03:27 05 Dezember 2020
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    Strafverfahren, Hausarrest, Ausreiseverbot. Die Geschichte der Zusammenarbeit mit dem russischen Regisseur Kirill Serebrennikow für seine Inszenierung am Deutschen Theater ist mit Widrigkeiten gespickt. Doch nun ist es vollbracht: Am Sonntag hat “Decamerone” Premiere in Berlin. „Wer mehr weiß, sieht mehr“, so Intendant Ulrich Khuon zum Stück.

    „Il Decamerone“ (Zehn-Tage-Werk) gilt als eines der großen Geschichten-Arsenale der Weltliteratur: Giovanni Boccaccio verfasste es Mitte des 14. Jahrhunderts. Die Rahmenhandlung setzt mit dem Ausbruch der Pest in Florenz ein. Vor dem „Schwarzen Tod“ fliehen zehn junge Frauen und Männer auf ein Landgut vor der Stadt. Zur Unterhaltung gibt dort jeder zehn Tage lang jeweils zehn Geschichten zum Besten. Es sind Erzählungen, die eine leidenschaftliche Liebe feiern.

    Aus den 100 Novellen hat der russische Regisseur Kirill Serebrennikow zehn Episoden ausgewählt und ins Heute übertragen. Allerdings treffen die Menschen nicht auf einem toskanischen Landsitz aufeinander, sondern in einem simplen Gymnastikraum: Alte wie Junge und – Figuren unterschiedlicher sozialer Herkunft. Vor der Premiere am Deutschen Theater hat Sputnik Intendant Ulrich Khuon zum Zustandekommen des Stücks an seinem Hause befragt.

    - Herr Khuon, welche Bedeutung hat die Kunst Kirill Serebrennikows – was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an seinen Arbeiten?

    - Kirill Serebrennikow arbeitet in einem sehr umfassenden Sinn mit den Mitteln und Möglichkeiten des Theaters. Die Expressivität seiner Regie-Handschrift ist frappierend. Er schätzt die musikalischen und bildhaften Ausdrucksmittel. Entscheidend aber scheint mir sein Vertrauen in die Kraft der Körper, die über die Texte hinauswirken.

    - Serebrennikow leitet in Moskau das Theater „Gogol-Center“, er ist in Deutschland allerdings eher als Film- und Opernregisseur bekannt. Sein Film „Leto“ (Sommer) etwa wurde 2018 bei den Filmfestspielen in Cannes ausgezeichnet und für seine Version von Verdis „Nabucco“ an der Staatsoper Hamburg gab es den Rolf-Mares-Preis. Nun inszeniert er erstmals auch ein Theaterstück für eine deutsche Bühne: Was war ursprünglich von der Regie für „Decamerone“ an Ihrem Haus vorgesehen?

    - Da ich von Kirills Theaterarbeit begeistert bin, hatte ich ihn vor vier Jahren gefragt, ob er nicht am Deutschen Theater Berlin arbeiten wolle. Er wiederum kannte unsere Arbeit auch und schlug vor, eine eigene Bearbeitung von Boccaccios „Decamerone“ zu inszenieren. Die Premiere war für die Spielzeit 2018/19 fest vereinbart. Dann begann die endlose Geschichte dieses fragwürdigen Prozesses mit der Begleiterscheinung eines lange anhaltenden Hausarrests.

    - Regisseur Serebrennikow darf Russland nicht verlassen, da gegen ihn und andere Beteiligte ein Strafverfahren wegen Veruntreuung von Staatsgeldern läuft. Wie erleben Sie ihn derzeit und was denken Sie über das Verfahren?

    - Ich erlebe Kirill sehr konzentriert und mit voller Hingabe bei den Theaterproben. Das juristische Verfahren halte ich für problematisch, weil es voller prozessualer Unsicherheiten ist. Es erstaunt mich sehr, dass der Prozess neu aufgenommen wurde, obwohl das Gericht die staatsanwaltlichen Ermittlungen als völlig unzulänglich zurückgewiesen hatte.

    - Mittlerweile wurde die Entscheidung getroffen, ein gemischtes Ensemble aus deutschen und russischen Akteuren zu bilden – warum?

    - Wir mussten die Premiere wegen des Prozesses mehrfach verlegen. Nachdem im Herbst das Verfahren erneut aufgerollt wurde, haben wir zusammen mit Kirill beschlossen, unser Projekt gemeinsam mit seinem Theater zu verwirklichen, und mit Schauspielerinnen und Schauspielern vom Gogol-Center und aus dem Deutschen Theater in Moskau und Berlin zu proben. Ein aufregendes Abenteuer für alle Beteiligten.

    - Wie genau gestalteten sich die Proben zu „Decamerone“ vor dem Hintergrund, vor welchen Herausforderungen stand und steht das Deutsche Theater?

    - Die organisatorischen und finanziellen Herausforderungen für beide Theater sind gewaltig. Die Belastung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auch. Aber der gemeinsame Wille dieses einzigartige Projekt zu bewältigen, ist entscheidend. Und wir erfahren viel Unterstützung auch außerhalb des Theaters.

    - Welche Resonanz erwarten Sie vom Berliner Theaterpublikum? Sind Erläuterungen zur Entstehung im Vorfeld notwendig, damit die Botschaft des Stücks verständlich wird?

    - Das Berliner Publikum kennt und liebt Kirill Serebrennikows Arbeit von vielen Gastspielen auch am Deutschen Theater und an der Schaubühne. Und es ist grundsätzlich neugierig. Die Geschichte von „Decamerone“ erzählt sich sehr verstehbar. Aber wie immer bei großer Kunst: Wer mehr weiß, sieht mehr.

    - Herr Khuon, vielen Dank für das Interview!

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    Premiere von „Decamerone“ am 8. März 2020 am Deutschen Theater Berlin.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Deutsches Theater, Kirill Serebrennikow