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    Coronavirus-Ausbruch: Aktuelle Entwicklungen zur neuartigen Lungenkrankheit (198)
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    Entlassungen, Insolvenzen, Unterbrechungen der Lieferketten – das sind nur einige Auswirkungen, die die Coronakrise auf unser Leben haben könnte. Dass weltweit die Börsenkurse einbrechen und der Ölpreis ins Bodenlose fällt, seien Vorboten einer sehr viel größeren Wirtschaftskrise. Dieser Ansicht ist der Ökonom und Bestsellerautor Marc Friedrich.

    Sputnik sprach mit dem Wirtschaftsexperten darüber, welche Auswirkungen Covid-19 auf die Märkte haben könnte.

    - Als das Virus noch ein „chinesisches Problem“ war, hat sich das auf den europäischen Märkten nicht niedergeschlagen. Dann kam es nach Italien, und sofort gab es Abwärtsbewegungen. Ist Corona in Deutschland jetzt eingepreist?

    - Nein, noch nicht. Wir stehen ganz am Anfang, die große Welle kommt erst noch. Wir werden bei den Infizierten ganz andere Zahlen sehen, ich gehe von Hunderttausenden oder sogar Millionen aus. Wir dürfen nicht vergessen: Die Inkubationszeit beträgt bis zu 27 Tage. Viele Menschen kamen jetzt aus dem Urlaub vom Skifahren in Italien oder Österreich zurück. Karneval war auch noch. Dann dauert es ein bisschen. Wir sehen auch, dass sich dieses Virus exponentiell entwickelt und verbreitet – das heißt, wir haben noch gar nichts gesehen. Sobald wir die erste Ausgangssperre in einer deutschen Stadt erleben, wird es richtig rappeln in der Kiste. Am Wochenende hat Italien – im Schutze des Wochenendes, um die Börsen nicht zu sehr zu schocken – Norditalien abgeriegelt. Wir reden von 16 Millionen Menschen, die in Quarantäne sind. Das sind Maßnahmen, die es in der westlichen Welt so noch nie gab. Das zeigt aber auch, wie dramatisch es ist. Die italienische Regierung weiß, dass die Krankenhausbetten nicht reichen, dass das ganze System kollabieren kann. Wir stehen wahrscheinlich vor dem größten Crash aller Zeiten, weil es nicht eingefangen werden kann. Wir erleben ein unsichtbares Virus, das das ganze Finanzsystem ins Wanken bringen kann. Daran sieht man auch, wie fragil das ganze System ist. Den Höhepunkt werden wir noch erleben – das war erst der Anfang.

    - Der DAX steht noch bei 10.500 Punkten. Wo könnte für Sie die Grenze nach unten sein?

    - Nach unten ist das Ende erstmal offen. Wir sehen technische Unterstützungslinien bei 8000 Punkten, wir werden auch Eingriffe der Notenbank, der EZB sehen. Das wird aber nicht viel bringen. Sie werden zwar die Geldschleusen öffnen und die Zinsen weiter senken, es wird auch einen Fiskalstimulus von Regierungsseite geben, aber damit kann man das Virus auch nicht stoppen. Wenn hier wirklich die Quarantäne kommt, würde der komplette Wirtschaftsbereich in Tiefschlaf versetzt. Es werden Lieferketten unterbrochen oder komplett außer Betrieb gesetzt. Wir werden einen enormen wirtschaftlichen Schaden haben, auf den auch die Bundesrepublik nicht vorbereitet ist. Der auch Kollateralschäden mit sich bringt, nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich. Dahingehend müssen wir uns auf einiges gefasst machen: Vom aktuellen Niveau kann es noch gut zwischen 50 und 80 Prozent runtergehen.

    - In den USA wurde der Leitzins vergangene Woche gesenkt, aber der Effekt verpuffte. War es ein Fehler, zu diesem Zeitpunkt eine solche Maßnahme durchzuführen?

