14:39 07 Juli 2020
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    Zwei Jahre war er rechte Hand des ukrainischen Präsidenten. Als Alexander Onischenko bemerkte, dass Poroschenko krumme Geschäfte macht, begann er, Telefonate mitzuschneiden und Unterlagen zu kopieren. Dies wurde seine Lebensversicherung nach der Flucht in den Westen.

    Im Exklusiv-Interview erzählt er die ganze Geschichte, die bis in Weiße Haus führt.

    Alexander Onischenko, ukrainischer Oligarch und Ex-Abgeordneter ist seit 2016 auf der Flucht. In der Ukraine wird er wegen angeblicher Steuervergehen und Unterschlagung gesucht. Onischenko spricht dagegen von politischer Verfolgung hinter der Ex-Präsident Poroschenko stecke, dessen rechte Hand der Millionär zwei Jahre lang war. Die Ukraine bemühte sich jahrelang vergeblich um einen internationalen Haftbefehl. Bis zum 28. November 2019. Ausgerechnet drei Tage bevor Onischenko in Washington brisantes Material direkt aus dem Büro von Poroschenko präsentieren wollte, wird er plötzlich in Deutschland verhaftet. In Untersuchungshaft in Oldenburg werden ihm Medikamente verabreicht, die eine Herzschwäche auslösen. Der Millionär, der plötzlich wie ein gewöhnlicher Krimineller behandelt wird, muss operiert werden. Um sein Leben zu retten, schickt er sein Enthüllungsmaterial nach Washington und Kiew. Eine Woche später, am 27. Mai wird der ehemalige ukrainische Abgeordnete Alexander Onischenko aus deutscher Untersuchungshaft entlassen.

    Onischenko war in der Ukraine von 2014 bis 2016 die rechte Hand des Präsidenten. Seine Aufgabe war es, nach seiner Aussage, Abgeordnete für Stimmen zu bestechen und Wirtschaftsdeals für Poroschenko abzuwickeln, damit der in die eigene Tasche wirtschaften konnte. Ausführlich schreibt Onischenko darüber in dem Buch „Peter der Fünfte“. Nach Streit und Bruch mit Poroschenko floh der Millionär in den Westen und pendelt seitdem zwischen Spanien, wo der passionierte Reiter und Olympiateilnehmer ein Gestüt betreibt und Deutschland. Als Lebensversicherung dienten dem Oligarchen brisante Telefongespräche, die er selbst in Poroschenkos Kabinett mitschnitt und Finanzunterlagen, die er kopiert hatte und die angeblich Korruption und Deals zwischen den USA und der Ukraine belegen sollen. Dieses Material könnte im kommenden Wahlkampf in den USA eine Rolle spielen. Den Hintergrund der ganzen Geschichte von Alexander Onischenko erfahren Sie hier.

    Im Exklusiv-Interview mit Sputnik einen Tag nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Oldenburg verrät der Oligarch weitere spektakuläre Details, die nicht nur in der ukrainischen Politik Resonanz finden dürften. Onischenko erhebt auch schwere Anschuldigungen gegen die deutsche Justiz, die ein Nachspiel haben könnten. Sein Anwalt ist der ehemalige CSU-Vize Peter Gauweiler. Der ukrainische Millionär geht davon aus, dass seine Verhaftung von „ganz oben“ angeordnet wurde.

    Die geleakten Mitschnitte der Telefongespräche zwischen dem damaligen ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko und dem damaligen US-Vize-Präsidenten und heutigen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten Joe Biden sorgen seit Tage für Diskussionen in der Ukraine. Medien und Politik rätseln über die Quelle. Nun verkündet Onischenko exklusiv, dass er die Mitschnitte über seine Anwälte in die Ukraine und in die USA hat schicken lassen. Und es kommt noch mehr.

    Hier ist das ausführliche Interview mit Alexander Onischenko:

    - Herr Onischenko, sind Sie jetzt komplett frei und können sich frei bewegen?  Was ist Ihr jetziger Status?

    Ja, ich bin komplett frei. Ich habe eine Aufenthaltsgenehmigung von einem anderen Land der EU. Das bedeutet, dass ich mich überall frei bewegen kann. Da gibt es keine Grenzen. Dennoch habe ich für Deutschland trotz allem ein Asylantrag gestellt.

    - Was für Asyl?

    Politisches Asyl.

