19:21 28 Oktober 2020
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    Sind sie wirkungslos oder gar gefährlich? Negative Studien rund um die Mittel Hydroxychloroquin und Chloroquin haben die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu einem Stopp entsprechender weltweiter Studien bei Covid-19 gezwungen. Auch Deutschland stoppt seine beiden Studien, erkennt in ihnen aber keine Sicherheitsprobleme für die Patienten.

    Die Malaria-Mittel Chloroquin und Hydroxychloroquin sind große Hoffnungsträger für die Behandlung schwerer Covid-19-Formen, an denen derzeit vermehrt Zweifel angemeldet werden. Die ursprüngliche Hoffnung beruhte auf Erfolgsmeldungen aus verschiedenen Ländern bei der Behandlung mit diesen Mitteln. Systematische Studien gab es zu dem Zeitpunkt nicht. Viele Länder ließen die Mittel für die Behandlung Schwerkranker nach diesen anfänglichen Berichten zu.

    Doch je länger die Mittel eingesetzt wurden, desto mehr Berichte kamen auch über Probleme bei der Behandlung auf. Die Anti-Malaria-Medikamente sollen oft zu Herzrhythmusstörungen führen und zuweilen für den Tod von Patienten verantwortlich sein. Vereinzelt wurden sogar Bedenken laut, dass die Mittel die Sterblichkeit von Patienten steigern, statt sie zu senken. 

    Eine Studie aus Zürich, die im Medizinjournal „The Lancet“ veröffentlicht wurde, hat nun systematisch Daten von 96.000 Corona-Patienten untersucht und ist zu dem Schluss gekommen, dass die Mittel wahrscheinlich gar nicht gegen Covid-19 wirken. Daraufhin hat die Weltgesundheitsorganisation die Tests mit den beiden Mitteln in teilnehmenden Ländern gestoppt.

    Zwei Studien zu den Mitteln laufen auch in Deutschland. Durchgeführt werden sie von Forschern des Tübinger Instituts für Tropenmedizin, koordiniert vom Direktor des Instituts, Peter Kremsner, der sich am Donnerstag mit diversen Instanzen dazu beraten hattte. Sputnik hat mit Kremsner gesprochen.

    - Herr Kremsner, Sie haben heute mit dem Gesundheitsminister Jens Spahn, dem Deutschen Ethikrat und anderen wichtigen Instanzen zu den Studien zu Hydroxychloroquin und Chloroquin gesprochen. Zu welcher Entscheidung sind Sie gekommen?

    Wir haben heute entschieden, dass wir die Studie pausieren und dass wir unseren Sicherheitsrat einberufen, um eine Überprüfung der Daten zu machen. Wir haben aber durchaus in den jetzt schon verblindeten Daten keine Sicherheitssignale gesehen. Wir haben sicher keine Probleme mit der Sicherheit der Patienten bei unseren Studien. Wir haben es aber pausiert in Absprache mit dem BfArM (Anm. d. Red.: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) und wollen jetzt in den nächsten ein bis zwei Wochen sehen, was die Sicherheitseinschätzung angeht und dann final entscheiden, ob wir die Studie abbrechen oder weitermachen.

    - Wie kommt es zu so unterschiedlichen Ergebnissen, dass einerseits von Wirkungslosigkeit bis hin zu Todesfällen berichtet wird, andererseits bei Ihren Studien keine Sicherheitsprobleme vorliegen?

    Die Untersuchungen, die bisher publiziert wurden - zuletzt in einer sehr großen Zusammenfassung von Patientendaten im Lancet - sind bisher nur aus beobachtenden Studien oder Patientendaten zusammengestellt. Es ist bisher keine einzige randomisierte, kontrollierte oder gar placebo-kontrollierte verblindete Studie publiziert. Das Problem ist: Wenn man etwas einsetzt, ohne zu kontrollieren, hat man immer Ansatzfehler, die vielfältig sein können. Bei Hydroxychloroquin, bei diesen Daten, die bisher publiziert wurden, liegt das auf der Hand. Das wurde zum Teil sogar Schwerkranken gegeben und in einer Art, die nicht adäquat ist. Das haben auch viele Menschen gekriegt, die es nicht hätten kriegen sollten - weder innerhalb einer Studie noch außerhalb. Es gibt ja einen Beipackzettel, wo drin steht, was bekannt ist über das Medikament, und wenn man eine bestimmte Erkrankung hat, dann soll man es nicht geben. Oder wenn man eine andere Medikation X nimmt, dann soll man es nicht geben. Oder wenn es eine bestimmte genetische Veranlagung gibt, soll man es nicht nehmen. Kardiale Vorerkrankungen et cetera. Das gilt für jedes Medikament - auch für Hydroxychloroquin. Und jetzt sieht es nach den publizierten Daten so aus, dass es sehr viele Menschen bekommen haben, die es nicht hätten kriegen dürfen. Und denen schadet man, wenn man ihnen Hydroxychloroquin gibt.

