04:21 28 September 2020
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    Deutsche Firmen in Russland: Zwei Nationalitäten - ein gemeinsames Ziel (20)
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    Im dritten Teil des Projekts „Deutsche Firmen in Russland: Zwei Nationen – ein gemeinsames Ziel“ berichtet Sputnik auch von schweizerischen und österreichischen Firmen, die in Russland tätig sind. Das Schweizer Unternehmen Kühne+Nagel hat deutsche Wurzeln und ist einer der größten Logistikdienstleister der Welt.

    Wir haben mit dem Generaldirektor von Kühne+Nagel in Russland und GUS, Perry Neumann, über Know-How und Logistik in Russland, Ausbildung in Deutschland, Stereotype, internationale Kommunikation im Business-Bereich und russische Geschäftsfrauen gesprochen.

    - Herr Neumann, meine erste Frage: Kühne+Nagel ist eines der größten Logistikunternehmen der Welt, das in mehr als 100 Ländern vertreten ist und auf eine fast 30-jährige Geschichte in Russland zurückblicken kann. Wie hat das alles begonnen und was reizt die Firma an dieser Region?

    Kühne+Nagel ist eine sehr traditionsreiche Firma, vor 130 Jahren gegründet. Wir waren unter den ersten, die nach dem Fall der Sowjetunion nach Russland gekommen sind. Man war sich des Potenzials Russlands bewusst, und bereits 1992 wurde eine Niederlassung in Moskau eröffnet. Bis Mitte 2000 war Kühne+Nagel ein relativ überschaubares Speditionsunternehmen mit weniger als 100 Mitarbeitern, das sich hauptsächlich auf Punkt-zu-Punkt-Transporte, inklusive Verzollungen und Schwergutprojektlogistik konzentrierte. Im Jahr 2005 wurde beschlossen, vermehrt ins russischen Geschäft zu investieren. Seit 2006 ist die Firma schnell gewachsen; heute haben wir ungefähr 1500 Mitarbeiter an 25 Niederlassungen in 14 Städten. Unter anderem der Rubelkurs und die attraktiven Arbeitsbedingungen machen Russland zu einem sehr interessanten Investitionsland.

    - Worin bestehen Ihrer Meinung nach die Besonderheiten der Arbeit eines Logistikunternehmens auf dem russischen Markt?

    Die größte Besonderheit ist in erster Linie, dass Russland das größte Land der Welt ist. Aufgrund der großen Distanzen müssen wir flexibel handeln, um die Sendungen flächendeckend und zeitnah zu transportieren. Die Infrastruktur in Russland hat sich im letzten Jahrzehnt, in dem ich hier bin, zudem positiv entwickelt. Natürlich werden wir dabei von unseren weltweit standardisierten Arbeitsprozessen unterstützt. Als Globalplayer sehen wir unsere Aufgabe darin, die Entwicklung zu fördern, Know-How ins Land zu bringen und mitzuhelfen, Russland im Bereich Logistik zu stärken.

    - Was sind heute die größten Herausforderungen für Kühne+Nagel? In welchen Richtungen wird gearbeitet, um sie zu überwinden?

    Beginnen wir mit dem Personal. Durch das Schulsystem haben unsere russischen Mitarbeiter eine sehr gute Ausbildung. Die allermeisten Kolleginnen und Kollegen haben ein Universitätsdiplom. Jedoch hat auch das duale System, wie wir es aus Deutschland kennen, große Vorteile –  gerade für junge Menschen, die damit von der praktischen sowie der theoretischen Seite voll ausgebildet sind. Kühne+Nagel ist das erste Logistikdienstleister in Russland, der eine duale Ausbildung anbietet, in Zusammenarbeit mit der AHK, der deutsch-russischen Handelskammer. Wir wollen damit jungen Leuten die Möglichkeit geben, von Anfang an Logistik- und Speditionswissen zu assimilieren und damit unsere Kunden fachgerecht und vor allem motiviert zu bedienen. Zudem erhoffen wir uns, die Mitarbeiter mit dem Programm länger an die Firma zu binden.

    Eine weitere Herausforderung ist der vergleichsweise hohe administrative Aufwand in Russland. Das führt dazu, dass sich viele Leute bei uns mit der Verarbeitung von Dokumenten beschäftigen müssen. Neben den Herausforderungen gibt es in Russland aber auch viele Möglichkeiten. Wenn man dem Kunden die richtige Lösung zur richtigen Zeit anbietet, kann man ein langfristiges und auch profitables Geschäft aufbauen. Wir werden auch weiterhin treu zum russischen Markt stehen und versuchen, unseren Marktanteil auszubauen und zu erhöhen.

    - Welche Ziele setzt sich heute Kühne+Nagel? Welche Aktivitäten stehen auf der Prioritätenliste?

    Wir sind in Russland in allen vier Geschäftsbereichen – Seefracht, Luftfracht, Landverkehre und Kontraktlogistik – gut vertreten. Wir haben allein in Moskau und Sankt Petersburg circa 230.000 Quadratmeter Lagerfläche und auch weitere Projekte geplant. In Russland konzentrieren wir uns stark auf das E-Commerce-Geschäft. Dieser Sektor bietet ein großes Potenzial hier und bringt jedes Jahr große Wachstumsraten mit sich. In diesem Land wird sehr viel digitalisiert. Gerade in Moskau ist die Digitalisierung weit fortgeschritten.

    - Geschäftemachen in Russland: Was war für Sie überraschend und was sollte jeder Anfänger beachten?

    Vieles läuft in Russland anders – das war auch meine Erfahrung, als ich hier angekommen bin. Man braucht in Russland einen langen Atem und feste Entschlossenheit. Ich bin der Meinung, es zahlt sich aus. Wenn man hier eine Verbindung zu einem Kunden gefunden hat, kann daraus eine sehr vertrauenswürdige und langlebige Geschäftsverbindung werden, was in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit nicht immer üblich ist. Die russischen Kunden sind sehr treu, haben aber auch einen hohen Qualitätsanspruch.

    Besonders ist hier auch, dass es unglaublich viele starke und intelligente Frauen in Führungspositionen gibt. Gerade im Management,  unter CEOs und Abteilungsleiterinnen. Das fehlt in vielen anderen Ländern.

    - Bevor Sie nach Russland kamen, hatten Sie irgendwelche Stereotype über das Land?

    Man sagt immer, die Russen lächeln wenig, sind sehr kühl und es ist sehr schwierig, mit ihnen warm zu werden. Ganz im Gegenteil, ich habe festgestellt, dass in Russland viel gelacht und gelächelt wird, dass es sehr lustig zugehen kann. Wer noch nie in Russland war, holt sich das Wissen aus Nachrichten. Und in Nachrichten werden den Mitbürgern nicht immer die besten Dinge über ein Land mitgeteilt. Wer aber selbst schon mal hier war, beispielsweise zum Weltcup 2018, weiß, dass Russland ganz anders ist, als man sich das vorstellt.

    Gerade wenn man als Ausländer nach Russland kommt, sollte man sich der Mentalität anpassen. Wir sind nur Gäste im Land, müssen uns auch entsprechend verhalten. Ich bin ein Liebhaber der russischen Kultur, der Geschichte und auch der Sprache. Ich denke, dass man die Kulturen sehr gut vereinen kann, im geschäftlichen wie auch im privaten Bereich. Es gibt sehr viele Ausländer, die nach Russland kommen, das Land lieben lernen und nicht mehr weg möchten oder immer wieder zurückkommen. Ich gehöre dazu.

    Kamera: Sergei Elow

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Russland, Geschäft, Unternehmen, Logistik, Deutschland