05:41 28 September 2020
SNA Radio
    Interviews
    Zum Kurzlink
    Von
    7246729
    Abonnieren

    Noch scheint die Börse die Corona-Einschläge halbwegs wegzustecken. Ernst Wolff, Finanzexperte und Autor des Bestsellers „Finanz-Tsunami: Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“ sieht darin ein letztes Aufbäumen eines „kollabierenden Systems“. Wolff warnt auch vor „bürgerkriegsähnliche Zuständen“.

    - Herr Wolff, wenn ich mir die Börse betrachte, sehe ich noch nicht wirklich „die schlimmste Rezession seit der Großen Depression“, also seit 90 Jahren, wie es der Internationale Währungsfonds (IWF) formuliert. Wie erklären Sie sich das? Weil die Staaten gerade noch einmal alles Tafelsilber in die Waagschale werfen?

    - Ich stimme ja nicht oft mit dem IWF überein, aber diesmal hat er weitgehend Recht. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen: es ist nicht nur die schlimmste Rezession seit den 1930er Jahren, sondern die schlimmste Rezession, die die Menschheit je gesehen hat. Das globale Finanzsystem, die globale Wirtschaft ist zwölf Jahre lang künstlich am Leben erhalten worden. Jetzt haben wir neben Corona ja auch den unglaublichen Einbruch am Ölmarkt. In den USA haben sich 20 Millionen Leute neu arbeitslos gemeldet. In Europa rechnet man mit knapp 60 Millionen Arbeitslosen. Das ist absolut verheerend, was da passiert.

    Das andere Phänomen, das wir beobachten, ist jedoch, dass die Finanz-Eliten, die genau wissen, dass dieses System am Ende ist, ihr Geld beiseiteschaffen. Wir erleben zurzeit die größte Umverteilungsaktion von unten nach oben, die es jemals in der Geschichte gegeben hat. Der Vorwand dafür ist die Corona-Pandemie. In deren Zuge haben ja die Zentralbanken eingegriffen und unterstützen die großen Konzerne, die Banken und die Hedgefonds mit irrwitzigen Summen, mit Billionen. Und was machen sie mit diesen Summen? Sie investieren sie wieder in die Aktienmärkte, für Aktien-Rückkäufe. So treiben sie die Aktien in der Phase des Zusammenbruchs noch einmal gewaltig nach oben. Es wird aber nicht mehr allzu lange dauern, dann werden wir Verluste an den Aktienmärkten haben, die sich gewaschen haben. Was wir jetzt erleben, ist also eine Plünderungsaktion eines in sich kollabierenden Systems.

    - Wenn man an die 1930er Jahre denkt, denkt man an Hyperinflation, an einzelne Geldscheine, die Millionen wert waren. Halten Sie dies jetzt auch wieder für möglich?

    - Das ist absolut denkbar. Wenn diese Millionen Arbeitslosen als Konsumenten ausfallen, wird es wahrscheinlich Helikopter-Geld für sie geben müssen, also, dass diese Leute 800 oder 1000 oder vielleicht 1500 Euro im Monat überwiesen bekommen, damit sie etwas zum Ausgeben für Konsum haben. Das wird wiederum zu einem Anziehen der Preise führen. Die Leute könnten dann allerdings weniger kaufen für ihr Geld, was wieder zu einer erneuten Erhöhung des Helikopter-Geldes und letztendlich zu einer Hyperinflation führen. Das halte ich langfristig für sehr wahrscheinlich.

    - Abgesehen von der Systemfrage, die Sie stellen, könnte es sein, dass global gesehen, China als Gewinner aus der Krise hervorgehen könnte?

    - Ich bin da skeptisch, da diese Sache größer ist und die einzelnen Nationalstaaten nicht mehr die größte Rolle spielen. Die Regierungen werden getrieben von den großen Spielern im Finanzsystem. Wir haben ja heutzutage die Situation, dass einige wenige Hedgefonds wie Bridgewater, Vangyard oder BlackRock erheblich mehr Geld und Macht in ihren Händen konzentrieren, als ganze Länder. Das sind die Firmen und Leute, die im Moment von der Situation profitieren und das Ruder übernehmen.

    - Wie wird Corona die Nummer Eins - die USA verändern?

    - Die Macht der USA geht ja schon länger zurück. Früher haben sie diese auf ihre wirtschaftliche Stärke gegründet. Inzwischen ist aber China wichtiger für die Weltwirtschaft als die USA. Die USA selbst haben ja viele Arbeitsplätze nach China ausgegliedert und sind in eine Abhängigkeit von China gerutscht, die sie verwundbar macht. Die USA haben in dieser Krise schlechte Karten. Hinzu kommt der irrsinnige Fall des Ölpreises. West Texas Intermediate, die US-amerikanische Ölsorte, steht gerade bei 15 Dollar. Das waren vor drei Monaten noch 60 Dollar. Das ist eine Katastrophe für die Fracking-Industrie und damit für die Finanzindustrie, die dahintersteht. Die USA sind schwerst gebeutelt im Moment. Deren Herrschaft wird irgendwann zu Ende gehen. Allerdings wird dies wohl nicht friedlich ablaufen, da die USA nicht bereit sind, die Hegemonie über die Welt einfach so aufzugeben.

    - Der Ton der USA gegenüber China ist in der Corona-Krise wieder feindselig geworden. Die westliche Welt versucht, China den Schwarzen Peter zuzuschieben. Und in der EU denkt auch gerade jeder zuerst an sich. Wie sehen Sie das?

