10:30 09 April 2020
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    Corona-Pandemie breitet sich weiter aus – alle Entwicklungen (334)
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    Es sind massive Einschnitte in unseren Alltag: Die aktuellen Verordnungen zur Eindämmung der Corona-Infektionen verlangen uns einiges ab. Die Devise: Soziale Kontakte herunterfahren, zuhause bleiben und bitte keine Hamsterkäufe. Die Folge ist nicht selten psychischer Stress oder der berühmte "Lagerkoller". Doch was tun, um genau das zu vermeiden?

    Sputnik hat darüber mit dem Kölner Psychotherapeut Felix Jansen gesprochen, Mitglied im Landesvorstand Nordrhein der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung. Er sagt: Mit einfachen Maßnahmen kommen wir alle gut durch die Krise.

    - Herr Jansen, viele Menschen wollen bei dem bisher schönen Wetter nicht in der Wohnung hocken. Wie schnell kann in den eigenen vier Wänden ein "Lagerkoller" entstehen?

    - Die Gefahr besteht natürlich. Ich habe jüngst noch mit einer Patientin darüber gesprochen, wie man dem begegnen kann. Klar ist, diese plötzliche Einschränkung unserer Bewegungsfreiheit, die trifft uns recht unvorbereitet. Das wird entsprechend dann auch als bedrohlich erlebt. Und was als bedrohlich erlebt wird, das erzeugt eben auch Angst und Unsicherheit. Das ist ein menschliches und auch nachvollziehbares Muster. Und da ist dann natürlich die Frage: Wie geht man damit um? Es fallen Routinen weg, angenehme und positive Aktivitäten außerhalb der Wohnung. Es gibt auch neue Herausforderungen, wie die Umstellung auf das Home Office, wo viele Menschen dann die Kinderbetreuung ganztägig leisten müssen. Das kann erst einmal in dieser Phase, wo das alles noch recht neu für uns ist, Angst und Unsicherheit verstärken. 

    - Da funktioniert Ablenkung immer ganz gut, ob mit Netflix oder einem Brettspiel. Noch schlimmer ist es in Quarantäne, die manche Leute trifft, wenn die Isolation noch extremer ist. Was kann man in dieser Situation tun?

    - Diese Frage stellen sich aktuell sehr viele Menschen. Vorweg: Neben dem "was kann man machen" stellt sich auch die Frage "wie genau geht man mit dieser Situation um"? Ob es eine Quarantäne ist, oder bei einer Ausgangssperre. Wir sollen ja alle zuhause bleiben. Wie geht man also damit um, was ist eine gute innere Haltung? Und dabei möchte ich jeden dazu ermutigen, sich da auch in Akzeptanz zu üben. In Gelassenheit die Situation anzunehmen, wie sie gerade ist. Denn wer sich innerlich dagegen wehrt und das möglichst schnell alles weg haben will, wird natürlich keinen Erfolg haben. Wir sind in einer Situation, die uns so noch eine ganze Weile begleiten wird.

    Akzeptanz bedeutet übrigens nicht, sich alles schön zu reden und so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Es geht darum, den zusätzlichen Stress, sich dagegen zu wehren, aufzugeben und sich damit auch ein Stück weit Energie zu sparen und Gelassenheit aufzubauen. Diese Haltung möchte ich jedem wärmstens ans Herz legen. Denn wem das gelingt, bei dem entsteht eine Gewisse Bereitschaft und Offenheit, die Situation so gut es geht zu gestalten. Anders formuliert: Machen wir das Beste draus.

    - Also das berühmte "abwarten und Tee trinken"?

    - Ganz genau. Das hat dann auch einen sich selbst beruhigenden Effekt, der dann auch Akzeptanz mit sich bringt: Dass es nur eine vorübergehende Schutzmaßnahme ist, die auch irgendwann wieder vorübergehen wird. Zusätzlich ist es natürlich auch ganz wichtig, dass wir in Kontakt mit Familie und Freunden bleiben. Dass wir die Möglichkeiten von Telefonie, WhatsApp und vieles Weitere auch wirklich nutzen und dass wir uns dann auch gegenseitig stärken, Mut machen und uns das Gefühl geben, dass wir nicht alleine sind. Das ist auch noch einmal ganz wichtig.

    - Besonders schwierig scheint es im Moment zu sein, Jugendliche an diese neuen Regeln zu gewöhnen. Statt zuhause wird sich da aktuell immer noch gerne in Gruppen im Park getroffen. Wie könnte man jetzt auch Teenager überzeugen? Ist das überhaupt möglich?

    - Ich bin der festen Überzeugung, dass das gelingen kann. Und natürlich ist das für die jüngere Generation auch entsprechend schwierig. Das wäre mir als Jugendlicher sicher auch deutlich schwerer gefallen, als das heute der Fall ist. Auch da will ich wieder ermuntern, dass wir jetzt alle gemeinsam auch mal die Möglichkeit haben zu schauen: Was ist das Wesentliche im Leben, was brauchen wir tatsächlich, und wie können wir auch unseren Alltag tatsächlich so angenehm wie nur irgendwie möglich gestalten. Das betrifft eben nicht nur die berühmt berüchtigten Brettspiele und Tätigkeiten, um die Zeit totzuschlagen.

    Ganz wichtig ist, dass man sich in so einem Kontext darin übt, eine Tagesstruktur beizubehalten. Man sollte auf den Schlafrhythmus achten, zu regelmäßigen und gleichen Zeiten ins Bett gehen, aufstehen, die Mahlzeiten einnehmen. Darüber schafft man sich auch wieder gewisse Gewohnheiten. Weiter kann man schauen, was man denn jetzt zuhause noch erledigen könnte, was könnte man strukturieren, etwas aufräumen wozu man lange nicht gekommen ist.

