01:11 03 April 2020
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    Die Deutsche Bischofskonferenz hat einen neuen Vorsitzenden: Der Limburger Bischof Georg Bätzing folgt dem Münchner Kardinal Marx. Dieser hatte überraschend seinen Rücktritt angekündigt. Bätzing gilt als „vorsichtiger Reformer“. Christian Weisner, Sprecher Kirchenreformbewegung „Wir sind Kirche“, drängt im Interview auf den „Synodalen Weg“.

    - Herr Weisner, wie beurteilt die Bewegung „Wir sind Kirche“ die Wahl des Limburger Bischofs Georg Bätzing zum neuen Vorsitzenden der Bischofskonferenz?

    - Es war zuerst schon mal überraschend, dass Kardinal Marx, der dieses Amt sechs Jahre ausgeführt hat, jetzt nicht mehr für eine zweite Amtszeit zur Verfügung steht. Wir denken mit Bischof Bätzing hat man nicht nur einen Bischof aus der Mitte Deutschlands – nämlich aus dem Bistum Limburg, wo auch die Stadt Frankfurt liegt – sondern auch aus der Mitte der Kirche. Er ist vielleicht nicht der allerschnellste Reformer, aber ich denke er hat eine gute Gabe, indem er das Bistum Limburg befriedet hat, auch die gesamte Kirche Deutschlands mit auf den dringenden notwendigen Reformweg zu nehmen.“

    - Bischof Bätzing und sein Vorgänger bei der Bischofskonferenz Reinhard Kardinal Marx kennen sich gut. „Georg, du bist dran“, sagte Marx, als er in der Pressekonferenz zur Bekanntgabe des neuen Vorsitzenden das Mikrophon an seinen Nachfolger weiterreichte. Inwieweit wird sich die Richtung der Bischofskonferenz unter Bätzing ändern?

    - Es sind sicher von der Persönlichkeit unterschiedliche Naturells. Da ist Kardinal Marx vielleicht ein bisschen zu sehr vorangestürmt. Es war ja besonders schlimm, dass sie ihm in der Deutschen Bischofskonferenz in mehreren Dingen nicht alle Bischöfe gefolgt sind. Ich denke daran, wo es um den Kommunionempfang für evangelischen Christen geht, besonders auch evangelische Ehepartner. Da haben ihm zweimal Kardinal Wölki, Bischof Voderholzer und andere einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das große Verdienst von Kardinal Marx ist natürlich, dass er diesen „Synodalen Weg“ auf den Weg gebracht hat. Den „Synodalen Weg“ sehe ich als alternativlos, denn die Missbrauchsskandale haben ja die römisch-katholische Kirche in Deutschland – und nicht nur in Deutschland, leider weltweit – diskreditiert und zu einer großen Glaubwürdigkeitskrise geführt. Da sind diese Punkte die im „Synodalen Weg“ angesprochen werden dringend notwendig:

    Es geht um die Machtfrage. Es geht um die Frage, ob Priester auch verheiratet sein dürfen, so wie es ja auch in der Ostkirche, in der orthodoxen Kirche, durchaus möglich ist. Es geht um den Ausschluss von Frauen, der dringend beendet werden muss. Es geht um eine andere Sexualmoral. Das sind die Punkte, bei denen ich, abgesehen von dem unterschiedlichen Naturell, wenig Unterschiede, oder gar keinen Unterschied sehe zwischen Bischof Bätzing und Kardinal Marx. Bischof Bätzing ist schon vor seiner Wahl, als auch nach seiner Wahl, sehr deutlich in diesen Punkten gewesen. Zu dieser Fortführung des „Synodalen Weges“, des Reformprozesses in der katholischen Kirche in Deutschland, gibt es keine Alternative.

    - Der sogenannte „Synodale Weg“ ist ein nach der Missbrauchsstudie von 2018 ins Leben gerufenes Dialogforum, bei dem Bischöfe und Laien über Sexualmoral, die Rolle von Frauen, Macht in der Kirche und das Bild des Priesters beraten. Er stehe ganz und gar für den „Synodalen Weg“, sagte Bätzing nach seiner Wahl. Erwarten Sie da also große Fortschritte?

    - Ja, die Fortschritte muss es geben. „Wir sind Kirche“ als katholische Reformbewegung ist 1995, also vor 25 Jahren, in Österreich gegründet worden. Damals waren es genau die gleichen Probleme, die Vorwürfe sexualisierter Gewalt, die gegenüber den Wiener Kardinal Hans Hermann Groër damals geäußert worden sind. Er hat sich nie dazu bekannt. Damals sind die Punkte in Österreich formuliert worden und diese vier Punkte sind jetzt genau die des „Synodalen Weges“ nach 25 Jahren in Deutschland. In der Kirchengeschichte ist das vielleicht eine kurze Zeit, aber es ist wirklich dringend notwendig, diese Punkte anzupacken. Man muss auch wissen: der Vorsitzende der Bischofskonferenz hat keine starke Position. Er kann die anderen Bischöfe jetzt nicht zu etwas auffordern, sondern die sind jeweils in ihrer eigenen Hoheit. Insofern ist es ganz wichtig, dass alle Bischöfe in Deutschland Bischof Bätzing bei den Reformen unterstützen.

    - Bätzing hat bereits gefordert, bei der Sexualmoral die Erkenntnisse aus Theologie und Humanwissenschaften stärker zu berücksichtigen. Die Frage sei, wie man „zu einer neuen Bewertung gleichgeschlechtlicher Beziehungen“ komme, die Akzeptanz und Unterstützung durch die Kirche suchten. Wie sehen Sie das Thema?

