02:47 25 Oktober 2020
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    Am 8. Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 75. Mal. Der Vorsitzende der Deutsch-Russischen Parlamentariergruppe Robby Schlund (AfD) erzählt im Interview für RIA Novosti, was dieses Datum für ihn bedeutet, ob er es für angemessen hält, aufgrund der Coronakrise Gedenkveranstaltungen abzusagen und was er über Reparationszahlungen denkt.

    - Herr Schlund, da in Russland die Veranstaltungen am 9. Mai zum Tag des Sieges wegen der Coronakrise abgesagt wurden, soll die Siegesparade nun im September nachgeholt werden. Finden Sie es überhaupt angemessen, dass die Russen den 75. Jahrestag des Sieges im Jahr 2020 feiern wollen?

    - Als Nachkriegskind blicke ich auf eine friedliche Vergangenheit zurück. Ich konnte immer die Schule besuchen und habe meine Kindheit ohne Krieg verbracht. Das ist ein großes Glück, wenn man die Menschheitsgeschichte betrachtet. Die sowjetischen Soldaten, die an der Beendigung des 2. Weltkrieges den größten Anteil hatten und das unter sehr großem Einsatz, teils sogar mit dem Leben, gebührt entsprechende Ehre. Aus diesem Grund finde ich es richtig, dass der 75. Jahrestag des Sieges 2020 offiziell gefeiert wird. Es ist ein Sieg über den Faschismus im Allgemeinen, der Menschen gegeneinander aufgebracht hat. Auch heute sieht man wieder Tendenzen, wo mit antirussischer Hetze und Propaganda Stimmung gemacht wird. Deshalb ist es sogar notwendig, dass Russland diesbezüglich ein Zeichen setzt.

    - Das Untersuchungskomitee der Russischen Föderation hat in den letzten Jahren begonnen, kriminelle Fälle von Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die während des Zweiten Weltkrieges auf dem Territorium Russlands begangen wurden, neu aufzuklären. Sollten, Ihrer Meinung nach, die deutschen Behörden die russischen Seite bei der Untersuchung dieser Verbrechen unterstützen? Sollten diese Verbrechen eine Verjährungsfrist haben?

    - Grundsätzlich ist das Untersuchungskomitee eine gute Möglichkeit, Völkermord und Verbrechen aufzuklären und dass deutsche und russische Behörden enger zusammenarbeiten. Das schafft Vertrauen und Verständnis füreinander und hilft der Aussöhnung und Völkerverständigung. Dennoch sollte das Komitee nicht nur Fälle auf russischem Territorium aufklären, sondern auch in anderen involvierten Staaten des Zweiten Weltkrieges und unabhängig der Zugehörigkeit zu den kriegführenden Parteien.

    - Im Zusammenhang mit Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland wurden in diesem Jahr Massenveranstaltungen an zahlreichen Gedenkstätten, auf dem Gelände ehemaliger Konzentrationslager und auf sowjetischen Militärfriedhöfen abgesagt. Abgesagt sind auch öffentliche Veranstaltungen, wie die Demonstrationen des "Unsterblichen Regiments", die in mehreren Bundesländern geplant waren. Finden Sie solche Maßnahmen in Deutschland für angemessen?

    - Ich finde, dass Corona für vieles herhalten muss, quasi als willkommene Alibifunktion, um nicht so richtig gewollte, aber geduldete Dinge mit loszuwerden. Da einigen führenden politischen Vertretern die 75-Jahrfeiern Russlands sowieso ein Dorn im Auge waren, kommt die Krise deshalb sehr gelegen. Ich denke, dass alle im Freien stattfinden Veranstaltungen nicht abgesagt werden sollten, wenn der Veranstalter ein entsprechendes Hygienekonzept vorlegen kann. Das gilt auch für Ihre genannten Veranstaltungen.

    - Kurz vor dem 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges hat die polnische Regierung ihre Forderung nach Reparationen an Deutschland bekräftigt. In Warschau wird über eine Studie gesprochen, die nicht ausgeglichene Schäden mit über 800 Milliarden Euro beziffert. Sollte die Bundesrepublik diese Summe an Warschau auszahlen? Wie bewerten Sie die Aussage des Chefs der polnischen nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) Jarosław Kaczyński, der in einem Interview auch von Russland eine Entschädigung für den Zweiten Weltkrieg gefordert hat?

    - Ich halte das nach 75 Jahren für unverschämt und in hohem Maße egoistisch. Denn ich glaube kaum, dass  man Gott spielen, die Menschen in der dritten Nachkriegsgeneration bestrafen sollte, für etwas, an dem diese keine Schuld tragen. Es ist dem Aussöhnungs- und Völkerverständigungsgedanken nicht zuträglich, materialistisch orientiert und wenig hilfreich für eine ausgewogene und diplomatische Außenpolitik.

    - Oppositionelle Parteien in Deutschland haben sich mehrmals für die Aufhebung der europäischen Sanktionen gegen Russland ausgesprochen. Sollte man auch den 75. Jahrestag des Kriegsendes dazu nutzen, um nochmal über die Notwendigkeit europäischer Solidarität und Zusammenarbeit zu sprechen, die nicht nur auf die EU-Kooperation begrenzt sein soll, sondern auch den großen europäischen Partner Russland betrifft? Ist diese Zusammenarbeit heute um so mehr wichtig, da die Folgen der Coronakrise für die ganze Welt gravierend sein werden?

    - Absolut. Die Coronakrise hat gezeigt, dass insbesondere Russland ein hohes Maß an Solidarität und Empathie in der Völkergemeinschaft gezeigt hat. Allen wurde vor Augen geführt, dass Russland auf Frieden und Zusammenarbeit setzt und nicht auf Sanktionen und Konflikteskalationen, im Gegenteil. Ich persönlich halte Sanktionen grundsätzlich nicht für zielführend, da sie, betrachtet man die Geschichte, immer zur Verschärfung von Konflikten bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen geführt haben. Deshalb sollten sämtliche Sanktionsmaßnahmen, von wem auch immer, sofort beendet werden, insbesondere die gegen Russland.

    as

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Zweiter Weltkrieg, Siegestag, Deutschland, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Robby Schlund, 8. Mai 1945