    - Gehen wir zeitlich noch einmal zurück. Wie kam es zu Ihrer Verhaftung im November?

    Das war eine verrückte Sache. Ich wurde anscheinend von dem Generalstaatsanwalt von Niedersachsen in eine Falle gelockt. Sie haben einen Deal gemacht und Leute zu mir geschickt, die mir ein Geschäft vorschlugen. Ich kaufte bei ihnen ein Rennpferd, das ich jedoch nie erhielt. Das habe ich dann bei der Polizei angezeigt. Und die haben mich zur Zeugenaussage vorgeladen. Ich war gerade in Spanien auf einem Reitturnier in Oliva Nova. Sie haben mir einen Brief geschickt zu meinem Gestüt in Herzlake, dass ich am 28.11. um 10 Uhr zum Polizeiamt kommen soll. Also bin ich einen Tag vorher hingeflogen. Am 28. war ich dann also in Achim auf dem Polizeiamt. Da haben sie aber nicht über meine Anzeige sprechen wollen, sondern haben gesagt "wir haben einen Haftbefehl gegen Sie vom Juli 2019 und wir müssen Sie festnehmen". Einzig verstehe ich nicht: Ich habe immer in Deutschland gewohnt und trainiert auf meiner Anlage. Ich war immer zu Hause. Warum sind Sie in dieser Zeit nicht zu mir nach Hause gekommen? Ich bin auch in den Monaten seit Juli oft nach Deutschland geflogen und wurde dabei auch kontrolliert von der Polizei. Da geschah auch nichts. Deswegen ist diese Sache für mich nicht verständlich, warum ich ausgerechnet drei Tage bevor ich nach Amerika fliegen sollte zu einer Pressekonferenz in Washington, auf der wir die Mitschnitte von Biden präsentieren wollten, verhaftet werde. Giuliani (Rudolph Giuliani, persönlicher Anwalt von US-Präsident Donald Trump, Anm. d. Red.) hatte mich eingeladen. Ich sollte am 1. Dezember 2019 in Washington sein. Aber dann wurde ich drei Tage zuvor auf dieses Polizeiamt geladen, wo ich festgenommen wurde.

    - Denken Sie, die deutschen Behörden haben Ihnen eine Falle gestellt?

    Es sieht so aus. Man kann es nicht beweisen, aber es sieht so aus. Wenn man, wie ich, offiziell in Herzlake wohnt und es gibt seit Juli 2019 einen Haftbefehl gegen mich, hätte man doch schon längst zu meinem Haus kommen und mich verhaften können.

    - Wie ist es Ihnen im Gefängnis ergangen?

    Gefängnis ist immer eine schlechte Sache und eine schlechte Erfahrung. Es war eine schwere Zeit, aber es war ok. Ich habe es durchgehalten und ich habe es überlebt. Nach deutschen Recht durfte ich maximal ein halbes Jahr in U-Haft bleiben. Ich wurde am 28. November festgenommen und durfte erst am 27. Mai raus, also bis zum letzten Tag des halben Jahres.

    - Hatten Sie Kontakt zu anderen Häftlingen?

    Ja, natürlich. Da waren auch viele, die Russisch konnten. Ich habe auch jeden Tag gearbeitet, für einen Betrieb, für zehn Euro pro Tag. 

    - Warum hatten Sie als sportlicher Mann eine Herz-OP im Gefängnis? Was ist da passiert?

    Ja das war eines der größten Probleme, denn die ersten zwei Monate habe ich immer Medikamente bekommen. Das waren Anti-Depressiva oder Beruhigungsmittel. 

    - Warum das? Waren Sie depressiv? 

    Nein. Das haben sie mir einfach gegeben, sie haben gesagt: "Wir müssen Ihnen etwas geben, was sie ein wenig beruhigt, dann können sie normal schlafen." Aber diese Medikamente haben extrem abhängig gemacht. Nach zwei Monaten hatte ich große Probleme mit dem Blutdruck. Da hat die medizinische Abteilung gesagt, dass ich Hypertonie kriege. Da haben sie mich nach Lingen geschickt zum JVA-Krankenhaus. Da haben die mir gesagt: "Du hast immer diese abhängig-machenden Tabletten genommen, deswegen ist dein Blutdruck gestiegen, als du aufgehört hast, sie zu nehmen." Dann sollte ich dort etwa anderthalb Monate bleiben, um dieses Problem zu lösen. Nach dieser Geschichte habe ich ein Problem mit meinem Herz gekriegt. 