    Die EU wird so oder so auseinanderfallen. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern wurden ja durch die Krise noch einmal schärfer sichtbar. Was die martialische Rhetorik gegenüber China betrifft, die von den USA vorgegeben und von Politikern in Europa wiederholt wird, halte ich dies für ganz gefährlich. Wir stehen vor einem riesigen Umbruch in der gesamten Welt und vor gewaltigen sozialen Verwerfungen. Wir werden bürgerkriegsähnliche Zustände erleben in den USA, aber auch hier in Europa. Die Politik steht also vor der Aufgabe, die Leute wieder zu beruhigen und hinter sich zu bringen. In der Vergangenheit war für so ein Zusammenschweißen des Volkes der Krieg ein probates Mittel. Die Rhetorik der USA gegenüber China deutet für mich darauf hin, dass China ins Visier genommen wird. Konkret könnte es aber am ehesten vorerst zu einem Stellvertreterkrieg im Iran kommen. Die Chinesen forcieren ja die Neue Seidenstraße, in der der Iran eine wichtige Rolle spielen soll.

    - Kommen wir noch einmal auf Europa zu sprechen. Könnte es sein, dass die Krise Deutschland besonders hart treffen wird, weil wir Exportweltmeister sind?

    - Deutschland wird auf jeden Fall wirtschaftlich hart getroffen werden. Man brauch sich bloß einmal vergegenwärtigen, dass 40 Prozent aller deutschen Autos nach China verkauft werden, wo im Moment der Markt immer noch brachliegt. Beim Export dürfte es also gewaltige Einbrüche geben, die zu einer hohen Arbeitslosigkeit führen. Das dürfte dann auch hier zu Helikopter-Geld führen mit den Verwerfungen, die ich skizziert hatte. Vielleicht wird es hier sogar besonders schlimm, eben, weil wir so vom Export abhängig sind.

    - Was halten Sie von Corona- bzw. Euro-Bonds? 

    - Ich glaube kaum noch daran, dass die EU-Länder sich auf Euro-Bonds einigen werden. Im Moment würden solche Corona-Bonds auch noch wenig Sinn machen, da überall die Verschuldung wächst. Wer soll diese Bonds also kaufen - wahrscheinlich die Zentralbanken. Damit würde man auch nur die Geldmengen, die im Umlauf sind, ausweiten. Die Inflation würde also damit auch nur langfristig angeheizt werden.

    - Von der Schwarzen Null wird sich Olaf Scholz nun definitiv verabschieden müssen?

    - Ja. Im Moment fließen ja ganz große Gelder ab, um die Schäden und Löcher in der Wirtschafts- und Finanzwelt für den Moment einigermaßen zu stopfen. Wobei die Schwarze Null sowieso ein Witz ist. Die deutsche Staatsverschuldung liegt bei zwei Billionen. Null ist da also gar nichts, das ist mehr zur Beruhigung der Leute.

    - Was halten Sie von der fast schon kommunistischen Methode des Verstaatlichens, um eine Firma zu retten?

    - Das Mittel haben wir ja schon bei der letzten Finanzkrise gesehen: große Banken, die damals in Not gerieten, wurden teils oder ganz verstaatlicht und anschließend wieder reprivatisiert. Dieses Mittel wird wohl in dieser Krise auch wieder angewandt werden. Ein großer Kandidat dafür ist ja schon seit längerem die Deutsche Bank. Der Staat ist im Moment zusammen mit den Zentralbanken die allerletzte Stütze.

    - Also könnte es auch wieder "bad banks" gehen?

    - Wahrscheinlich. Obwohl ja heutzutage viele Banken schon per se "bad banks" sind. Da kann es ja kaum noch schlimmer kommen.

    - Was könnte die Pandemie für die Globalisierung bedeuten - ein nur vorläufiger Rückgang oder wird das Rad tatsächlich zurückgedreht und wieder mehr auf Protektionismus und nationales Wirtschaften gesetzt werden, gerade natürlich im Gesundheitsbereich?

    - Es mag schon sein, dass es vorübergehend so sein wird. Aber es wird dann nicht mehr so sehr um die einzelnen Nationalstaaten gehen, sondern die Globalisierung wird wieder vorangetrieben werden von den Hedgefonds. In der jetzigen Krise gibt es auch interessante Einzel-Player. Wenn man sich Bill Gates ansieht, er hat drei Hauptziele: die Biometrisierung der Welt, die Abschaffung des Bargeldes und Impfschutz für alle. Dabei agiert er weltweit eng verzahnt mit den Hedgefonds und so gewinnen beide Seiten weltweit an Einfluss.

    Ich glaube also nicht, dass die Globalisierung aufhören wird. Nur wird sie in Zukunft noch weniger Spielern nutzen und noch mehr Verlierer hervorbringen als in der Vergangenheit.

    Das vollständige Interview mit Ernst Wolff zum Nachhören: 

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Lage in Bergkarabach spitzt sich zu: Moskau ruft zur Feuereinstellung und zu Verhandlungen auf
    Paschinjan-Putin-Telefonat : „Eskalation in Bergkarabach muss verhindert werden“
    Angezeigt, remonstriert, suspendiert! Polizist kämpft gegen Corona-Politik
    Tags:
    Ernst Wolff, Weltfinanzkrise, Crash, Coronavirus