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    Die bedeutendste Ballerina Deutschlands ist Polina Semionova. Da der Spielbetrieb coronabedingt ruht, gibt es digitale Happen und exklusive Trainingseinheiten mit der „Legende“. Im Interview spricht die Russin über ihre Berufung - es gibt viele Wege, einen Traum zu leben. Und zu #metoo sagt sie: „Dazu gehören immer Zwei. Wird es anrüchig: Geh.“

    Blutjung, mit 17 Jahren, kam Polina Semionova nach Berlin. Der damalige künstlerische Leiter des Staatsballetts Vladimir Malakhov engagierte sie quasi von der Ballettstange der Moskauer Bolschoi-Schule weg als Erste Solotänzerin für die Balletttruppe der „Staatsoper Unter den Linden“: Seine „Baby-Ballerina“ nannte er sie. Der Weggang des Publikumslieblings vom Ensemble 2012 sorgte für Aufsehen, sie habe ihren „Ziehvater“ Malakhov vor den Kopf gestoßen, hieß es. Dabei habe sie sich nur weiterentwickeln wollen, sagt sie.

    Als Gastsolistin tanzt sie an der Mailänder Scala und im Moskauer Kreml-Palast, war eine Zeitlang beim American Ballet Theatre in New York. 2018 erhielt sie den Ballett-Oscar, den Prix Benois de la Danse. Seit einigen Jahren nun ist sie wieder ständige Solotänzerin in Berlin. Zuletzt als verliebte Tempeltänzerin Nikija in „La Bayadère“ in einer St. Petersburger Originalversion aus dem Jahr 1877 oder zeitgenössischen Balletten wie der Gute-Laune-Produktion „LIB“.

    Das Ballett in Zeiten von Corona - Neue Herausforderungen, neue Wege

    Wegen der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind Bühnen und Theater noch immer geschlossen. Da müssen sich auch die Tänzer und Ballettensembles anpassen: Derzeit gibt es digitale Leckerbissen im Stream – Ballettaufzeichnungen oder etwa Einblicke in das aktuelle Trainingsprogramm der Semionova in der Reihe „Berlin a la Barre“ (Berlin an der Ballettstange): Grundpositionen im Ballett wie Grand plié, Port de bras und Batman tandu am heimischen Bücherbord mit Musikuntermalung in Smartphone-Regie. Technische Unwägbarkeiten inklusive, bei denen ihr Mann Mehmet Yumak mal eben als technischer Support zur Hilfe eilen muss. Mittlerweile kehren die Tänzer vereinzelt auch wieder in die Ballettsäle der Opernhäuser zurück.

    Die selbstkritische Legende

    Über 115.000 Anhänger bei Instagram verfolgen ihre Schritte: Fans nennen sie eine Legende, betiteln sie als inspirierendste zeitgenössische Tänzerin. Geehrt und hoch motiviert würde sie sich bei solchen Kommentaren fühlen: Angenehm sei es natürlich, dass das Publikum Wohlgefallen an ihrer Arbeit fände, doch persönlich habe sie einen anderen Blick auf ihr Schaffen, ihr künstlerisches Suchen und auf neue berufliche Ideen. „Ich finde eigentlich immer etwas, woran ich noch feilen könnte. Die Einstellung rührt daher, dass ich weiß, wozu ich fähig bin und was ich zu verbessern imstande bin.“

    Die Semionova lacht schüchtern. Mädchenhaft zart wirkt sie - Ihre braunen Haare sind zusammengebunden, die fransigen Ponysträhnen und das bunte Outfit verstärken den jugendlichen Eindruck. Doch auf der Bühne ist sie eine Urkraft – Sehnen, Muskeln, Konzentration. Und das anmutig – die Semionova ist die Personifizierung von Grazie.

    Vor drei Jahren ist die 35-jährige Tänzerin Mutter geworden. Davor hieß es immer, das Ballett stehe an erster Stelle in ihrem Leben. Das wirkte absolut. Das war einmal. Nun müsse sich das Ballett anpassen, sagt sie. „Das Wichtigste in meinem Leben ist nun mein Sohn, meine Familie. Ich bemühe mich zwar, allem gerecht zu werden, denn das Ballett konsumiert mich natürlich noch immer ungeheuer: Jahr und Tag galt meine Aufmerksamkeit dem Tanz. Und jetzt geht es darum, alles unter einen Hut zu bekommen – es ist viel Lauferei.“

    Ihr Mann Mehmet ist ebenfalls Tänzer und im Ensemble des Staatsballett Berlin, ihr letzter gemeinsamer Auftritt: In einem gemeinsamen Cardio-Training für die Mailänder Scala.