    - Die FED war in einer Zwickmühle: Was tun? Deswegen hat man einfach gesagt: Lasst es uns probieren. Sie wussten auch nicht, wie es ausgeht. Aber das hat den Märkten signalisiert, dass die FED wohl Panik hat, denn solche außerordentlichen Krisensitzungen mit solchen Zinssenkungen sind immer ein schlechtes Zeichen. Wenn man in die Vergangenheit schaut, dann war es zumeist so, dass nach zwölf Monaten der Markt um zehn Prozent tiefer stand. Daran haben sich auch die Börsianer erinnert und haben lieber vorab schon Kasse gemacht, die Chips vom Tisch genommen, weil sie wussten, das ist kein gutes Indiz. In meinem Buch habe ich prognostiziert: Wir werden in den USA weitere Zinssenkungen erleben, obwohl es die tollste, beste Wirtschaftskraft der Welt sein soll. So gut soll es den USA noch nie gegangen sein, Top-Arbeitsmarktzahlen … Nichtsdestotrotz ist die FED dazu verdammt, die Zinsen weiter zu senken. Wir werden dieses Jahr weitere Zinssenkungen sehen. Meine Prognose ist nach wie vor: Dieses Jahr null Prozent und danach Negativzinsen, wie auch in der Euro-Zone.

    - Montag, 9. März, 10 Uhr: Das Öl ist bei minus dreißig Prozent. Der Einbruch auf dem Ölmarkt ist noch dramatischer als beim DAX oder dem Dow Jones. Wie kommt das zustande?

    - Da gibt es mehrere Faktoren. Erstens, die De-Globalisierung. Zweitens, die Deflation. Denn in einer Rezession braucht der Markt, die Industrie natürlich nicht so viel Öl, die Nachfrage sinkt massiv. Parallel noch der Streit zwischen Russland und Saudi-Arabien, die gerade einen kleinen Öl-Krieg beginnen. Zu einem ungünstigen Zeitpunkt, weil die Saudis jetzt die Fördermengen massiv erhöhen und den Preis zusätzlich unter Druck setzen. Hinzu kommt das Coronavirus. All diese Zutaten sind natürlich das perfekte Rezept für diese Preisschwankungen. Dreißig Prozent an einem Tag haben wir zuletzt 1991 beim Golfkrieg gesehen. Das ist schon enorm. Es zeigt aber auch einfach, dass wir momentan am Beginn des Crashs sind und dass die Deflation um sich greift. Wie ich es in meinem Buch beschrieben habe: Erst kommt die Deflation und dann die Hyperinflation.

    - Für die Industrie ist es gut, wenn der Ölpreis niedrig ist. Wie sieht es für die ölfördernden Länder aus? Auf Platz eins die USA, dann folgt Russland und auf drei Saudi-Arabien…

    - Schlecht, denn wenn der Preis sinkt, kriegt man nicht so viel Gewinn dabei heraus. Die Nachfrageschwäche und die Abschwächung der Wirtschaft generell spielen parallel mit rein. Wir sind gerade in einer deflationären Phase, die Wirtschaft kühlt sich deutlich ab und das Coronavirus ist das „Sahnehäubchen“. Dahingehend wird von dem Preiskrieg keiner profitieren. 29 US-Dollar pro Barrel sind natürlich ein Witz, damit kann man in den USA gerade noch die Förderkosten decken, weil sie da weitaus höher liegen als in Saudi-Arabien. Das ist einfach eine Fieberkurve dafür, dass die Weltwirtschaft ins Wanken gerät.

    - Wäre es ein guter Zeitpunkt, sein Geld in Öl anzulegen?

    - Spekulativ natürlich, klar. Antizyklisch ergibt es immer Sinn. Wenn derjenige denkt, dass sich alles wieder beruhigt, das Coronavirus eingedämmt wird und dass die Wirtschaft wieder Vollgas gibt, kann er das durchaus tun. Ich würde es momentan nicht tun, dafür sind die Risiken zu hoch. Ich würde eher auf der Seitenlinie stehenbleiben und das Ganze beobachten. Vielleicht mit einer kleinen Position rein – spekulativ ein paar hundert Euro. Aber da würde ich mir lieber Sachwerte kaufen, wie z.B. Gold, was ja immer eine Krisenwährung ist und auch heute wieder nach oben tendiert.

    - Man liest immer wieder, Gold sei antizyklisch. Es ist aber nicht im Vergleich zum Ölpreis gestiegen. Woran liegt das?

