21:24 05 August 2020
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    Anfang März hatte man noch gehofft, dass dieser Corona-Alptraum schon im April vorbei sein würde, und man wieder sein Haus verlassen und ein normales Leben führen könnte. Aber es entwickelte sich ganz anders. So auch in Italien, wo das Leben immer noch im „Standby“-Modus ist.

    Die Menschen sind genervt von den ständigen Aufrufen, zu Hause zu bleiben, und wie es in Italien weitergeht, ist  derzeit noch völlig ungewiss. Sputnik Italia hat den Psychiatrie-Professor Giuseppe Carrà von der Universität Mailand-Bicocca gefragt, auf welche Strategien man zurückgreifen könnte, um die Isolation zu ertragen und die andauernde Krise in den Griff zu bekommen.

    - Die Isolation dauert schon seit mehr als einem Monat. Führt sie zu einer Zunahme der Sorgen bzw. Depressionen bei den Italienern? Wer ist diesem Risiko am meisten ausgesetzt?

    - Am Anfang nahm man dieses Opfer – die Selbstisolation – als eine Art Pflicht gegenüber der Gesellschaft wahr, als eine altruistische Heldentat. Aber dann kam eine Phase, in der die andauernde Ungewissheit bei den Menschen große Besorgnisse hervorrief. Diese Phase dauerte einige Wochen und führte dann zu moralischen Leiden und manchmal sogar zu richtigen Depressionen. Doch diese Reaktionen sind durch den Umfang der Krise erklärlich, die die Menschen in Isolation erleben müssen.

    Aber die Situation der Menschen aus bestimmten Risikogruppen ist völlig  anders: In erster Linie sind das ältere Menschen, die im Falle einer Ansteckung ohnehin mehr als andere riskieren. Denn die Kommunikation mit anderen Menschen ist für sie die Basis ihres psychologischen Wohlergehens – sie haben immerhin keine anderen Möglichkeiten für Sozialisierung, beispielsweise am Arbeitsplatz.

    Darüber hinaus sind in dieser Phase der Pandemie Menschen dem Risiko ausgesetzt, die früher ernsthafte psychische Störungen hatten, für die die Kontakte mit anderen Menschen ein nichtwegzudenkender Teil ihrer Behandlung waren, ohne die sie von schlimmen Rückschlägen heimgesucht werden können.

    Und schließlich muss man die Mitarbeiter von medizinischen Einrichtungen erwähnen, die dem Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind, falls sie keine angemessenen Schutzmittel und keine Möglichkeit haben, auf das Virus getestet zu werden. Angesichts dessen machen sie sich besonders große Sorgen um ihre eigene Gesundheit und um die Gesundheit ihrer Nächsten. Außerdem stehen sie aktuell unter einer besonderen Belastung und werden oft selbst Patienten – sie können emotionale Leere empfinden, nämlich wegen der großen Sterblichkeit unter ihren Patienten.

    - Ist vielleicht auch die Selbstmordrate gestiegen? Haben Sie entsprechende statistische Angaben?

    - Vorerst gibt es keine systematisierten Daten. Aber die ersten Fälle, die manchmal absurd sind, könnten von einer solchen Tendenz zeugen, insbesondere unter Menschen, bei denen früher keine schweren psychischen Störungen entdeckt wurden. Denn Selbstmordversuche von in die Jahre gekommenen Menschen, die Haushaltsreiniger und ähnliche Mittel schluckten, lassen vermuten, dass sie Angst hatten, sich anzustecken, und sich quasi von innen reinigen wollten.

    - Wie hat sich der Umgang der Menschen mit dieser Situation in den vergangenen anderthalb Monaten verändert?

    - Wie ich schon sagte, ging es am Anfang um einen fast heroischen Enthusiasmus, dem die Phase der Unruhe und dann die Depression folgte. Jetzt scheint die Phase der Enttäuschung gekommen zu sein, die bei manchen Menschen von Ironie begleitet wird (das ist eine gesunde Reaktion), bei manchen aber (die Zahl solcher Menschen ist allerdings relativ gering) kommt Wut hervor. Es besteht auch die Gefahr, dass diese Wut zu einem Ausbruch häuslicher Gewalt führen könnte.

    - Welche Strategien könnte man anwenden, um die Erwartung der allmählichen Rückkehr zum normalen Leben zu überstehen?

    - Es lässt sich kaum etwas prognostizieren, wenn man bedenkt, dass es keinen zeitlichen Horizont gibt, was vor allem in den letzten Tagen spürbar ist. Aber auch die Regierung ist mitverantwortlich dafür, dass klare und erfüllbare Aufgaben gestellt werden, damit die kollektive psychische Gesundheit aufrechterhalten wird. Ankündigen, dass alle Aktivitäten wieder beginnen dürfen, und dann diese Erlaubnis wieder außer Kraft setzen – das würde das ohnehin gestörte Vertrauen der Menschen zu den Behörden noch weiter zerstören.

    - Welche Strategien zur Rückkehr zur Normalität wären die besten?

    - Wir müssen verstehen, dass dies keine Rückkehr zum früheren Leben sein wird – wir werden die Normalität für uns neu erfinden müssen. Wir werden großenteils mit einer Ungewissheit konfrontiert, in viele Lebenssituationen geraten, von denen manche uns durchaus bekannt vorkommen und manche völlig neu sein werden. Und gewisse Situationen wird es noch lange nicht mehr geben. Das ist eine Herausforderung an unser kollektives psychisches Wohlbefinden, aus der am Ende eine Weiterentwicklung oder eine Krise resultieren könnte. Wir werden sehen, wie sich die Situation weiterentwickeln wird und welche von den Hypothesen in Erfüllung geht.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Sozialverhalten, Depression, Italien, Coronavirus