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    „Wir wollten kein Kindermädchen, der Plan ist, Adrian in den Kindergarten zu geben. Und wir wollen die Entwicklung unseres Sohnes miterleben, in der er die Welt entdeckt. Würde es Engagements in anderen Städten geben, so bemühte ich mich, nicht länger als vier Tage von ihm fernzubleiben, sonst kommt er eben auf Tourneen mit. Im Moment verbringen wir viel Zeit draußen. Wir sind Teil der Umwelt, die Natur ist ein Teil von uns. Parks, Gärten, Wälder – das stimuliert und lädt Batterien auf.“

    - Im Ballett spielt der Körper eine außergewöhnliche Rolle, es ist wie Leistungssport. Hat sich physisch viel verändert seitdem Sie Mutter sind, Sie sind dafür bekannt, schwierige Formen federleicht aussehen zu lassen?

    „Mein Körpergefühl ist ein anderes. Mir mag nun einiges physisch schwerer fallen, doch dafür hat sich mir eine neue Welt eröffnet. Das Gefühl ist, als wenn ich von einer Woge getragen würde. Ich empfinde alles intensiver, verstehe mehr und sehe klarer als früher, es ist eine Art Euphorie, genährt von dem, was ich tue.“

    - Sie sind seinerzeit im klassischen russischen Ballett am Bolschoi ausgebildet worden, bevor Ssie mit 17 Jahren Solistin des Staatsballetts Berlin wurden. Die sogenannte „Russische Schule“ des Balletts setzte schon seit der Zarenzeit weltweit Maßstäbe - welche Bedeutung hat sie heute?

    „Ich liebe sie - die sogenannten „Russischen Hände“, das Port de bras, also die besonders anmutige Art der Haltung und des Führens der Arme und Hände.  Ich liebe die charakteristische Positionierung des Rückens, die Haltung des Halses, die Stellung der Schultern. Das ist Schönheit! Mit dem Oberkörper wird meiner Meinung nach ohnehin die Aura des Tanzes, die Atmosphäre des Stücks geschaffen. Und die „Russische Schule“ ist besonders berühmt dafür. Zu recht zählt sie nach wie vor zu den führenden.“

    Polina Semionowa beim Training zu Bayadère mit Christine Camillo, 2019
    © Sputnik / Beata Arnold
    Polina Semionowa beim Training zu Bayadère mit Christine Camillo, 2019

    - Und der Umstand dass Sie selbst Russin sind, hat nichts damit zu tun? Gibt es eine innere Verbundenheit?

    „Das ist alles miteinander verquickt bei russischer Herkunft und Seele. Ich lebe seit ich ein Teenager bin zwar nicht mehr in Russland, dennoch halte ich mich nach wie vor durch und durch für eine Russin. Ich liebe Poesie, das typisch für Russen, diese Verbundenheit zur russischen Literatur, zur Musik. In der Welt der Kunst ist mir eine Abneigung gegenüber dem Russischen übrigens nie begegnet. Heutzutage gibt es im Tanz so viele Sprachen, also körperlicher wie emotionaler Ausdrucksformen – da muss auch die „Russische Schule“ bei Weitem nicht mehr als die einzig wahre gelten. Ich finde neue Bewegungen interessant, zeitgenössische Choreographien. Die Stile schließen einander nicht aus.“

    - Sie tanzen ja auch in zeitgenössischen Ballettproduktionen. Modern Dance wirkt zuweilen sehr akrobatisch-maskulin, wohingegen Ihr Auftritt von Anmut geprägt ist - kann moderner Tanz da eigentlich etwas „verderben“, die klassische Form verliert sich womöglich?