    - Doch. Anfang des Jahres ging es um zehn Prozent nach oben, Dow Jones, SNP, DAX gingen alle in die Knie. Letztes Jahr hatten wir zwanzig Prozent Wertsteigerung beim Gold. Wir dürfen auch nicht vergessen: Die Notenbanken und die großen Investment-Häuser manipulieren natürlich den Goldpreis. Als wir den großen Verlust vor zwei Wochen hatten, wurden Terminkontrakte auf Gold im Volumen von drei Milliarden Euro auf den Markt geworfen. Das entspricht 55 Tonnen Gold, was die Produktion einer Woche weltweit ist. Es wird also mit unfairen Mitteln gekämpft. Man weiß ja aus der Vergangenheit, dass viele Investment-Häuser schon horrende Strafen zahlen mussten, weil sie den Goldpreis manipuliert haben. Dahingehend könnte man jeden Rücksetzer bei Gold antizyklisch nutzen und sein Vermögen in Gold parken, weil es einfach die kaufkraftschützende Lebensversicherung gegen den Wahnsinn da draußen ist.

    - Was bedeuten die Verluste beim DAX für die Arbeitnehmer in Deutschland?

    - Dass die Unternehmen den Gürtel enger schnallen, dass es Kurzarbeit geben wird, Entlassungen, Einsparungsmaßnahmen. Dass wir auch Insolvenzen sehen werden, dass die Banken in die Bredouille geraten und verstaatlicht werden. Es war absehbar, weil wir jahrelang versucht haben, die Mathematik zu überlisten – das funktioniert nicht. Wir hatten elf Jahre lang steigende Börsenkurse, steigende Wirtschaftsprognosen, und es war der längste Anstieg in der Geschichte der Menschheit. Es war klar, dass irgendwann der Rücksetzer kommt. Umso länger wir daran festgehalten und nach oben manipuliert haben, umso klarer war, dass der Fall tiefer und der Aufprall stärker sein werden. Das haben wir jetzt. Es wird versucht werden, es durch die Notenbanken abzufangen, aber im Endeffekt wird es trotzdem drastisch nach unten gehen. Wenn sich morgen die Welt wieder einfindet, das Coronavirus gestoppt und ein Impfstoff da ist und die Zahlen zurückgehen, dann kann es wieder weitergehen. Dennoch sind wir insgesamt in einer sehr schwierigen Lage und die Märkte lassen einfach die ganze Luft ab.

    - Unsere Generation hat den Zweiten Weltkrieg nicht miterlebt. Auch den Kalten Krieg nicht wirklich. Als Kinder bzw. Jugendliche konnten wir uns über die Wiedervereinigung freuen. Es gab zwar immer mal wieder schwierige Zeiten, aber jetzt ist die Situation eine andere. Weltweite Coronakrise, Brexit und Zehntausende Flüchtlinge an der Grenze zur EU. Welche politischen Konsequenzen wird das haben?

    - Wir werden einen extremen politischen Umbruch und Wandel erleben, den die Welt so noch nicht gesehen hat. Wir sind vor einem Zykluswechsel, einer epochalen Zeitenwende, einem Paradigmenwechsel. Ich schrieb ja bereits, dass das Parteiensystem sich im Niedergang befindet. Durch den perfekten Sturm, die vielen Baustellen, die einfach nicht mehr händelbar sind, sind unsere Politiker weltweit komplett überfordert. Durch Inkompetenz und mangelnde Krisenerfahrung. Sie werden grandios scheitern und extreme Umbrüche erleben. Man kann nur hoffen, dass es einigermaßen friedlich abläuft und dass die Menschheit aus dieser Krise lernt. Jede Krise ist auch eine Chance und eine Art Katalysator für etwas Besseres. Wirtschaftshistorisch sieht man das immer wieder – ob es die Französische Revolution war oder die Industrielle Revolution. Danach geht es meistens aufwärts, weil die Menschen daraus lernen und krisenerprobter werden. Deswegen muss man das als Riesenchance darauf sehen, dass sich die Menschheit positiv weiterentwickelt und aus den Fehlern der Vergangenheit lernt. Aber es ist auch notwendig, die alten, kaputten, nicht mehr funktionierenden Systeme abzustreifen und neue Wege zu gehen. Dazu ein Zitat von Robert Frost: „Im Wald zwei Wege boten sich mir dar, und ich ging den, der weniger betreten war. Und das veränderte mein Leben.“ 2008 während der Finanzkrise hat man sich nicht getraut, neue Wege zu gehen. Man ist einfach den gleichen ausgelatschten Weg weitergegangen, der aber in den Abgrund führt. Und da stehen wir jetzt.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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