    - Hatten Sie vorher schon Herzprobleme?

    Nein, das hatte ich nie. Das fing erst mit dem hohen Blutdruck wegen der Medikamente an. Ich habe nachts oft die Beamten rufen müssen wegen Herzschmerzen und Atemnot. Darauf haben sie mich zum Krankenhaus Oldenburg in die Herzabteilung gebracht. Das war ein Theater: mit zwanzig schwerbewaffneten Polizisten wurde ich dort hingebracht. Ich war sieben Tage im Krankhaus und wurde operiert. Mir wurde ein Stent gelegt.

    - Wissen Sie, was für Tabletten Sie vorher im Gefängnis bekommen haben?

    Das weiß ich nicht. Aber das kann man in meinen Akten nachschauen. 

    - Wie sind Sie sonst behandelt worden im Gefängnis? War man korrekt zu Ihnen?

    Eigentlich waren viele Sachen nicht korrekt, worauf ich Beschwerde eingelegt habe. Als ich zum Krankenhaus gebracht wurde und duschen musste, sollte ich mit gefesselten Füssen und Händen
    dahingehen. Das war nicht in Ordnung, das kann man nicht mit dem Gesetz vereinbaren. Ein anderes Mal habe ich fast 24 Stunden kein Wasser bekommen. Meine Anwälte haben viele Beschwerden eingereicht, etwa zehn, glaube ich. 

    - Planen Sie, Sich zu beschweren, Deutschland zu verklagen? Immerhin saßen Sie ein halbes Jahr im Gefängnis.

    Ich würde gerne mit der ganzen Sache abschließen, weil ich müde bin vom Kämpfen. Erst muss ich mich erholen. Ich habe jetzt erst einmal eine Überweisung zur Reha bekommen.

    - Sie gehen nicht zurück nach Spanien?

    Nein, ich bleibe in Deutschland für diese Rehabilitation. Die müssen erstmal schauen, wie es läuft. Ich sollte ja eigentlich schon direkt nach der OP in Reha gehen. Aber dann war Corona und stattdessen wurde ich zurück ins Gefängnis gebracht und vierzehn Tage in Quarantäne gesteckt.

    Sie haben einfach zu gemacht, dann war ich fast 24 Stunden nur in meinem Zimmer.

    - Hatten Sie Angst im Gefängnis vor einem Anschlag?

    Eigentlich nicht. Natürlich, wenn sie einen ausliefern in einen ukrainischen Knast, dann ja, das ist natürlich gefährlich. Aber in Deutschland schaut man, glaube ich, schon mehr darauf, dass alles gut läuft.

    - Und jetzt, draußen, in den nächsten Monaten haben Sie keine Angst um ihr Leben?

    Ja, Angst gibt es, aber ich versuche die maximale Sicherheit mit meinen Leuten zu organisieren, dass wir auch wirklich aufpassen.

    - Kommen wir auf die Telefonmitschnitte zwischen Präsident Poroschenko und Ex-US-Vize Biden zu sprechen. Die wurden vergangene Woche in der Ukraine von dem Abgeordneten Andrej Derkatsch präsentiert. Seitdem rätselt man, wie diese Mitschnitte entstanden sind. Was wissen Sie darüber?

    Das ist von mir gekommen. Das sind die Aufnahmen, die ich eigentlich bei der Pressekonferenz in den USA präsentieren wollte. Dann wurde ich festgenommen. Während der Haft habe ich dann entschieden, die Mitschnitte dem  Abgeordneten Derkatsch zukommen zu lassen, damit er sie auf einer Pressekonferenz präsentieren kann.

    - Wie haben Sie das gemacht? Sie waren doch im Gefängnis?

    Ich habe es ihm über meinen ukrainischen Anwalt gegeben.

    - Das heißt, Ihre Anwälte hatten die Mitschnitte die ganze Zeit gehabt? Gibt es noch mehr Mitschnitte?

    Ja, meine Anwälte haben die Mitschnitte gehabt. Ja, es gibt noch mehr. Die Administration von Trump wird es im September weiter nutzen. Wegen Corona warten sie noch. Aber näher zu den Wahlen im September werden die auch mehr benutzen.

    - Also hat die Administration von Trump die Mitschnitte auch erhalten?