    „Eigentlich im klassischen Ballett beheimatet, bewege ich mich mittlerweile auch in modernem Repertoire und habe so in den vergangenen Jahren ganz unterschiedliche Choreographien getanzt. Dank Maurice Béjart und Nacho Duato, die künstlerische Leiter der Berliner Truppe waren, gab es auch unterschiedliche Schwerpunkte. John Forsythe, Neuproduktionen von Alexander Ekmann und Sasha Waltz - sie alle bringen eine frische Brise, neue Strömungen ein. Der klassische Tanz ist mein „Zuhause“ und ein „Must have“. Und auch das klassische Theater ist mir sehr wichtig. Ob es nun Eugen Onegin, Manon Lescaut, Die Kameliendame, Romeo und Julia sind – ich liebe einfach das Drama auf der Bühne. An zeitgenössischen Choreographien komme ich aber nicht vorbei: Und physisch ist es gerade gut, denn es ist eine Stärkung des Körpers. Eine andere Plastizität, also andere Bewegungen, die verschiedene Muskeln ansprechen. Mein Körper wirkt sogar interessanter definiert.“

    - Können Sie sich eigentlich als Tänzerin in der Erarbeitung einer neuen Produktion mit einbringen oder müssen Sie den Anweisungen schlicht folgen?

    „Es kommt auf meine eigenen Wahrnehmungen an. Wenn ich nicht auf meine eigenen Gefühle höre, also das Körpergefühl und meine seelische Empfindung, und nur den Anweisungen folge, dann kann es passieren, dass es lediglich eine oberflächliche Abbildung, eine platte Darstellung wird. Es muss eine Kombination beider Ansätze sein.“

    - Sagen Sie auch mal „Nein“?

    „In Ja-Nein-Kategorien denke ich nicht bei der Arbeit mit dem Choreographen. Denn wenn man wirklich versteht, was er möchte, ist eine Paraphrasierung, also eine andere Interpretation auch möglich.“

    - Die Karrieredauer einer Tänzerin ist begrenzt. Ballerinen sind gefragt, solange sie aktiv sind. Aber wenn deine Zeit vorbei ist, dann ist der Beruf sehr gemein, sagten Sie einmal. Machen Sie sich Gedanken über die Zukunft, welche Pläne haben Sie?

    „Mein Leben findet derzeit in Berlin statt, und das nun schon seit 17 Jahren, aber wer weiß, was die Zukunft bringt: Ich habe Kinder im klassischen Ballett-Repertoire unterrichtet, ich musste es seinerzeit eigentlich fast einstellen, denn ich stellte fest, dass ich nicht soviel Zeit für die Lehre aufbringen konnte, wie es notwendig wäre. Sicher wird meine Zukunft immer mit Ballett zu tun haben.“

    - Können Sie sich denn, abgesehen vom Unterrichten, auch vorstellen, selbst als Choreographin aktiv zu werden?

    „Zum Choreographen ist man geboren! Er muss ein klares Bild vor den Augen haben, was er ausdrücken will. Eine eigene Sprache zu finden gehört dazu, doch zuvorderst muss er eine Vision haben - die seines Balletts, ob es nun in Pas des deux oder Solos abläuft. Ich kann zwar sagen, ob mir etwas gefällt, aber es liegt mir nicht, selbst etwas Visuelles auf diese Art zu gebären. Wenn zum Beispiel „Improvisation“ angesetzt ist, stockt mir immer der Atem und ich weiß erst mal nicht, was ich machen soll. Man sagt mir ja immer, was ich zu tun habe. Vielleicht ist es eine Frage der Phantasie, vielleicht muss ich einfach lockerlassen und dann kommt es womöglich von allein. Letzten Endes brauche ich aber den Gedanken: Gib mir eine konkrete Idee – dann finde ich, was zu tun ist. Inspiration reicht dafür nicht. So wie wir gewisse Worte finden, um Gedanken auszudrücken, so findet der Choreograph für seine Ideen die Sprache der Bewegung. Diese Sprache beherrsche ich noch nicht. Ich halte mich ja noch nicht einmal für eine „geborene Ballerina.“

    - Malakhov, der Direktor des Staatsballett Berlin, sah dies möglicherweise etwas anders, als er Sie seinerzeit in Moskau engagierte? Sie erzählen, dass Sie ihren Körper durch harte Arbeit verändert haben, denn Sie seien nicht so elastisch gewesen, wie man heute meint.

    „Das war eine Überraschung, ein wahres Geschenk, als er mich quasi von der Schulbank weg als erste Solistin nach Berlin einlud. Was hat er nur in mir gesehen?`, habe ich damals bei mir gedacht.“

    - Das Publikum weltweit schätzt Sie als außergewöhnlich charismatische Ballerina, dem Mainstream in Deutschland sind Sie durch ein Herbert Grönemeyer-Video bekannter geworden, doch eigentlich kennen die Deutschen Sie kaum. Ist Ballett hierzulande nicht „angesagt“?

