23:25 11 Juli 2020
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    Die Ausbreitung des Corona-Virus zeigt die Risiken einer zunehmend vernetzten Welt. Ändern sich die globalisierten Wirtschaftsabläufe als Reaktion darauf? Darüber sprach Sputnik mit dem Politologen Andreas Freytag von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er sieht die Globalisierung vor allem als Chance.

    Andreas Freytag hat den Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne und ist einer der Autoren des INSM-Blogs „ÖkonomenBlog“.

    Über dasselbe Thema haben wir auch mit Ulrich Brand gesprochen. Ulrich Brand ist Universitätsprofessor für Internationale Politik an der Universität Wien und hat eine andere Sicht auf das Thema: Er sagt, wir müssen die Deglobalisierung politisch Steuern. Das Gespräch ist gestern an dieser Stelle erschienen.

    - Herr Freytag, die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie anfällig die globalisierten Lieferketten sind. Brechen beispielsweise Zulieferer aus Asien weg, ist das auch schlimm für die Wirtschaft in den USA oder halt Europa. Viele Betriebe hierzulande spüren nennenswerte Beeinträchtigungen im Betriebsablauf. Wird die aktuelle Krise also deglobalisierend auf die Weltwirtschaft wirken?

    - Das ist zunächst einmal nicht ausgeschlossen. Es wird sowieso weniger international gehandelt als vor der Krise. Das ist jetzt schon sichtbar. Es wird sicherlich auch länger dauern, bis das Vorkrisenniveau wieder erreicht ist. Es könnte darüber hinaus auch möglich sein, dass Unternehmen ihre Wertschöpfungsketten zunehmend in die Nähe verlagern, also aus dem von ihnen zitierten Asien heraus, nach Europa, oder nach Deutschland. Eines muss man sich ja klarmachen: Diese Wertschöpfungsketten wurden freiwillig von Unternehmen so eingerichtet. Das heißt, sie können im Prinzip damit umgehen, wenn jemand ausfällt. Sie können nur nicht damit umgehen, wenn alle Partner auf einmal ausfallen. Das ist das Problem. Ob das dazu führt, dass Unternehmen grundsätzlich vorsichtiger werden, ist noch nicht geklärt. Das muss sich noch zeigen. Eine Sorge, die ich habe ist, dass es zu erhöhten Außenhandelsbarrieren kommt und deshalb die Wertschöpfungsketten sich verändern.

    - Wo Sie die Außenhandelsbarrieren ansprechen. Beschleunigt sich hier vielleicht eine Entwicklung, die bereits seit längerem im Gange ist: die sogenannte Deglobalisierung?

    - Das ist nicht auszuschließen. Ich führe dies auf zwei Megatrends zurück. Der eine ist der Protektionismus von den G20-Staaten, seit der Finanz- und Wirtschaftskrise vor zehn Jahren. Da gibt es eine ganz erhebliche Zunahme von Handelsbarrieren – vor allen Dingen an Barrieren hinter der Grenze, die nicht so leicht zu erkennen sind: Regulierungen, Subventionen et cetera. Das ist staatlich angetriebene Deglobalisierung. Der zweite Trend ist natürlich die Digitalisierung, oder das, was wir unter der vierten industriellen Revolution verstehen. Unternehmen ändern möglicherweise deshalb ihre Produktionsprozesse, werden vermehrt Roboter und künstliche Intelligenz einsetzten und sind damit vielleicht weniger darauf angewiesen, im Ausland produzieren zu lassen.

    - Der 45-jährige Durchschnittsdeutsche hat als erwachsener Bürger nie etwas anderes erlebt als eine Welt offener Grenzen, freier Märkte und beschleunigter Globalisierung. Im Moment sieht das sehr anders aus, welche Auswirkungen könnte das nach der Krise annehmen?