    Ja. Sie haben auch viele Finanzpapiere bekommen über verschiedene Finanztransfers aus Amerika und Europa in die Ukraine. Über die private Firma von Poroschenko wurde dieses Geld gewaschen. Im Umkehrschluss floss Geld zurück aus der Ukraine in die USA, wo es genutzt wurde für den Wahlkampf von Clinton. Das lief über Bidens Sohn und die Firma Burisma. Als dann Schokin Ermittlungen gegen Burisma einleitete, wurde er ausgetauscht. Unter dem neuen Staatsanwalt wurde der Fall dann geschlossen.

    - Das heißt, die Firma Burisma wurde genutzt, um Geld für den Wahlkampf von Hillary Clinton zu generieren?

    Ja.

    - Deshalb saß auch Bidens Sohn Hunter im Vorstand der Firma?

    Genau. Das war der Payback für die Hilfszahlungen der Amerikaner an die Ukraine damals. Das konnte man ja sehr gut hören, als Biden drohte, eine Milliarde Dollar nicht zu zahlen, wenn der Generalstaatsanwalt Schokin nicht entlassen wird. Im Prinzip habe ich über die ganze Sache mit Burisma schon 2017 in meinem Buch "Peter der Fünfte" geschrieben. Ich hatte damals schon alle Beweise in dieser Sache. Ich war ja zwei Jahre lang die rechte Hand von Poroschenko, ich wusste über all seine Gespräche Bescheid, wusste alles, was er macht. Ich habe ja selbst auch viele Sachen kontrolliert zusammen mit dem Geheimdienst.

    - Das heißt, Sie haben diese Telefongespräche zwischen Poroschenko und Biden selbst mitgeschnitten im Büro Poroschenkos?

    Ja.

    - Diese Mitschnitte sind brisant für die amerikanische Politik und damit gefährlich für Sie.

    Ja. Die Amerikaner haben dann auch richtig Druck gemacht, dass sie die Mitschnitte bekommen. Ich habe sie ihnen aber erst nicht gegeben, weil ich zuerst einen Schutz-Deal wollte. Das sollte dann im November passieren, dass ich der amerikanischen Justiz alles übergebe und sie dafür für meine Sicherheit garantieren und mich vor politischer Verfolgung schützen, mir Asyl geben, einen amerikanischen Pass.

    - Und wer hat das dann verhindert? Wer hat möglicherweise für Ihre Verhaftung gesorgt kurz vor Ihrer Reise in die USA?

    Ich glaube, dass das vom demokratischen Lager in den USA kam. Die Beziehungen der Demokraten zu Deutschland sind noch sehr stark. Sie mögen Trump hier nicht. Er wird ja auch in den Medien hier meist als Idiot dargestellt. Die Demokraten haben immer noch starken Einfluss in Deutschland, in den USA und natürlich in der Ukraine. Die Trump-Administration hat dort bis heute keinen Einfluss. Das machen immer noch alles die Demokraten, über die Soros-Stiftung. Das amerikanische Konsulat in der Ukraine ist direkt mit Soros verbunden. Sein Einfluss reicht bis in die ukrainische Regierung.

    - Sie haben doch bereits 2017 den FBI getroffen. Worum ging es da?

    Da war ich bereits politisch verfolgt und bot ihnen denselben Deal an - die Mitschnitte gegen Schutz. Aber sie wollten nicht, weil das FBI damals immer noch eher den Demokraten nahestand, als der Trump-Administration. Karen Greenaway vom FBI hat damals die Korruptionsfälle zwischen den USA und der Ukraine untersucht. Aber sie war auch den Demokraten mehr verbunden. So hatten wir dieses Treffen und ich habe erzählt, was ich habe. Und sie haben versprochen zu helfen, aber dann haben sie nichts gemacht. Erst als die Trump-Administration davon Wind bekam, wurden sie aktiv.
    Und jetzt, als ich verhaftet wurde und dann die Monate vergingen und der Tag immer näherkam, wo ich möglicherweise an die Ukraine ausgeliefert werde, hab ich beschlossen, einen Großteil der Mitschnitte zu veröffentlichen und in die USA zu schicken. Und dann ging alles sehr schnell und ich wurde freigelassen.

    - Warum haben sich die USA, das Trump-Team, nicht früher für Sie eingesetzt während Ihrer Haft?

