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    Am Montag ist der Preis für die US-Ölsorte WTI erstmals negativ gefallen. Im Sputnik-Gespräch erklärt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG), Dr. Ludwig Möhring, welche Folgen die aktuelle Öl-Situation für den deutschen Energiemarkt hätte, sowie warum der kürzliche OPEC+ Deal offenbar nicht ausreichte.

    Herr Dr. Möhring, in den USA ist der Preis für die Ölsorte WTI vorgestern erstmals in seiner Geschichte ins Minus gerutscht. Wie ist es überhaupt möglich geworden? 

    Diese Situation ist gestern relativ spontan entstanden. Das Coronavirus hat weltweit dafür gesorgt, dass erheblich weniger Öl benötigt wird. Derzeit werden rund 25 Millionen Barrel pro Tag weniger verbraucht, wenn nicht mehr. Das hat dazu geführt, dass die Ölpreise, die noch vor zwei Monaten bei 50 Dollar pro Barrel lagen, sich nun zwischen 20 und 30 Dollar pro Barrel bewegen. Das ist eine klassische Entwicklung aus der Corona-Krise, denn das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage ist nicht da. Am Anfang dieser Woche ist in Texas etwas passiert, dass tatsächlich die Mengen, die für den Mai kontrahiert waren, nicht mehr kontrolliert verkauft werden konnten. Offensichtlich ist das Überangebot in den USA so hoch, dass die Trader nicht mehr wussten, wie das ganze Öl tatsächlich physisch abgenommen werden kann. Es kam zu einem Ausverkauf, weil es keine Möglichkeit gab, dieses Öl, das dann im Mai physisch abgenommen werden muss, auch tatsächlich abzunehmen. Dadurch entstanden kurzfristig negative Preise. 

    Wir in Deutschland kennen diese seit ein paar Jahren im Stromsektor. Wenn Wind und Sonne mehr Strom produzieren, als Deutschland abnehmen kann – Strom kann man ja nicht speichern – dann haben wir diesen Effekt. Dann muss man jemanden suchen, der einem den Strom abnimmt. Wichtig ist aber auch, dass die aktuellen WTI-Preise für die nächsten Monate in diesem Jahr oder 2021 sich weiter in einem Bereich jenseits von 20 Dollar pro Barrel bewegen. Das sind also keine negativen Preise, sondern auf dem aktuellen Preisniveau.

    Welche Folgen erwarten Sie für die deutschen Energieunternehmen? 

    Grundsätzlich profitiert derjenige von niedrigen Spotpreisen, der kurzfristig Öl beschafft. Maßgeblich für Europa ist in erster Linie der Brent-Preis. Die Ölsorte Brent war aber nicht von negativen WTI-Preisen betroffen, weil die logistische Situation da eine andere ist als in den USA. Insofern ist die deutsche Industrie, sofern sie Öl kauft, davon auch weniger betroffen.

    Wird der deutsche Otto Normalverbraucher davon profitieren? 

    Für den deutschen Verbraucher hat sich durch den WTI-Preis-Kollaps nichts fundamentales geändert, aber der Einbruch des Ölverbrauchs weltweit hat die Preise erheblich nach unten getrieben, was sich für den Verbraucher an der Tankstelle bemerkbar macht. Die Preise für Benzin und Diesel sind in den letzten Wochen durch den Preisverfall nach unten gegangen, aber nicht so dramatisch. Das liegt in Deutschland daran, dass die Steuern einen sehr hohen Anteil am Mineralölpreis haben, und dieser Steueranteil wächst, wenn die Preise sinken, weil die Steuer auf dem gleichen absoluten Niveau bleibt. Also profitiert der deutsche Verbraucher von aktuell niedrigen globalen Ölpreisen. Von den WTI-Entwicklungen hat er nichts gespürt und wird davon auch nichts spüren. 

    Ist die gesunkene Nachfrage, also der wirtschaftliche Aspekt, der einzige Grund für solch einen dramatischen Absturz des Ölpreises oder gibt es da auch politische Aspekte? 

    Nach meiner Interpretation haben wir es mit einer schlichten Angebot-Nachfrage-Konstellation zu tun. Allein in den USA rechnet man damit, dass zwei Millionen Barrel pro Tag mehr produziert, als aktuell verbraucht werden. Aus meiner Sicht ist die aktuelle Preisentwicklung mit den logistischen Engpässen verbunden, denn es gibt nicht genug Lagerkapazitäten in der Region.

    Inwiefern hatte der neuliche OPEC+ Deal von Anfang an das Potential, den weiteren Absturz des Ölpreises zu verhindern? 

    Das war ein beliebtes Instrument, um in Zeiten mit zu viel verfügbarem Öl die Produktion zu reduzieren und so das Preisniveau zu stabilisieren. Aber schon im Moment der jüngsten vereinbarten Produktionsreduktion musste man damit rechnen, dass die da vereinbarte Menge nicht ausreicht. Die Ölpreise sind fundamental da, wo sie noch vor einigen Wochen waren. 

    Hätten die USA eben an einer globalen Vereinbarung zur Produktionsreduktion teilnehmen können bzw. müssen?

    Die US-Politik werde ich nicht beurteilen. Es wird sich aber eine Dynamik rund um die Produktion von Öl in den USA entwickeln. Hier werden sicherlich Investitionsentscheidungen rund um Produktionsmengen oder Fracking-Öl neu bewertet. Die US-Ölproduktion wird in den kommenden Monaten sicherlich zurückgehen, aber das ist schlicht eine Konsequenz aus dem Verhalten der Marktteilnehmer.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Strompreise, Öl, Urals, Brent, WTI