    - Der Durchschnittsmensch hat ja auch sehr viel von der Globalisierung gehabt. Der Wohlstand in der Welt ist nicht zuletzt durch die Integration weiter Kreise der Weltbevölkerung in die internationale Arbeitsteilung – das, was man so als Globalisierung bezeichnet – angewachsen. Das heißt, es haben sich nicht nur Konsummöglichkeiten für die deutschen 45-jährigen Durchschnittsbürger erhöht, sondern auch die Absatzmöglichkeiten für das, was wir zu produzieren haben. Ich denke schon, dass sich einiges ändern wird. Digitale Meetings werden wahrscheinlich an Bedeutung gewinnen. Man kann ja ganz gut erkennen, dass sich dieselbe Information transportieren lässt, ohne dass man erstmal in den Flieger oder Zug steigen muss. Was sich aber nicht ändert: Ich vermute, dass die Bereitschaft zu reisen dennoch eher wieder zunimmt. Ich vermute auch, dass sich viele Konsummuster nicht ändern werden. Vielleicht haben wir eine Änderung zu mehr Nachhaltigkeit. Das wäre ja zu begrüßen. Wenn die Menschen jetzt erkennen, dass sich die Umwelt sichtbar durch diese wirtschaftlichen Einschränkungen erholt und sie bereit sind, dafür mehr auszugeben als zuvor, dann wäre das ein positives Signal.

    - Kritikern gilt die Globalisierung als eine Erfindung des Neoliberalismus, als eine Möglichkeit schlechte Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne auszulagern. Ist dem denn nicht so?

    - Es ist nicht auszuschließen, dass einzelne Unternehmen die Möglichkeiten missbrauchen. Das ist klar. Aber generell ist die Globalisierung ja ein Prozess. Ich bin erstmal nicht dafür oder dagegen, sondern was ich feststelle ist: Wenn sich mehr Menschen in die Arbeitsteilung einbringen, dann ist das für die meisten eine Chance. Sowohl eine Chance für die Anbieter, weil sie bessere Möglichkeiten haben, Einkommen zu erzielen, als auch für die Nachfrager, die sich einem weiteren Angebot mit besseren Preisen und besseren Qualitäten gegenübersehen. Das Unternehmen gelegentlich Missbrauch betreiben, kann man natürlich politisch bekämpfen: durch Wettbewerbsrecht und Sozialpolitik. Bevor man den internationalen Handel verbietet, sollte man erstmal das Politikversagen im Bereich Sozial- und Wettbewerbspolitik beseitigen.

    - Der Politologe Ulrich Brand von der Uni Wien unterscheidet zwischen einer „Deglobalisierung by Design“, also einer geplanten Deglobalisierung und einer „Deglobalisierung by Desaster“, also einer ungeplanten, was wir aktuell erleben. Kann man das so sehen?

    - Ich finde das eine ganz interessante Unterscheidung, die hatte ich noch nicht gehört. „By Design“ sehe ich eine Deglobalisierung dann, wenn Firmen sich von sich aus entschließen, Wertschöpfungsketten zu verändern. Das könnte tatsächlich durch die Digitalisierung verstärkt werden. „By Desaster“ wäre das, was wir jetzt erleben, aber auch jede Art von Protektionismus ist natürlich auch ein Desaster. Protektionismus führt dazu, dass gerade die Ärmsten der Welt abgeschnitten werden. Wenn Sie sich die Maßnahmen angucken, die die G20-Länder unternommen haben in den letzten zehn Jahren, dann richten die sich sehr stark auch gegen Entwicklungsländer. Insofern kann man „Deglobalisierung by Desaster“ schon haben, wenn man nur die Handelsbarrieren erhöht, und das auf sehr intransparente Weise.

    - Ein anderer Standpunkt, diesmal vom Politikwissenschaftler Michael Zürn, von der FU hier in Berlin. Der sagt, es benötige einen endogenen Schock, damit sich gesellschaftliche Praktiken als Folge einer Krise ändern. Das liegt hier allerdings nicht vor, denn die Corona-Krise ist eindeutig ein exogener – also durch Fremdeinwirkung, nicht durch eigene Fehler verursachter – Schock.