    - Da hat sich ja Kardinal Marx auch nach der Wahl zu geäußert. Ich denke die katholische Kirche, das Christentum, muss wirklich wieder zurück zu den Ursprüngen gehen. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich sehr viele Machtvorstellungen und Moralvorstellungen innerhalb der katholischen Kirche angesammelt, die sich aber nicht auf den Gründer unserer Religion, auf Jesus von Nazareth, zurückführen lassen. Deswegen braucht es wirklich eine tiefgreifende, theologische Aufarbeitung – selbstverständlich unter Einbeziehung der aktuellen Erkenntnis der Humanwissenschaften.

    Wenn es wirklich heißt, es ist nicht gut, dass der Mensch alleine ist und dass jeder Mensch, so wie er von Gott geschaffen ist, zunächst einmal angenommen ist, so kann es auch in der katholischen Kirche keine Diskriminierung von homosexuellen Menschen geben. Das ist allerdings schon ein schwerer Prozess. Diese alten Moralvorstellungen, haben sich tief eingebrannt, auch in das Unterbewusstsein vieler Menschen. Das wurde leider, in Ländern mit scharfen Gesetzen gegen Homosexualität auf der ganzen Welt, auch in der Politik übernommen. Das ist ein großer Umdenkungsprozess, der aber angegangen werden muss, sonst ist die Kirche nicht mehr glaubwürdig.

    Das gleiche gilt auch in der Frage in der Diskriminierung von Frauen. Jesus ist sicher der Mensch gewesen, der in der damaligen Zeit sehr provokativ Frauen die gleichen Rechte zugesprochen hat. Bloß, im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte haben die gesellschaftlichen Bedingungen auf die katholische Kirche, auf die christliche Kirche insgesamt, abgefärbt. Die Kirchen der Reformation haben ja zum Glück – aber so lange ist das eigentlich auch nicht her – auch wirklich eine Gleichstellung der Frauen in allen Ämtern, aber das ist gerademal 50 Jahre her. Diesen Weg hat die römisch-katholische Kirche noch vor sich.

    - Erwarten Sie mehr Frauen in Leitungspositionen bei der katholischen Kirche in der näheren Zukunft?

    - Bei Leitungspositionen, da ist die Kirche schon vergleichsweise auf einem guten Weg. Es gibt Programme dafür, hier im Erzbistum München und Freising, wo ich lebe. Seit Anfang dieses Jahres ist eine Frau als wichtige Verwaltungschefin eingesetzt worden. Den üblichen Generalvikar gibt es auch noch, der hat aber jetzt ein sehr viel schmaleres Aufgabenfeld. Da gibt es durchaus schon Fortschritte, aber wichtig ist, dass in der katholischen Kirche immer noch keine Weihe für Frauen möglich ist – also keine Weihe zur Pfarrerin oder Diakonin. Bischof Bätzing hat auch hier schon ganz konkret einen Vorschlag gemacht: es wäre möglich, wenn dieser „Synodale Weg“ in Deutschland sich mit guten theologischen Argumenten dafür ausspricht, dass Frauen diakonische Dienste leisten und auch da eine Weihe empfangen können, dass dann auch dieses als Sonderregelung nach oben gegeben wird und beantragt wird. Interessanterweise haben ja die deutschen Bischöfe schon vor knapp 50 Jahren, da gab es auch eine Synode in Deutschland, genau diesen Vorschlag gemacht. Damals wurde er in Rom nicht gehört, es ist sehr zu hoffen, dass jetzt unter Papst Franziskus diese Vorschläge in Rom akzeptiert werden.

    - Nun wird Bischof Bätzing als „vorsichtiger Reformer“ bezeichnet, könnten sich Konservative in der Kirche nicht durch sein Bekenntnis zum Synodalen Weg und seine Einstellungen von der Kirche entfremden?

    - Ja, das ist eine Gefahr, die immer als drohende Spaltung beschworen wird. Erstmal muss man sagen, was eigentlich katholisch heißt? Katholisch heißt umfassend. Wenn man in die mehr als 2000-jährigen Geschichte der christlichen Kirche schaut, dann ist die durchaus sehr vielfältig gewesen und gar nicht so stromlinienförmig, wie uns das immer weis gemacht worden ist. Diese Vielfalt, auch in den Traditionen, gilt es wiederzuentdecken. Darüber hinaus muss eine Grundlinie geben, diese muss sein: Was ist die Botschaft Jesu? Eine Kirche, die menschenfreundlich ist, die Menschen zusammenbringt, die Solidarität erzeugt, die Gemeinschaft möglich macht. Wenn es einen großen Priestermangel gibt, dann ist es doch unverständlich, dass verheiratete Männer vom Priesterdienst ausgeschlossen sind und damit die Gemeinden austrocknen, die Gemeinden nicht mehr gemeinsam Gottesdienst mit der heiligen Kommunion feiern können.

    Wenn in Ländern in Afrika oder in Lateinamerika Basisgemeinden nur von Frauen geleitet werden, dann ist es doch höchst bedauerlich und unverantwortlich, dass diese Frauen nicht einen Gottesdienst leiten können. Insofern muss sich etwas ändern. Wenn man genau in die Kirchengeschichte schaut, dann hat sich immer etwas geändert. Es geht darum Gottes Wort und die Liebe der Menschen heute möglich zu machen.

    Das komplette Interview mit Christian Weisner („Wir sind Kirche“) zum Nachhören:

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Georg Bätzing, Bischofskonferenz, Reinhard Marx