    „Vielleicht liegt das daran, dass das Ballett nicht genug beworben wird. Ich habe zwar einen Instagram-Account, doch im Übrigen wäre ich nicht so geeignet als „Public figure“ aufzutreten, also als Person des öffentlichen Lebens. Es ist eine zeitaufwendige Tätigkeit, gesellschaftlich in Erscheinung zu treten, sich mit Menschen zu treffen, Kontakte knüpfen. Ich bin da eher von der „Alten Schule“ und ruhe in mir. Ich möchte den Zuschauer durch den Auftritt, den ich ihm schenke, in Wallung versetzen, auf dass er aufgewühlt und zum Nachdenken angeregt wird und er beflügelt aus der Vorstellung kommt. Meine Vorstellung davon, wie ich der Ballettwelt zuträglich sein kann, geht über meine Bemühungen auf dem Bühnenparkett.“

    - Wer hat Sie eigentlich ans Ballett herangeführt?

    „Meine Großmutter und meine Mutter sind dafür verantwortlich. Ich habe mit meinem Bruder - mit drei Jahren - mit dem Eiskunstlauf angefangen. Ihm wurde dann empfohlen, zum Ballett zu wechseln – und ich ging mit. Mir war es einerlei, denn ich wollte unbedingt tanzen. Ob dies nun auf Eis, dem Parkett ist oder „in der Luft“ stattfand – es war mir gleich. Ich war sehr schüchtern und konnte meine Gefühle wie Glück oder Trauer zum Beispiel so gar nicht in Worte fassen. Ich spürte aber, dass ich mich über die Sprache des Tanzes selbst erfahren und öffnen könnte. Die Stunden starteten mit Folklore- und Charaktertanz, später gab es dann klassischen Ballettunterricht. Großmutter las mir Geschichten über Anna Pavlova, der Kschessinskaya und Maya Plissetzkaya vor. Das waren ihre Idole. Und Ballett mögen doch eigentlich alle, zumindest alle Frauen, so scheint mir.“

    - Die Opernwelt diskutiert gerade sehr das Thema der sexuellen Belästigung, haben Sie das mitbekommen?

    Nein, ich bekomme allerdings vieles nicht mit, und das ist vielleicht auch gut so.

    - Hat die #metoo-Debatte um Belästigung am Arbeitsplatz und Missbrauch übergeordneter Positionen nicht auch die Welt des Balletts erreicht?

    „Ich persönlich habe so etwas nie erlebt und auch hier am Ensemble habe ich nichts davon mitbekommen. Wenn es aber auch nur im Entferntesten anrüchig wird: Geh weg! Man hat immer die Option, zu gehen. Glaubt man an sich und daran, dass man etwas erreichen kann, dann schafft man es auch woanders. In meinem Kopf ist das bereits so vorprogrammiert: Wenn ich auch nur ansatzweise so etwas spüre, setzte ich mich dem doch nicht mehr aus, ich vermeide solche Situationen. Doch wenn man sich auf das Spiel einlässt, dann spürt es das Gegenüber, dann kann es gewisse Ausmaße annehmen. Denn zu dem Spiel gehören Zwei. Aber wenn es nicht deines ist, dann mach einen großen Bogen um die Person.“

    - Haben Sie einen Rat für eine junge Ballerina, wie Sie seinerzeit als Teenager waren?

    „Beweg dich und lebe deinen Traum! Denn deine Wünsche und der Traum vom Tanz sind wie der Wind unter unseren Flügeln. Selbst wenn dir andere sagen, du schaffst das nicht oder das Ballett sei nichts für dich, weil die körperlichen Voraussetzungen nicht ideal seien. Heute gibt es so viele Ballettarten, so viele Möglichkeiten, sich in der Bewegung auszudrücken - das muss nicht nur das klassische Ballett werden, es kann auch das zeitgenössische, moderne Tanztheater sein. Man kann immer einen anderen Weg finden, eine Nische, aber man sollte seinen Traum niemals aufgeben.“

    Polina Semionowa im Trainingssaal der Deutschen Oper Berlin
    © Sputnik / Beata Arnold
    Polina Semionowa im Trainingssaal der Deutschen Oper Berlin

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