    Ein Punkt auch für die Jüngeren: Das Ganze ist potenziell ja auch eine energetische Frage. Also wohin mit meiner körperlichen Energie, wenn ich den ganzen Tag zuhause sitze. Sport zu treiben ist im Moment schwierig. Aktuell können viele noch joggen oder Radfahren gehen, aber darauf beschränkt es sich. Man kann aber auch wunderbar zuhause Sport machen, da bekommt man auch durch das Internet oder verschiedene Apps Tipps, um dann eben auch den eigenen Energiehaushalt zu regulieren.

    - Einen Seitenaspekt, den man aktuell auch immer wieder hört: Möglichst nicht den ganzen Tag ununterbrochen Nachrichten über die Corona-Epidemie konsumieren. Stimme Sie dem zu?

    - Dem will ich absolut zustimmen. Natürlich sind wir sicher auch dazu angehalten, uns zu informieren und auf dem Laufenden zu halten. Aber dies bitte begrenzt. Ein ganz pragmatischer Tipp wäre, dass man sich zwei feste Tageszeiten aussucht, in denen man sich dann auf den neuesten Stand bringt. Zum Beispiel morgens beim Kaffee oder kurz danach, dann noch einmal am frühen Abend und sich dann danach auch wieder in Ablenkung zu üben, auf andere Gedanken zu kommen und den Kopf nicht mehr voll mit diesem Thema zu haben.    

    - Ein weiteres psychologisches Phänomen erkennt man bei einem Blick in die Supermärkte: die so genannten Hamsterkäufe. Laut Supermärkten ist genug Ware da, die Lieferketten sind erhalten, dennoch sind viele Regale immer wieder leer. Hätten Sie selbst mit so einer Reaktion seitens der Bevölkerung gerechnet?

    - Also was mich persönlich überrascht und was das Phänomen dann auch ganz gut beschreibt, dass bestimmte Artikel extrem gefragt sind. Um diese Skurrilität mal auf den Punkt zu bringen: Ich war gestern im Supermarkt und ich war auch wirklich neugierig, wie es da jetzt aussieht. Die Situation war, dass Toilettenpapier ausverkauft war, ebenso Nudeln und Konserven. Aber nebenan im Tiefkühlfach war ein tiefgefrorener Hasenrücken, auch das Wurstregal war voll, all das ist noch da. Und das zeigt eigentlich, wie dysfunktional diese Hamsterkäufe sind, denn die Versorgung der Gesellschaft ist auf lange Sicht auf jeden Fall gewährleistet. Und ein ganz einfaches Beispiel am Rande: Mein Bruder ist Landwirt, der sitzt nicht zuhause in Quarantäne, der bestellt gerade die Felder. Es wird also auch in diesem Jahr wieder eine Ernte geben.

    Ich habe mir aber auch Gedanken gemacht, wie dieses Phänomen Hamsterkauf entsteht, was da psychologisch im Hintergrund passiert und warum das so problematisch ist. Aus verhaltenstherapeutischer Sicht haben wir einen Stimulus, einen Auslöser, das ist die Corona-Krise. Das erzeugt Emotionen, vorrangig Angst und Unsicherheit. Und diese starken Emotionen führen ihrerseits wieder zu irrationalen Bewertungen der Situation. Wie eben: „Oh Gott, wenn das immer schlimmer wird, dann gibt es keine Versorgung mehr, ich muss jetzt dringend Klopapier kaufen“. Das ergibt aber keinen Sinn, weil es einerseits nicht notwendig ist und weil es natürlich auch unsolidarisch ist. Während jemand, der wirklich Klopapier braucht, keines bekommt, hockt ein anderer auf zehn Packungen.

    Was sich daran angeschlossen hat - sicher auch durch die mediale Verbreitung - ist ein sozialpsychologischer Aspekt: Manche hamstern und im Anschluss denken sich alle anderen, das muss ich vielleicht auch machen. Ich vermute mal, dass viele Menschen aktuell den Gedanken im Supermarkt auch schon hatten: Ich brauche eigentlich kein Toilettenpapier, aber ich hole mir besser mal ein Paket, bevor es keins mehr gibt. Das ist dann irgendwo auch ansteckend.

    - Wir wissen ja aktuell noch nicht, wie lange die Corona-Situation anhalten wird. Wenn Sie anstatt unserer Bundeskanzlerin nun eine Rede an die Nation halten müssten, welche Tipps hätten Sie für die kommenden Wochen?

    - Zunächst möchte ich sagen, dass diese Frau aus den verschiedensten berechtigten oder unberechtigten Gründen in den vergangenen Jahren viel Kritik abbekommen hat. Ich fand ihre jüngste Rede aber sehr gut. Sie war inhaltlich auf den Punkt gebracht und auch im Ton sachlich, gelassen, aber eben auch ermutigend. Ich kann mich da also im Großen und Ganzen unserer Bundeskanzlerin nur anschließen: Lassen Sie uns alle gemeinsam ruhig und bedacht diese Situation angehen, lassen Sie uns alle gemeinsam aufeinander Acht geben und dann bin ich auch der festen Überzeugung, dass wir früher oder später diese Krise überwinden werden.

    Das komplette Interview mit dem Psychotherapeuten Felix Jansen zum Nachhören:

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Isolation, Ausgangssperre, Coronavirus