kam der zweite Angriff. Da war es schon der 14. Februar. Diesen Angriff haben wir auf der Straße erlebt, also auf dem Fußweg. Es gab keine Sirenen mehr – die Bomben fielen einfach so, es herrschte ein Riesenkrach. Mit der Familie habe ich am Straßenrand an einem Baum gelegen und neben mir, vielleicht einen halben oder dreiviertel Meter entfernt ist eine Brandbombe runtergekommen. Mein Vater hatte uns allen noch eine nasse Steppdecke umgehängt. Die Decke bekam faustgroße Brandlöcher, es ging teilweise bis auf die Haut. Wir lagen etwa eine Dreiviertelstunde ungeschützt auf der Straße. Alle fünf bis zehn Meter gab es einen Brandherd. Die ganze Straße brannte flächendeckend.

    Christoph Adam (L) mit Mutter und Bruder Gerhard 1943 auf Dürerplatz-Bank
    © Foto : Dr. Christoph Adam (privat)
    Christoph Adam (L) mit Mutter und Bruder Gerhard 1943 auf Dürerplatz-Bank

    In den drei Angriffen sollen etwa eine Million Bomben entsorgt worden sein, vorwiegend Brandbomben. Nach diesem Erlebnis, es ist ein Glück, dass wir das überlebt haben, sind wir in den „Großen Garten“ gelangt. Da habe ich mich hinter einen Baum gelegt und bin erst am darauffolgenden Tag wieder aufgewacht. Von dort sind wir dann zu Verwandten, in das Haus in dem ich noch heute lebe. Und dort haben wir im Keller den dritten Angriff erlebt. Meine Mutter und der Vater beschlossen, mit mir und meinem kleinen, damals dreijährigen Bruder fort zu gehen. Eine Militär-LKW-Kolonne, die Flüchtlinge aufsammelte, nahm uns zunächst Richtung Freital mit, schließlich bezogen wir in Altenberg ein Flüchtlingsquartier, wo wir bis Kriegsende blieben."

    Maschinengewehrsalven auf Flüchtige

    "Ich habe gehört, dass nach den Bombardierungen - natürlich nicht nach dem ersten Angriff, da waren die Menschen ja noch in den Kellern, aber nach dem zweiten Angriff waren sie teilweise schon auf den Straßen - die Menschen in den Straßen auch durch Maschinengewehrsalven regelrecht gejagt worden sind. Ich selber habe es nicht gesehen.

    Auch der General, der für Dresden zuständig war, hat es so beschrieben. Der erlebte den zweiten Angriff unter der Marienbrücke und beschrieb, dass mit Maschinengewehren auf die flüchtenden Dresdener im Elbtal geschossen worden ist. Und genau das habe ich auch von Freunden und einer Freundin gehört. Die leben heute noch. Ich habe sie gebeten, es doch aufzuschreiben, aber sie wollen nicht."

    „...ihr kommt auch noch in die Särge“ - Opferzahlen

    "Ein Freund von mir hat über die Toten von Dresden publiziert: der kam auf 35.500 Menschen, der hat Jahrzehnte nach dem Krieg sein Leben lang mit Recherchen verbracht. Er hatte noch ein Flugblatt aus der Zeit, das von den Westalliierten stammte: „Wartet nur, ihr Zwerge, ihr kommt auch noch in die Särge“. Stand darauf. So ein Flugblatt habe ich seinerzeit persönlich nicht gesehen, aber meine Freunde. Es war seinerzeit hochgefährlich, solche Flugblätter im Krieg zu besitzen. Im gesamten Kriegsgeschehen ist das eine Nebensächlichkeit, auch ob es nun 25.000 oder 30.000 Menschen waren, die umgekommen sind – ein Toter ist schon einer zu viel! Diskussionen, ob es gar 500.000 Tote oder weniger waren bringen uns nicht weiter. Wir müssen sagen: Wir wollen es anders machen, wir wollen in Zukunft Frieden haben. So ein Angriff mit den Vorbereitungen, das habe ich mal ausgerechnet: Das hat eine Milliarde gekostet - die zur unsinnigen Vernichtung diente."

    Wie schätzen Sie die Aktion in Dresden ein?

    "Unsere Altvorderen haben den Krieg begonnen, aber wenn ich vom historischen Standpunkt ausgehe, so war der Angriff überhaupt nicht nötig. Die Russen waren keine 100 Kilometer von Dresden entfernt.

    Man hat keinerlei militärische Ziele angegriffen, man wusste, die Dresdener hatten keinerlei Luftschutzbunker - wir hatten ja nur die Keller. Und dann noch nach dem ersten Angriff einen zweiten und einen dritten Angriff in das gleiche Gebiet zu fahren, wo doch die Menschen auf der Straße oder in den Parks waren, ist nach meinem Dafürhalten ein Verbrechen.

    Das war eine Strafaktion. Churchill hatte Hass auf Deutschland, die Deutschen haben Coventry angegriffen und wir haben die ersten Raketen auf England geschossen. Da hat keiner darüber nachgedacht, auch der nicht, der sie konstruiert hat - der, der später die Weltraumraketen initiiert hat."

    Keine Quittung für Irrsinn

    "Ich möchte, was in Dresden geschehen ist, nicht als „Quittung“ anprangern. Das kann ich nicht. Es ist ein Irrsinn. Wir müssen für die Zukunft sorgen. Mein wesentlicher Wunsch ist auf die Zukunft gerichtet. Wir müssen jetzt etwas tun und nicht nur symbolisch, weil wir jetzt 75 Jahre Frieden in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg haben."

    Ein Kriegsverbrechen, wie es viele gab – Einander vergeben

    "Es ist ein Kriegsverbrechen, wie es viele gab. Ich kann es den Engländern nicht anhängen, denn die Deutschen haben Raketen auf London geschossen – das war doch genauso Irrsinn. Wir müssen einen Schlussstrich ziehen. Da sollten die Alten und die Jungen zusammenarbeiten.

    Wir müssen aufhören aufzurechnen, wir müssen einander vergeben. Die Jugend muss mithelfen, zusammen mit den Alten, dass die Feindschaften zwischen den Völkern beseitigt werden. Damit so etwas, was ich als Kind zusammen mit den Dresdnern damals erlebt habe, ein Ende findet."

    Wir wollen Frieden – Abrüstung in Deutschland

    "Wenn ich sehe, dass unsere Regierung aufrüsten will und, dass ein Herr Trump unser Land mahnt, mehr in die Rüstung zu stecken – das Gegenteil muss der Fall sein! Wir wollen nicht das Gestern widerkäuen und wieder Streit suchen. Wir wollen Frieden!

    Ich möchte unsere Regierung dazu bringen, dass sie als Deutschland damit anfängt, abzurüsten, keine Waffen mehr zu exportieren und die Armee auf Friedenszeiten umstellt, denn Deutschland war im ersten Weltkrieg nicht ganz unbeteiligt und hat im Zweiten Weltkrieg, gerade was Polen und Russland anbelangt, schwere Verbrechen begangen. Der Waffenhandel heute weltweit produziert die gleichen irrsinnigen Szenarien.

    Dabei gibt es so viel zu tun: Es gibt Hungersnöte und den Klimawandel. Wenn diese Gelder, die hier sinnlos vernichtet werden, künftig für friedliche Zwecke eingesetzt würden – das wäre mein Wunsch für die Zukunft. Denn wir Alten können nicht mehr solange etwas sagen."

    Dr. Christoph Adam
    © Foto : privat
    Dr. Christoph Adam

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Luftangriff, Alliierte, Dresden, Zweiter Weltkrieg