09:23 29 November 2020
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    Seine russische Mutter war Gefreite der Roten Armee, sein Vater deutscher Antifaschist. Geboren wurde der Schriftsteller Eugen Ruge neun Jahre nach dem Krieg in Sibirien. Mit Blick auf den 75. Jahrestag der Niederlage des NS-Regimes erzählte Ruge gegenüber Sputnik, warum er die Russen trotz der schrecklichen Erfahrungen seiner Familie mag.

    - Herr Ruge, Ihr Vater Wolfgang gehörte schon als Kind, unter dem Einfluss Ihres Großvaters, zur kommunistischen Bewegung. Leider war er trotzdem zu Stalins Zeiten als Zwangsarbeiter in einem Straflager des Gulags eingesperrt. Hat Ihr Vater mit Ihnen über diese traumatische Erfahrung gesprochen? War ihm, als einem angesehenen DDR-Historiker, bewusst, dass die Exzesse des Stalinismus ohne die heranwachsende Bedrohung der Sowjetunion durch den deutschen Imperialismus wohl nicht zu begreifen und zu erklären sind? 

    - Mein Vater hat mit mir offen über seine Erfahrungen gesprochen. Allerdings führte er die Exzesse des Stalinismus keineswegs auf die Bedrohung der Sowjetunion durch den deutschen Imperialismus zurück. In seinem Buch „Lenin. Vorgänger Stalins“ legt er dar, wieso die Wurzeln des Stalinismus auch in der Organisationsform der bolschewistischen Partei liegen. In einem anderen Buch, „Stalinismus, eine Sackgasse der Geschichte“, aber besonders in seiner Autobiografie „Gelobtes Land“ beschreibt er denselben vor allem als innenpolitisches Phänomen. Es ging Stalin darum, jegliche Opposition auszuräumen. Dass er zunehmend nationalistische und in den frühen Fünfzigerjahren auch antisemitische Neigungen zeigte, hat nichts mit der Bedrohung durch den deutschen Imperialismus zu tun. 

    - Wie haben Sie als Kind deutsch-russischer Eltern Ihre Einstellung zu den Gründen und Geschehnissen des Krieges aufgebaut? 

    - Meine Mutter hat als Gefreite der Roten Armee gegen die Nazis gekämpft, mein Vater war Antifaschist, ist aus Deutschland in die Sowjetunion geflohen. Aus der Perspektive unserer Familie wurde der Überfall Deutschlands auf Sowjetrussland natürlich als Verbrechen wahrgenommen. Der Sieg über den deutschen Faschismus wurde als Befreiung verstanden. Insbesondere hat mein Vater den Sieg mit der Hoffnung verbunden, dass er, der grundlos, als sogenannter Arbeitsarmist, im Gulag war, ein normales Leben weiterführen konnte. Stattdessen wurde er aber nach dem Krieg, wiederum ohne jeden Gerichtsbeschluss, zu „ewiger Verbannung“ verurteilt. Er musste noch elf Jahre im Uralgebiet verbringen. Es ist nur natürlich, dass er es als Verbrechen ansah, Unschuldige in Lager zu schicken, in denen unzählige Menschen starben. Aber die elf Jahre Verbannung sind ebenso ein Verbrechen. 

    - Ich habe mal aus Neugier in den Tagebüchern des Reichspropagandaleiters Goebbels nachgeschlagen. Da steht Folgendes (Stand Mai 1942): „Man fragt sich erstaunt, was Stalin nicht alles aus diesem Volke gemacht hat. Eine autokratische Staatsführung kann aus dem russischen Volke sehr viel herausholen, besonders, wenn sie ganz auf Kriegsführung und revolutionären Angriff eingestellt ist, vermag sie natürlich ein Potenzial auszuschöpfen, das unübersehbar ist.“ Es stellt sich erneut eine der unangenehmsten Fragen: Wäre der Sieg ohne die ganze Härte des Stalin-Regimes überhaupt möglich gewesen? Hätte er in einer demokratischen Staatsauffassung zustande kommen können? Wann geht die Anerkennung dieser wohl bitteren angeblichen Wahrheit für Sie zu weit?

    - Es ist seltsam, den Vertreter eines diktatorischen Regimes heranzuziehen, um eine Diktatur zu rechtfertigen. Ich finde es auch seltsam, Stalin für den Sieg zu loben. Stalin hat bis zum letzten Tag Erdöl nach Deutschland liefern lassen, mit dem die deutschen Panzer die Sowjetunion dann überfallen haben. Er hat Warnungen seiner Kundschafter ignoriert und dadurch verschuldet, dass die Nazis fast den europäischen Teil der Sowjetunion überrannt haben. Er hat Tausende fähige Offiziere und Generäle der Roten Armee vor dem Krieg als „Oppositionelle“ hinrichten lassen. Er hat seine strategisch-taktischen Pläne offenbar am Globus gemacht und die sinnlosesten Befehle erteilt, den Generälen ins Handwerk gepfuscht. Wie Sie in den Kriegsbüchern von Theodor Plievier oder Guy Sajer, aber auch bei Wassili Grossmann lesen, wurden Tausende Russen aufgrund solcher „genialer“ Befehle Stalins sinnlos in den Tod geschickt. Und wer glaubt, dass eine Sklavenwirtschaft, wie es das sowjetische Gulagsystem war, dem Kapitalismus an Effektivität überlegen sein könnte, was die Produktion von Waffen, Stahl oder sonst was betrifft, der steht damit zumindest in Gegensatz zu jeder ernsthaften ökonomischen Theorie, der marxistischen eingeschlossen.