    Das verstehe ich auch nicht. Vielleicht weil Ende November, als ich verhaftet wurde, Biden in den Rankings noch ganz unten und damit keine Gefahr für Trump war. Dann im Februar war Biden plötzlich Hauptkonkurrent für Trump. Damit wurde mein Material wieder interessant für das Trump-Team.

    - Und dann hat man Sie wieder kontaktiert?

    Ja, Giuliani und seine Leute haben dann wieder an meine Anwälte geschrieben. Sie hatten ja vorher schon Kontakt gehabt, Wir hatten ja ursprünglich für die Pressekonferenz im November schon alles vorbereitet gehabt. Da gab es schon Hunderte Mails zwischen meinen Anwälten und dem Giuliani-Team. Sie wollten dann im Februar mit einer Delegation mit Leuten vom amerikanischen Konsulat und von der Presse hier zum Gefängnis kommen. Aber dann kam ich ins Krankenhaus. Und später kam Corona und alles wurde abgesagt.

    - Ihr Auslieferungshaftbefehl kommt vom ukrainischen Staat. Und dort hat jetzt nicht mehr Poroschenko, sondern Selenski das Sagen. Was hat Selenski davon, Sie hinter Gittern zu sehen?

    Der Auslieferungsbefehl ist von 2016. Und ich hatte deswegen 2017 in Deutschland bereits eine Gerichtsverhandlung, in der der Antrag der Ukraine abgelehnt wurde. Das habe ich schriftlich vom Oberlandesgericht Koblenz. Da heißt es, dass es sich in meinem Fall um politische Verfolgung handelt und ich deshalb weder festgenommen, noch ausgeliefert werde. Bei diesem neuen Haftbefehl vom Juli 2019 war interessant, dass dies eine Initiative von Deutschland und nicht von der Ukraine war. Deutschland hat an die Ukraine geschrieben und gefragt, ob sie noch Interesse an Onischenko haben. Das war im Mai 2019, da war Selenski noch nicht Präsident. Und natürlich haben sie geantwortet, dass sie noch Interesse haben. Bemerkenswert ist, dass Poroschenko kurz vorher im April noch einmal bei Merkel zu Besuch war.

    Mein Thema wird dort auf dem Tisch gewesen sein. Und ein paar Wochen später erneuert Deutschland die Anfrage. Das kam also von ganz oben. Und Anfang Juli wurde dann der Haftbefehl ausgestellt. Da war dann Selenski schon Präsident.

    - Warum sollte Selenski da mit machen? Poroschenko ist doch sein Gegner?

    Am Anfang hat er das gesagt. Er hat ja in seinem Programm sogar versprochen, dass Poroschenko ins Gefängnis geht, da er die korrupteste Person der Ukraine sei. Als er dann Präsident war, musste er feststellen, wer die Macht hat in der Ukraine. Selenski und der Staat haben kein Geld. Poroschenko hat viel Geld. Ich schätze, er hat circa 5 Milliarden allein in der Ukraine. Und in der Ukraine kann man für Geld alles kaufen. So laufen zwar gerade 17 Verfahren gegen Poroschenko in der Ukraine, aber es passiert nichts. Er kauft einfach die Leute. Er kann locker eine Milliarde einsetzen für seine politischen Spiele und machen, was er will.

    Und das hat nun wohl auch Selenski eingesehen, dass er ohne Poroschenko und seine Stimmen nicht weiterkommt. Das hat man bei dem Gesetz über die Bodenreform gesehen (das ukrainische Parlament beschloss im April 2020, dass Ausländer ab 2021 Grund und Boden kaufen können in der Ukraine; das war eine Grundforderung des Internationalen Währungsfonds für neue Kredite an das Land, Anm. d. Red.). Da brauchte Selenskis Partei die Stimmen der Partei von Poroschenko und sie haben einen Deal gefunden. Seitdem geht es auch bei den Verfahren gegen Poroschenko nicht weiter.

    - Also meinen Sie, Poroschenko hat immer noch die meiste Macht in der Ukraine?

    Ja, sicher. Das sieht man ja daran, wie sich Selenski inzwischen bei dem Thema "Poroschenko" windet. Im Wahlkampf vor einem Jahr hat er bei seinem Auftritt im Stadion zu Poroschenko gesagt: "Ich werde dein Urteil sein!". Jetzt vor ein paar Wochen, als er auf einer Pressekonferenz gefragt wurde, wieso Poroschenko noch nicht im Gefängnis ist und noch so viel Macht hat, hat er nur rumgedruckst.