    -Ich würde erstmal davon ausgehen, dass wir weder Deglobalisierung noch Globalisierung als Ziel formulieren sollten. Wir sollten uns die Frage stellen: Wie kann man das Bemühen um Entwicklung und den Kampf gegen Armut verbinden mit einer vernünftigen Politik für die Umwelt und das Klima. Die Globalisierung hat sich bisher als relativ fruchtbar erwiesen in diesem Zusammenhang. Wenn sich jetzt herausstellt, dass das auch möglich ist, mit weniger internationalem Handel, mit weniger internationalem Transport, mit weniger Reisen, dann ist das okay. Deswegen habe ich große Schwierigkeiten, hier irgendwie einen Wunsch zu äußern. Was richtig ist, dass dieser Schock vermutlich exogen ist, wobei man natürlich sagen kann, die Reaktion darauf und die Reaktion auf die Reaktion ist dann schon wieder eher systemendogen. Ein weiterer endogener Schock wäre es, wenn man die Fehlentwicklung, die mit der Globalisierung einhergeht, die Sie schon angesprochen haben, jetzt in den Blick nimmt und dann eine veränderte Struktur des Außenhandels feststellt, vor allem auch geringeren Außenhandel. Diese Fehlentwicklung wurde wahrscheinlich in den letzten Jahren deutlich unterschätzt: soziale und vor allem ökonomische Fehlentwicklungen. Dann würde ich das nicht als irgendeinen Erfolg für Deglobalisierung erkennen, sondern als einen Erfolg, dass man eben die Nebenwirkungen besser bekämpft. Das ist tatsächlich endogen: Wenn man erkennt, dass so wie es läuft mit Ressourcenverwendung und -verbrauch, dies nicht gut funktioniert, könnte man zum Beispiel sagen: Wir versuchen es einmal mit zirkulären Ansätzen. Das kann man marktwirtschaftlich steuern, der Wettbewerb hat da eine Funktion, ist ja kein Ziel, sondern genauso wie die Globalisierung ist das ein Instrument. Dies wäre ein endogener Schock, der zu einem veränderten Verhalten führt, und dann kann am Ende sogar etwas herauskommen, was man dann rein technisch als Deglobalisierung bezeichnet. Dass eben die internationalen Handelsströme geringer werden, im Vergleich zum Sozialprodukt. Wie man es nennt, ist mir egal, sondern mir ist wichtig, ob das tatsächlich zielführend ist.

    - Damit sich ein System ändert, müssen Alternativen bestehen, die umsetzbar und nicht allzu kostenträchtig sind. Eine partielle Renationalisierung der Wirtschaftsabläufe sei möglich, führe aber zu erhöhten Kosten und erheblichen Wohlfahrtsverlusten. Gerade in Anbetracht einer globalen Rezession würde der Kostendruck dann besonders hoch sein. Deswegen wäre eine umfassende Deglobalisierung unwahrscheinlich, wie sehen sie das?

    - Grundsätzlich glaube ich nicht, dass man das System grundsätzlich ändern muss. Man muss aber die gesamten Kosten der Produktion in Rechnung stellen. Das ist für mich das Hauptproblem beim Klimaproblem. Wir produzieren zu günstig, und wir transportieren auch zu günstig. Wenn wir also jetzt diese Krise als Gelegenheit nehmen, diese Preisrelation gerade zu rücken, dann werden wir alle Wohlfahrtseinbußen haben, zumindest kurzfristig und scheinbar, weil wir weniger konsumieren können. Unsere Wohlfahrtsgewinne würden im Grunde dadurch entstehen, dass wir eine bessere Umwelt und ein sauberes Klima erschaffen und davon auch langfristig profitieren. Das ist auch eine Frage der Einstellung dazu. Die kann man vorsichtig ändern, und ich glaube, dass man das über preisliche Maßnahmen sehr gut machen kann.

    Das komplette Interview mit Professor Andreas Freytag zum Nachhören:

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Weltwirtschaft, Globalisierung, Coronavirus