    - Anders als andere europäische Intellektuelle reduzieren Sie, trotz der schrecklichen Erfahrungen Ihrer Familie, Russland nicht auf den Gulag. Was gibt Ihnen die Kraft zu einem anderen Blick? 

    - Das ist sehr einfach: Weil Russland nicht nur Gulag ist, nicht nur seine Herrschaftsformen, seine Politik. Sondern zunächst einmal das Volk, die russische Kultur, die Literatur, die wunderbaren Filme, die in Russland entstanden sind usw. Zarismus und Bolschewismus haben Russland zu einem menschenfeindlichen, bürokratischen Moloch gemacht, und obwohl es – leider – bis heute Verrohungserscheinungen und eine unglaubliche Bürokratie gibt, bewundere ich das russische Volk dafür, dass es das alles überstanden hat. Das russische Volk hat einen ungeheuren Leidensweg hinter sich. Den Bolschewismus – und schon gar nicht den Stalinismus – hat das nicht russische Volk erfunden, und deswegen halte ich es für regelrecht chauvinistisch, „die Russen“ jetzt für die Auswüchse des Stalinismus zu hassen. Andererseits wäre eine deutliche Abgrenzung und Verurteilung der stalinistischen Verbrechen eine wichtige Voraussetzung, den kleineren Völkern die Angst vor Russland zu nehmen. Diese Abgrenzung findet nicht in dem Maße statt, wie ich es für richtig halte. 

    - Junge Deutsche fragen mich ab und zu, warum viele Russen so positiv gegenüber den Deutschen eingestellt seien - trotz des Nazi-Überfalls vor beinahe 79 Jahren. Die Generationen haben ja gewechselt, auch die Kontakte in der DDR-Zeit spielten ihre Rolle. Gibt es da aus Ihrer Sicht vielleicht noch etwas? 

    - Das stimmt, die Russen sind nach meinem Eindruck nicht deutschfeindlich, und das ist großartig. Von deutscher Seite aus sehe ich schon einen Unterschied zwischen Westdeutschen und Ostdeutschen. In Westdeutschland gab es, wie man unter anderem bei Natascha Wodin nachlesen kann, in der Bevölkerung noch Jahre nach dem Krieg unverblümte antirussische Ressentiments. In der DDR gab es das viel weniger oder höchstens verdeckt, dafür gab es eine übertriebene Verherrlichung der Sowjetunion, die die Leute auch wieder misstrauisch machte. Trotz allem glaube ich, dass es in den letzten Jahrzehnten auch in Westdeutschland eine „Aufarbeitung“ des Faschismus gab, und dass dies Spuren hinterlassen hat. Die Verbrechen der Nazis stoßen auf breite gesellschaftliche Ablehnung. Man diskutiert die Verbrechen der Wehrmacht. Eine positive Rolle in dieser Hinsicht hat Michail Gorbatschow gespielt, obwohl er in Russland negativ wahrgenommen wurde. Daher gibt es in der deutschen Bevölkerung kaum antirussischen Chauvinismus, auch wenn in der Politik auf beiden Seiten ein neuer kalter Krieg heraufzuziehen droht. 

    - Pflegen Sie noch Ihre Kontakte zu Russland und den Russen? Falls ja, was vereint Sie mit ihnen, außer der Sprache bzw. wodurch fühlen Sie sich mit Ihnen verwandt?

    - Ich habe Kontakt vor allem wegen meiner Bücher. „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ist auf Russisch erschienen, jetzt im Mai erscheint auch mein Buch „Metropol“. Mein Russisch ist schlecht, aber dennoch meine erste Sprache. Vielleicht ist mir gerade dadurch bewusst, wie stark eine Sprache eine kulturelle Identität schafft. Sie können keinem Deutschen erklären, wer Wladimir Wyssozki oder Bulat Okudschawa [zwei bekannte sowjetische Liedermacher – Anm. d. Red.) sind oder nur theoretisch. Ich bin mit Werken des sowjetischen Kinderschriftstellers Samuil Marschak aufgewachsen. Mein Vater (!) hat mir am Bett auf Russisch Anton Tschechows „Kaschtanka“ vorgelesen. Das alles prägt, trotzdem bin ich Deutscher – mit einer russischen Wurzel. Deshalb kümmere ich mich natürlich vor allem um die Unzulänglichkeiten meines Landes, meiner Regierung.  

    - Was würden Sie dem deutsch-russischen Verhältnis heute wünschen?   

    - Ich würde eine gründlichere Aufarbeitung des Stalinismus für wichtig halten; auch glaube ich, dass Russland seinen Weg zu Demokratie konsequenter fortsetzen sollte. Ein ewiger Präsident ist sicherlich kein besonderer Ausdruck von Meinungsfreiheit, auch wenn Russland, verglichen mit der sozialistischen Epoche, unglaublich vorangekommen ist – was die Deutschen oft gar nicht ermessen können. Von deutscher Seite aus würde ich mir wünschen, dass man besser versteht, was die Jelzin-Jahre und die Transformation zum Kapitalismus auch für Wunden hinterlassen haben; auch, dass die Osterweiterung der Nato für die Russen ein Problem darstellt – nicht nur für die Regierung. Sie werden sich, nach meinen scharfen Worten über den Bolschewismus vielleicht wundern, wenn ich hinzufüge, dass ich den rasenden Kapitalismus und die damit einhergehende Globalisierung, die damit verbundenen strategischen und militärischen Auseinandersetzungen, die Klimaerwärmung und die soziale Spaltung innerhalb der Länder sowie der Welt überhaupt für die dringlichsten Probleme halte; hier würde ich mir eine Zusammenarbeit unserer Länder wünschen, aber dieser Wunsch scheint ziemlich vergebens.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Erinnerungen, Josef Stalin, Zweiter Weltkrieg, Russland