    Genauso hat er nun auf meine Mitschnitte der Telefongespräche zwischen Biden und Poroschenko reagiert: ich weiß nicht, das muss erst geprüft werden, damit habe ich nichts zu tun, das ist Sache der Generalstaatsanwaltschaft.

    - Wie schätzen Sie das Machtgefüge in der Ukraine im Moment ein? Wer zieht neben Poroschenko und Selenski noch die Fäden? Was ist mit Timoschenko? Was ist mit den Oligarchen, mit Achmetow, mit Kolomoiski?

    Timoschenko hat wohl nicht mehr so viel Macht, weil sie bei den Wahlen nicht so viele Stimmen bekommen hat. Achmetow und Kolomoiski spielen natürlich eine wichtige Rolle. Der Ministerpräsident der Ukraine Denys Schmyhal ist Achmetows Mann. Er hat früher für Achmetow, in seiner Firma gearbeitet. Und Kolomoiski macht einfach weiter seine Geschäfte. Er ist unglaublich clever. Er konnte schon immer die einen gut gegen die anderen ausspielen. Wir haben auch gut zusammengearbeitet gegen Poroschenko. Und wie er Selenski nach oben gebracht hat, war auch spektakulär. Ein frischer Mann mit einem super Ruf, ein Schauspieler mit einem klasse Film, den alten kannten, in dem er den Präsidenten spielt. Und der Film lief ja bei 1+1, dem Sender von Kolomoiski. Selenski war also bei ihm angestellt. Es war klar, dass die Leute diesen frischen Mann mit gutem Ruf wählen. Hauptsache, gegen Poroschenko.

    Nur leider muss man jetzt nach einem Jahr sagen, dass von seinen drei Wahlversprechen - den Krieg beenden, Poroschenko in den Knast bringen und die Korruption beenden - nicht eins erfühlt ist. Und den Leuten geht es schlechter und schlechter. Darum fällt jetzt sein Rating und ich glaube nicht, dass er die nächsten Wahlen gewinnen würde.

    - Selenski hat den georgischen Ex-Präsidenten Saakaschwili als Berater eingestellt. Was halten Sie davon?

    Das heißt, dass Soros und damit die Demokraten aus den USA wieder ihre Leute in die Regierung bringen. So wie früher.

    - Wenn die Klage gegen Sie in der Ukraine fallengelassen werden sollte, kehren Sie dann in die Ukraine zurück?

    Ja, sicher. Aber besser ist es noch, wenn ich einfach den Prozess gewinne. Der hat ja jetzt bereits in meiner Abwesenheit begonnen. Die Anschuldigungen entsprechen nicht der Wahrheit und das kann ich beweisen. Ich habe alle meine Geschäfte ab 2012, als ich Abgeordneter wurde, ruhen lassen. Das Einzige, was ich neben meiner Abgeordnetentätigkeit gemacht habe, war, Reitturniere zu veranstalten und zu trainieren. Ich habe damals schon viel Zeit in Deutschland verbracht. Wenn man mir also Unterschlagung von 20 Millionen im Jahre 2015 vorwirft, ist das absurd. Und selbst, wenn dem so wäre - 2016 wurden dafür all meine Firmen in der Ukraine vom Staat konfisziert. Das alleine war circa 300 Millionen wert.

    - Falls Sie noch nicht in die Ukraine zurückkehren, was sind Ihre Pläne für den Rest des Jahres?

    Wie gesagt, erst mal wieder meine Gesundheit kräftigen und dann den Prozess in der Ukraine gewinnen. Ich bin ja froh, dass die Verhandlung endlich begonnen hat. Da warte ich schon vier Jahre drauf, um meine Unschuld zu beweisen. Und dann wird die ganze Ukraine sehen, dass dies von Anfang an eine von Poroschenko bestellte politische Verfolgung war.

    - Aber Sie werden nicht persönlich an den Verhandlungen teilnehmen?

    Wenn mir die Staatsanwaltschaft garantiert, dass ich nicht festgenommen werde, dann nehme ich auch gern persönlich teil. Das besprechen meine Anwälte gerade mit dem Generalstaatsanwalt.

    * Die in diesem Artikel vorgebrachten Ansichten müssen nicht denen der Sputnik-Redaktion entsprechen.

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