    - Und wie unterscheidet sich das Tübinger Vorgehen bei den deutschen Studien hiervon?

    In unserer Studie müssen wir 95-97 Prozent der Covid-19-Patienten, die stationär aufgenommen sind, ausschließen, weil wir sie aufgrund dieser Aufnahmekriterien nicht damit behandeln können. Sie haben andere Erkrankungen, Herzvorerkrankungen, Herzrhythmusstörungen oder nehmen sehr viele andere Medikamente - gerade bei den alten Patienten ist es der Fall -, die dann interferieren mit Hydroxychloroquin und die eine Nebenwirkung so potenzieren können, dass man daran dann auch schwer erkrankt oder verstirbt.

    - Wie kann es denn zu einem solchen unsachgemäßen Gebrauch kommen? Das Nebenwirkungsprofil kennen die Mediziner ja sicher. Liegt das am Zeitdruck in den Krankenhäusern?

    Das kann ich nicht im einzelnen sagen. Die Beobachtungsstudien zeigen, dass es sehr viele Menschen bekommen haben und solche, die es nicht hätten bekommen dürfen. Und ob das die überhitzte Situation in den Krankenhäusern ist; ein verrückter amerikanischer Präsident, der propagiert hat, Hydroxychloroquin sei das Wundermittel Nummer 1 und es selbst eingenommen hat; Bolsonaro aus Brasilien, der ihm gefolgt ist; und andere Länder wie Indien, Venezuale, Kolumbien et cetera es als wichtigstes Covid-19-Mittel in ihre Richtlinien aufnehmen – ich weiß es nicht. Es ist sehr eigenartig, aber es wurde in Frankreich und Italien sehr viel verwendet und vielleicht zu viel. In Deutschland ist das nicht der Fall.

    - Bei Covid-19 selbst ist das Herz mitunter stark beeinträchtigt. Ist das auch ein Grund, das Mittel nicht zu nehmen?

    Das würde ich nicht sagen. Hydroxychloroquin bei Covid-19 selbst ist eine Therapieoption - ob sie was bringt, können wir bis heute nicht sagen. Aber wenn man jetzt eine Herzvorerkrankung mitbringt, Herzarhythmie, eine EKG-erfassbare QT-Zeit-Verlängerung, dann darf man das nicht geben. Und wenn man das gibt, kann man sehr viel schaden und sogar den Tod anrichten.

    - In letzter Zeit hört man eher von negativen Studien zu den beiden Stoffen. Gibt es auch positive Studien, die in der Berichterstattung untergehen?

    Es gibt Berichte - die einzig stichhaltigen - aus dem Reagenzglas, dass das antiviral wirkt bei Dosierungen, die man auch im Blut durch eine adäquate Gabe erreichen kann. Alles andere, was bisher publiziert wurde, die euphorisierenden Meldungen ganz am Anfang aus Frankreich und danach deprimierende Berichte aus Brasilien und vor allem aus den USA - sind völlig unkontrolliert und unbrauchbar. Ob sie in die eine oder andere Richtung waren: Es sind irgendwelche hospitalisierten Patienten, die bunt zusammengewürfelt wurden, und da weiß man nie, wer was genau gekriegt hat, in welcher Dosierung und so weiter. Das spielt natürlich auch eine Rolle, denn wenn man zu hoch dosiert, ist man auch gleich vergiftet, wie bei vielen anderen Medikamenten auch. Und wenn man es den Falschen gibt, die Vorerkrankungen haben, dann kann man sehr viel Schaden anrichten und das ist auch geschehen.

    - Wie gehen Sie nun weiter vor? Wie läuft die Prüfung ab? Wird die Studie erst in Absprache mit der Weltgesundheitsorganisation oder der Bundesregierung wieder gestartet?

    Wir sprechen mit allen großen Spielern, auch mit der Weltgesundheitsorganisation und in Deutschland vor allem mit BfArM und unseren Ethikkommissionen und beteiligten Zentren. In Absprache mit diesen, vor allem BfArM und unserer Ethikkommission, werden wir entscheiden, wie es weitergeht.

    - Aber von der Datenlage her spricht aus Ihrer Sicht nichts gegen eine Fortführung der Studien?

    Ich würde sie fortführen, absolut. Das Problem ist jetzt aber auch, dass wir zu wenig Patienten haben. Wir können kaum Patienten aufnehmen, und wenn das so weitergeht, dann müssen wir die Studie sowieso abbrechen, weil es keine Patienten mehr gibt, die ausreichend Daten generieren werden, sodass man irgendeine Aussage treffen kann. In den letzten zwei Wochen hatten wir praktisch keine Patienten mehr. Von der Sicherheit her ist es aber voll in Ordnung und wir sehen auch keine Signale, dass wir irgendetwas Schädliches damit erzielen.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Covid-19, Deutschland, Studie, Todesopfer, Coronavirus, WHO, Chloroquin